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Tod im Schmelztiegel: Nach 1871 wurden für die neue Mark millionenfach Münzen geopfert

Das 1871 gegründete deutsche Kaiserreich brachte eine enorme Gold- und Silbermünzenprägung hervor. Möglich wurde sie vor allem durch die Kontributionen, die das im Krieg von 1870/71 unterlegene Frankreich entrichten musste, aber auch weil unzählige alte Geldstücke dem Schmelztiegel überantwortet wurden. Das Verfahren wurde schon in der Antike praktiziert. Es müssen riesige Mengen an Athener Eulenmünzen oder römischen Denaren und Aurei gewesen sein, die nach längerer Umlaufzeit im Schmelztiegel verflüssigt wurden. Die riesige Beute, die Alexander dem Großen um 330 vor Christus bei der Eroberung des persischen Reiches zufiel, ermöglichte es ihm, seine Feldzüge bis nach Indien zu führen und seine Herrschaft zu festigen. Historiker beziffern den Umfang der Beute auf 180 000 Talente, wobei das Gewicht eines Talents mit etwa 26 Kilogramm angegeben wird.


In dramatischer Form schildert die Grafik von Emil Döpler aus dem Hohenzollern-Jahrbuch von 1896, wie unter den preußischen Königen Friedrich II. und Friedrich Wilhelm III. Tafelsilber zur Bezahlung der Schlesischen Kriege Mitte des 18. Jahrhunderts und der Kontributionen an Frankreich zu Beginn des 19. Jahrhunderts eingeschmolzen wurden.


Für die Freilassung des englischen Königs Richard Löwenherz, der 1193 auf dem Rückweg vom dritten Kreuzzug wegen eines Streits mit Herzog Leopold V. von Österreich gefangen genommen und an Kaiser Heinrich VI. ausgeliefert wurde, musste die enorme Summe von 100.000 Mark Silber aufgebracht werden, die Mark, wenn es die kölnische war, mit 234 Gramm berechnet. Das war nur möglich durch den Verkauf von Besitztümern und eine Sondersteuer der Untertanen. Was dem Kaiser zufiel, hat er in die Eroberung von Sizilien investiert, doch sein Plan, das deutsche Königtum seiner Familie zu sichern, ging nicht in Erfüllung.


Zur Bestreitung von französischen Geldforderungen beziehungsweise Ausrüstung von Freiwilligen im Krieg gegen das napoleonischen Frankreich hat man in Mainz 1794 und Mecklenburg-Schwerin 1813 aus eingesammeltem Silber neue Taler und Gulden hergestellt.


Dukatenberge für Kriege und Kaiserwahlen


Wenn wir weiter in die Geschichte blicken, sehen wir, dass ungeheure Bestände an Gold- und Silbermünzen sowie Barren und Gegenstände aus Edelmetall bei Königs- und Kaiserwahlen, aber zur Bezahlung von Kriegen, Bauwerken, Festen und höfischem Luxusleben dienten. Denken wir nur an die Berge von Dukaten, die der römisch-deutsche Kaiser Karl V. 1519 für seine Wahl an die Kurfürsten einsetzte, oder an die Riesensummen, die dem sächsischen Kurfürsten Friedrich August I., genannt August der Starke, 1697 die polnische Königskrone eintrugen. Preußens König Friedrich II., der Große, finanzierte seine Kriege um die zu Österreich gehörenden schlesischen Herzogtümer zum großen Teil durch Münzverschlechterung, aber auch durch Einschmelzen von Tafelsilber und anderen Gegenständen aus Edelmetall. Die im preußisch besetzten Sachsen geschlagenen Ephraimiten bestanden aus schlechtem, mit Kupfer gestrecktem Silber und wurden nach dem Siebenjährigen Krieg (1756-1763) massenhaft eingezogen und eingeschmolzen. Um den sächsischen Staatsfinanzen auf die Beine zu helfen, wurden im Grünen Gewölbe des Dresdner Schlosses aufgestellte Krüge, Terrinen und Teller aus schwerem Silber eingeschmolzen. Größere Münzbestände, silberne Kirchengeräte und andere Gegenstände wurden während der französischen Revolutionskriege nach 1789 in den Schmelztiegel geworfen, um aus ihnen die so genannten Kontributionstaler zu gewinnen.



Der Reichsbank in Berlin wurden nach der deutschen Einigung von 1871 Goldmünzen in großen Mengen zugeführt. Die Königliche Münze zu Berlin und die anderen deutschen Prägeanstalten haben sie eingeschmolzen und in Reichsgoldmünzen verwandelt. Woraus das Metall der Reichsmünzen - hier mit den Köpfen der Kaiser Wilhelm I., Friedrich III. und Wilhelm II. – besteht, lässt sich schwer sagen.


Reparationszahlungen aus Frankreich


Blicken wir in die Zeit, als sich nach dem Krieg von 1870/71 das Deutsche Reich etablierte. Geprägt wurde die in Mark und Pfennig ausgedrückte neue Gemeinschaftswährung anfangs in neun, ab 1882 in sechs Münzanstalten. Das Münzgesetz vom 4. Dezember 1871 legte fest, dass die Mark in hundert Pfennige aufgeteilt wird. Der bisherige Vereinstaler wurde mit 1/3 Mark berechnet. Für die Prägung der neuen Zwanzig-, Zehn- und zeitweise auch Fünf-Mark-Stücke aus Gold hat man die Reparationszahlungen in Höhe von fünf Milliarden Francs genutzt, die die unterlegene Französische Republik an das Deutsche Reich zahlen musste. Sie setzten sich aus Warenlieferungen sowie aus Bargeld, Goldbarren und Wechseln zusammen und kurbelten die deutsche Wirtschaft gewaltig an. Unbekannt ist, welche Mengen an Goldmünzen mit dem Bildnis französischer Kaiser und Könige beziehungsweise mit Symbolen der Republik in den Schmelztiegel geworfen wurden.



Das Foto aus der Kaiserzeit zeigt, wie in der Königlichen Münze zu Berlin geschmolzenes Metall in eiserne Behälter gegossen wird.


Laut deutschem Münzgesetz konnten Privatleute eigene Goldbestände in Geldfabriken des Reiches in klingende Münze zu verwandeln. Diese gegen einen kleinen Obolus ausgeführten Aufträge hatten einen erheblichen Umfang. Man hat ausgerechnet, dass bis 1913, also bis fast zum Beginn des Ersten Weltkriegs, von fast 223 Millionen Zwanzig-Mark-Stücken mehr als 176 Millionen und von über 77 Millionen Zehn-Mark-Stücken  über 40 Millionen auf Privataufträge zurück gehen. Mit anderen Worten bestehen die meisten Goldmünzen der Kaiserzeit aus Einsendungen aus der Bevölkerung, Das bedeutet, dass das Deutsche Reich wohl keinen Goldstandard besessen hätte, hätte es diese Quellen nicht gegeben.

Französische Goldmünzen wie diese aus der Zeit Kaiser Napoleons III. wurde in großen Mengen als Reparationsleistungen an das im Krieg von 1870/71 siegreiche Deutsche Reich abgegeben und eingeschmolzen.


Aufruf an patriotische Gefühle


Es müssen gewaltige Mengen gewesen sein, die aufgrund des Artikels 11 des deutschen Münzgesetzes vom 4. Dezember 1871 beziehungsweise des Artikels 8 vom 9. Juli 1873 außer Kurs gesetzt und eingezogen wurden. Dem Buch von Herbert Rittmann „Deutsche Geldgeschichte 1484-1914“ aus dem Battenberg Verlag München 1975, S. 778 ff. ist zu entnehmen, dass rund 4,48 Millionen preußische Friedrich d'ors und sächsische August d'ors, 308 000 württembergische Dukaten und weitere Goldmünzen im Wert von über 80 Millionen Mark angekauft und als Rohstoff zur Prägung neuer Goldmünzen verwendet wurden. Ferner nennt Rittmann über 441 000 Goldkronen, Pistolen und Dukaten, die den Weg alles Irdischen gingen. Die Zahlen beziehen sich auf das Buch des Wirtschaftswissenschaftlers Karl Helfferich „Das Geld“ (Leipzig 1903). Schaut man in Preislisten und Auktionskataloge der damaligen Zeit, dann kosteten viele Goldmünzen des 18. und 19. Jahrhunderts etwas mehr als den Materialwert. Das müssen für Sammler „goldene Zeiten“ im wahrsten Sinne des Wortes gewesen sein!



Im Ersten Weltkrieg hat man die Auflagenzahlen von Gedenkmünzen wegen der Silberknappheit drastisch gesenkt. In Katalogen werden bei Friedrich dem Weisen 1917 und Goldene Bayernhochzeit mit 100 beziehungsweise 130 angegeben.


Mit Beginn des Ersten Weltkriegs am 1. August 1914 wurde im Deutschen Reich die Pflicht der Banken aufgehoben, Banknoten in Goldmünzen umzutauschen, Die Bevölkerung wurde aufgerufen, Gold- und Silbermünzen und andere Wertgegenstände aus Edelmetall zur Kriegsfinanzierung abzuliefern. Dem Appell an patriotische Gefühle folgten viele Menschen. Ob sich die Sammelstellen die Mühe gemacht haben, die Geldstücke auf ihre numismatische Bedeutung zu untersuchen und diejenigen auszusortieren, die über das bloße Gewicht hinaus historischen Wert besitzen, steht wie bei früheren Aktionen dieser Art in den Sternen.


Silberlieferungen an Türkei und Persien


Unverkennbar groß war während des Ersten Weltkriegs in dem weitgehend von ausländischen Lieferungen abgeschnittenen Deutschen Reich die Not an Edelmetallen. Außer für die Münzprägung und Schmuckherstellung wurde Silber in beträchtlichen Mengen für Kriegsverpflichtungen und andere Zahlungen im Ausland benötigt. „Für die Türkei haben bis jetzt 20.000 kg Feinsilber, für die Kämpfe in Persien 70.380 kg Feinsilber bereitgestellt werden müssen, da in diesen Kriegsgebieten papierne Geldzeichen entweder überhaupt nicht oder nur mit einem starken Disaigio (Wertabschlag, H. C.) genommen werden. Auch für die Besoldung der eigenen Beamten der gesandtschaftlichen Vertretungen und konsularischen Missionen in der Türkei [die an der Seite des Deutschen Reichs kämpfte, H. C.] war Silber verfügbar zu machen“, wurde amtlich festgestellt. Für die Türkei stünden weitere hohe Ansprüche von Hartgeld bevor, das zum wesentlichen Teil in Silber zu beschaffen sei.


Nicht nur die Finanzverwaltung legte ihre Hand auf das begehrte Silber, auch die Kriegswirtschaft benötigte davon große Mengen. In diesem Zusammenhang wurden Gasmasken sowie pharmazeutische und photographische Zwecke erwähnt, „die namentlich für die Luftschifffahrt von der größten Bedeutung sind. Auch bei der Herstellung der Eisernen Kreuze wurde wegen der Umrandung viel Silber verwendet, so dass an Alternativen gedacht wurde. Auf die Silber- und Schmuckindustrie musste ebenfalls Rücksicht genommen werden, weil deren Erzeugnisse im Ausland zu hohen Preisen abgesetzt werden konnten, und man keine Entlassungen vornehmen wollte.


Text und Fotos: Helmut Caspar

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