Gold gab ich für Eisen (1917): Berliner Münzkabinett musste Kostbarkeiten zum Einschmelzen abgeben
- Helmut Caspar

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Die Kurfürsten von Brandenburg und Könige von Preußen haben das Berliner Münzkabinett durch großzügige Ankäufe gefördert. Seine Ursprünge gehen in das frühe 17. Jahrhundert zurück. Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm besaß bereits knapp 5.000 meist antike Münzen, ließ weitere im Ausland ankaufen und verzeichnete mit der ererbten Münzsammlung des Kurfürsten von der Pfalz einen bedeutenden Zuwachs. Sein Sohn Friedrich III., der sich 1701 zum König Friedrich I. in Preußen krönte, baute die Sammlung aus und veranlasste ihre Veröffentlichung im „Thesaurus Brandenburgicus“ durch Lorenz Beger, der mit dem Pfälzer Bestand nach Berlin gekommen war. 1830 wurde das durch Friedrich den Großen und weitere Monarchen durch Ankauf ganzer Sammlungen und Zuweisung einzelner Stücke dem Antiquarium der neu gegründeten Königlichen Museen zugewiesen. Am 1. Oktober 1868 erhielt das Münzkabinett den Rang eines selbstständigen Museums.

Aus einer im Berliner Schloss untergebrachten fürstlichen Kunstkammer sowie Sammlung von Münzen und Antiquitäten entwickelte sich in 200 Jahren eines der weltgrößten Münzkabinette, das seit 1905 im Kaiser-Friedrich-Museum, dem heutigen Bode-Museum auf der Museumsinsel eingerichtet wurde.
Im Laufe seiner langen Geschichte erlitt das Münzkabinett manche Verluste durch Diebstahl sowie durch den Zwang, goldene Prägungen zur Schuldentilgung einzuschmelzen und in kurantes Geld zu verwandeln. König Friedrich II. wies die Münzdirektion an, alte, nicht mehr gebrauchte Medaillen einzuschmelzen, um Material für neue Münzen und Medaillen zu gewinnen. Zwar wissen wir nicht, was den Tod im Tiegel erlitt und ob darunter auch Stücke aus dem Münzkabinett waren. Aber wir erfahren, dass die erste Garde der preußischen Künstlerschaft, nämlich der Architekt Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff und der Hofmaler Antoine Pesne, mit der Anfertigung von Entwürfen für Medaillen zur Verherrlichung des Königs beauftragt wurden. „Naechstens aber sollet Ihr veranstalten, dass von solchen [alten einzuschmelzenden Medaillen, H. C.] vor ungefehr 2000 Thl. [Taler, H. C.] Wert andere Medaillen, jede zu 20, 30 bis 50 Ducaten mit Meiner Büste gepräget werden, davon der Revers von einem notablen Evenement Meiner Regierung als etwa der Breslauische Friede, sein muss; das Dessein oder die Invention davon soll der Surintendant v. Knobelsdorff machen und der Hofmaler Pesne zeichnen.“

Nicht bekannt ist, an welchen Stücken, ja an welchen Unikaten 1917/18 die Gefahr des Einschmelzens vorbei gegangen ist. Den Verlust hätte das Berliner Münzkabinett kaum kompensieren können. In ihrer Ausstellung im Bode-Museum zeigt das Münzkabinett brandenburgische und preußische Goldmünzen, die am Ende des Ersten Weltkriegs dem Tod im Tiegel entkamen.

Ernste Gefahr drohte dem Berliner Münzkabinett im Ersten Weltkrieg (1914-1918), als es hieß „Gold gab ich für Eisen“. 1917, im vierten Jahr dieses bis dahin schrecklichsten aller Kriege, mussten Mitarbeiter deren antike, mittelalterliche und neuzeitliche Goldmünzen aussortieren und der Reichsbank zum Einschmelzen zur Verfügung stellen. Das Kabinett war nicht die einzige Sammlung, an die solche Weisungen ergingen. Wie Bernd Kluge, der Direktor des Berliner Münzkabinetts, in eine Darstellung der Sammlungsgeschichte bemerkte, stellten Julius Menadier, einer seiner Vorgänger, und der Generaldirektor der Königlichen Museen, Wilhelm von Bode, die Unsinnigkeit dieser Maßnahme dar. Sie erreichten aber nur, dass die antiken Goldmünzen verschont wurden. Am Ende wurden 6.543 mittelalterliche und neuzeitliche Gepräge im Gewicht von 49 Kilogramm und einem Wert von 127.406,76 Mark entnommen und der Reichsbank zugestellt.
Zum Glück erlitten diese Goldmünzen nicht den Tod im Tiegel. Angesichts ihres wissenschaftlichen und kunsthistorischen Werts und des großen Schadens, den das Kabinett erleiden würde, wenn es diesen Bestand verlieren würde, hatte die Behörde, für die eine Goldmünze so gut wie eine andere war, ein Einsehen. So konnte Menadier die versiegelten Kisten am 7. Dezember 1918, einen Monat nach dem Sturz der Monarchie, wieder in Empfang nehmen und zahlte jenen Goldpreis an die Reichsbank zurück. Nicht auszudenken, wenn die einzigartigen Museumsstücke wie ordinäre Zehn- und Zwanzig-Mark-Münzen eingeschmolzen worden wären! Da man in der Reichsbank erkannt hatte, dass sich unter den von der Bevölkerung und Sammlungen aller Art eingelieferten Münzen manche numismatische Kostbarkeiten befinden, hat man nach ihnen Ausschau gehalten. Die mit vielen Raritäten bestückte Münz- und Medaillensammlung der Deutschen Bundesbank in Frankfurt am Main führt ihre Anfänge auf die kriegsbedingte Sammeltätigkeit zurück.

Wer wollte, konnte die patriotischen Medaillen aus Eisen von 1916 als Beweis für seine Spendenfreude auch an einer Kette oder Schnur um den Hals tragen.
Das tödliche Attentat serbischer Nationalisten am 28. Juli 1914 auf den habsburgischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin Sophie in Sarajewo hatte sich binnen weniger Tage zum Ersten Weltkrieg ausgeweitet. Während auf der einen Seite die Produktion von Goldmünzen zurückging und die Stücke mit den Jahreszahlen 1914 und 1915 nicht mehr zur Ausgabe gelangten, wurde die Bevölkerung in der Presse aufgefordert, ihre goldenen Zwanzig-, Zehn- und Fünf-Mark-Stücke zum Nennwert gegen Papiergeld einzuwechseln. Mit Blick auf einen bewaffneten Konflikt hatte das Deutsche Reich bereits im Juli 1914 Gold für über hundert Millionen Mark eingezogen und es durch Papiergeld ersetzt. Zur Belohnung für die Ablieferung bekam man Eisenmedaillen mit der Aufschrift „Gold gab ich zur Wehr / Eisen nahm ich zur Ehr“ und konnte sich auch eiserne Ringe an den Finger stecken. Außer den Goldmünzen wurden nach und nach Silbermünzen eingezogen und durch Papiergeld ersetzt. Trotz alledem wurden 1917 und 1918 noch silberne Gedenkmünzen ausgegeben, wenn auch nur noch in geringen Stückzahlen.
Silber wurde nach und nach zu einem teuren Material und verlor seine Bedeutung als Münzmaterial. Sein Preis stieg von 75 bis 80 Mark pro Kilogramm zu Kriegsbeginn auf 175 Mark und mehr Mitte 1917 an. Das alles hatte zur Folge, dass unzählige Silbermünzen zum Zwecke der Silbergewinnung eingeschmolzen wurden. „Jedes Kilogramm Feinsilber ist heute wichtig. Außerdem würde der Zweck der Denkmünzprägung bei einer so geringen Prägemenge völlig verfehlt“, erklärte die Finanzverwaltung mit Blick auf die Ausgabe „Friedrich der Weise“ von 1917 zur Vierhundertjahrfeier der von Martin Luther ausgelösten Reformation. Es sei nicht abzusehen ist, „wann auf dem Silbermarkt einigermaßen normale Verhältnisse wiederkehren werden. Es ist im Gegenteil damit zu rechnen, dass wir uns längere Zeit nach dem Kriege den Luxus von Denkmünzen nicht gestatten werden können“. Das konnten nur Beamte schreiben, die von Geschichte, Kunst und Kultur nichts verstanden und nur auf Zahlen und Bilanzen blickten. 1925 legte die Weimarer Republik sehr erfolgreich ihre Gedenkmünzenserie auf, die 1932 mit der Ausgabe zum 100. Todestag von Goethe und der Errichtung der NS-Diktatur am 30. Januar 1933 schmerzvoll endete.
Text und Fotos: Helmut Caspar




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