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Stahl- und Walzwerk Hettstedt: Statt DDR–Münzen einzuschmelzen, wurden sie gestohlen

Dass Münzen bei Währungsumstellungen und Geldreformen eingezogen und eingeschmolzen werden, um das Metall für neue Ausgaben oder für andere Zwecke zu nutzen, hat es zu allen Zeiten gegeben. Nach dem Ende der DDR und ihrer Währung 1990 kamen tonnenweise Aluminiummünzen zwischen einem Pfennig und zwei Mark in den Schmelztiegel und erlebten ein zweites Leben als Autofelgen, Bierdosen und andere Erzeugnisse. Höherwertige Kurs- und Gedenkmünzen gelangten in den Münzhandel und in die Hände von Sammlern, die vierstellige DM-Beträge zahlten, um ihren DDR-Satz komplett zu bekommen. Die Preise sind gefallen, nur bei Münzproben, von denen es bei den DDR-Nominalen nicht wenige gab, sind nach wie vor hoch. Jahre nach dem Ende der DDR wurde bekannt, dass riesige in ein Bergwerk eingelagerte Papiergeldmengen von „Schatzsuchern“ entdeckt und geraubt wurden. Sie taten sich damit kein Gefallen, denn die Scheine befanden sich in schlechtem Zustand, und weder der Handel noch Sammler konnten sich für sie begeistern.


Blick in die Leichtmetallgießerei des Stahl- und Walzwerkes Hettstedt. Das Stahl- und Walzwerk gehörte zum VEB Mansfeld Kombinat Wilhelm Pieck.


Massenhafte Einschmelzungen ausrangierter oder liegen gebliebener DDR-Münzen fanden nicht im VEB Münze der DDR am Molkenmarkt in Ost-Berlin statt, sondern im VEB Walzwerk Hettstedt. Da ging es 1980 ausgesprochen kriminell zu. Etwa 13.790 Tonnen ausrangierter Münzen im Wert von 12.240.000 Mark, die in 2.808 verplombten Beuteln angeliefert worden waren, sollten vernichtet werden. Insgesamt wurden 20 Mark mit gemischten Motiven vernichtet, darunter 69.500 Stück zu 20 Mark mit dem Porträt von Wilhelm Pieck, 362.500 Stück zum gleichen Wert mit dem Porträt von Ernst Thälmann. Diese Geldstücke waren in versiegelten Beuteln zu je 5.000 Mark angeliefert worden. Dass in der DDR Münzen mit Bildnissen einiger wie Halbgötter verehrter Arbeiterführer und Politiker sang- und klanglos verflüssigt wurden, war ein unerhörter Vorgang, über den nicht gesprochen wurde.


Das zur Vernichtung bestimmte Geld weckte Begehrlichkeiten. Jedes Zwanzig-Mark-Stück besaß eine hohe Kaufkraft. Dafür konnte man sich 25 Brote, ein Stück mit 78 Pfennigen berechnet, oder 400 Brötchen zu fünf Pfennig kaufen. Etliche Biere, Schnäpse und ein ordentliches Abendbrot waren ebenso für 20 Mark zu haben. Zu beachten ist, dass Lebensmittelpreise, Mieten, Dienstleistungen und manch anderes vom Staat subventioniert wurden.


Die 1990 durch die Umstellung von DDR-Mark auf Deutsche Mark wertlos gewordenen Münzen zwischen einem Pfennig und zwei Mark bekamen nach 1990 ein neues Leben als Autofelgen und Bierdosen.


Während der Schmelze waren Mitarbeiter der DDR-Staatsbank anwesend, die aber nicht die ganze Zeit zuschauten. Nach dem geflügelten Wort „Gelegenheit macht Diebe“ nutzten einige Arbeiter unbewachte Augenblicke, um sich eine größere Zahl der zu Verflüssigung bestimmten Münzen anzueignen. Wie aus einem Schreiben eines Generalleutnants der Hauptabteilung Kriminalpolizei des Ministeriums des Inneren an den Präsidenten der Staatsbank der DDR vom 12. August 1980 hervorgeht, kam es zur „Entwendung von Zahlungsmitteln der DDR im Rahmen der Vernichtung“, weshalb um Maßnahmen gebeten wurde, so etwas künftig auszuschließen. Dieser Vorgang wurde später von Peter Reißig in „Money trend“ (Heft 6/206 S. 10–11) publiziert.


Anscheinend hatten sich die in die Tiegel geworfenen Münzen nicht gleich verflüssigt, so dass Arbeiter eine stattliche Anzahl mit langen Gießlöffeln wieder herausfischen konnten. Soweit die Geldstücke unbeschädigt waren, haben die Diebe mit ihnen, dumm wie sie waren, in nächstgelegenen Läden und Kneipen denn auch bezahlt. Mit Zwanzig-Mark-Stücken in größeren Mengen zu zahlen, war auch in der DDR nicht üblich – und das musste auffallen.


Für die hier gezeigte Summe von 72 Mark konnte man in der DDR eine Wohnungsmiete zahlen oder einen Mantel, zwei Paar Schuhe oder einen Fotoapparat mittlerer Qualität kaufen. Für einen Farbfernseher musste man allerdings etwa 4.000 DDR-Mark hinblättern. Ein Auto der Marke Trabant kostete um 9.000 Mark. Doch betrug die Wartezeit bis 15 Jahre! Die Löhne und Renten der meisten DDR-Bewohner sehr niedrig, man musste lange sparen.


In einem Vermerk der Polizei wurde betont, dass die Staatsbank außerordentlich an der Aufklärung der Vorfälle interessiert war, denn die Abwesenheit von Aufsichtspersonal habe dem Diebstahl Vorschub geleistet. Da verdächtig viele Münzen in den Umlauf gelangten, wurde die Kriminalpolizei aktiv. Gegen dreizehn Beschuldigte wurden Ermittlungsverfahren wegen Diebstahls von Zahlungsmitteln der DDR eingeleitet, gegen einen Gießer sogar Haftbefehl erlassen. „Nach bisherigen Feststellungen sind Münzen im Wert von ca. 15 TM [15.000 Mark, H. C.] entwendet worden. Münzen im Wert von 6.230 Mark konnten beschlagnahmt werden“, heißt es in einem Bericht.


Große Mengen von diesen Umlaufmünzen wurden im VEB Walzwerk Hettstedt eingeschmolzen. Vor und während des Vorganges haben sich „Langfinger“ bedient.


Was aus den Münzdieben von Hettstedt wurde, müsste noch geklärt werden, und auch das Schicksal der sichergestellten Stücke ist nicht bekannt. Der peinliche, ja geradezu filmreife Vorgang kam nicht an die Öffentlichkeit, denn er warf ein wenig positives Licht auf die Verhältnisse im Stahl- und Walzwerk Hettstedt sowie die nachlässige Dienstauffassung der Aufpasser von der Staatsbank und – ganz schlimm – das mangelhafte „sozialistische Bewusstsein“ geldgieriger Mitarbeiter. Über Gerichtsurteile wurde nichts bekannt, ebenso wenig, wie es den Tätern später ergangen ist.


Zur Abrundung dieses Beitrags sei gesagt, dass viele Preise in der DDR gegen den Rat von Ökonomen und alle wirtschaftliche Vernunft von Honecker & Co. eisern und unverändert festgelegt wurden.

Offenbar wollte es sich die Partei- und Staatsführung, stets einen neuen Volksaufstand wie den vom 17. Juni 1953 vor Augen, mit der Bevölkerung nicht verderben. Sie hielt die Preise für Grundnahrungsmittel, aber auch für Mieten, Kleidung und Bücher künstlich niedrig. Das hatte fatale Folgen, etwa wenn man sich die vernachlässigten Altbauten in den Städten und die Verschwendung von Brot à 78 Pfennigen und anderen Lebensmitteln als Schweinefutter vor Augen hält. Für Bücher waren niedrige Verkaufspreise zwar festgeschrieben, aber man bekam nicht immer das, was man lesen wollte. Was man lesen sollte, war wenig attraktiv. Also wurde im „Leseland DDR“, wie es in der Eigenwerbung hieß, geistige Konterbande „hintenherum“ und unterm Ladentisch gehandelt.


Text und Fotos: Helmut Caspar

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