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Vergabepraxis in der DDR: „Beziehungen“ beim Erwerb von Gedenkmünzen

Als die DDR 1966 ihre ersten Gedenkmünzen aus Silber zu 10 Mark (Schinkel) und 20 Mark (Leibniz) ausgab, herrschte unter Sammlern große Aufregung. Die Älteren unter uns erinnern sich noch, welches Gerangel es um die Novitäten gab. Wer einer Kulturbundgruppe angehörte und immer hübsch die Versammlungen besuchte, Vorträge hielt und Ausstellungen gestaltete beziehungsweise bewachte, konnte einen vorderen Platz auf der Warteliste erhalten. Wer dann die bis zum Ende der DDR im Jahr 1990 geprägten Gedenkmünzen ergattern konnte, hatte einen schönen Schatz beisammen, der damals  viel Geld kostete, im Laufe der Zeit aber im Wert wieder sank.



Was bis 1990 im VEB Münze der DDR am Molkenmarkt in Berlin (Foto oben, rechts) geschah, kam erst nach dem Ende der DDR langsam ans Tageslicht. Unten ein Blick in die Stanze in den 1960er Jahren.



Wer Dank verwandtschaftlicher oder sonstiger „Beziehungen“ mehrere von den Gedenkmünzen besaß, konnte sie als Tauschmaterial nutzen oder verkaufen, denn der Bedarf war groß. Natürlich war es auch möglich, DDR-Münzen gegen bundesdeutsche Gedenkmünzen einzutauschen, von denen 1966 bereits sechs Ausgaben existierten, oder auf andere Art seine Sammlung ausbauen. Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass DDR-Bewohner alle Probleme umgehen konnten, wenn sie im Besitz von Westgeld, sprich D-Mark, waren, um die Gedenkmünzen des eigenen Landes im Intershop zu kaufen - natürlich zu deutlich überhöhten Preisen.



Bei den Ausgaben mit Leibniz, Schinkel, den Gebrüdern Grimm, Goethe und vielen anderen Gedenkmünzen gab es erhebliche Einschmelzungen, die sie selten machen.


Die Abgabe der DDR-Gedenkmünzen über die Kulturbundgruppen erfolgte zum Nominalwert. Zuzüglich mussten je eine Mark für das Etui und als Verwaltungsgebühr bezahlt werden. Das hört sich gut an, aber die Vergabepraxis erzeugte viel böses Blut. Rudolf Reimann ist in dem Katalog „GeldKunst KunstGeld – Deutsche Gedenkmünzen seit 1949. Gestaltung und Gestalter“ (Osnabrück 2005) ausführlich auf dieses trübe Kapitel der numismatischen DDR-Geschichte eingegangen. Ausgewählte Staats- und Parteifunktionäre seien bevorzugt versorgt worden, und mit Sicherheit könne angenommen werden, dass sie den Wert der Gedenkmünzen kannten.



Die frühen DDR-Münzen mit den Signaturen der Maler Albrecht Dürer und Lucas Cranach von 1971 und 1972 waren damals kaum zu haben.


Verkäufe nach der politischen „Wende“ von 1989/90 würden belegen, „dass die Münzen als Geldanlage erkannt und benutzt wurden“, schreibt Reimann und schildert am Beispiel der Kulturbundgruppen, wie die Verteilung reglementiert wurde und welche Anstrengungen unternommen werden mussten, um an die Gedenkmünzen des eigenen Landes heranzukommen. Hin und wieder wurden sie zur Auszeichnung an „Aktivisten der sozialistischen Arbeit“ vergeben und gelangten manchmal über Umwege in Sammlerhände. Mit Probeprägungen und Sonderanfertigungen hat die DDR manche harte D-Mark erwirtschaftet. Wie bei Briefmarken gab es auch bei den Gedenkmünzen in geringer Auflage geprägte Sonderausgaben, die erst die Serie komplett machten.




Musiker-Münzen und andere Ausgaben waren im Intershop für D-Mark zu haben, doch nicht alle Sammler besaßen diese „Zweitwährung“.


Da die Mitgliedschaft im Kulturbund Voraussetzung war, um beim Rennen um die Gedenkmünzen eine Chance zu bekommen, traten auch Familienmitglieder und Freunde, die mit Münzen nichts zu tun hatten, in den Verband ein und machten pro forma in den Sammlergruppen mit. Dort waren Kungeleien und Schiebereien und wie man „hinten herum“ die begehrten Stücke erlangte, ein beliebtes Gesprächsthema. Nach der Wiedervereinigung schrumpften die in Vereine umgewandelten Fachgruppen auf 40 bis 50 Mitglieder zusammen. Von ihnen sind viele auch heute aktiv.


Zur Erinnerung sei gesagt, dass die numismatische Laienarbeit erfolgreich auf regionaler Ebene in Fachgruppen des Kulturbundes erfolgte. Übergeordnet waren die Bezirksfachausschüsse, und über allem thronte mit hauptamtlichen Mitarbeitern der Zentrale Fachausschuss Numismatik mit Sitz in der Hessischen Straße in Berlin-Mitte. Hier wurde die Verteilung der Gedenkmünzen auf die 15 DDR-Bezirke vorgenommen. In einem von Rudolf Reimann zitierten Papier aus dem Jahr 1982 wird berichtet, dass 5.800 Exemplare wohl jeder neuen Ausgabe an die Bezirksorganisationen des Kulturbundes gingen und 200 zur „zentralen Verwendung“ in der Hessischen Straße verblieben.



Nach dem Ende der DDR im Münzhandel angebotenen Goldmedaillen dienten als Geschenke an hohe Parteifunktionäre und Staatsgäste und waren für normale DDR-Bewohner unerreichbar. Das gilt auch für den Goldabschlag des Zehn-Mark-Stücks von 1985 zum 40. Jahrestag der Befreiung vom Hitlerfaschismus (Auflage 266 Exemplare), der an Prominente vergeben wurde und auch heute hoch gehandelt wird.


Viele Emissionen der Staatsbank seien überhaupt nicht dem Kulturbund zur Verteilung übergeben worden, schreibt Reimann weiter. „Polierte Platten, Proben und Teile der 5-Mark-Auflagen in Neusilber wurden ebenso den inländischen Sammlern vorenthalten wie Thematische Sätze, Kursmünzensätze in Polierter Platte und andere Sonderausgaben.“ Von jenen 5.800 dem Kulturbund zur Verfügung gestellten Münzen wurden noch 350 Stück an Kulturbundfunktionäre zu deren Verwendung abgezogen. Daraus kann man folgern, dass die erbärmlich geringen Zuteilungen auf das „numismatische Fußvolk“, wie es damals sarkastisch hieß, weiter gekürzt wurden. Doch wer an der richtigen Stelle saß, konnte sich gut bedienen.


Die Münzfreunde mögen sich durch reichlich zu Ausstellungen und Jubiläen ausgegebene Medaillen aus Kupfer und Silber getröstet haben. Eine große Zahl wurde mit viel Fantasie und Kunstfertigkeit von dem in Zella-Mehlis tätigen Künstler Helmut König geschaffen und sind auch heute preiswert zu haben. Das numismatische Leben in der DDR spiegelt sich auch in zahlreichen Publikationen wieder. Dort konnten vor allem Laienforscher ihre Erkenntnisse darlegen, und wenn woanders an Papier gespart wurde, fanden sich immer Wege, durch gut gedruckte und gestaltete numismatische Hefte und andere Broschüren das Wissen der Münzsammler und Heimatforscher zu erweitern.


Text und Fotos, teils unter Verwendung von Numista-Vorlagen: Caspar

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