Sonderausstellung zur Währungsunion im DDR-Museum: „Endlich Westgeld!"
- Dietmar Kreutzer

- vor 54 Minuten
- 4 Min. Lesezeit
Mein zweiter Besuch im DDR-Museum am Berliner Dom war voller Überraschungen. Der erste lag Jahre zurück. Diesmal war alles anders: Jugendliche saßen im Kinosaal, wuselten durch die verwinkelten Gänge. Ganze Schulklassen besuchten das Museum, schlenderten durch eine Konsum-Verkaufsstelle, wollten in einem PKW Trabant sitzen, das Kinderzimmer einer DDR-typisch eingerichtete Plattenbau-Wohnung besichtigen. Sogar eine Abteilung über die Nacktkultur in der DDR gab es zu bestaunen! Die Ausstellung ist wesentlich größer als früher, hat viele separate Erlebnisflächen. Sie wirkt hell, modern, teilweise sogar peppig. An vielen Stationen lässt sich etwas ausprobieren. In den Stellwänden gibt es beispielsweise Fächer, hinter denen kuriose DDR-Produkte warten. Auf den Monitoren wechseln Standbilder, etwa zur Ökonomie des Mangels, mit bunten Filmausschnitten. Hinter den Fenstern einer komplett rekonstruierten Plattenbauwohnung läuft sogar ein Film in Endlos-Schleife, der das eintönige Leben auf den Straßen der randstädtischen Schlafstadt Marzahn vermittelt.

Monitor mit wechselnden Standbildern zum abgeschafften DDR-Geld

Trubel im Foyer des DDR-Museums

Blick aus dem Wonzimmerfenster einer DDR-Plattenbauwohnung
Die Sonderausstellung, die noch bis 22. März 2026, gezeigt wird, hob ich mir für den Schluss meines Besuches auf. Zunächst strebte ich zu einer Stellwand mit Themenblöcken zur Wirtschaft. In witzigen, prägnanten Texten wie den folgenden wird dort die DDR-Volkswirtschaft erklärt:
Falscher Plan
Die Ökonomen in der DDR waren dazu verdonnert, Hexenmeister zu spielen. Wie Alchimisten an mittelalterlichen Fürstenhöfen experimentierten sie in ihren Kellern, um minderwertiges Metall in Gold zu verwandeln. Manchem schwante wohl, dass all die Mühen vergeblich sein könnten, weil die Grundannahme falsch war. Doch davon wollten die sozialistischen Fürsten wie ihre feudalen Vorgänger nichts hören. So wurden immer neue Mixturen probiert. Doch der Stein der Weisen, die geforderte Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik, ließ sich nicht finden.
Mit Ach und Krach
Die DDR-Wirtschaft, so witzelten einige, sei wie eine alte Dampflokomotive. Dummerweise werden 90% des Dampfes zum Tuten verbraucht. Die Offiziellen tuteten zeitweise freilich mit Recht. Denn die DDR gehörte zu den führenden Wirtschaftsmächten. Chemie und Schwerindustrie genossen international einen guten Ruf. Eine echte Wachstumsbranche war der Straßenfahrzeug- und Traktorenbau. Weil zu wenig investiert wurde, war der Erfolg jedoch nicht von Dauer. Die technische Ausstattung der Betriebe wurde zunehmend schlechter. Verschlissene Maschinen wurden nicht ersetzt, sondern durch Flickschusterei am Laufen gehalten. Am Ende betrug das Durchschnittsalter der Anlagen im Trabant-Karosseriebau 25 Jahre. Effizient produziert wurde nur noch heiße Luft.
Alles muss raus!
Die DDR befand sich in einem Teufelskreis. Rohstoffe mussten aus dem Ausland importiert werden. Das kostete Devisen, über die man nicht verfügte. Um flüssig zu werden, exportierte man alles, was sich zu Geld machen ließ. Darunter litt die Versorgung der Bevölkerung. Selbst das Straßenpflaster wurde in den Westen verscherbelt. DDR-Industrieprodukte wollte dort kaum jemand haben und den Rest nur zu Dumpingpreisen. Einzig Traditionsunternehmen wie Carl Zeiss Jena oder die Meißener Porzellanmanufaktur konnten sich auf dem Weltmarkt behaupten. Auf Dauer zu wenig: Was fehlte, waren zukunftsfähige Innovationen.
Neuheiten von gestern
Irgendwann wurde einfach alles eingefroren: das Design, die Ausstattung und die Fertigungstechnik. An frischen Ideen mangelte es nicht, aber es fehlte an Geld und Risikobereitschaft, um sie umzusetzen. Beispiel Auto: Fast ein Vierteljahrhundert wurde der Trabant nahezu unverändert produziert, obwohl er schon in den 60er Jahren technisch veraltet war. Eigeninitiativen der Hersteller in Zwickau scheierten am Veto der SED-Funktionäre. Geplante Weiterentwicklungen, wie das Gemeinschaftsauto der RGW-Staaten, wurden aus Kostengründen auf Eis gelegt. In anderen Industriezweigen sah es ähnlich aus. Investitionen fehlten oder wurden an falscher Stelle getätigt. Die fertigen Konkurrenzprodukte waren so weder konkurrenzfähig noch zeitgemäß.

Gesprächsstoff einer DDR-Familie beim beim Abendessen

Glas mit "Aluchips" vom Pfennig bis zum Zwei-Mark-Stück
Für die Sonderausstellung Die Währungsunion vom 1. Juli 1990: Endlich Westgeld! ist eine große Vitrine im Zentrum des Museums bestückt worden. Zunächst wird die alte Mark der DDR erklärt, eine reine Binnenwährung, deren Ein- und Ausfuhr unter Strafe stand. Die Banknoten spiegelten das sozialistische Selbstverständnis wider. Marx und Engels standen unangefochten an der Spitze. Mit der Frauenrechtlerin Clara Zetkin war immerhin eine Frau vertreten. Viele empfanden die DDR-Mark als Spielgeld, schon wegen der geringen Größe der Scheine. Das Münzgeld aus Aluminium - im Volksmund Aluchips genannt - verstärkte diesen Eindruck noch. Lediglich einige umlaufende Gedenkmünzen sowie das 20-Pfennig-Stück - waren aus Schwermetall. Letzteres, um damit die Münztelefone bedienen zu könnern. So grassierte die Sehnsucht nach dem werthaltigen Westgeld: Als harte Währung spielte die D-Mark in der DDR eine wichtige Rolle. Offiziell in Forum-Schecks getauscht, öffnete das Westgeld die Türen zur Warenwelt der Intershops. Gleichzeitig kursierten die blauen 100-DM-Scheine als Schattenwährung zur Bezahlung von Mangelwaren. Im Volksmund wurden sie blaue Fliesen genannt.

NS-Schatzanweisung aus den Kellern der SED-Zentrale

Titelblatt der "Bild am Sonntag" vom 1. Juli 1990
Die Einführung der D-Mark als offizielles Zahlungsmittel in der DDR und der Übernahme der Marktwirtschaft war die Deutsche Einheit faktisch schon am 1. Juli 1990 vollzogen. Löhne, Renten und Mieten wurden zum Kurs von 1:1 umgestellt. Bei Sparguthaben hing der Umtauschkurs von der Summe und dem Alter ab. Bevor die D-Mark in die DDR kam, musste aber erst einmal Platz in den Tresoren geschaffen werden. Dabei kam so manches ans Licht - etwa im Haus am Werderschen Markt, der Parteizentrale der SED: In den Kellern des ehemaligen Reichsbankgebäudes lagerten noch tonnenweise Reichsanleihen aus der NS-Zeit. Sie hatten die DDR fast unberührt überdauert. Wohin mit dem alten DDR-Geld? In einem Stollen in Sachsen-Anhalt sollte das Papiergeld verrotten. Einige der unter Sammlern gesuchten, nie ausgegebenen Scheine zu 200 und 500 Mark tauchten aber bald im Handel auf. Im Zuge des Währungstausches wurde auch das DDR-Kleingeld aussortiert. Das Münzgeld, die sogenannten Aluchips, wurden im Aluminiumwerk in Rackwitz bei Leipzig eingeschmolzen. Aus dem Leichtmetall entstanden dann neue Produkte, beispielsweise Alufelgen für den Audi A 80.
Text und Fotos: Dietmar Kreutzer




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