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Im Blätterwald der Kaiserzeit: Numismatische Zeitschriften wenig zimperlich

Historische Münzzeitschriften zu lesen, ist ein ausgesprochenes Vergnügen. Sie sind alles andere als eine Welt von gestern, sondern unterhaltsam und lehrreich. Sie bieten eine Fülle von Informationen, die man kaum noch parat hat. Um 1900 ging man im Deutschen Reich dazu über, die Journale zu illustrieren. Seiten fressende Auktionsvorschauen und Preistabellen für Münzen waren noch unbekannt. Neben wissenschaftlichen Fachtexten aus der Feder führender Münzforscher findet man in den Blättern Informationen über Vereine und öffentliche  Sammlungen, ferner Münzfunde, Mitteilungen über das in- und ausländische Münzwesen sowie Zahlen über geprägtes und gedrucktes Geld, die man heute aus anderen Quellen ermitteln muss. Dokumentiert und nicht selten kritisch besprochen werden neue Münzen und Medaillen sowie numismatische Neuerscheinungen, und es gibt ausführliche Personalnachrichten und Nachrufe auf Forscher und Sammler.


Kaiser Wilhelm II. in der Uniform seines Leibgarde-Husaren-Regiments, nach einem Gemälde von Robert Hahn aus dem Jahr 1912.


Nachdem ab 1901 im Reich Kaiser Wilhelms II. Gedenkmünzen wieder zugelassen waren, hat man in numismatischen und anderen Zeitschriften über sie informiert. Obwohl es ordentlich im Blätterwald rauschte und gefordert wurde, sich auf diesem Gebiet ein Beispiel an anderen Staaten zu nehmen, alte Zöpfe abzuschneiden und künstlerisches Neuland zu betreten, beharrte die Reichsregierung und die Regierungen der einzelnen Bundesländer auf Formen des 19. Jahrhunderts. Das kam nicht immer gut an. Beim Zwei- und Fünf-Mark-Stück von 1901 zur Zweihundertjahrfeier des preußischen Königtums gab es geteilte Meinungen zwischen Jubel und Ablehnung. Die damalige Kunstkritik bemängelte, man hätte sich bei einem solchen Anlass mehr Zeit nehmen und Mühe geben müssen. Die „Berliner Münzblätter“ zeigten sich im Januarheft 1901 enttäuscht; „Bei der flachen Ausführung des Gepräges tritt das Brustbild Friedrichs I. allzu sehr in den Hintergrund. Wir haben wiederholt gehört, dass man es für dasjenige der Kaiserin gehalten hat. Auch das Brustbild des Kaisers genügt weder in Bezug auf plastische Perspektive noch auf Aehnlichkeit. Bei einer Gelegenheit von der Wichtigkeit dieses Jubiläums hätte man bessere Leistungen erwarten dürfen“.


Die Behauptung, die Gedenkmünze von 1901 sei missraten, hielt Wilhelm II. und seine Regierung nicht davon ab, sie wegen des großen Bedarfs nachprägen zu lassen. Wer es nicht wusste, hielt den ersten Preußenkönig Friedrich I. für Auguste Viktoria, die Gemahlin des Kaisers. 


Solche Ausgaben hat man gern auch als Schmuckstück getragen.


Zwischen Jubel und Ablehnung


Den im Geheimen Staatsarchiv Berlin-Dahlem befindlichen Unterlagen des Finanzministeriums (I HA Rep. 151 Finanzministerium IA 2184) zufolge gab es begeisterte Anfragen nach den Jubiläumsmünze, mit der nach einer Änderung im deutschen Münzgesetz wieder „Münzen anderer Prägung“, also die Gedenkmünzen, zugelassen wurden. Da es einen „lebhaften Wunsch aller Bevölkerungsklassen nach dem Besitz der Gedenkmünzen“  gab, so der Aktenvermerk, hat man die Auflage erhöht. So kommt es, dass man die Jubelmünzen mit Kaiser Wilhelm II. und König Friedrich I. heute preiswert erhält. Es dauerte dann noch einige Jahre, bis sich das „Gesicht“ des deutschen Münzwesens wandelte und passende Münzen zum Geist des Aufbruchs in moderne Zeiten geprägt wurden. Dieser Prozess verlief bei den Medaillen schneller, denn hier lösten sich zahlreiche Gestalter frühzeitig von den starren Formen des Klassizismus und wandten sich denen des Jugendstils zu, wie er in der Gebrauchsgrafik, bei Alltagsgegenständen und Möbeln bereits en vogue war.


Bei der Gedenkmünze aus Sachsen-Weimar und Eisenach von 1908 und anderen Ausgaben fällt die Diskrepanz zwischen den Vorder- und Rückseiten auf. Neuartige Schriften umschließen Fürstenbilder, unverändert ist der von Wilhelm II. angeordnete breite Reichsadler. Wenige Jahre später gab es von der Norm abweichende Adlerdarstellungen.


Mehr als ein Gebrauchsgegenstand


Ab und zu zitieren die Blätter aus Artikeln in den damaligen Tageszeitungen, die mit den Novitäten nicht immer zart und freundlich umgingen. In den Münzzeitschriften finden sich regelmäßig Mahnungen, Münzen stets als Kunstwerke und Aushängeschilder eines Landes zu beachten und sich um zeitgemäßes Design zu bemühen. Offenbar war die Wiederholung dieser Forderung in Verbindung mit lobenden Worten für neuartige Münzen anderer Staaten wie Frankreich, Österreich und Italien nötig. Das Reichsschatzamt und die Ministerien der einzelnen Bundesländer, aber auch die beteiligten Münzstätten im Hartgeld sahen in den Stücken einen billig und schnell herzustellenden Gebrauchsgegenstand und waren weniger die Außenwirkung bedacht. Wenn eine Gedenkmünze erschien, die sich vom Üblichen abhob, wurde sie in den damaligen Publikationen als Fortschritt begrüßt. Breiten Raum nehmen in ihnen Medaillen ein, wobei künstlerisch wertvolle - was immer man darunter verstand - und solche gelobt werden, die dem damaligen Trend zum Jugendstil nahe kamen.


Die Zeitschrift „Die Kunstwelt - Deutsche Zeitschrift für die bildende Kunst“ setzte sich in ihrer Ausgabe vom Februar 1913 in einem namentlich nicht gezeichneten Beitrag kritisch mit dem „sattsam bekannten Geldstück“ auf das hundertjährige Jubiläum der Befreiungskriege von 1813 bis 1815 auseinander und stellte ihm unbeachtet gebliebene Konkurrenzentwürfe der Bildhauer Georges Maurin und Constantin Starck gegenüber: „Der bange Schmerzensschrei jedes Kunstfreundes ob des unglücklichen Talerstücks wird einem dumpfen Erstaunen Platz machen, wenn er auch noch erfahren muß, daß es eines Wettkampfes bedurfte, um zu jenem Ergebnis zu gelangen, das sich unseren Geldscheinen und unseren Briefmarken würdig anreiht.“ Verglichen wurde also mit anderen Erzeugnissen der Kunst und Gebrauchsgrafik: „Die Darstellung eines unklaren malerischen Gruppenbildes, wie sie die Jahrhundertmünze zeigt, widerspricht dem fundamentalsten Bedingungen eines Münzbildes, das bildhauerische Knappheit in der Darstellung und klarste Übersichtlichkeit auf den ersten Blick verlangt“, heißt es in dem Beitrag weiter: „Trösten wir uns mit der Gewißheit, daß der einzige Vorzug der Unzweckmäßigkeit im vorliegenden Falle zu dem Resultat führt, daß schon nach kurzem Gebrauch von den ,allen allen die da kamen‘ bald nichts mehr zu erkennen sein wird.“


In großer Stückzahl hat man 1913 eine figurenreiche Gedenkmünze geprägt, auf der Friedrich Wilhelm III. zum Befreiungskrieg gegen Frankreich aufruft.


Unüberwindliche Widerstände


Ohne Ross und Reiter, also den Kaiser und seine Kunstberater zu nennen, heißt es in der Zeitschrift weiter: „Sonst ist der Fall eine bittere Illustration zu den Beschwernissen des Künstlerlebens und unser öffentlichen Kunstpflege. Was hilft die Heranziehung fähiger Männer, wenn Einflüsse möglich sind, die zwingen, an ihrem Tun vorbeizusehen, oder denen sich der ausführende Künstler so lange beugen muß, bis alles Künstlerische aus seiner Arbeit heraus - und lauter Unmögliches hinein geredet wurde.“ Die Chance zur Verbreitung eines kleinen Kunstwerkes, und das sollte ein Geldstück sein, sei gründlich verpasst worden, heißt es weiter. „Unsere neu belebte Medaillenkunst durfte bei der dankbaren Gelegenheit keine Lorbeeren pflücken, dafür besitzen wir aber in unserem neuen Jubiläumstaler einen neuen Beleg für die unerfreuliche Tatsache, dass der Pflege künstlerischen Geschmackes in Deutschland immer wieder scheinbar unüberwindiche Widerstände zu erwachsen scheinen.“


Zum Gedenken an Beginn der Volkserhebung von 1813 gegen die von Kaiser Napoleon I. geführten Franzosen wurden in Berlin Drei- und Zwei-Mark-Stücke geprägt, die in vielen Sammlungen liegen. Auf ihnen ruft Preußens König Friedrich Wilhelm III., hoch zu Roß sitzend, zum Kampf gegen das napoleonische Frankreich auf. Die Prägung dieser Münze war eine Haupt- und Staatsaktion, die verschiedene Minister und Wilhelm II. persönlich beschäftigte. Zunächst dachte man an ein Geldstück „in gewöhnlicher Prägung“ lediglich mit einer Aufschrift, die auf den Jahrestag vom 17. März 1813 hinweist. Probeweise wurde eine Münze mit dem reitenden Kaiser hergestellt. Zwischen den Pferdebeinen erkennt man jenes Datum und einen Eichenlaubzweig. Die Rückseite der Münze war Programm und wurde dann auch bei der Normalausgabe verwendet. Sie zeigt, wie der preußische Adler eine sich unter ihm windende Schlange bekämpft. In Zeiten, da sich Deutsche und Franzosen in tiefer Abneigung gegenüber standen, darf man annehmen, dass mit der Schlange der verhassten Erbfeind Frankreich und mit dem Adler das Deutsche Reich gemeint waren. Ein Jahr später war Krieg, den das Deutsche Reich mit seinen Verbündeten 1918 mit Pauken und Trompeten verlor.


Von der langweiligen Norm – Fürstenkopf oder Stadtwappen – weicht die Gedenkmünze von 1913 auf die Völkerschlacht bei Leipzig mit der Darstellung des Völkerschlachtdenkmals, das durch eine groß angelegte Sammlung finanziert worden war.


Des Königs Angst vor klaren Entscheidungen


Als 1913 die Münzen nach Überwindung bürokratischer Hindernissen in der Königlichen Münze an der Berliner Unterwasserstraße geprägt und an die Deutschen ausgeliefert waren, gab es großen Beifall und zugleich heftige Kritik. Kaiser- und königstreue Kreise lobten die Idee, Friedrich Wilhelm III. als Initiator des Befreiungskampfes von 1813 zu feiern. Dabei war auch 1913 bekannt, dass die einzige Konstante im Leben dieses Monarchen seine Angst vor klaren Entscheidungen und eindeutigen Bekenntnissen war. Kritiker sprachen dehalb auch von Geschichtsklitterung und wiesen darauf hin, dass die Vorgeschichte jenes Appells ein für den König peinlicher Vorgang war, der durch die Jubelfeiern einhundert Jahre später nur kaschiert werden soll.


Zum Hintergrund: Friedrich Wilhelm III.hatte sich erst nach einer schicksalsschweren Begegnung mit Zar Alexander I. von Russland und nicht aus eigenem Antrieb dazu bequemt, sich in flammenden Worten an seine Untertanen zu wenden: „Ihr wißt, was euer trauriges Loos ist, wenn wir den beginnenden Kampf nicht ehrenvoll enden. (...) Es ist der letzte, entscheidende Kampf, den wir bestehen, für unsere Existenz, unsere Unabhängigkeit, unsern Wohlstand.“ Der König schloss seinen Appell mit den Worten, es gebe keinen anderen Ausweg, „als einen ehrenvollen Frieden, oder einen ruhmvollen Untergang. Auch diesem würdet Ihr getrost entgegen gehen, um der Ehre willen; weil ehrlos der Preuße und der Deutsche nicht zu leben vermag.“ Der König versprach seinen Untertanen das Blaue vom Himmel, doch als es nach 1815 an die Einlösung ging, zuckte er zurück. Statt Mitbeteiligung der Bürger und dem Erlass einer Verfassung blieb es beim feudalen Ständestaat, und auch die demokratische Forderungen im Bürgertum und an den Universitäten wurden  unterdrückt.


Die schönste Gedenkmünze aus der Kaiserzeit wurde 1915 zur hundertjährigen Zugehörigkeit der Grafschaft Mansfeld zu Preußen ausgegeben. An ihr hatten Kritiker nichts auszusetzen. Selten ist eine Probe mit Frakturschrift.


Nachdem sich Wilhelm II. für eine figurenreiche Vorderseite nach einem damals recht populären Historiengemälde von Carl Sellmer entschieden hatte, welches den König hoch zu Roß bei der Verlesung seines Aufrufs inmitten einer begeisterten Menschenmenge zeigt, konnte sich der Graveur Paul Sturm an die nicht ganz einfache Herstellung der Stempel machen. Die Prägung der Drei- und Zweimarkstücke erfolgte in der Berliner Münze in einer Auflage von zwei beziehungsweise 1,5 Millionen Stück, was ihr häufiges Vorkommen auch heute noch erklärt.


Ein Stück Blech, wie eine Spielmarke


Als die Gedenkmünze endlich auf dem Markt war, wurde nicht nur die historische Aussage kritisiert, mit der der Eindruck erweckt wurde, nur Friedrich Wilhelm III. habe in Breslau das Signal zum Befreiungskampf gegeben. Von einem ausgeprägten Missgriff war die Rede, von einem Stück "Siegesalleekunst" in Anspielung an die berühmt-berüchtigte Ansammlung brandenburg-preußischer Herrscherdenkmäler, die auf Initiative Wilhelms II. um 1900 im Berliner Tiergarten errichtet worden waren. Es wurde außerdem bemängelt, dass viel zu viele Personen auf der Vorderseite abgebildet sind. Und es machte ein heute vergessenes Wortspiel die Runde. Weil angeblich die Schlange, auf die sich der Adler stürzt, einem Aal ähnelt, wurde die Umschrift auf der Vorderseite umgemünzt in: „Der König rief, und Aale, Aale kamen“. Im Preußischen Abgeordnetenhaus machte sich der Zentrumsabgeordnete Wilhelm Linz über die Münze her und erklärte mit Bezug auf jenes Wortspiel, es sei „bis in die entferntesten Ecken Deutschlands gedrungen. Schön ist es aber nicht, wenn Denkmünzen derart parodiert werden, aber diese fordern dazu heraus. (…) Man sieht ein Stück, das geprägt ist wie ein Stück Blech, wie eine Spielmarke, wie ein Kinderspielzeug“.


Statt des allbekannten Reichsadlers findet man auf den nur probeweise hergestellten 25-Pfennig-Proben Varianten des Wappenvogels.


In Münzzeitschriften wurde bemängelt, dass bei der Auswahl der Modelle für die Münzen von 1913 und anderen Ausgaben die bei ihnen versammelten Kompetenzen von der Ministerialbürokratie nicht genutzt werden. Das war auch der Fall, als das deutsche Kleingeld auf ein höheres Niveau gehoben werden sollte. Nach Ausschreibung eines künstlerischen Wettbewerbs erhielt die Jury interessante, von der Norm abweichende Vorschläge, die es aber nicht zur Massenprägung schafften. Wenn solche Probemünzen mit Germaniaköpfen, kräftigen Männergestalten sowie ungewöhnlichen Adlern, Schriften und Zahlen bei Auktionen angeboten werden, sind ihnen gute Preise sicher.


Neue Themen, Bilder, Inschriften


Die Kontroversen um die Gedenkmünze der Kaiserzeit sind inzwischen Geschichte. Sie zeigen, dass Münzen damals nicht immer klaglos hingenommen, sondern oft auch kritisch begutachtet wurden, was heute bei der Vorstellung unserer Münzen leider selten geschieht. In der Weimarer Republik hat man Lehren aus der Münzpolitik der Kaiserzeit  gezogen und unter der Regie von Reichskunstwart Edwin Redslob neue Themen, Bilder, Adler und Inschriften und heute zur Ausgabe gebracht. Es fällt auf, dass Neuheiten heute dagegen eher unkritisch betrachtet werden.


Auch wenn der Einfluss von Münzzeitschriften nicht an den der Regierungen reicht, hat ihr Wort doch einiges Gewicht. Sie sind aufgefordert, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten lenkend und beratend bei der Suche nach Themen und Modellen einzubringen. Eine kritische Begleitung der aktuellen Münzwettbewerbe und auch deutliche Worte zu manchen Jury-Entscheidungen wären am Platz. Denn oft genug erfährt man von den Empfängern dieser Münzen, das heißt auch aus Kreisen der Münzfreunde, dass die zur Herstellung bestimmten Modelle wohl doch nicht in der erhofften Weise gelungen sind. Vielleicht raffen sich Autoren und Redaktionen auf, auch die Themenliste kritisch zu hinterfragen und ihrerseits Vorschläge für die Auswahl von Themen zu unterbreiten.


Text und Fotos: Helmut Caspar

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