• Patrik Pohl (Seminar für Alte Geschichte

Numismatisches Sommerseminar Wien


Nach einjähriger Unterbrechung lud das Institut für Numismatik und Geldgeschichte der Universität Wien diesen Sommer wieder zu einem zweiwöchigen Sommerseminar vom 23. 7. bis zum 3. 8. 2018 ein. Dieser Einladung folgten 16 Studierende und Promovierende aus Deutschland und Österreich, um sowohl Grundkenntnisse auf den Gebieten der Numismatik und Geldgeschichte zu erwerben als auch die vorhandenen Kenntnisse zu vertiefen.

Bereits bei der Vorstellungsrunde zeigte sich, dass neben Kunsthistorikern, Mediävisten und Neuzeithistorikern die Mehrheit einen Interessensschwerpunkt in der Archäologie und Alten Geschichte besaß. Trotz dieser recht eindeutigen Gewichtung wurde von den Veranstaltern großer Wert darauf gelegt, nicht nur die antike Numismatik zu behandeln, sondern auch Einblicke in mittelalterliche, neuzeitliche, vorderasiatische und byzantinische Münz- und Medaillenprägung zu vermitteln.

Der Beginn des Seminars wurde mit einer Einführung über das Wesen und den Umfang des Faches Numismatik sowie über die Geschichte des numismatischen Instituts Wien von Wolfgang Szaivert bestritten. Im Anschluss leitete er zusammen mit Hubert Emmerig die Gruppe durch das Institut, die Bibliotheken und Sammlungsräume des Austragungsortes. Am Nachmittag folgte ein Vortrag von Wolfgang Fischer-Bossert zur Münzprägung der griechischen Welt. Dabei wurde das Spektrum von den ersten Elektronmünzen über die hellenistischen Prägungen bis hin zur langsamen Verdrängung der griechischen Drachmen durch die römischen Denare berücksichtigt. Am Abend lud das Institut die Teilnehmenden zu einem gemütlichen Beisammensein ein, was die Möglichkeit bot, sich untereinander besser kennenzulernen und mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Numismatischen Instituts in Kontakt zu treten.

Der zweite Tag knüpfte thematisch an den vorangegangenen an. Nach der griechischen Numismatik folgte der Vortrag von Klaus Vondrovec zur römischen Numismatik, der neben der Entwicklung des römischen Geldsystems auch den gezielten Einsatz der Bildervielfalt der Münzen behandelte. Am Nachmittag fand die erste Bestimmungsübung mit Stücken aus der Universitätssammlung statt. An mehreren Stationen konnten sich die Teilnehmenden unterschiedliche Teilbereiche der antiken Münzen ansehen, von der klassisch-griechischen Antike bis zur römischen Spätantike sowie von hellenistischen Königsmünzen zu kaiserzeitlichen Stadtprägungen. Zusammen mit den Dozierenden arbeiteten die Teilnehmer mit den Originalen. Neben der korrekten Ansprache der Münzen ging es unter anderem um ihre Bestimmung mit Hilfe der dazugehörigen Literatur. Da für die Bestimmungsübung mehrheitlich besonders gut erhaltene Stücke verwendet wurden, gestaltete sich diese besonders für Neueinsteiger als gut zu bewerkstelligen.

Am Mittwoch erhielten die Teilnehmer eine exklusive Führung durch die Münze Österreich. Bei dieser Gelegenheit bekamen die Teilnehmenden Einblicke in die moderne Münz- und Medaillenprägung der Republik Österreich. In zwei Gruppen aufgeteilt wurde gezeigt, wie neue Gepräge entstehen, von der ersten Entwurfsskizze über die Gestaltung der Motive in Gips und am Computer bis zur Fräsung der Stempel. Schließlich konnten die Teilnehmenden zusehen, wie neue Euro- und Centmünzen geprägt wurden.

Der folgende Tag beinhaltete drei Vorträge. Am Vormittag führte Nikolaus Schindel die Gruppe in die Münzprägung der orientalischen Reiche in vorislamischer Zeit sowie in die der islamischen Reiche ein. Die Schwierigkeit, dieses Thema zu begrenzen, bestand zum einen in der geographischen Größe des Gebietes, zum anderen in der zeitlichen Spannweite der unterschiedlichen Kulturen. In seinem Vortrag zeigte Schindel auch am Beispiel eines von ihm bearbeiteten großen Hortfundes in Beçin, an der türkischen Ägäis, die numismatischen Herangehensweisen auf. Mittels der Bilder und Gewichte der Münzen ordnete er den Fund zeitlich ein und zog Rückschlüsse auf deren Zirkulation. Am Nachmittag folgte dann ein großer zeitlicher wie auch thematischer Sprung zur Medaillenkunde. Anhand des von ihr gewählten Schwerpunktes bei den Medaillen Maria Theresias erklärte Anna Fabiankowitsch den Teilnehmenden hierbei die wichtigsten Unterschiede zwischen Münzen und Medaillen und wofür letztere hergestellt wurden. Zudem arbeiteten die Teilnehmer mittels Kopien von Akten, die Frau Fabiankowitsch organisiert hatte, verwaltungshistorische Zusammenhänge heraus, beispielsweise die Besitzfrage von Prägestempeln. Als abschließender Vortrag an diesem Tag, bevor das Institut die Teilnehmenden zusammen mit den Referierenden zu einem netten Abend im Institutsgarten einluden, gab Fischer-Bossert einen Einblick in die modernen Fälschungen griechischer Münzen und welche Tricks zum Schein der Echtheit Fälscher dabei verwendeten und verwenden.

Der letzte Tag der ersten Woche stand im Zeichen der Münzen des Mittelalters und der Neuzeit. Die thematische Einführung gab Hubert Emmerig, wobei er aufgrund der Menge an Material den Fokus auf das Reich nördlich der Alpen legte. Am Nachmittag folgte die daran angelehnte Bestimmungsübung verschiedener Münzen. Hierzu wurden Stücke der Völkerwanderungszeit, der byzantinischen Epoche, bayerische und österreichische Prägungen sowie Münzen aus der Zeit Maria Theresias aus der Universitätssammlung bereitgestellt. Damit endete die erste Woche, die besonders als Einführung in verschiedene Gebiete der Numismatik konzipiert war und den Teilnehmenden mittels Originalen die Möglichkeit bot, erste Erfahrungen sammeln bzw. die vorhandenen Kenntnisse vertiefen und ausbauen zu können.

Die zweite Seminarwoche begann mit einem Vortrag von Mareike Tonisch. Sie gab einen Einblick in epigraphische Quellen zur römischen Geldgeschichte bis Diocletian. Nach einer Einführung in die römische Rechenweise sowie epigraphische Datenbanken stellte Frau Tonisch Auszüge ihrer Dissertation vor. Eines der Probleme, das sich bei Preisen auf Inschriften konstatieren lässt, ist die ungleiche Verteilung innerhalb des Imperiums. Hinzu kommt, dass sich nicht alle Preisbelege auf gemünztes Geld bezogen, sondern es beispielsweise bei Statuen oft vorkommt, dass sich die Angaben auf ihren reinen Metallwert beziehen. Am Nachmittag fand eine Führung durch die Schatzkammer der Hofburg, geführt von Mario Strigl, zu einem Randgebiet der Numismatik, der Ordenskunde (Phaleristik), statt.

Der Dienstag widmete sich dem Münzrecht und Münzbetrieb im Mittelalter und der frühen Neuzeit. Hubert Emmerig zeigte dabei am Beispiel der bayerischen Lande im Spätmittelalter, wie aufgrund der unterschiedlichen Qualität der Münzen einerseits Streitigkeiten entstanden und andererseits auch Versuche unternommen wurden, Münzvereine zu gründen, um die Prägungen aufeinander abzustimmen. Dies konnten die Teilnehmer am Nachmittag mit Hilfe ausgesuchter und edierter Quellen eigens nachvollziehen, so z. B. mit dem Protokoll der Münchner Vertreter auf einer Münztagung in Landshut aus dem Jahre 1458. Vertreter der Herzöge von Bayern-München und Bayern-Landshut suchten auf dieser Tagung eine gemeinsame Lösung, um die ‚schlechteren‘ Münzen der angrenzenden Gebiete aus ihren Territorien herauszuhalten und die eigenen wieder auf einen guten Stand zu heben. Nach der Bearbeitungsphase wurden die Texte zusammen mit den Interpretationen vorgestellt und gemeinsam diskutiert.

Am folgenden Tag zeigte Rahel Ackermann den Teilnehmenden die Arbeitsweisen mit Fundmünzen. Von ihrer Arbeitsstelle beim Inventar der Fundmünzen der Schweiz brachte sie verschiedene Materialdatensammlungen, von antiken Börsenfunden bis zu neuzeitlichen Kirchturmfunden, mit. Diese wurden von den Teilnehmenden einzeln oder in Gruppenarbeit nach unterschiedlichen Fragestellungen bearbeitet. So hatte beispielsweise eine Gruppe den Auftrag, die Fundmünzen des 4. Jahrhunderts n. Chr. aus Carnuntum mit Münzen, die in einem Mithraeum in der Schweiz gefunden wurden, auf die Verteilung von Prägeherren und Prägestätten hin zu vergleichen und dazu Diagramme anzufertigen.

Am Donnerstag zeigte Klaus Vondrovec den Teilnehmern das Münzkabinett des Kunsthistorischen Museums in Wien und dessen Aufgaben. Den Abschluss des Sommerseminars bildete eine Exkursion ins Universalmuseum Ioanneum in Schloss Eggenberg in Graz, wo uns Karl Peitler empfing. Dort wurde den Teilnehmenden anhand von Fundmünzen aus der Steiermark deren wissenschaftliche Aufarbeitung auf Ebene der Bundesländer nähergebracht. Zudem erhielten sie eine Führung durch das dortige Museum, das die Geschichte der Münzmeister aus dem Hause Eggenberg zeigte und zudem zahlreiche Fundmünzen aus der Steiermark beherbergt. Den gemeinsamen Ausklang des Seminars stellte ein Heurigenbesuch in Wien dar.

Insgesamt bot das Sommerseminar sowohl einen guten Einstieg in die Numismatik verschiedener Epochen und Regionen als auch vertiefende Übungen und Vorträge. Neben den gemeinsamen Veranstaltungen ließ sich auch Zeit für den Besuch von Wiener Sehenswürdigkeiten finden oder um im Institut an eigenen Forschungsprojekten zu arbeiten. Bei letzterem standen die Mitarbeiter mit fachlichem Rat hilfsbereit zur Seite. Wir danken allen Beteiligten für die umfangreiche Planung und Durchführung sowie die interessanten Einblicke in die Numismatik mit diversen Forschungsfeldern quer durch die Epochen.

Weiters möchten wir uns bei den Sponsoren (Fritz Rudolf Künker GmbH & Co. KG, Osnabrück; Münze Österreich AG, Wien; Fritz Rudolf Künker, Osnabrück; International Association of Professional Numismatists bzw. Association Internationale des Numismates Professionels) für die weitreichende Finanzierung bedanken.

Die Teilnehmer des Numismatisches Sommerseminars 2018 in Wien

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