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Wie schaffe ich mir eine Dynastie - die dynastische Legitimation von Konstantin dem Großen

Autorenbild: Horst Herzog
Horst Herzog
vor 1 Stunde
6 Min. Lesezeit

Wie die meisten Tetrarchen entstammte Konstantin der Große dem illyrischen Militäradel. Geboren wurde Konstantin an einem 27. Februar in den Jahren zwischen 272 und 285 in Naissus, dem heutigen Niš in Serbien. Seine Mutter war Helena. Diese stammte aus Drepanon in Bithynien. Es ist unklar, ob Helena, vermutlich die Tochter eines Gastwirts, mit Konstantins Vater, Constantius Chlorus (dazu mehr weiter unten) verheiratet war oder mit diesem im Konkubinat lebte. Konstantin verbrachte einen Großteil seiner Jugend am Hofe Diokletians. Sein politischer Aufstieg begann 306 mit dem Tod seines Vaters, als er in Eburacum, dem heutigen York, von den Soldaten zum Augustus ausgerufen wurde. Diese Würde wurde allerdings zunächst nicht von den Tetrarchen anerkannt. Nach der Schlacht an der Milvischen Brücke am 28. Oktober 312 war Konstantin Alleinherrscher im Westen und ab dem endgültigen Sieg über Licinius im September 324 im Gesamtreich.


Abb. 1 Konstantin der Große, Marmorbüste, Rom, Musei Capitolini

Bildquelle: commons.wikimedia


Kurz nach dem Sieg an der Milvischen Brücke, zwischen 313 und 315, ist das mit rund 2,60 m Höhe kolossale Marmorporträt Konstantins (Abb. 1) entstanden. Es war Bestandteil einer riesigen Sitzstatue mit einer errechneten Höhe von 12 bis 13 m, von der nur die sichtbaren Teile aus Marmor ausgeführt waren, der Rest bestand aus anderen Materialien wie Metall, Holz oder Mauerwerk. Aufgestellt war dieses Monumentalbildwerk in der sogenannten Maxentiusbasilika auf dem Forum Romanum, die von Maxentius begonnen und von Konstantin vollendet wurde.


Für seine Legitimation als Augustus und künftiger Alleinherrscher war es für Konstantin enorm wichtig, sich in der Tradition all seiner Vorgänger auf eine bedeutende Dynastie berufen zu können. Dieser Vorgang ist in der konstantinischen Münzprägung sehr schön nachzuvollziehen. In den Jahren 317 und 318 gibt es dazu eine umfangreiche Emission von kleinen Bronzemünzen - Nummi und halbe Nummi - für Claudius Gothicus (Claudius II.), Constantius Chlorus (Constantius I.) und Maximian.


Seit dem Sommer 310, wohl im Zuge seiner Quinquennalienfeier, berief sich Konstantin auf Claudius Gothicus als seinen Urahn. Ein uns unbekannter Hofredner äußert sich dazu (Paneg. Lat. VI (7), 2, 1–2; übers. von B. Müller-Rettig):


„Ich will also mit der ersten göttlichen Macht deines Geschlechts beginnen, von der die meisten Menschen vielleicht noch nichts wissen, die aber diejenigen, die dich am innigsten lieben, sehr wohl kennen. Von dem göttlichen Claudius nämlich fließt durch die Ahnenlinie die Verwandtschaft auf dich über, jener, der die gelockerte und verfallene Ordnung des Römischen Reiches als Erster wieder aufrichtete…“


In Inschriften für Konstantin wird seitdem oft der Zusatz „DIVI CLAVDI NEPOS“ (Enkel des vergöttlichten Claudius) verwendet. Claudius Gothicus, ebenfalls aus Illyrien stammend, regierte von 268 bis 270, also relativ kurze Zeit. Während seiner Herrschaft war er militärisch sehr erfolgreich gegen die Alemannen und Goten, daher resultierte auch der Ehrentitel „Gothicus“. 270 starb er an der sogenannten „Cyprianischen Pest“. Da keine Nachkommen des Claudius Gothicus existierten, war die Abstammung Konstantins von diesem Kaiser natürlich fiktiv, passte aber ins dynastische Konzept Konstantins sehr gut, da Claudius II. aus der gleichen Gegend stammte, als Feldherr sehr erfolgreich war, sehr kurz herrschte und keine Nachkommen hatte, die Konstantin irgendwie gefährlich werden konnten.


Abb. 2 AE3, 317 - 318, Arles, RIC VII Nr. 173


Auf der Vorderseite des in Arles geprägten halben Nummus (Abb. 2) ist der nach rechts gerichtete Kopf des Claudius Gothicus abgebildet; dieser ist verschleiert, man spricht hier von „capite velato“ (mit verhülltem Haupt), trägt aber, wie am Vorderkopf deutlich zu erkennen ist, unter dem Schleier einen Lorbeerkranz. Der Schleier verhüllt nur den Hinterkopf, so dass Stirn, Gesicht und Ohr frei bleiben und das „Kaiserporträt“ zu erkennen ist. Dem Zeitstil entsprechend ist der Kopf bärtig und die Gesichtszüge sind sehr kantig ausgeführt. Die Umschrift „DIVO CLAVDIO OPTIMO IMP“ (dem vergöttlichten Claudius, dem besten Feldherrn) ist im Dativ gehalten und bezeugt, dass es sich um eine „Für-Prägung“ des Konstantin handelt. Auf dem Revers ist wiederum Claudius Gothicus dargestellt, auf einer „sella curulis“, dem Amtsstuhl der römischen Magistrate, nach links hin sitzend. Der langgewandete Kaiser hat sein Haupt wieder verschleiert, mit seiner Linken hält er ein Zepter und seine rechte Hand ist im „adlocutio“-Gestus erhoben. Die Reverslegende „REQVIES OPTIMOR MERIT“ (Requies Optimorum Meritorum - die Ruhe für die besten Verdienste) verherrlicht den vergöttlichten Claudius Gothicus, der jetzt sozusagen die „göttliche Ruhe“ für seine herausragenden Verdienste genießen kann. Die Buchstabenkombination „ARP“ im Abschnitt ist das Zeichen der Münzstätte Arles. Diese Münzserie wurde auch für Constantius Chlorus (Abb. 5) und für Maximian (Abb. 6) in den Münzstätten Rom, Siscia, Arles, Trier, Aquileia und Thessaloniki geprägt. Dagegen erfolgte die Prägung der beiden nächsten Serien (Abb. 3 u. 4) für alle drei Divi nur in der Münzstätte Rom.


Abb. 3 AE3, 317 - 318, Rom, RIC VII Nr. 125


Der Avers unserer nächsten Münze (Abb. 3), wiederum ein halber Nummus, entspricht weitgehend dem der Abb. 2. Dagegen zeigt uns die Rückseite ein ganz neues Bild: einen nach rechts schreitenden Löwen. Vieles wurde in das Bild des Löwen hineininterpretiert, wie Stärke, Kraft, Verbindungen zu Sol oder Hüter des Grabes, sicher ist jedenfalls, dass der Löwe als Symbol für Herakles steht, dessen Hauptattribut bekanntlich das Fell des nemeischen Löwen war. Und Herakles war der Schutzpatron des Maximian und seiner nachgeordneten bzw. nachfolgenden Tetrarchen, die sich auch als Herculier bezeichneten. Die Umschrift „MEMORIAE AETERNAE“ (dem ewigen Andenken) besagt, dass die Taten des Kaisers in ewiger Erinnerung bleiben werden. Die Buchstabenkombination „RT“ im Abschnitt steht für „Roma Tertia“, d. h. die Münze wurde in der Münzstätte Rom, in der dritten Officina (Werkstatt) geprägt.

Abb.4 AE4, 317 - 318, Rom, RIC VII Nr. 112


Die Vorderseite der nächsten Prägung (Abb. 4) bringt hinsichtlich des Porträts nichts Neues. Die Legende ist zwar die gewohnte, allerdings verkürzt geschrieben. Auch die Reversumschrift entspricht derjenigen von Abb. 3. Jetzt ist ein Adler abgebildet, mit ausgebreiteten Schwingen und den Kopf nach links gerichtet. Der Adler ist zum einen das Symboltier des Jupiter, zum anderen steht er auch für die Apotheose des Kaisers, denn er trägt die Seele des vergöttlichten Kaisers in den Himmel zu den unsterbliche Göttern. Sowohl das „DIVO“ in der Averslegende, wie auch der Adler auf der Rückseite zeigen eindrucksvoll, dass der Urahn des Konstantin unter den Göttern weilt, ebenso wie sein Vater Constantius Chlorus und Maximian, die mit der gleichen Münzserie geehrt werden. Das „RP“ im Abschnitt steht für „Roma Prima“, d. h. für die erste Officina der Münzstätte Rom.


Abb. 5 AE4, 317 - 318, Thessaloniki, RIC VII Nr. 25


Der Vollständigkeit halber sei noch eine Prägung für Constantius Chlorus (Abb. 5), dem Vater des Konstantin, angeführt. Das Rückseitenbild entspricht dem der Abb. 2. Die Vorderseite zeigt den nach rechts gerichteten, verschleierten Kopf des Constantius Chlorus mit Lorbeerkranz. Die Legende „DIVO CONSTANTIO PIO PRINCIPI“ (dem vergöttlichten Constantius, dem pflichtbewussten Kaiser) hebt die Pietas des Constantius, d. h. sein Pflichtbewusstsein gegenüber den Göttern, dem Staat und der Familie, hervor. Wie oben bereits erwähnt, war Constantius Chlorus der leibliche Vater Konstantins und einer der

Tetrarchen der ersten Stunde. Nach seinem Tod wurde er von seinem Sohn sogleich divinisiert.

Abb. 6 AE4, 317 - 318, Siscia, RIC VII Nr. 41


Die Verwandschaftsverhältnisse des Marcus Aurelius Valerius Maximianus, kurz Maximian, der 286 von Diokletian zum Mit-Augustus erhoben wurde und 305 zusammen mit Diokletian abdankte, zu Konstantin sind sehr vielfältig. Der Vater Konstantins heiratete 293 aus machtpolitischen Gründen eine Stieftochter des Maximian, d. h. Maximian war angeheirateter Großvater Konstantins. 307 heiratete Konstantin Maximinians Tochter Fausta, Konstantin war somit Schwiegersohn des Maximian. Im Jahr 310 erhob sich Maximian, der von der Macht nicht lassen konnte, gegen seinen Schwiegersohn. Allerdings unterlag

Maximian dem Konstantin und wurde von diesem höchstwahrscheinlich zum Selbstmord gezwungen. Nach dem Tod des Maximian verfiel dieser der „damnatio memoriae“, d. h. sein Andenken wurde vollkommen gelöscht. Im Zuge dieser Maßnahme erfolgte der dynastische „Rückgriff“ auf Claudius Gothicus. Nur wenige Jahre später, eben in den Jahren 317 / 318, erfolgte dann die Divinisierung Maximians durch Konstantin. Der Vollständigkeit halber muss erwähnt werden, dass Maximian bereits 310 durch seinen Sohn Maxentius unter die Götter erhoben worden war. Aber auch hier bestätigt sich der alte Spruch, dass „die Sieger die Geschichte schreiben“ und dass somit erst die Erhebung zum Gott

durch Konstantin die „rechtmäßige“ war.


Die Divinisierung des Maximian durch Konstantin kann man sehr schön anhand unserer Münzserie nachvollziehen. Alle Münzen, die wir bei Claudius Gothicus besprochen haben, werden auch für Maximian geprägt. Eine besondere Ehrung erfährt Maximian, wie auf dem Avers der Abb. 6 sehr schön zu lesen ist, durch die Umschrift „DIVO MAXIMIANO SEN FORT IMP“ (Divo Maximiano Seniori Fortissimo Imperatori - für den vergöttlichten Maximian, dem älteren, tapfersten Kaiser); denn der Ehrentitel „Senior“ wurde Maximian bereits zu Lebzeiten verliehen.


Mit den hier vorgestellten Prägungen reihte sich Konstantin der Große ein in eine Reihe illustrer und vergöttlichter Vorgänger. Damit schuf sich Konstantin eine göttliche Herkunft ganz im Rahmen des kaiserlichen Anspruchs. Sicherlich sind diese Prägungen mit dieser Aussagekraft vom Kaiser, oder zumindest von einem seiner engsten Mitarbeitern, gewünscht und beauftragt worden. Da es sich bei diesen Münzen sozusagen um „Kleingeld“ handelte, dürfte die Klientel, auf die die Münzbilder abzielten, weder Senatoren noch Militärangehörige gewesen sein, sondern eher das „gemeine“ Volk.


Horst Herzog

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