Die Königin und der Triumvir-Bilder einer ungewöhnlichen Beziehung

LEU NUMISMATIK präsentiert als absolutes Highlight seiner Auktion 24 mit der Losnummer 1220 eine hervorragend erhaltene Tetradrachme (Abb. 1) mit einem Doppelporträt der ägyptischen Königin Kleopatra VII. Thea Philopator und des römischen Triumvir Marcus Antonius: Von den beiden Münzporträts besticht das der Kleopatra durch seine herausragende Qualität.

Abb. 1 Tetradrachme, ca 36 v. Chr., Antiochia (?), RPC I Nr. 4094
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Die Münzstätte dieser um 36 v. Chr. geprägten Silbermünze ist nicht gesichert, allgemein wird sie in Antiochia am Orontes lokalisiert, sie kann sich aber durchaus auch im weiteren syrischen Umfeld befunden haben - auf jeden Fall im Machtbereich von Kleopatra. Auf dem Avers ist die nach rechts gerichtete Büste der Kleopatra abgebildet. Kleopatra besitzt eine aufwendige Frisur, die als „Melonenfrisur“ bezeichnet wird: die zu feinen Zöpfen geflochtenen Haare werden parallel zum Hinterkopf geführt und dort zu einem Knoten zusammengebunden. Über der fein ziselierten Haarkappe trägt Kleopatra ein breites Königsdiadem, dessen Schlaufen weit über Nacken und Schulter herabhängen. Die Gesichtsoberfläche ist nahezu glatt und unbewegt. Auffallend ist jedoch der Gesichtskontur mit der „hakenförmigen“ Nase, deren Spitze weit nach unten zeigt. Die Nasenwurzel wird
zur Stirn hin durch einen breiten Wulst abgesetzt. Das Auge ist relativ groß. Der Mund ist geschlossen, wobei die Unterlippe die Oberlippe etwas überragt. Kleopatra trägt am Ohr einen Perlenohrring und um den Hals eine feingliedrige Perlenkette, die weit über die Brust herab reicht. Bekleidet ist Kleopatra mit einem leicht gemusterten Chiton und einem Himation. Am Halsansatz ist noch eine Rundfibel zu sehen. Das fast maskulin wirkende Münzbild der Kleopatra entspricht nicht der Vorstellung, die man sich gerne von dieser Königin als die „Schönheit“ schlechthin machen möchte. Die Averslegende „BACIΛICCA
KΛЄOΠATPA ΘЄA NЄⲰTЄPA“ (BASILISSA KLEOPATRA THEA NEOTERA - Königin Kleopatra, die jüngere oder neuere Göttin). Durch den Zusatz „NЄⲰTЄPA“ grenzt sich Kleopatra VII. deutlich von ihrer Namensvetterin Kleopatra Thea ab, die im dritten Viertel des 2. Jahrhunderts v. Chr. im Seleukidenreich quasi die Herrschaft innehatte. Zugleich betont Kleopatra VII. ihren Anspruch als „neue“ bzw. wiedergeborene Isis.
Die Rückseite der Tetradrachme zeigt den nach rechts gerichteten Kopf des Marcus Antonius. Der fast quadratisch anmutende Kopf sitzt auf einem massiven Hals. Die Haarkappe wird von kurzen Sichellocken gebildet, die weit in den Nacken und in die Stirn reichen. Das Ohr bleibt frei. Während die Gesichtsoberfläche weitgehend glatt ist, ist der Gesichtskontur wie bei Kleopatra sehr markant. Als erstes fällt auch bei dem Antonius-Porträt die hakenförmige Nase auf, deren Spitze weit nach unten zeigt. Die Mund- und Kinnpartie ähnelt derjenigen der Kleopatra, besitzt jedoch eine tiefe Nasolabialfalte. Wie
bei dem Kleopatra-Porträt findet sich auch beim Antonius-Bild der massive Wulst über der Nasenwurzel. Die Umschrift „ANTⲰNIOC AYTOKPATⲰP TRITON TPIⲰN ANΔPⲰN“ (ANTONIOS AUTOKRATOR TRITON TRION ANDRON - Antonius, Imperator zum dritten Mal, Triumvir) nennt den offiziellen Titel des Antonius. Seit 43 v. Chr. hatte Antonius zusammen mit Octavian, dem späteren Kaiser Augustus, und Marcus Aemilus Lepidus das Triumvirat inne. Während Lepidus seit 36 v. Chr. „kaltgestellt“ war, teilten sich Octavian und Antonius die Macht: Octavian im Westen und Antonius im Osten des Reiches.
Auffallend bei unserer Tetradrachme ist die frappierende Ähnlichkeit zwischen den beiden Münzporträts, gerade was den Gesichtskontur der beiden Dargestellten betrifft. Insbesondere die Nasenform ist bei Kleopatra und Marcus Antonius gleich. Diese Bildnisangleichung der beiden mächtigsten „Herrscher“ im Osten des Imperiums ist sicherlich gewollt und impliziert eine gewisse Harmonie und die dynastische Nähe zwischen der Königin und dem Triumvir. Bei genauerem Betrachten der beiden Münzseiten stellt man jedoch einige Besonderheiten fest: Kleopatra nimmt eindeutig - dies ist durch Stempeluntersuchungen nachgewiesen - die prestigeträchtigere Münzvorderseite ein. Zudem wird sie in
Büstenform und mit vollem königlichen Ornat dargestellt. Und die Umschrift nennt den Titel und die göttliche Abkunft Kleopatras. Demgegenüber sehen wir den bloßen Kopf des römischen Magistrats Antonius mit seiner Amtsbezeichnung als Triumvir und seiner dritten Akklamation zum Imperator. Die Münzbilder unterstreichen zum einen die Allianz zwischen der Königin und dem Triumvir, zeigen aber auch ganz deutlich, wer letztendlich das Sagen hat in diesem Bündnis, denn die Bilder sind sicherlich nicht ohne Zustimmung oder zumindest Duldung durch Antonius entstanden.

Abb. 2 D, 34 v. Chr., Alexandria, RRC Nr. 543,1
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Unterstrichen wird diese Aussage durch den etwas jüngeren Denar in Abb. 2, bei dem es sich ebenfalls um eine Prägung mit Doppelporträt handelt. Der in Alexandria ausgegebene Denar ist im Gegensatz zur „königlichen“ Tetradrachme eine imperatorische Prägung, also eine römische Münze. Daher würde man annehmen, und dem folgen auch viele Standardwerke, dass auf dem Avers der Imperator, sprich Antonius, erscheint. Dem ist aber nicht so. Auch hier haben Stempeluntersuchungen gezeigt, dass das Kleopatra-Porträt auf dem langlebigeren Unterstempel, sprich dem Avers, saß. Ein Blick auf die beiden
Münzporträts zeigt eine enge Verwandtschaft zu den Porträts auf der Tetradrachme, die sicherlich den Stempelschneidern des Denars als Vorlage gedient haben. Die Münzbilder werden auch bei dem Denar ergänzt durch die Legenden: die Averslegende „CLEOPAT[RAE REGINAE REGVM] FILIORVM REGVM“ (Für Kleopatra, Königin der Könige und ihrer Söhne, die Könige sind) nennt in Anlehnung an die persische und parthische Königstitulatur die königlichen Titel der Kleopatra und bezieht sich auf die alexandrinischen Schenkungen im Jahr 34 v. Chr., bei denen Antonius kraft eigener Willkür römische
Provinzen seines Machtbereichs als Königreiche an Kleopatra und deren Kinder, sowohl den gemeinsamen mit Antonius als auch den Sohn Caesars, übertragen hatte. Diese Schenkung war ein Affront gegen alle römische Sitte! Die Reverslegende „ANTONI ARMEN[IA DEVICTA]“ ([Prägung] des Antonius, das besiegte Armenien) bezieht sich auf den Sieg des Antonius über Armenien. Diesen Sieg feierte Antonius in Alexandria wie einen Triumph und im Zuge dieser Feierlichkeiten erfolgten die genannten Schenkungen. Auch hier sprechen ergänzend zu den Bildern die Legenden eine deutliche Sprache: Kleopatra ist die Königin der Könige, während Antonius nicht mal eine richtige Siegestitulatur erhält. Zu erwähnen bleiben noch zwei „Beizeichen“. Vor dem Kleopatra-Porträt ist ein Schiffsbug abgebildet, hinter dem Antonius-Porträt eine armenische Tiara. Die Tiara bezieht sich sicherlich auf den Sieg über Armenien, der Schiffsbug, die Prora, verdeutlicht die „Seemacht“ der Königin.
Die Porträts der beiden Protagonisten sind auf den beiden behandelten Münzen sicherlich etwas „überspitzt“ gezeichnet. Die Frage nach dem tatsächlichen Aussehen von Kleopatra und Antonius ist schwierig bzw. kaum zu beantworten.

Abb. 3 AV, 41 v. Chr., Kleinasien, RRC Nr. 517,1 a
Bildquelle: https://leunumismatik.com/de/lot/22/283
Auf dem Avers des Aureus in Abb. 3, der 41 v. Chr. in einer kleinasiatischen Münzstätte geprägt wurde, sehen wir den nach rechts gerichteten Kopf des Antonius abgebildet. Dieses Münzporträt entspricht in weiten Zügen denen der Tetradrachme und des Denars, selbst die Nasenform ist hier nahezu identisch. Die Nasenform des Antonius scheint wirklich markant gewesen zu sein, denn der griechische Historiker Plutarch erwähnt sie in der Vita Antonii (Vita Antonii 4, 1 - 2; übers. E. Eyth): „Dazu kam noch im Äußeren eine edle, würdige Gestalt. Ein stattlicher Bart, breite Stirne, gebogene Nase schienen ihm jenes männliche Ansehen zu geben, das mit den Bildern und Statuen des Hercules eine gewisse Ähnlichkeit hatte.“ Münzporträts des Antonius mit Bart (Abb. 4) erscheinen nur auf Prägungen der Jahre 44 bis 42 v. Chr., wobei es sich um einen „Trauerbart“ wegen der Ermordung Caesars handelte.

Abb. 4 D, 42 v. Chr., Rom, RRC 494,32
Bildquelle: https://leunumismatik.com/gsw/lot/50/1814
Inwieweit man hier Plutarch in Bezug auf eine Ähnlichkeit mit Herkulesdarstellungen folgen möchte, bleibt dem Betrachter überlassen.
Für Kleopatra gibt es parallel zu den besprochenen Münzporträttyp, der auch als „römisch-syrischer“ Porträttyp benannt wird, einen weiteren Münzporträttyp, den sogenannten „alexandrinischen“. Diesen sehen wir sehr schön dargestellt auf einer in Alexandria geprägten Bronzemünze (Abb. 5).

Abb. 5 AE, 51 - 30 v. Chr., Alexandria, SNG Cop. Nr. 419 - 421
Bildquelle: https://leunumismatik.com/de/lot/46/215
Auf den ersten Blick gleicht dieses Münzbild der Kleopatra denen der Tetradrachme und des Denars: nach rechts gerichtete Büste, Melonenfrisur, Diadem, markante Nase und großes Auge. Allerdings ist der Gesichtskontur weicher gezeichnet und trägt Züge der Vorfahren Kleopatras wie des Dynastiegründers Ptolemaios I. Soter oder ihres Vaters Ptolemaios XII.

Abb. 6 Marmorbüste, Kleopatra VII., Berlin, Altes Museum, Inv. Nr. 1976.10
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Der „alexandrinische“ Münzporträttyp spiegelt sich in der Berliner Marmorbüste der Kleopatra wider, auch wenn hier die Gesichtsmodellierung viel weicher ausfällt wie auf den Münzen. Bei der Büste ist die markante Nase ungebrochen, d. h. im Originalzustand. Daher darf man davon ausgehen, dass die Königin wirklich eine „besondere“ Nase besaß. Über Kleopatra schreibt Plutarch (Vita Antonii 27, 3; übers. E. Eyth): „Ihre Schönheit war, wie man sagt, zwar an sich keineswegs über jede Vergleichung erhaben, aber geeignet, das Auge vollständig verblüfft zu machen.“ Der Anfang des 3. Jahrhunderts schreibende römische Historiker Cassius Dio äußert sich dagegen enthusiastischer (42, 34,4; übers. O.
Veh): „Sie war überhaupt eine Frau von einzigartiger Schönheit ……“ Beide Historiker lebten erst nach Kleopatra, daher sind ihre Aussagen mit Vorsicht zu genießen. Das tatsächliche Aussehen der Kleopatra wird ein Rätsel bleiben.
Es bleibt noch, das Ende dieser Geschichte kurz zu beleuchten: aus der Schlacht bei Actium 31 v. Chr. zwischen Octavian und Antonius / Kleopatra ging Octavian als Sieger hervor. Nach dessen Einmarsch in Ägypten ein Jahr später begingen Antonius und Kleopatra Selbstmord.

Abb. 7 D, 29 - 27 v. Chr., Brindisi / Rom, RIC I2 Nr. 275 B
Bildquelle: https://leunumismatik.com/de/lot/42/4092
Der Sieg über Antonius taucht in der Münzprägung Octavians nicht auf. Eine Resonanz sind die „AEGYPTO CAPTA“ (Ägypten ist erobert) Prägungen (Abb. 7) mit dem Krokodil als Symbol für Ägypten und dessen Lebensader, dem Nil. Augustus schreibt dazu in seinem Tatenbericht (Res gestae 27) ganz lapidar: „Aegyptum imperio populi Romani adieci Ägypten habe ich dem Reich des römischen Volkes hinzugefügt.“
Horst Herzog




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