Iulian „Apostata“- der Abtrünnige

Wohl noch im Februar des Jahres 360 wird der Caesar Flavius Claudius Iulianus von meuternden Legionären in Lutetia, dem heutigen Paris, zum Augustus ausgerufen. Damit war der Konflikt des neugebackenen Augustus Iulian mit dem bisherigen alleinregierenden Augustus und Iulians Vetter Constantius II. vorprogrammiert. Doch bevor es zur militärischen Auseinandersetzung zwischen den beiden Augusti kam, starb am 3. November 361 Constantius II. in der Nähe von Tarsos. Sein Vetter, Rivale und Nachfolger Iulian ließ Constantius II. in der Apostelkirche in Konstantinopel beisetzen und sorgte trotz dessen christlichem Glaubens für seine Divinisierung.
Wer war nun dieser Iulian, den wir besser unter seiner Bezeichnung Iulian Apostata, der Abtrünnige, kennen? Iulian war der Sohn eines Halbbruders von Konstantin dem Großen, von Iulius Constantius und von Basilina, d. h. Iulian war ein Neffe von Konstantin dem Großen. Geboren um 331 in Konstantinopel lebte er in der Hauptstadt bis zum Tode von Konstantin dem Großen am 22. Mai 337. Iulian überlebte zusammen mit seinem Halbbruder Gallus die von Konstantins Nachfolger Constantius II. ausgelöste Säuberungsaktion, der außer den direkten Söhnen Konstantins die meisten Familienangehörigen der konstantinischen Familie zum Opfer fielen. Den Großteil seiner Jugend verbrachte Iulian in Nikomedia, wo er die seiner Stellung entsprechende Erziehung, auch im christlichen Sinne, genoss. Gegen Ende seiner Jugendzeit scheint sich Iulian, zunächst heimlich, spätestens als Augustus dann ganz offen, vom christlichen Glauben ab- und dem Heidentum zugewandt zu haben. Wegen dieser Hinwendung zum Heidentum wurde er von den christlichen Historikern als der Abtrünnige - Apostata - bezeichnet, was dann später allgemein als sein Beiname übernommen wurde.
Am 6. November 355 wird er von Constantius II. zum Caesar erhoben und mit der Sicherung der Rheingrenze betraut. Wider Erwarten ist der militärisch unerfahrene Iulian bei dieser Aufgabe sehr erfolgreich, so erringt er 357 bei Straßburg einen großen Sieg über die Alamannen.
Abb. 1: Sol, 355 - 361, Antiochia, RIC VIII Ant. Nr. 167
Bildquelle: https://ikmk.smb.museum/object?id=18268153
Der in Antiochia geprägte Solidus in Abb. 1 zeigt auf seiner Vorderseite die nach rechts gerichtete, drapierte Panzerbüste des Iulian als Caesar. Sehr schön sind die Verzierung des Panzers und die Rundfibel, die das Paludamentum über der rechten Schulter zusammenhält, zu erkennen. Die Kopfform ist eher rechteckig als rund. Die Haarkappe setzt sich aus fein ziselierten Haarsträhnen zusammen, die ausgehend von einem imaginären Punkt am Hinterkopf in langen Wellen nach vorne in die Stirn fallen. Das Ohr bleibt unbedeckt. Die Haarsträhnen umgeben die Stirn in einem Halbkreis. Das bartlose Gesicht zeigt kaum Bewegung, die Gesichtskontur entspricht dem klassischen Bildschema. Die Legende „D N IVLIANVS NOB CAVS“ (Dominus Noster Iulianus Nobilissimus Caesar - unser Herr Iulianus, der vornehmste Caesar) ist im Stil der Zeit gehalten, wobei der Schreibfehler „CAVS“ anstatt „CAES“ ins Auge fällt. Auf dem Revers sehen wir die zwei Personifikationen der Hauptstädte des Imperiums abgebildet: links thront Roma mit einem langen Speer in ihrer linken Hand und Helm auf dem Kopf, rechts Constantinopolis mit Zepter im linken Arm und einer wohl mit kleinen Türmchen versehenen Mauerkrone als Kopfbedeckung. Ihren rechten Fuß setzt Constantinopolis auf einen Schiffsbug als Zeichen ihrer Seemacht. Beide Personifikationen halten mit ihren rechten Händen einen Rundschild,
dessen Rand mit einem Lorbeerkranz verziert ist und in dessen Mitte sich ein achtstrahliger Stern befindet. Die Umschrift dazu lautet „GLORIA REI PVBLICAE“ (der Ruhm des Staates). Im Abschnitt können wir noch die „Signatur“ „SMAN“ für die Münzstätte Antiochia lesen, das „Z“ steht für die zuständige Officina (Werkstatt) der Prägestätte Antiochia.
Die militärischen Erfolge des Caesar Iulian scheinen dem Augustus Constantius II. ein Dorn im Auge gewesen zu sein. Um Iulians Position zu schwächen, aber sicherlich auch aufgrund des Mangels an eigenen Truppen, befahl Constantius II. dem Iulian, einen Großteil seiner Truppen dem Constantius II. für dessen Feldzug gegen die Perser abzugeben. Dieser Befehl führte dann letztendlich zur Meuterei der Einheiten, die den weiten Marsch vom Rhein und der Donau hin nach Persien nicht unternehmen wollten.
Abb. 2: Sol, 361 - 363, Antiochia, RIC VIII Ant. Nr. 195
Bildquelle: https://ikmk.smb.museum/object?id=18233259
Der Solidus in Abb. 2 wird ebenfalls in Antiochia geprägt, jetzt allerdings bereits während der Alleinherrschaft des Iulian. Das Münzporträt dieses Solidus steht im krassen Gegensatz zu dem in Abb. 1. Die Kopfform wirkt nunmehr eher rundlich, die Haarkappe ist nahezu unverändert, doch trägt der Kaiser jetzt ein breites, reich verziertes Diadem als Zeichen seiner Würde. Ganz markant ist der Vollbart, der sich aus kurzen Strähnen zusammensetzt, wobei diese Strähnen teilweise wirr durcheinander gehen, wodurch der Bart etwas „ungepflegt“ wirkt. Hinsichtlich seines Bartes lassen wir Iulian selbst zu Wort kommen (Iulian, Misopogon; übers. H. J. Lasius 1770):
„Von meinem Angesicht will ich den Anfang machen. Die Natur hat dieses meiner Meinung nach nicht sehr schön, anständig und lieblich gebildet, und ich habe demselben noch, durch meine verdrießliche und mürrische Gemütsart bewogen, zur Strafe diesen langen Bart angesetzt, aus einer anderen Ursache, so wie es scheint, als weil jenes nicht von Natur schön ist. Ich leide also, dass in meinem Bart Läuse herumlaufen [ …]. Auch darf ich nicht mit großer Begierde essen und trinken [ … ], weil ich mich hüten muss, dass ich nicht, ohne es selbst zu merken, mit dem Brot meine Haare verschlingen möge. [ …. ]
Denn ich selbst gebe dadurch dazu die Gelegenheit, dass ich ein Kinn habe wie die Böcke.“
Durch den Bart wirkt der Dargestellte deutlich älter als auf dem Solidus in Abb. 1. Die Averslegende „FL CL IVLIANVS PP AVG“ (Flavius Claudius Iulianus Pater Patriae Augustus) nennt den vollen Namen des Kaisers und den Titel „Vater des Vaterlandes“. Die Rückseite unseres Solidus zeigt ein in der Spätantike häufig verwendetes Motiv: ein nach rechts schreitender Soldat, der über seiner linken Schulter ein Siegeszeichen, ein Tropaeum, trägt, zieht mit seiner rechten Hand einen am Boden knienden Gefangenen hinter sich her. Der Blick des Soldaten geht in Richtung des Gefangenen. Dazu passt die Reversumschrift „VIRTVS EXERCITVS ROMANORVM“ (die Tüchtigkeit / Tapferkeit des Heeres der
Römer), sie ergänzt das Bild und bezieht sich auf das siegreiche römische Heer. Das Kürzel „ANT Z“ im Abschnitt bezieht sich wieder auf die Münzstätte Antiochia bzw. auf die entsprechende Officina.
Abb. 3: 9 Sil (AV), 361 - 363, Antiochia, RIC VIII Ant. Nr. 208
Bildquelle: https://ikmk.smb.museum/object?id=18268160
Auch unser nächstes Münzbeispiel, eine Goldmünze im Wert von 9 Siliquen, stammt aus der Münzstätte Antiochia. Das Münzporträt entspricht in seinen Grundzügen dem der vorherigen Münze, allerdings wirkt der stilistische Ausführung sehr grob. Hals und Kopf besitzen dieselbe Dicke, so dass der Eindruck entsteht, der Kopf sitze direkt auf den Schultern. Die Binnenstruktur des Bartes lässt diesen noch „verwahrloster“ erscheinen als bei dem vorherigen Münzporträt. Die Legende „IVLIANVS AVG“ ist sehr kurz gehalten. Auf der Rückseite ist eine auf einem Waffenhaufen nach rechts hin sitzende Victoria dargestellt. Rechts vor ihr steht ein nackter, geflügelter Genius. Victoria und Genius halten mit ihren Händen ein großes Rundschild, auf dem in zwei Zeilen „VOT / XX“ (Vota / Gelübde zum zwanzigjährigen Regierungsjubiläum) geschrieben steht. Die Umschrift „VICTORIA ROMANORVM“ (die Siegesgöttin / der Sieg der Römer) bezieht sich zum einen auf die abgebildete Siegesgöttin, zum anderen verweist sie darauf, dass die Siege bzw. die Sieghaftigkeit der Römer wesentliche Grundlagen für ein „ersehntes“ zwanzigjähriges Regierungsjubiläum sind. Im Abschnitt findet sich wieder das Kürzel für die Prägestätte Antiochia.
Abb. 4: Sil, 361 - 363, Antiochia, RIC VIII Ant. Nr. 212
Bildquelle: https://ikmk.smb.museum/object?id=18270973
Eine dem Schild auf dem Revers der Abb. 3 ähnliche Darstellung finden wir auf der Rückseite der Siliqua in Abb. 4. Innerhalb eines Lorbeerkranzes, der oben von einem Medaillon zusammengehalten wird, befindet sich eine vierzeilige Inschrift, die diejenige auf der vorherigen Münze ergänzt: „VOTIS / X / MVLTIS / XX“ (für die erfüllten Gelübde zum zehnjährigen Regierungsjubiläum und für viele zukünftige Gelübde zum zwanzigsten Regierungsjubiläum). Ironischerweise erreichte Iulian weder zehn noch zwanzig Regierungsjahre, sondern nur knappe zwei. Die Botschaft, die hinter der Aussage des Münzbildes steckte, lautete sicherlich, dass der Kaiser für beide Zeitspannen die dementsprechenden Voraussetzungen in Form der Vota getroffen hat. Beim Aversbild unserer Siliqua hat man den
Eindruck, dass hier ein alter Mann abgebildet ist, wobei dieser Eindruck nicht nur durch die Form der Haarkappe und des Bartes sowie durch die Gesichtsmodellierung entsteht, sondern auch durch die Abnutzung der Münzoberfläche. Neu bei der Umschrift sind die Buchstaben „PF“ (Pius Felix - der pflichtbewusste und der glückliche).
Abb. 5: AE 1, 361 - 363, Antiochia, RIC VIII Ant. Nr. 216
Bildquelle: https://ikmk.uni-freiburg.de/object?id=ID8986
Ein sehr schönes Münzporträt des Iulian zeigt sich auf der AE-Münze in Abb. 5. Haar- und Bartsträhnen sind fein ausformuliert. Betont werden Mund, Nase, Auge und die scharfkantige Augenbraue. Die Gesichtskontur entspricht hier dem klassischen Profil. Die Umschrift der Vorderseite bietet nichts Neues. Neu dagegen ist das Rückseitenbild mit einem mächtigen, nach rechts hin stehenden Stier, über dessen Hals und Kopf sich zwei Sterne befinden. Am Halsansatz, quasi auf Schulterhöhe, sehen wir noch eine kleine Rosette, die sich aus sechs Punkten um einen Innenpunkt zusammensetzt. Die Bedeutung des Stieres ist in der Forschung nach wie vor umstritten. Handelt es sich lediglich um einen „einfachen“ Opferstier, um einen Hinweis auf das Stieropfer im Mithraskult, um den Apisstier oder um das Symbol für das Sternzeichen „Stier“? Für die letztere Interpretation würden zumindest die beiden Sterne sprechen. Die Legende „SECVRITAS REI PVB“ (Securitas Rei Publicae - die Sicherheit des Staates) weist darauf hin, dass der Kaiser Iulian durch seine Rückkehr zu den alten Göttern die Sicherheit des Staates gewährleistet. Dies war umso wichtiger, da der Zustand des Imperiums im Osten, gerade auch was den Konflikt mit dem Perserreich betraf, sehr fragil war. Im Abschnitt können wir wieder das Münzstättenkürzel für Antiochia lesen sowie ein Δ für die ausführende Officina.
Unmittelbar nach der Machtübernahme als Alleinherrscher versuchte Iulian, das Christentum immer weiter zu verdrängen und quasi eine heidnische Kirche einzuführen. Diese Versuche endeten jedoch mit dem Tod Iulians. Am 5. März 363 brach Iulian mit seinem Heer zu einem groß angelegten Feldzug gegen die Perser auf. Nach einem erfolgreichen Vormarsch bis nach Ktesiphon musste Iulian aufgrund der prekären Versorgungslage des Heeres den Rückzug antreten. Auf dem Rückzug wurde Iulian bei einem Gefecht durch einen Speer tödlich verwundet. In der Nacht vom 26. auf den 27. Juni 363 starb Iulian. Zunächst wurde er in Tarsos beerdigt. Gegen Ende des 4. Jahrhunderts wurde dann sein Leichnam in die Apostelkirche in Konstantinopel überführt. Somit wurde der „letzte heidnische“ Kaiser in einer der bedeutendsten christlichen Kirchen zur letzten Ruhe gebettet. Mit Iulian endete die konstantinische Dynastie.
Horst Herzog




Kommentare