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Pescennius Niger im Spiegel seiner Münzen

Pescennius Niger (ca. 135/140 - 194)

Marmor (2. Jahrhundert), Kapitolinisches Museum, Rom

Bildquelle: Flickr, Rodney


Nachdem am 28. März 193 der nur knapp drei Monate regierende Pertinax von meuternden Prätorianern ermordet worden war, kam es in Rom bzw. im römischen Reich - ähnlich wie nach der Ermordung des Nero - zu einem heftigen Kampf um den Kaiserthron, aus dem schließlich Septimius Severus als Sieger hervorging. Doch war zunächst auch dessen Machtposition nicht unumstritten. Denn in Britannien rebellierte der Statthalter Clodius Albinus gegen den amtierenden Kaiser. In der Provinz Syria wurde der dortige Statthalter Pescennius Niger von seinen Truppen in Antiochia um die Mitte April 193 zum Augustus ausgerufen. Biografische Daten zu Pescennius Niger sind spärlich und beruhen zumeist auf Angaben aus seiner nicht allzu vertrauenswürdigen Vita in der Historia Augusta. Wahrscheinlich ist Pescennius Niger zwischen 135 und 140 geboren, eventuell in Aquinum. Wohl dem Ritterstand entstammend, machte er beim Militär Karriere. Ab 191 war er Statthalter in der Provinz Syria und dementsprechend auch Kommandeur über die dort stationierten Legionen. Mitte 193 wurde der Usurpator vom römischen Senat zum Staatsfeind, zum „hostis“, erklärt. Nachdem Septimius Severus durch seine „Anerkennung“ der Position des Clodius Albinus den Westen des Imperiums ruhig gestellt hatte, war der Weg frei, gegen Pescennius Niger zu Felde zu ziehen. In Folge kam es zu mehreren Schlachten zwischen den Heeren des Septimius Severus und des Pescennius Niger, die der letztere stets verlor, und die dessen Machtbasis dahinschmelzen ließen. Nach dem letzten Treffen beider Heere bei Issos Ende März 194 floh Pescennius Niger zunächst nach Antiochia, in dessen Nähe er ein Monat später gefangen genommen und hingerichtet wurde. Wie bei besiegten Usurpatoren üblich, verfiel Pescennius Niger der „damnatio memoriae“.


Abb. 1 Tetradrachme, Antiochia, 193/194, RPC V.3 ID 84201


Ein sehr schönes Porträt des Pescennius Niger findet sich auf der 193/194 in Antiochia geprägten Tetradrachme Abb. 1. Abgebildet ist ein älterer Mann mit Kurzhaarfrisur und einem langen, zeittypischen Vollbart. Das Alter des Dargestellten wird unterstrichen durch die Falten der Stirn und die tief eingegrabene Nasolabialfalte. Auffallend sind das übergroße Auge und die eher runde Nasenspitze. Die griechische Legende „ΑΥΤΟΚ ΚΑΙCΑP Γ ΠΕCKΕ ΝΙΓΡω (Autokrator Kaisar Gaios Pescennios Nigros - Imperator Caesar Gaius Pesennius Niger) ist im Dativ gehalten und bedeutet, dass die Tetradrachme von der Stadt Antiochia für Pescennius Niger geprägt wurde. Auf dem Revers ist ein Adler mit weit ausgebreiteten Schwingen und mit nach links gerichtetem Kopf abgebildet. In seinen Fängen hält der Adler einen Palmzweig. Das Bild des Adlers ist typisch für die späteren kaiserzeitlichen Provinzialprägungen von Antiochia. Die Reverslegende „ΠPONOIA ΘΕωN“ (Pronoia Theon) entspricht dem lateinischen „providentia deorum“, der Vorsorge der Götter. Das Bild des Adlers, der sowohl als Symbol des Göttervaters Jupiter wie auch als Zeichen der Macht Roms steht, in Verbindung mit der Umschrift, die die Legitimation des „Kaisers“ durch die Götter verdeutlicht, haben demnach einen eindeutigen Aussagewert: Pescennius Niger ist der gottgewollte Herrscher!


Abb. 2 D, Antiochia, 193/194, RIC IV-1 Nr. 13b


Die unter Pescennius Niger geprägten römischen Münzen werden alle in Antiochia, der Hauptstadt der Provinz Syria geprägt. Es handelt sich hierbei ausschließlich um Edelmetallprägungen. Auffallend bei diesen sind die für offizielle römische Münzen teilweise ungewöhnlichen Legenden. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Denar Abb. 2. Auf dessen Avers sehen wir den nach rechts gerichteten Kopf des Pescennius Niger mit Lorbeerkranz. Die Umschrift dazu lautet „IMP CAES C PESC NIGER IVST AV“ (Imperator Caesar Caius Pescennius Niger Iustus Augustus - …… der Gerechte …). Ungewöhnlich ist der mit den Buchstaben „AV“ abgekürzte Titel Augustus, der üblicherweise mit „AVG“ abgekürzt wird. Auf der Rückseite sind zwei sich kreuzende Füllhörner dargestellt. Diese stehen symbolisch für die durch die Herrschaft des Pescennius Niger geförderte Fruchtbarkeit, für den dadurch erzeugten Überfluss und Reichtum. Unterstrichen wird diese Symbolik durch die Legende „FELICIA TEMPORA“ (die glücklichen Zeiten). Wobei auch diese Wortwahl für römische Prägungen ungewöhnlich ist, denn meist lautet die dementsprechende Umschrift „FELICITAS TEMPORVM“.


Abb. 3 D, Antiochia, 193/194, RIC IV-1 Nr. 19 var.


Bei dem Denar Abb. 3 ist die Averslegende nunmehr „regelkonform“, d.h. die Abkürzung für „Augustus“ lautet jetzt „AVG“. Ansonsten entspricht die Umschrift derjenigen des Denars Abb. 2. Der nach rechts gerichtete Kopf des Pescennius Niger zeigt die gleichen Merkmale wie das eingangs beschriebene Porträt der Tetradrachme. Auf der Münzrückseite sind drei Vexilla, Truppenfahnen, abgebildet. Deren mittlere trägt ein Rundschild mit der dreizeiligen Aufschrift „VIC AVG“ (Victoria Augusti - der Sieg des Kaisers). Ergänzt wird das Münzbild durch die Legende „FIDEI EXERCITVI“ (für die Treue zum Nutzen des

Heeres oder „sinnigerweise“ für die Treue des Heeres). Auch diese Legende ist ungewöhnlich, da beide Substantive im Dativ stehen. Die „normale“ Formulierung wäre „FIDEI EXERCITVS“. Die Treue des Militärs war für den Usurpator Pescennius Niger von existenzieller Bedeutung, war er doch dem Wohlwollen der Soldaten auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.


Abb. 4 D, Antiochia, 193/194, RIC IV-1 Nr. 55


Der Denar Abb. 4 zeigt auf seinem Avers den nach rechts gerichteten Kopf des Pescennius Niger mit Lorbeerkranz. Die Ausführung des Münzporträts ist sehr grob, insbesondere Nase und Mundbereich sind im Vergleich zum restlichen Kopf überproportional dargestellt. Die Legende „ IMP CAES C PESCFN NIGFR IVST AVG“ weist zwei „Flüchtigkeitsfehler“ auf: beim Kaisernamen wurde zweimal das „E“ durch ein „F“ ersetzt. Auf dem Revers ist der Kriegsgott Mars abgebildet. Dieser steht nach links gerichtet. Bekleidet ist er mit Helm und Rüstung. Auf seiner vorgestreckten rechten Hand hält Mars eine kleine Victoria mit Kranz, mit der Linken stützt sich der Kriegsgott auf eine lange, am Boden aufstehende Lanze. Die Umschrift „MARTI VICTORI“ (dem siegreichen Mars) entspricht der Reversdarstellung. Die Betonung der Sieghaftigkeit des Kaiser durch die Unterstützung des Kriegsgottes entspricht ganz und gar der Zielsetzung eines Usurpators.


Abb. 5 D, Antiochia, 193/194, RIC IV-1 Nr. 68


Die Vorderseite des Denars Abb. 5 bietet hinsichtlich des Porträts nichts Neues. Die Legende „IMP CAES PESCE NIGER IVST“ ist relativ kurz gehalten, es fehlen das Praenomen „C“ und der Titel „AVG“. auf dem Revers ist Pescennius Niger beim Opfer dargestellt. Der mit der Toga bekleidete Kaiser hat, wie beim Opfer üblich, einen Teil der Toga über den Hinterkopf gezogen. Diese bei rituellen Handlungen übliche Tracht nennt man „capite velato“ - mit verhülltem Haupt. In seiner vorgestreckten rechten Hand hält Pescennius Niger eine Schale, aus der er über einen links vor ihm stehenden, brennenden Rundaltar das Opfer darbringt. Die dazugehörende Umschrift „PIETATI AVG“ (der Frömmigkeit des Kaisers) unterstreicht nochmals das Münzbild und hebt die Pietas des Kaisers deutlich hervor. Wobei der Begriff „Pietas“ nicht nur Frömmigkeit bedeutet, wie das Münzbild zunächst impliziert, sondern auch das Pflichtbewusstsein und die Pflichterfüllung gegenüber der Familie und beim Kaiser gegenüber allen Untergebenen.

Abb. 6 D, Antiochia, 193/194, RIC IV-1 Nr. 70b var.


Die Averslegende des Denars Abb. 6 entspricht dem gewohnten Muster. Das Münzporträt hebt die Alterszüge des Pescennius Niger sehr schön hervor. Die Gesichtskontur ist in die Länge gezogen, wie wir es ähnlich von Münzporträts des Marcus Aurelius, des Lucius Verus und des Commodus her kennen. Auf der Rückseite ist die nach links hin sitzende Roma, die Personifikation der Stadt Rom, abgebildet. Auf ihrer vorgestreckten rechten Hand hält Roma eine kleine Victoria mit Kranz, die linke Hand stützt sich auf eine Lanze. Dieses Romabild ist eine auf römischen Prägungen übliche Darstellung. Dem entspricht auch die Legende „ROMAE AETERNAE“ (dem ewigen Rom bzw. der immerwährenden Roma). Die Bekenntnis zu Rom, dem Zentrum der römischen Macht, war für jeden angehenden Herrscher extrem wichtig, denn ohne Zustimmung Roms, sprich des Senats und des römischen Volkes, war jede Usurpation letztendlich zum Scheitern verurteilt. Unsere wenigen Beispiele belegen deutlich, dass die Kernaussagen der unter Pescennius Niger geprägten Münzen, abgesehen von den mit Fehlern behafteten Legenden, ganz im

traditionellen Rahmen bleiben. Wie bei allen seinen Vorgängern werden mit Felicitas, Pietas, Fides und der Sieghaftigkeit des Kaisers all die Schlagworte hervorgehoben, die zur Legitimation und damit zum Machterhalt des Herrschenden dienten.


Horst Herzog

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