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Hadrian und die „disciplina“ des Heeres

Während Hadrians Vorgänger Traian in seiner Regierungszeit durch viele Feldzüge und Eroberungen glänzte und dem römischen Reich zu seiner weitesten Ausdehnung verhalf, ist uns Hadrian eher als „Reisekaiser“ und „Griechenfreund“ bekannt. Nichtsdestotrotz hat auch Hadrian Kriege geführt, so z. B. die langwierige Niederschlagung des Bar Kochba Aufstandes in den Jahren 132 bis 136, und er visitierte während seiner Provinzbesuche die dort stationierten Truppenteile, auch um deren Einsatzfähigkeiten zu kontrollieren. Zudem hatte Hadrian ein ganz besonderes Verhältnis zum Militär. Diesem Verhältnis widmet der im 3. Jahrhundert schreibende römische Historiker Cassius Dio in seiner Römischen Geschichte eine längere Passage, die hier zitiert werden soll (Cass. Dio 69.9.1 ff.; übers. v. O. Veh):


Hadrian durchreiste eine Provinz nach der anderen, wobei er die einzelnen Länder und Städte aufsuchte und alle Garnisonen und Festungen besichtigte. [….] Hierbei nahm er alles und jedes in Augenschein und überprüfte nicht nur die allgemeinen Ausstattungen der Lager wie Waffen, Maschinen, Gräben, Wälle und Palisaden, sondern auch die persönlichen Dinge eines jeden Einzelnen, sowohl der in der Truppe dienenden Mannschaften als auch der Offiziere selbst, als da sind Lebensweisen, Quartiere und Sitten. Und in vielen Fällen änderte und verbesserte er ihre Lebensgewohnheiten und Einrichtungen, die allzu üppig geworden waren. Er exerzierte die Leute in jeder Kampfesweise, zeichnete die einen aus, tadelte die anderen und unterwies alle in den nötigen Aufgaben. Und damit sie aus seinem persönlichem Vorbild Nutzen zögen, führte er allenthalben eine harte Lebensweise, legte sämtliche Strecken zu Fuß oder zu Pferd zurück und bestieg in dieser Zeit weder ein leichtes Gefährt noch einen vierrädrigen Wagen. Er bedeckte auch weder bei Hitze noch bei Kälte sein Haupt, sondern ging sowohl in den Schneemassen Germaniens wie unter der Sonnenglut Ägyptens gleichermaßen barhäuptig einher. Kurz gesagt, durch sein Beispiel wie durch seine Anweisungen drillte und erzog er so die gesamte Wehrmacht über das ganze Reich hin …..“


Hadrians besonderes Augenmerk galt der Disziplin der verschiedenen Truppenteile, seien es reguläre Legionssoldaten oder Angehörige der Auxiliareinheiten; wobei unter dem Begriff „disciplina“ sicherlich nicht nur „Zucht und Ordnung“, sondern auch der Ausbildungsstand und die Leistungsfähigkeit der Truppe zu verstehen sind.

Abb. 1 AV, ca 130 - 133, Rom, RIC II-32 Nr. 1587


Auf die Disziplin der Truppen bezieht sich eine unter Hadrian in Rom geprägte Münzserie, zu der der Aureus Abb. 1 gehört. Auf dem Avers dieses Aureus sehen wir den nach rechts gerichteten, barhäuptigen Kopf Hadrians. Die Legende „HADRIANVS AVG COS III P P (Hadrianus Augustus Consul III Pater Patriae) ist ganz und gar unspektakulär. Einzigartig in der kaiserzeitlichen Münzprägung ist dagegen die zweizeilige Reversinschrift „DISCIPLINA AVG (Disciplina Augusti) im Abschnitt. Abgebildet sind vier nach rechts marschierende Personen, von denen die vordere, ganz rechte als Hadrian zu identifizieren ist. Hadrian unterscheidet sich von den ihm folgenden drei Soldaten, bei denen es sich um Signifer, Standartenträger, handelt, deutlich durch seine Größe und durch seine Kleidung. In seiner linken Hand hält der Kaiser eine Schriftrolle. Die Signifer tragen, soweit erkennbar, ihr Feldzeichen auf der linken Schulter und als Kopfbedeckung die für sie typische „Raubtiermaske“.



Abb. 2 S, 134 - 138, Rom, RIC II-32 Nr. 1913


Zu der eben angesprochenen Münzserie gehört auch der Sesterz Abb. 2. Während die Averslegende gegenüber dem Aureus Abb. 1 unverändert bleibt, ist jetzt die nach rechts gerichtete drapierte Büste Hadrians abgebildet. Auf dem Revers findet sich wieder die zweizeilige Inschrift „DISCIPLINA AVG“ im Abschnitt. Die nach rechts schreitende Soldatengruppe besteht jetzt aus einem Offizier ohne Kopfbedeckung und vier Signifer mit der für sie typischen Kopfbedeckung. Die ersten drei Signifer tragen über ihrer linken Schulter jeweils ein Feldzeichen, der letzte hält ein Vexillum, eine Fahne. Hadrian führt die Gruppe an, auch hier ist der Kaiser wieder deutlich größer dargestellt als die Soldaten. Wie auf dem Aureus hält Hadrian wieder eine Schriftrolle in der Hand.


Wie eingangs bereits erwähnt bereiste Hadrian die Provinzen des Imperiums. Diese Reisetätigkeit fand ihren Niederschlag in den sogenannten „Reiseerinnerungsmünzen“. Zu diesen gehört auch eine umfangreiche Serie mit adlocutio-Szenen, dem sogenannten „Exercitus-Typ“. Die dort abgebildeten kaiserlichen Ansprachen richteten sich an das jeweilige in einer Provinz stationierte Heer. Die im Münzbild und auf historischen römischen Reliefs dargestellten Ansprachen fanden auch tatsächlich statt. Gerade von Hadrian, und nur von Hadrian, ist eine solche Adlocutio, wenn auch nur bruchstückhaft, als Inschrift erhalten (CIL VIII 18042). Diese im nordafrikanischen Lambaesis gefundene Inschrift bezieht sich auf die Ansprache Hadrians an die Soldaten der legio III Augusta und deren Hilfstruppen im Jahr 128. In seiner „adlocutio“ lobt Hadrian die Soldaten für ihre Einsatzbereitschaft, ihre Schnelligkeit in der Umsetzung von Befehlen, ihre Leistungsfähigkeit und natürlich ihre Disziplin.


Im Folgenden betrachten wir einige Beispiele dieser Adlocutio-Prägungen Hadrians. Der Sesterz Abb. 3 bietet hinsichtlich der Averslegende nichts Neues; im Gegensatz zu den bisher besprochenen Prägungen trägt Hadrian jetzt einen Lorbeerkranz. Die Reversinschrift im Abschnitt „EXERC DACICVS“ (Exercitus Dacicus - das dakische Heer) nimmt Bezug auf den Adressat der Ansprache. Hadrian, jetzt fast doppelt so groß dargestellt wie die vor ihm stehenden Soldaten, steht auf einem rechteckigen Podest. Bekleidet ist der Kaiser mit Rüstung und Paludamentum, seine rechte Hand hat Hadrian im „adlocutio-Gestus“ erhoben. Vor Hadrian steht zunächst ein Liktor mit Beil innerhalb des Rutenbündels, das er auf seiner rechten Schulter trägt. Der Liktor hat die gleiche Blickrichtung wie der Kaiser hin zu der Gruppe der Standartenträger. Diese beginnt mit einem Aquilifer, dem „Adlerträger“, sprich dem Träger des Legionsadlers. Dahinter steht ein Signifer mit einem „normalen“ Feldzeichen. Ihm folgt der Träger eines Vexillums. Dieser besitzt als Kopfbedeckung einen Militärhelm, während Signifer und Aquilifer wieder die für sie typischen „Raubtiermasken“ tragen. Links und rechts im Feld ist noch die Buchstabenkombination

SC zu lesen.


Abb. 3 S, 134 - 138, Rom, RIC II-32 Nr. 1929



Abb. 4 S, 134 - 138, Rom, RIC II-32 Nr. 1942


Die adlocutio auf dem Sesterz Abb. 4 richtet sich an „EXERCIT MAVRETANICVS“, an die in der Provinz Mauretania, dem heutigen Marokko und Algerien, stationierte Armee. Das Bildschema ist jetzt etwas anders. Hadrian sitzt auf einem nach rechts hin schreitenden Pferd. Dieses hat den rechten Vorderhuf angehoben, die restlichen drei Beine stehen fest auf dem Boden. Dieses Stand-Schreit-Schema kennen wir von Reiterstandbildern. Der barhäuptige Kaiser hat seine Rechte im „adlocutio-Gestus“ erhoben. Die Ansprache gilt drei Standartenträgern im rechten Bildfeld. Die beiden Vorderen tragen jeweils ein Feldzeichen, der Hinterste hält ein Vexillum. Alle drei Soldaten sind mit der herkömmlichen Rüstung bekleidet, ihre Kopfbedeckung ist jetzt der Helm.


Die Abbildung auf dem Revers des Sesterz Abb. 5 gleicht auf den ersten Blick der des Sesterz Abb. 3. Bei genauerem Hinsehen sind jedoch deutliche Unterschiede festzustellen: Der auf dem Podest stehende übergroße Hadrian hat seine rechte Hand wieder im „adlocutio-Gestus“ erhoben. Hinter dem Kaiser steht - ebenfalls auf dem Podium - ein Offizier, wobei dieser deutlich kleiner dargestellt ist als Hadrian. Vor dem Podest steht wie bei dem Sesterz Abb. 3 ein Liktor. Die Soldatengruppe ist jetzt lockerer angeordnet, nicht mehr so statisch aufgereiht wie bei den bisherigen Beispielen. Es sind mehrere Standarten und ihre Träger abgebildet, unter anderem auch ein Aquila, ein Legionsadler, obwohl

in der Provinz Noricum, an deren „Armee“ sich gemäß der Legende „EXERC NORICVS“ die adlocutio richtet, keine Legion stationiert war. Am äußersten linken Rand des Bildfeldes ist mit viel Phantasie der Vorderteil eines Pferdes zu erkennen, das von einem Soldaten gehalten wird.



Abb. 5, S, 134 - 138, Rom, RIC II-32 Nr. 1948



Abb. 6 S, 134 - 138, Rom, RIC II-32 Nr. 1950


Auch bei unserem letzten Beispiel, dem Sesterz Abb. 6, sehen wir auf dem Revers eine Variation desselben Themas. Links steht Hadrian auf einem niedrigen Podest, die Rechte im „adlocutio-Gestus“ erhoben, in der Linken hält der Kaiser die gewohnte Schriftrolle. Seine Ansprache richtet sich jetzt an das Exercitus Raeticus, die in Rätien stationierten Truppenteile. Vor dem Kaiser stehen drei Vexillum-Träger, die jetzt auch mit Schilden ausgestattet sind. Ihre Kopfbedeckung ist wiederum die für Standartenträger typische. Wie die wenigen Münzbeispiele eindrucksvoll nahelegen, nahm für Hadrian die „disciplina“ des Heeres einen sehr hohen Stellenwert ein. Diese war entscheidend für die Sicherung der Grenzen und der damit eng verbundenen Sicherung des Friedens sowohl innerhalb des Imperiums als auch gegenüber den benachbarten Staaten. Durch seine oben zitierte Nähe zur Truppe und durch seine Kontrolle der Ausbildungsstandards der verschiedenen Einheiten versuchte Hadrian, die „disciplina“ aufrechtzuerhalten, was während langer Friedensphasen sicherlich nicht einfach war.


Horst Herzog

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