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Sächsische Numismatische Gesellschaft: Interview mit Heiko Ziesch

Autorenbild: Dietmar Kreutzer
Dietmar Kreutzer
vor 12 Minuten
6 Min. Lesezeit

In Sachsen gibt es zahlreiche numismatische Vereine, die über den Dachverband der Sächsische Numismatische Gesellschaft organisiert sind. Münzen-Online hat sich mit Heiko Ziesch, dem Präsidenten der Gesellschaft, über die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in Sachsen und die Perspektiven der im Verein gelebten Numismatik unterhalten.


Heiko Ziesch

Foto: Dietmar Kreutzer


Münzen-Online: Wie kommt es, dass in Sachsen so viel passiert in Sachen Numismatik, dass es so viele Aktive gibt?


Heiko Ziesch: Das führe ich darauf zurück, dass es uns gelungen ist, die organisierte Numismatik über die Wendezeit hinweg zu retten. In den drei sächsischen Bezirken, ehemals Karl-Marx-Stadt, Leipzig und Dresden, gab es eine blühende Vereinskultur. Viele von den Vereinen sind zwar weggebrochen, aber etwa 20 Vereine gibt es noch. In ihnen führen wir das Vereinsleben weiter.  Die Sächsische Numismatische Gesellschaft hilft da Brücken zu bauen, so dass die Vereine ein regelmäßiges Angebot für Vorträge haben. Wir fordern die Jahresveranstaltungspläne für unsere „Termine Numismatik Sachsen“ an, tauschen beispielsweise auch Referenten aus. Die gehen also auch in andere Vereine. Insofern denke ich, dass die Sächsische Numismatische Gesellschaft auch mit den durch sie organisierten Veranstaltungen einen Beitrag leistet, dass das Vereinsleben erhalten bleibt. Außerhalb von Sachsen gibt es auch viele Sammler, nur sind die seltener in Vereinen organisiert. Im Norden, also nördlich von Berlin, steht es deutlich schlechter um die numismatische Vereinskultur.


Münzen-Online: In Sachsen war die Numismatik also schon früher ein ganz großes Thema?


Heiko Ziesch: Vor der Wende war sie eigentlich in allen 16 Bezirken der DDR schon ein Thema. Wenn man im Verein war, bekam man die Möglichkeit, die silbernen Gedenkmünzen der DDR relativ kostengünstig zu kaufen. Ansonsten bekam man die in der Regel nur im Intershop für Westgeld. Wer im Verein war, hatte die Chance, so eine Münze zu bekommen. Wobei die Münzen nicht für alle Mitglieder im Verein reichten, sie waren ja limitiert. Viele Vereine führten daher ein Punktesystem ein: Wer viel machte, viel organisierte, viele Ausstellung vorbereitete, bekam dann auch regelmäßig die Gedenkmünze der DDR. Das waren Silbermünzen, von denen die Zehn-Mark-Stücke im Intershop 46 Westmark kosteten und die 20-Mark-Stücke sogar 64 Mark. Schon deshalb hatten die Vereine einen großen Zulauf. In der Zeit dieser Massenbewegung hatte der Verein in Dresden etwa 250 Mitglieder. Spaßeshalberkann man sagen, dass jeder seine Oma und seine Kinder mit angemeldet hat. Davon ist etwas verblieben und das haben wir jetzt über die Zeit gerettet. 


Münzen-Online: Wie haben Sie die Wendezeit erlebt? War das auch für die Numismatik eine große Befreiung oder gelangten Sie danach eher an einen Tiefpunkt?


Heiko Ziesch: Es war eine Befreiung, was die Verkaufspreise betraf, was die Zugänglichkeit zu Münzen und Medaillen betraf oder überhaupt zu numismatischem Material. Aber die Jahre nach der Wende waren zugleich durch einen Niedergang gekennzeichnet. Den Antrieb, wegen der Gedenkmünzen in die Vereine zu kommen, gab es nicht mehr. Der Exodus aus den Vereinen hat dem Vereinsleben geschadet. Plötzlich passierte viel weniger, weniger Ausstellungen, seltener eine Exkursion und so weiter. Die Aktivität gingen zurück.


Münzen-Online: Fünfunddreißig Jahre später verzeichnen Sie doch wieder erstaunliche Aktivitäten in den Vereinen. Wie kam es dazu?

 

Heiko Ziesch: Wir wollen natürlich, dass die Vereine am Leben bleiben. Dafür müssen wir aktiv werden, nach außen wirken. Dass die Leute wissen, es gibt sie, die numismatischen Vereine. Wir versuchen, die Vereine zu motivieren, Vorträge zu organisieren zu ihren Vereinsabenden, auch Münzbörsen durchzuführen, damit sie im Gespräch bleiben. So können sie sich erneuern, auch neue Mitglieder anwerben. Darüber hinaus kümmern wir uns regelmäßig um Medaillenprägungen zu bestimmten Anlässen. Wir als Sächsische Numismatische Gesellschaft nutzen den Tag der Sachsen, ein großes Volksfest, zu dem wir große Medaillen ausgegeben. Die werden in der jeweiligen Stadt vertrieben, die das Fest ausrichtet. Darüber hinaus gibt es kleine Medaillen, die sogenannten Sachsentag-Groschen. Sie werden während des Festumzuges unter das Volk geworfen. Von diesen Projekten profitieren wir nicht nur in der Wirkung auf die Öffentlichkeit, sondern auch finanziell.


Münzen-Online: Wie viele Vereine gibt es innerhalb der Sächsischen Numismatischen Gesellschaft?


Heiko Ziesch: Derzeit sind 20 Vereine bei uns organisiert. Allerdings werden es allmählich weniger. Wir unternehmen große Anstrengungen, dass wir die Vereine erhalten. Daher sind wir besonders enttäuscht, dass gerade in Leipzig und in Chemnitz die Vereine weggebrochen sind. Aus unserer Sicht gibt es gerade dort sehr viel Potenzial. Allerdings haben wir noch relativ viele aktive Vereine, sogar solche aus kleineren Orten wie Schönau-Berzdorf auf dem Eigen. Das ist ein ganz kleiner Ort, der viele Vereine hat und ein außerordentlich aktives Vereinsleben aufweist. Da gibt es eben auch einen numismatischen Verein. Ein solcher Verein steht und fällt mit dem Engagement des jeweiligen Vorsitzenden. Es muss sich jemand kümmern!


Münzen-Online: Bei größeren Städten gibt es eine hohe Dichte an Sammlern. In Leipzig und Chemnitz hat das den Vereinen nichts genützt?


Heiko Ziesch: Nein, da hat sich niemand gefunden, der das Zepter in die Hand nimmt. Das ist ein Problem. Das zweite Problem eines Vereins ist es, wenn man nichts „Bemerkenswertes“ macht, also nicht nach außen hin wirksam wird. Dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn der Verein keine jüngeren Leute anzieht und überaltert. Der Begriff der jungen Leute ist dabei relativ. Wir geben uns keinen Illusionen hin, dass wir Schüler in den Verein bekommen. Dass ist nicht die Option. Die müssen erst mal ihren Weg in ihrem Leben finden. Das geschieht in der Regel nicht über unseren Verein. Wir sind froh, wenn wir Sechzigjährige einfangen können! Mit der nötigen Aktivität gelingt es, die Zahl der Mitglieder stabil zu halten. 


Münzen-Online: Sie wohnen in Bischofswerda. Gibt es da auch einen Verein?


Heiko Ziesch: Der Verein in Bischofswerda, den ich leite, hat 15 Mitglieder. Das sind natürlich nicht so viele wie in Dresden, wo der Verein etwa 70 Mitglieder hat. Bei dieser Gelegenheit muss ich erklären, wie das bei uns in Sachsen mit den Vereinen läuft. Die Sächsische Numismatische Gesellschaft setzt sich aus Ortsvereinen zusammen. Die Vorsitzenden dieser Vereine sind Mitglied in der Gesellschaft. Darüber hinaus gibt es noch einige Einzelmitglieder. Deswegen haben wir in der Sächsischen Numismatischen Gesellschaft insgesamt nur etwa 40 Mitglieder. Darunter sind aber 20 Vorsitzende von Ortsvereinen. Das gibt es so in keinem anderen Bundesland. Wir wollen auf diese Weise das föderale Prinzip leben, wie wir es in der Bundesrepublik haben. Wir sind der Auffassung, es wäre schön, wenn es in jedem Bundesland eine numismatische Gesellschaft gäbe, die die Ortsvereine unter sich sammelt.


Münzen-Online: Wie war die Jahrestagung, die kürzlich stattgefunden hat?


Heiko Ziesch: Ein Erfolg, auf jeden Fall. Die von ihnen angesprochene Tagung wird vom Arbeitskreis Sächsische Münzkunde organisiert, der unter den „Fittichen“ der Sächsischen Numismatischen Gesellschaft arbeitet. Manchmal steuern wir einige Medaillen bei, als Präsent für die Referenten. Ansonsten läuft das ziemlich autark. So soll es auch sein. Wir wollen als Sächsische Numismatische Gesellschaft ja nicht irgendwie in die Einzelvereine oder die Arbeitskreise reinreden. Wir unterstützen und organisieren den Erfahrungsaustausch. Die Sitzungen des Präsidiums und die Tagungen des Arbeitskreises finden übrigens im Münzkabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden statt. Mit den dortigen Kollegen arbeiten wir gut zusammen. Ein Mitarbeiter ist bei uns im Vorstand. Insofern sind wir in einem guten Austausch. Wir haben auch gemeinsame Projekte, zum Beispiel aktuell ein drittes Werksverzeichnis von Peter-Götz Güttler, das wir herausbringen wollen. In den bisherigen zwei Verzeichnissen sind viele Medaillen und Kleinkunstwerke noch gar nicht erfasst.


Münzen-Online: Gibt es Beispiele für jüngere Leute, die an die Vereine herantreten? Wenn ja, was haben die für neue Sammelgebiete, mit denen sie sich einbringen?


Heiko Ziesch: Beispielsweise hat der Dresdner Verein immer mal wieder einige Studenten unter den neuen Mitgliedern. Die studieren Geschichte, besuchen die Vorlesungen und interessieren sich für Münzgeschichte. Es ist aber unrealistisch, davon auszugehen, dass alle in Dresden bleiben. Meistens sind sie später berufsmäßig ganz woanders gebunden. In den Vereinen wird meist zur regionalen Geschichte gesammelt. Außerhalb der Vereine merken wir, dass der Euro ein Thema ist. Der wird weiterhin gesammelt. Wir merken das immer, wenn wir auf dem Sachsentag unseren Stand haben und mit den Besuchern des Festes ins Gespräch kommen. Viele Leute legen sich die Zwei-Euro-Stücke oder verschiedene Nominale der Euro-Länder zurück. Sie suchen dann auch bewusst nach solchen Stücken. Es ist auch unsere Hoffnung, dass es auf diesem Wege über kurz oder lang wieder einen Zuwachs für die organisierte Sammlerschaft gibt.


Münzen-Online: Gibt es Projekte für die nächste Zeit?


Heiko Ziesch: Ja, freilich. Fangen wir mal mit Sachsen an. Wir sind momentan dabei, zwei Kolloquien mit unseren tschechischen Münzfreunden vorzubereiten, mit der Tschechischen Numismatischen Gesellschaft. Wir haben aufgrund des Jahrhunderte zurückreichenden Bergbaus und der hiesigen Prägetätigkeit sehr viele Gemeinsamkeiten. Darum wird es in den Vorträgen im Wesentlichen gehen. Ein Kolloqium soll in Böhmen stattfinden, das andere in Sachsen. Wir sind gerade dabei, die Veranstaltungen vorzubereiten. Wir arbeiten natürlich auch schon wieder an der Vorbereitung des Tages der Sachsen im nächsten Jahr. Dabei geht es vor allem um die Prägung neuer Medaillen und die Vereinspräsentation vor Ort. Ich persönlich bin im Präsidium des Kuratoriums Tag der Sachsen. Damit habe ich das Ohr an der richtigen Stelle. Wir sehen das auch als Lobbyarbeit für uns. Das Festwochenende in Plauen 2027 selber werden wir wie jedes Jahr vor Ort begleiten. Mein eigener Verein ist ebenfalls aktiv. Die Stadt Bischofswerda feiert im nächsten Jahr das 800. Jubiläum ihrer Ersterwähnung. Daran wollen wir uns mit einer speziellen Medaille beteiligen. Wir sind wir jetzt dabei, die Prägung vorzubereiten.


Das Interview führte Dietmar Kreutzer.



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