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„Macht euern Dreck alleene“ - Letzter Sachsenkönig ging mit flapsigen Worten in die Geschichte ein

Autorenbild: Helmut Caspar
Helmut Caspar
vor 4 Stunden
6 Min. Lesezeit

Im Vergleich zur herausragenden Stellung, die Preußen als größter Territorialstaat sowie als Wirtschafts- und Militärmacht im 1871 gegründeten deutschen Kaiserreich innehatte, war die Rolle, die das benachbarte Sachsen spielte, von eher untergeordneter Bedeutung. Seine Könige beherrschten ein nur 15.000 Quadratkilometer großes Land mit etwa vier Millionen Einwohnern. Das Land zehrte vom Glanz vergangener Tage. Man war vor allem auf das „augusteische Zeitalter“ stolz, die bau- und kunstfreudige Epoche Augusts des Starken und seines Sohnes Friedrich August II. Dabei konzentrierte man sich auf wirtschaftliche und kulturelle Aufgaben, während das Militär eine untergeordnete Rolle spielte. Dank des sprichwörtlichen Fleißes der Sachsen und guter Standortbedingungen stand das Land der Wettiner wirtschaftlich gut da, ja war nach 1871 wegen der stark entwickelten Arbeiterbewegung und seiner Opposition gegenüber Preußen und dem allmächtigen Reichskanzler Otto von Bismarck als „rotes Sachsen“ respektiert und gefürchtet.


Das achthundertjährige Wettin-Jubiläum wurde 1889 durch aufwändig mit Bildnissen und Allegorien geschmückte Medaillen gefeiert. Auf dem „Dresdner Fürstenzug“ zeigt sich das Haus Wettin von seiner besten Seite. Die Reitergruppe am Schluss des Dresdner Fürstenzugs zeigt die Könige Johann, Albert und Georg.


Zweimal im 19. Jahrhundert bestand für Sachsen die Gefahr, von der Landkarte gestrichen zu werden - einmal nach den Befreiungskriegen von 1813 bis 1815 und im Jahr 1866. König Friedrich August I. verlor mit seinem mächtigen Verbündeten Napoleon I. im Oktober 1813 die Völkerschlacht bei Leipzig und geriet in preußische Gefangenschaft. Preußens König Friedrich Wilhelm III. hätte nur allzu gern den sächsischen Nachbarn geschluckt, doch wollten die anderen Siegermächte im Kampf gegen das napoleonische Frankreich den Hohenzollernstaat nicht allzu mächtig werden lassen. Sie ließen Friedrich August I. mit dem Beinamen „der Gerechte“ zwar Krone und Thron, zwangen ihn aber, bedeutende Landesteile an Preußen abzutreten. Die Gelegenheit zur Revanche bot sich 1866 im preußisch-österreichischen Krieg, an dem König Johann an der Seite von Kaiser Franz Joseph von Österreich kämpfte – und wiederum verlor. Doch während Hannover, Hessen und Nassau sowie Frankfurt am Main preußisch wurden, blieb Sachsen unangetastet. Der österreichische Kaiser hatte das Fortbestehen des Königreichs der Wettiner zu einer Bedingung für den Friedensschluss mit Preußen gemacht. Sachsen musste hohe Kontributionen zahlen und dem von Preußen dominierten Norddeutschen Bund beitreten. Im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 kämpften und starben sächsische Soldaten für preußische Interessen, und als Preußens König Wilhelm I. am 18. Januar 1871 in Versailles zum deutschen Kaiser ausgerufen wurde, beeilte sich König Johann, ihm und seinem Haus ewige Treue zu schwören.


In der Art der Doppeltaler erinnert die Münze von 1873 an die Goldene Hochzeit des sächsischen Königspaars Johann und Albert. Das Fünfmarkstück von 1902 ehrt König Albert, der im Juni 1902 starb.

Albert war der älteste Sohn von König Johann und Königin Amalie, die 1872 mit einem Doppeltaler ihre Goldene Hochzeit feierten. Ihn interessierte vor allem das Militärhandwerk, und so kletterte er dank seiner hochadligen Herkunft, aber auch seines persönlichen Einsatzes auf der Karriereleiter ganz nach oben. Ihm wurde Ende der 1850er Jahre der Oberbefehl über die sächsische Armee übertragen. Im deutsch-österreichischen Krieg von 1866 gegen Preußen kämpfend, musste er mit seinen Truppen bei Königgrätz eine schwere Niederlage hinnehmen. Albert führte seine Truppen erfolgreich durch den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Nach dem Tod seines Vaters Johann bestieg er 1873 den sächsischen Thron.

Das Wettin-Jubiläum wurde 1889 aufwändig mit Medaillen gefeiert, auf denen König Albert auch in Verbindung mit berühmten Vorfahren erscheint. Die Crème der sächsischen Stempelschneidekunst hatte mit dem Thema viel zu tun.


Als ab 1901 die Ausgabe von Gedenkmünzen zugelassen war, beteiligte sich Sachsen sporadisch an solchen Prägungen. Bereits 1902 gab es einen traurigen Anlass, den Tod von König Albert. An den Monarchen erinnern Zwei- und Fünfmarkstücke, die sich von den üblichen Silbermünzen nur dadurch unterscheiden, dass Münzstempelschneider Max Barduleck die Lebensdaten des toten Königs 23. IV. 1828 + 19. VI. 1902 (bei den Fünfmarkstücken) beziehungsweise aus Platzgründen nur 1828 + 1902 unter dem Kopf anbrachte. Das war ein übliches Verfahren, auch andere Fürstlichkeiten wurden in der Kaiserzeit mit solchen wenig aufwändig  gestalteten Sterbemünzen geehrt. In früheren Jahrhunderten hat man sie mit barocken Allegorien und langen Texten geschmückt. Nachdem König Albert am 19. Juni 1902 gestorben war, bestieg dessen Bruder Georg I. den sächsischen Thron, den er bis zu seinem Tod am 15. Oktober 1904 innehatte.

Sachsens Könige sahen sich in ihrer Münzstätte – bis 1887 in Dresden, danach in Muldenhütten bei Freiberg – um. An ihren Besuch erinnern Medaillen in der Größe eines Zwei-Mark-Stücks. Hier hinterließ 1903 König Georg, genannt der Grämliche, seine Spur.


Georg I., der vorletzte König von Sachsen, hat schon wegen seiner kurzen Regentschaft geringe Spuren in der Landesgeschichte und der des deutschen Kaiserreichs hinterlassen. Als drittem Sohn von König Johann war dem 1832 geborenen Prinzen eine nachrangige Rolle in der sächsischen Hierarchie zugedacht. Für einen königlichen Prinzen wie ihn war eine militärische Laufbahn vorbestimmt, in der er es bis zum Generalmajor und 1888 zum Generalfeldmarschall brachte. Da Georgs älterer Bruder Albert keine Kinder hatte, fiel Georg die Rolle des „ewigen“ Thronfolgers zu, die ihm viele repräsentative, aber nicht wirklich gestaltende Aufgaben auferlegte.


Kränklich und politisch wenig ambitioniert, ließ der siebzigjährige Monarch ohne besondere Eigenschaften nach seiner Thronbesteigung alles beim Alten. Historiker bescheinigen ihm, er habe sich als Armeeinspekteur Verdienste um die Verbesserung der personellen und materiellen Ausstattung der Truppe erworben. Auf zivilem Sektor in hochrangigen staatlichen Gremien sowie in diversen Kulturvereinen tätig, sorgte sich Prinz Georg auch für den Erhalt des baulichen und künstlerischen Erbes seines Landes. Als er den Thron bestiegen hatte, nannten ihn seine Untertanen hinter der vorgehaltenen Hand „Georg den Grämlichen“, und tatsächlich hatte seine Art zu regieren etwas Gramvolles und Trauriges an sich. Selbst das Hofzeremoniell war so steif und langweilig, dass man es mit Trauerfeiern verglich. Georg wurde nicht so populär wie sein Vater, der Dante-Übersetzer König Johann, und sein Bruder König Albert. Der König und seine Leute waren viel zu einfallslos und wenig interessiert, um Sachsen fit für die Herausforderungen des 20. Jahrhunderts zu machen. Alles beim Alten zu lassen und möglichst nichts bewegen, war ihnen wichtiger.

Sachsen entfaltete in Muldenhütten während der Kaiserzeit eine interessante Gedenkmünzenprägung. Aus dem Rahmen fällt die Abbildung des Völkerschlachtdenkmals auf der Drei-Mark-Münze von 1913.


Als König Georg nach nur zweijähriger Regierungszeit am 15. Oktober 1904 starb, trat sein 39 Jahre alter Sohn Friedrich August III. die Nachfolge an. Der bürgernahe Monarch wurde in der Novemberrevolution 1918 wie die anderen deutschen Fürsten genötigt, auf seine Krone zu verzichten und starb auf seinen schlesischen Gütern am 18. Februar 1932, von seinen ehemaligen Untertanen tief betrauert. Der durch seinen berühmten autobiographischen Roman „Adel im Untergang“ bekannt gewordene Schriftsteller Ludwig Renn, der eigentlich Arnold Vieth von Golßenau hieß und Spross einer alten Adelsfamilie war, beschrieb eindrucksvoll die „entsetzliche Öde“ im goldenen Käfig des Dresdner Königshofes, die erstarrten Lebensformen der feudalen Oberschicht und das inhaltsleere Leben, das dort am Vorabend des Ersten Weltkriegs herrschte. Diese Fin-du-siècle-Stimmung am Dresdner Hof und in den Offizierskasinos haben auch andere Zeitgenossen beobachtet.

Friedrich August III., genannt der Letzte, ist auf der Silbermünze von 1909 mit Kurfürst Friedrich dem Streitbaren abgebildet, der 1409 die Universität Leipzig gründete.


Einen großen Auftritt hatte Friedrich August III. im Oktober 1913, als er gemeinsam mit Kaiser Wilhelm II. und im Beisein weiterer „Spitzen“ des Reiches das Leipziger Völkerschlachtdenkmal einweihte. Dabei wusste jeder, welch klägliche Rolle Friedrich August I. hundert Jahre zuvor an der Seite des besiegten Kaisers Napoleon I. gespielt und wie sehr ihn Preußens König Friedrich Wilhelm III. gedemütigt hatte. Die von Friedrich Wilhelm Hörnlein geschaffenen Entwürfe für neue sächsische Zwanzig-, Zehn-, Fünf-, Drei- und Zweimarkstücke zeigen das Brustbild von Friedrich August III. mit den Epauletten eines Generalfeldmarschalls. Die Silbermünzen sollten ab 1916 in Muldenhütten geprägt werden, doch kam der Plan wegen der Edelmetallknappheit nicht zur Ausführung.

Der Wert zu drei Mark 1917 anlässlich der Vierhundertjahrfeier der Reformation ehrt Kurfürst Friedrich den Weisen als Beschützer von Martin Luther, weil es nicht möglich war, einen Mann wie den Wittenberger Reformator auf einer Reichsmünze abzubilden, sondern nur aktuelle oder ehemalige Landesfürsten. Wer die seltene Münze nicht bekam, wurde mit einem Abschlag aus Pappe auf bessere Zeiten vertröstet. Das Dresdner Münzkabinett stellt die Werkzeuge im Dresdner Schloss aus.



Dem letzten Wettiner auf dem sächsischen Thron, König Friedrich August III., wird bei seinem Verzicht auf die Krone am 13. November 1918 der Satz zugeschrieben: „Macht doch euern Dreck alleene!“. Zwar soll der volksnahe und wohl auch etwas schrullige Monarch dieses Zitat stets bestritten haben. Seiner lässigen Einstellung zur Politik würde der Ausspruch aber gut passen. Ob echt oder nicht, der Satz machte die Runde und wurde zum Inbegriff für die in ihr Schicksal ergebene Haltung von Politikern und Wirtschaftskapitänen gegenüber Gegebenheiten, an denen man nichts mehr ändern kann. 1919 warf Kurt Tucholsky dem Ex-Monarchen sein Spottgedicht „Das Königswort“ hinterher: „Edler König! Du warst weise! / Du verschwandest still und leise / in das nahrhafte Zivil. / Das hat Charme, und das hat Stil. / Aber, aber unsereiner! / Sieh, uns pensioniert ja keiner! / Und wir treten mit Gefühle / Tag für Tag die Tretemühle. / Ach, wie gern, in filzenen Schuhen / wollten wir gemächlich ruhen, / sprechend: „In exilio bene! / Macht euch euern Dreck alleene!“


Text und Fotos: Helmut Caspar

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