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Münztechnik III: Münzwerkstatt in Stolberg

Überall im Römisch-Deutschen Reich unterhielten selbst kleine Fürstentümer und Reichsstädte Münzstätten, denn eigenes Geld herzustellen war ein einträgliches Geschäft und förderte das Prestige. Zumeist gingen die Gieß-, Walz- und Prägeapparate und was sonst noch zur technischen Ausrüstung gehörte, bei der Schließung der meisten Geldfabriken zu Beginn des 19. Jahrhunderts verloren. Sie wurden an andere Münzstätten verkauft oder verschrottet. Nur zu Archivzwecken hat man einige Stempel aufgehoben. Dank glücklicher Umstände blieben unersetzliche Inventarstücke aus der gräflichen Münze zu Stolberg (Sachsen-Anhalt, Kreis Sangerhausen), einem Luftkurort im Harz, erhalten. In einem 1535 als Münzstätte erbauten Fachwerkhaus an der Niedergasse kann man eine funktionstüchtige Münzwerkstatt besichtigen, wie sie im 18. Jahrhundert für die Stolberger Grafen tätig war. Auch an Orten wie Hall (Österreich) sowie Jičín, Kutna Hora und Kroměříž (alle Tschechien) blieben mehr oder weniger vollständige Inventare fürstlicher Münzanstalten erhalten. Die Münzkabinette in Berlin, Wien, Dresden, Gotha und in anderen Städten verfügen über umfangreiche Stempelsammlungen, die auch von Forschern für ihre Untersuchungen genutzt werden. Erst unlängst erhielt das Berliner Münzkabinett die vom Meisterfälscher Johann David Köhler gravierten Stempel für antike, mittelalterliche und neuzeitliche Münzen. Eine Auswahl wird in der Dauerausstellung im Berliner Münzkabinett gezeigt.


Im Museum ALTE MÜNZE zu Stolberg kann man an einer zwei Tonnen schweren Spindelpresse unter Aufsicht Medaillen prägen.


Schon zu DDR-Zeiten wurden in der „Alten Münze“ über 250 Jahre alte Gerätschaften zur manuellen Geldherstellung im Rahmen einer heimatgeschichtlichen Ausstellung gezeigt. Dazu kamen Prägestempel mit dem eingraviertem Hirsch als dem Stolberger Wappentier sowie Bergbaulandschaften und anderen Motiven. Die Besucher erfahren heute in der um viele Exponate vermehrten Ausstellung, wie das Metall gegossen, geschmiedet, gestreckt, gewalzt, gestückelt, justiert und schließlich unter kräftigen Hammerschlägen beziehungsweise mit Hilfe einer Spindelpresse in kurantes Geld verwandelt wurde.


Die von Karsten Theumer geschaffene Medaille zeigt eine auch in Stolberg eingesetzt Spindelpresse, an der sich kleine Engel zu schaffen machen, sowie das Münzgebäude im Herzen der Stadt im Harz.


Die Münzstätte in einem der schönsten Häuser von Stolberg ist ein einzigartiges technisches Denkmal wie es in Deutschland kein zweites Mal existiert. Dass die Geräte 1809 bei der Aufhebung der Münzstätte nicht wie üblich verschrottet wurden, ist umsichtigem Handeln zu verdanken. Sie waren als städtischer Besitz im Jägerhof nicht weit von der Alten Münze eingelagert und wurden erst um 1920 neu entdeckt. Dies geschah zu einer Zeit, als man solche Zeugnisse der Technik- und Kulturgeschichte wieder zu schätzen verstand und mit ihnen pfleglich umging. Zwar gibt es in vielen Münzkabinetten und Museen Geräte zur Herstellung von Münzen und Medaillen zu sehen, aber in dieser Reichhaltigkeit und Funktionstüchtigkeit sind sie nur in Stolberg erhalten.


Charakteristisch für die Stolberger Münzen ist der Hirsch, das Wappentier der Grafen zu Stolberg, hier abgebildet auf einem Gulden aus dem Jahr 1751.


Nach dem Siebenjährigen Krieg (1756-1763) hatten die Stolberger Grafen, auf neue Geldquellen erpicht, ihre Münzstätte an den Dresdner Bankier Cyriakus Zernitz verpachtet. Er schaffte zahlreiche Gerätschaften an und stellte Arbeiter ein. Die Stanzen, Walzen, Rändelmaschinen sowie Spindelpressen stellen den aktuellen Stand der Technik wenige Jahrzehnte vor der Erfindung der Kniehebelpresse und dem Einsatz der Dampfkraft in der Münzfertigung dar. Auf den Spindelpressen ließen sich Dukaten, Taler und Gulden sowie Medaillen fehlerfrei prägen. Ein solches Gerät wurde in Stolberg nach dem Vorbild einer im Gothaer Schloss Friedenstein aufgestellten Spindelpresse nachgebaut. Mit einem Druck von 80 bis 90 Tonnen lassen sich darauf talergroße Medaillen bequem herstellen. Auf diesem Nachbau stellen „Münzknechte“ in historischen Kostümen heute Medaillen mit der Ansicht der Alten Münze zu Stolberg und einer Spindelpresse her, an der sich in barocker Manier zwei geflügelte Putten zu schaffen machen. Die Umschrift WIR FEIERN JETZT EIN JUBELJAHR – DAS MUSEUM GIBT DIE MÜNZE DAR wandelt die Umschrift eines Stolberger Reformationstalers von 1717 ab.


Vom Inventar der ehemals gräflichen Münze blieben Stempel, Waagen und andere Geräte dank glücklicher Umstände erhalten.


Im schönsten Stolberger Fachwerkhaus ist eine historische Münzwerkstatt eingerichtet worden, und zu sehen ist auch eine alte Walze zur Herstellung von dünnen Metallstreifen.


Ungeachtet aller Mühen hatte der Münzpächter geringen geschäftlichen Erfolg. Die für das Geldwesen zuständigen Kontrollbehörden in Dresden warfen ihm vor, nicht solide „nach des Reiches Schrot und Korn“ zu arbeiten, weshalb die Stolberger Geldstücke verboten wurden. Außerdem hatte Zernitz wohl auch keine glückliche Hand bei der Wahl seiner Mitarbeiter, die mit den neuen Maschinen nicht viel anfangen konnten und durch hohen Stempelverbrauch die Kosten in die Höhe trieben. Kurzum, die Münzprägung kam unter Zernitz‘ Verwaltung nicht recht in Gang, und so wurden die letzten Stolberger Münzen im Jahr 1796 geprägt. Offiziell endete die Stolberger Münzgeschichte erst 1809. Die Geräte wurden eingepackt und kamen erst ein Jahrhundert später wieder zum Vorschein.


Text und Fotos: Helmut Caspar

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