Münztechnik I: Schweißtreibende Arbeit am Amboss
- Helmut Caspar

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Aktualisiert: vor 12 Stunden
In ihrer 2600-jährigen Geschichte stand die Münztechnik lange Zeit auf einem niedrigen Niveau. Von der Antike bis weit in die Neuzeit hinein war die Herstellung von Geldstücken unabhängig von ihrer Gestaltung eine schweißtreibende Handarbeit. Das Schürfen der Metalle und ihre Weiterverarbeitung verlangten großen Kraftaufwand. Im Altertum, das so wunderbare Münzen mit hohem Relief zustande brachte, und im Mittelalter mit seinen „hohl“ geprägten Brakteaten sowie den flachen Gulden und Groschen reichte die manuelle Prägemethode am Amboss aus. Zu Beginn der Neuzeit mit ihrem wachsenden Bedarf an Metallgeld musste jedoch etwas Neues her. Bisweilen haben zwei Münzer am Amboss gearbeitet - einer hielt mit beiden Händen den Oberstempel fest, der andere schlug mit dem Hammer zu. Das war eine nicht ganz ungefährliche Arbeit, die im ausgehenden 16. Jahrhundert von der Spindelpresse und dem Klippwerk abgelöst wurde.

Der im Jahr 46 vor Christus geprägte Denar des Titus Carisius aus der Zeit der Römischen Republik ehrt die Göttin Juno Moneta und bildet eine Zange, einen Hammer und einen Amboss als Gerätschaften der Münzpräger ab.
Im neuen „Jahrbuch der Kölner Münzfreunde“ (Band 5, 2025, 266 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Bezug: vorstand@muenzfreunde.koeln, Schutzgebühr 15 Euro) geht Andreas Henseler der Frage nach, wie in der Antike Geldstücke hergestellt wurden. Wenn man von zwei Gruppen mit je einem in den Amboss eingelassenen Prägestock und vier Arbeitern ausgeht, käme eine Prägeleistung von 25 römischen Denaren pro Minute zusammen. Das ergebe etwa 1500 Denare pro Stunde und bei einem Zwölfstundentag rund 18000 Stück. Für ein Jahr kämen bei 320 angenommenen Arbeitstagen über fünf Millionen Exemplare zusammen. Dies aber wäre nur zu erreichen, wenn man für die Lebensdauer eines Prägestempels zwischen 1.000 und 40.000 Prägungen annimmt. Mit anderen Worten hatten die Stempelschneider mit der Herstellung neuer Werkzeuge sehr viel zu tun.

In rauchigen und engen Münzschmieden wurden, wie auf der Grafik aus dem 18. Jahrhundert zu sehen, Geldstücke am Amboss, am Klippwerk und auf der Spindelpresse hergestellt.
Nicht immer gelang die präzise Gravur, so dass von ein und derselben Ausgabe sich in winzigen Details unterscheidende Varianten vorkommen. Münzforscher und Sammler kennen die Unterschiede und wissen, dass ein Punkt hier und eine Locke dort über Seltenheiten und auch Preise entscheiden können, die für eine alte Münze gezahlt werden. Als seit dem 16./17. Jahrhundert Spindelpressen zum Einsatz kamen, konnte man die von den Graveuren gefertigten Patrizen, das heißt die erhabenen Stempelgravuren, bequem in einen Stahlstempel, auch Pfropfen genannt, absenken. Auf diese Weise ließen sich alle Details in guter Qualität vervielfältigen und ein weitgehend gleichbleibendes Design erzeugen.

Die Grafik zeigt Gießer in einer Münzstätte bei der Arbeit. Die Metalldämpfe waren alles andere als gut für die Gesundheit.
Für die schwere Arbeit der Münzprägung hat man in der Antike und lange danach bis in die Neuzeit hinein Sklaven und Zwangsarbeiter eingesetzt, die ein elendes Leben führten und früh starben. Gold und Silber, lange Zeit die gängigen Münzmetalle, wurden aus zerkleinerten Erzklumpen gewonnen und in einem mühsamen Verfahren so aufbereitet, bis sie den vorgeschriebenen Feingehalt erreichten. Lange ist die Zeit vorbei, dass die zum Prägen benötigten Ronden oder Schrötlinge, wie man früher sagte, von den Münzanstalten selbst hergestellt werden, denn sie bekommen die Münzplättchen in stets gleichbleibender Qualität von der Industrie geliefert.
Manuell war in alten Zeiten alles, was mit der Herstellung der Metallbleche zu tun hatte, aus denen man mit Scheren die Ronden, auch Schrötlinge genannt, geschnitten hat. Die erhitzten Metallstreifen wurden lange Zeit auf dem Amboss geschmiedet. Erst als man fein aufeinander abgestimmte Eisenwalzen einsetzte, konnte man glatte Bleche mit der vorgeschriebenen Stärke herstellen. Eine Erleichterung war es auch, als man etwa vor einem halben Jahrtausend, also in der Talerzeit, Stanzen erfand, mit denen man aus den Blechen die Ronden schlagen konnte. Sie waren zuvor mühsam und zeitraubend mit Scheren geschnitten und am Rand rund geklopft worden.

Das Aussehen von Klippwerken ist auf der Kulturbundmedaille von 1981 zu erkennen, kombiniert mit der Nachbildung eines sächsischen Talers.
Bis es ans Prägen kam, durchliefen die Ronden noch einige langwierige Prozeduren. Die aus den Gießbehältern entnommenen Metallbarren wurden im Ofen geglüht werden, bevor sie zu dünnen Streifen ausgewalzt wurden. In der Streckwerkstatt walzte man die Streifen auf die genaue Dicke aus und schnitt aus ihnen die Ronden. Die Walzen wurden in der Zeit der industriellen Revolution nicht mehr wie bisher durch Wasserkraft oder Pferdegöpel bewegt, sondern durch Dampfmaschinen angetrieben. Da das Metall durch das Walzen wieder hart wurde, musste es erneut geglüht werden. Auch wenn beim Ausschneiden mit großer Sorgfalt verfahren wurde, ließen sich Stärke noch Durchmesser der Plättchen nicht immer so exakt herstellen, dass Gewichte unterschiedlich ausfallen konnten. Aus diesem Grunde hat man die Ronden aus Gold und Silber nachgewogen und durch Schaben und Feilen justiert, ein Arbeitsgang, der viel Zeit und Mühe beanspruchte.

Ein Münzknecht schlägt mit großer Kraft auf einen Oberstempel. Die Bronzeskulptur des Bildhauers Wolfgang Knorr erinnert in Gadebusch daran, dass es hier einmal eine florierende Münzstätte gab.
Da die Münzfertigung eine wichtige Einnahmequelle war und ist, hatten die fürstlichen und kommunalen Münzstände großes Interesse, durch Einsatz wirtschaftlicher und kraftsparender Verfahren die Kosten zu reduzieren, um möglichst vielen Gewinn, den so genannten Schlagschatz, zu erzielen. Deshalb wurde nach Methoden und Geräten gesucht und auch viel Geld investiert, um den Münzbetrieb effektiver und sicherer zu gestalten. Klippwerke, die das Festhalten des Oberstempels mit der Hand überflüssig machte, nicht aber das manuelle Zuschlagen auf den Oberstempel, wurde bis ins 19. Jahrhundert hinein allem bei kleineren Münzsorten eingesetzt.
Die im 17. Jahrhundert eingeführte Walzenprägung verwendete gravierte Walzen, durch die die dünnen Metallbänder gezogen wurden. Dabei drückten sich beiderseitig die Vorder- und Rückseiten der Münzen ab, die man anschließend aus dem Blech schneiden oder stanzen musste. Die auf der Walze oder mit Hilfe des nach ähnlichem Prinzip arbeitenden Taschenwerk hergestellten Münzen sind nicht kreisrund, sondern leicht oval und verraten durch eine leichte Biegung ihre Herkunft. Es war nicht möglich, die gebogenen, ovalen Münzen mit Randmustern oder Inschriften zu versehen. Das aber war wichtig, um hochwertige Gold- und Silbermünzen vor illegaler Gewichtsverminderung und anderen Manipulationen zu schützen.

In der Ausstellung des Berliner Münzkabinetts werden auch unterschiedlich geformte Stempel gezeigt, die bei der Hammerprägung und der Walzenprägung eingesetzt wurden.
Bei Edelmetallmünzen konnten Abweichungen vom vorgeschriebenen Gewicht teuer werden. Im Deutschen Reich wurden nach 1871 sämtliche Münzen vom silbernen Fünfzigpfennigstück aufwärts auf ihr Gewicht kontrolliert. Goldmünzen wurden auf drei verschiedenen Waagen nachgewogen und „berichtigt“, das heißt justiert, und sie wurden auch auf ihren Klang geprüft. Entsprach dieser nicht der Vorschrift, wurde das beanstandete Stück eingeschmolzen und noch einmal geprägt. Auf älteren Edelmetallmünzen erkennt man gelegentlich das Justieren an Feilstrichen, die die Schönheit des Gepräges beeinträchtigen.
Text und Fotos: Helmut Caspar




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