top of page

Münztechnik II: Spindelwerke und Kniehebelpressen

Die Spindelpresse, auch Schraube, Balancier, Spindel- und Stoßwerk oder Anwurf genannt, ist ein Kind des 16. Jahrhunderts. Mit ihren langen, kugelbewehrten Schwungarmen wurde sie wie ein Staatsgeheimnis gehütet. Niemandem war daran gelegen, dass ihre Konstruktion bekannt wurde. Natürlich konnte man eine solche Novität nicht lange für sich behalten. Das Gerät wurde bereits 1621 auf einem Rechenpfennig von Liegnitz-Brieg dargestellt. Der Apparat ist oberhalb einer Schrifttafel mit der übersetzten Inschrift „Heute mir, morgen dir“ zu erkennen.


Internen Charakter hatte ein bunt bemaltes Glasfenster, das 1624 für die Münze zu Konstanz geschaffen wurde und zeigt, wie die Spindelpresse beim „Bregen“ von zwei Münzarbeitern bewegt wird, während ganz versteckt ein dritter Mann in der Grube sitzt und die Metallstücke auflegt beziehungsweise entfernt. Spindelpressen wurden zum Sinnbild für die „Münzkunst“ schlechthin und sind auch auf zahllosen Medaillen und Münzen abgebildet. Obwohl sie längst schon durch hochproduktive, neuerdings computergesteuerte Prägeapparate abgelöst ist, wird das gute alte Spindelwerk auch heute auf Medaillen und Münzen abgebildet.


Ein Konstanzer Glasfenster aus dem Jahr 1624 zeigt die Arbeit an einer Spindelpresse und ist ein sehr frühes Beispiel für eine solche Darstellung.


Wer die Spindelpresse erfunden hat, ist nicht bekannt. Vielleicht nahmen sich ihre Konstrukteure Weinpressen oder auch Buchdruckerpressen zum Vorbild. Denn auch dort wurde eine starke Schraube aus Holz mit Hilfe von Schwungarmen in einem Gewinde von oben nach unten bewegt. Frühe Kunde von der Spindelpresse gibt der im frühen 16. Jahrhundert für Papst Clemens VII. tätige, aus Florenz stammende Goldschmied Benvenuto Cellini. Seine abenteuerliche Autobiographie wurde von Johann Wolfgang von Goethe ins Deutsche übersetzt und enthält Angaben über die Arbeit Goldschmieds mit der „Schraube“.


Originale Spindelpressen sind in deutschen Museen nur noch spärlich erhalten. Im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg und andernorts ziehen ausgediente Geräte bewundernde Blicke auf sich.


Während der Maler und Erfinder Leonardo da Vinci sowohl eine „Prägebüchse“ für die Hammerprägung als auch ein riesiges Prägegerät mit fallenden Gewichten entworfen hatte, nutzte sein Landsmann Cellini die Kraft einer Presse mit eisernen Armen. In seinen „Trattati dell’ Oreficina e della Scultura“, die 1974 in Basel erschienen, beschrieb Cellini die Arbeitsweise des Geräts. Vier Männer seien nötig, um die mindestens sechs Ellen langen Eisenarme zu bewegen. „Den Prägedruck mit einer Schraube zu übertragen ... verursacht zwar mehr Kosten (vor allem wegen der teuren Anfertigung des Geräts in langwieriger Handarbeit, H. C.), ergibt aber bessere Resultate und schont vor allem deine Werkzeuge vor rascher Abnutzung.“


Im Betriebsmuseum der Staatlichen Münze an der Ollenhauer Straße in Berlin-Reinickendorf sind Kniehebelpressen und andere Geräte ausgestellt.


Das war ein wichtiges Argument, denn oft genug zersprangen die mühsam angefertigten Münz- oder Medaillenstempel, was Stempelrisse und letztlich die Seltenheit mancher wegen schadhafter Stempel nur in wenigen Exemplaren hergestellter Gepräge erklärt. „Obgleich das Verfahren kostspielig erscheinen mag“, schrieb Cellini weiter, „möchte ich doch behaupten, dass es von geringerem Kostenaufwand ist, weil mit zwei Schraubenumdrehungen deine Medaille bestens ausgeprägt ist, während du mit hunderten Hieben vorher kaum eine gute fertigstellst“. Cellinis Aussage ist ein wenig übertrieben, denn mit einem oder zwei „Anwürfen“ erzielte man nur schwerlich das vor allem für Medaillen benötigte hohe Relief. Auch heute muss eine tonnenschwere Friktionspresse mehrfach tätig werden, bis letzte Feinheiten eines Prägebildes herausgearbeitet sind.


Ihrem Generalmünzdirektor Goedeking setzten die Untergebenen 1843 anlässlich seines 50-jährigen Dienstjubiläums mit einer von Henri François Brandt geschaffenen Medaille ein auch münztechnisch interessantes Denkmal. Auf der Rückseite ist auf dem Eichenkranz auch eine Kniehebelpressen abgebildet, die die Münzprägung revolutionierten und bis zur Einführung computergesteuerter Schnellpressen überall auf der Welt im Einsatz waren.


Die Einführung der Kniehebelpressen, auch Uhlhörner genannt, in Preußen ist dem Generalmünzdirektor Christian Friedrich Goedeking zu verdanken, der der nach einem einfachen Wirkprinzip arbeitenden Maschine zum Sieg verhalf. Herzstück der von dem im rheinischen Grevenbroich lebenden Fabrikanten Diederich Uhlhorn konstruierten Kniehebelpresse ist ein „Knie“ genanntes Stück Stahl mit einem kurzen, horizontalen und einem langen, senkrechten Schenkel. Durch Hin- und Herbewegen des Winkelstücks konnte relativ leicht der Prägedruck auf den Oberstempel ausgeübt werden. „Beim Senken wurde mittels des Pendels der Oberstempel nach unten gedrückt, beim Heben nahm der Kniehebel nicht etwa Pendel und Oberstempel mit hoch, denn er hing ja mit dem Pendel nicht zusammen, sondern Pendel und Oberstempel wurden durch einen besonderen Mechanismus gehoben“, heißt es in Friedrich von Schrötters preußischer Münzgeschichte.


Um Werbung für ihre Kniebelepressen zu machen, hat die Maschinenbau-Firma Uhlhorn mehrere Medaillen geprägt. Die versilberte Kupfermedaille wurde 1851 vor den Augen der Besucher der Weltausstellung in London auf einem „Uhlhorn“ geprägt. Die Medaille von 1876 feiert den Bau der 200. Münzmaschine mit den Köpfen des Konstrukteurs Diederich und seines Sohns Heinrich Uhlhorn.


Um 1829 schafften in Berlin fünf an einem „Uhlhorn“ arbeitende Arbeiter 45 Taler pro Minute, während es neun Mann auf einer Pariser Spindelpresse höchstens auf 25 Taler brachten. Auf einer Kniehebelpresse konnten in einer Zwölfstundenschicht 17 000 Taler oder knapp 32 000 dreißigstel beziehungsweise sechzigstel Taler hergestellt werden. Das bedeutete eine erhebliche Steigerung der Produktivität, mithin eine Senkung der Kosten und einen Gewinn für die Staatskasse.


Text und Fotos: Helmut Caspar

Kommentare


www.muenzen-online.com | Regenstauf

© 2025 Battenberg Bayerland Verlag GmbH

bottom of page