Modernes Antiquariat: „Im Nachbarhause links“ von Theodor Storm

Literarische Werke, in denen Münzen und ganz allgemein Geld vorkommen und beschrieben werden, sind rar. In der Regel werden Geldstücke nur am Rand erwähnt. In der Erzählung „Im Nachbarhause links“ von Theodor Storm ist es anders. Sie erschien in „Westermanns illustrierten deutschen Monatsheften“ (Nummer 39 von 1875/76, Seite 1 bis 16). Es ist eine rührende Geschichte über eine alte, ganz in der Vergangenheit lebende Frau namens Sievert Jansen. In einem großen, aber vernachlässigten Haus mit erblindeten Fenstern und zugewuchertem Garten lebend, bestand ihre letzte Freude darin, in einem Haufen kostbarer Münzen zu wühlen. Die in einer nicht näher genannten „trefflichen See- und Handelsstadt“ wohnende Frau hat die Hälfte ihres Vermögens per Testament der Stadt für einen karitativen Zweck vermacht. Den anderen Teil aber hütet sie wie ihren Augapfel. Krank geworden und bettlägerig, erzählt sie ihrem Nachbarn, einem bei der Stadt beschäftigten Beamten, wie sie von ihrem Vater verwöhnt wurde. Der war Seemann und brachte seiner einzigen Tochter Schmuck, farbige Gewänder und ausländische Goldmünzen mit, die sie in einer Sparbüchse verwahrte. In ihrem Garten hatte der Vater aus den Trümmern eines früheren Schiffes ein Häuschen bauen lassen. Auf den Treppenstufen saßen die beiden zusammen und betrachtete den goldenen Schatz, den das Mädchen aus der Blechbüchse in ihren Schoß geschüttet hatte. Um welche Münzen es sich handelte, hat Storm nicht näher beschrieben.
„Im Nachbarhause links“ ist erstmals in Westermanns illustrierten deutschen Monatsheften erschienen. Das Kovolut ist immer wieder nachgedruckt worden. Heute ist die Erzählung auch als separat erhältlich.
Durch seinen Tätigkeit bei der Stadtverwaltung veranlasst, nimmt der Erzähler zu der nur von einer Wärterin notdürftig versorgten Greisin Kontakt auf und wird in das geheimnisumwitterte Haus gelassen. „Es war ein seltsamer Anblick. Auf den Stühlen, von deren Polstern die Fetzen herabhingen, lagen auf den einen verschlissene Kleider und Hüte, auf den anderen standen Töpfe und Pfannen mit kärglichen Speiseresten; an der schweren Stuckdecke und an den gardinenlosen Fenstern hing es voll von Spinngeweben. Eine seltsam tote Luft hielt mich einen Augenblick zurück, so dass ich mich nur langsam dem großen an der einen Wand stehenden Himmelbette näherte.“

Solche aus fernen Ländern stammenden Goldmünzen wie der Portugaleser von König Johann III. von Portugal aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts und das mexikanisches Acht-Escudo-Stück von 1791 haben das Herz der im Nachbarhaus links lebenden alten Dame erwärmt und gaben ihr letzten Halt.

Die Gespräche drehten sich um die Vergangenheit, aber auch um ein Testament sowie die Ermittlung des Vermögens und der Erbschaft. Nachts hält sich die Frau wach, weil sie Angst vor dem „Klapperbein“, also dem Tod, hat. Die Verwandtschaft soll nichts erben, bestimmt die Alte. Die Gefahr stand im Raum, dass man sie entmündigt und unter Kuratel stellt. Sie sei aber nicht schwach, sei sei reich, sehr reich, sagt sie, weshalb man sie plündern wolle. „Aber ich werde mein Haus vermauern lassen, und sollte ich darin verhungern!“, sagt Madame Jansen ohne einen Anflug von Freundlichkeit und Herzenswärme. „Plötzlich wurde sie still (…), ich konnte ihr jetzt sagen, dass nach meiner Ansicht zu einer Kuratel bei ihr keine Veranlassung sei, dass aber das unnütze Aufspeichern ihrer großen Zinsenernten den Verdacht einer Unfähigkeit zur eignen Vermögensverwaltung erregen könne, und schlug ich ihr endlich vor, einem Mann, dem sie vertraue, dieselbe zu übertragen.“ Und dieser Mann war der Stadtsekretär, der dies alles einem Freund erzählt.
Ihre Schätze zu betrachten und zu zählen, hält die kranke Frau mühsam noch am Leben. Eines Tages wird der Beamte mit einem Notar in eine schwer verriegelte Kammer gebeten. Auf einem Tisch in der Mitte liegen ihr ganzes Bargeld und Wertpapiere. „Es war eine mäßig große düstere Kammer; in deren Mitte stand die alte Madame Jansen vor einem Tische und sortierte emsig allerlei Päckchen, wie sich nachher ergab, mit den verschiedensten Wertpapieren; rings herum an den Wänden, so dass nur wenig Platz neben dem Tische blieb, standen eine Menge straff gefüllter Geldbeutel, von denen die meisten aus den Resten alter, sogar seidener Frauenkleider angefertigt schienen. So gesprächig die Alte bei meinem ersten Besuche gewesen war, so wortkarg war sie heute; mit zitternden Händen setzte sie einen Beutel nach dem anderen vor uns hin, mit stummen fast schmerzlichen Blicken verfolgte sie das Zählen des Geldes, das Versiegeln der Beutel, das Nummerieren der Etiketten. – Obwohl die einzelnen Münzsorten sorgsam voneinander gesondert waren, so dauerte die Aufnahme der Wertpapiere und des Barbestandes doch bis in den Abend hinein; zuletzt arbeiteten wir bei dem Lichte einer Talgkerze, die in einem dreiarmigen Silberleuchter brannte.“

Der im Nachbarhause links zu allerletzt geprüfte Beutel enthielt die bereits selten gewordenen Vier-Schilling-Stücke aus Dänemark, welche im Rufe eines besonders feinen Silbergehalt des standen.

Die Frage, ob denn auch Goldstücke vorhanden seien, wurde von der alten Dame entrüstet verneint. Doch ihr Besucher sieht, dass es da noch einen Beutel mit Goldstücken gibt. Sie stieß einen Schreckensruf aus und streckte beide Hände über den funkelnden Haufen. „Gleich darauf aber erhob sie sie bittend gegen mich und rief: ,Nur das Gold – nehmen Sie mir es nicht – ich bin sonst ganz allein in all den langen Nächten!“ Im Vorübergehen sieht der Erzähler mexikanische und portugiesische Goldmünzen, die der Vater von seinen Reisen als Mitgift für seine Tochter mitgebracht hatte, wenn sie eines Tages heiraten wird.
Madame Jansen lebte nicht mehr lange.. Sie hatte sich, wie angekündigt, in ihrem Haus verbarrikadiert, es gab keine Möglichkeit, bei ihr hinein zu kommen. Vergeblich klopfte die mit der Versorgung der Alten beauftragte Frau, dass die Nachbarschaft vor die Türen kam. Da etwas passiert sein musste, lässt der Stadtsekretär einen Schlosser kommen, der die Haustür öffnet und innen vorgelegte Kette durchfeilt. Das Zimmer habe noch wüster als gewöhnlich ausgesehen, berichtet der Erzähler. Schränke und Kommoden seien von den Wänden abgerückt, das Bettzeug war auf die unterste Strohmatratze ausgepackt; sogar der große Spiegel habe fast quer vor den beiden Fenstern gehangen. „Es musste hier allerdings recht unruhig zugegangen sein. Aber noch mehr des nächtlichen Spukes bestätigte sich: der Fußboden war mit blanken Speziestalern wie besät; in der Mitte desselben lag der alte Soldatenmantel; ein offener, aber noch halb gefüllter Geldsack ragte daraus hervor, augenscheinlich das Füllhorn, dem diese blinkenden Schätze entrollt waren. Eine Weile standen wir, ohne eine Hand zu rühren; dann bückte sich der Schlosser und hob den Mantel auf. Ein kleiner zusammengekrümmter Leichnam lag darunter, die Leiche meiner Nachbarin Madame Sievert Jansen. – Das schöne übermütige Kind, das einst das Knabenherz des Großvaters (des Erzählers. H.-C.) mit so unvergänglicher Leidenschaft erfüllt hatte, das lebensprühende Frauenbild, dessen Scheingestalt noch jetzt von der Wand des öden Saales herabblickte – was hier zu meinen Füßen lag, es war der Rest davon.“

Spanische Peseten und Scudi aus dem Vatikan mag der Vater der alten Dame von seinen Schiffsreisen mitgebracht haben, und sie könnten auf dem Boden gelegen haben, als man sie, in einen alten Soldatenmantel gehüllt, tot auffand.

Da ein neues Testament nicht mehr zustande gekommen war, wie eigentlich verabredet, fiel das bedeutende, wenn auch nicht fürstliche Vermögen wie vorher bestimmt mit drei Vierteln an das Land- und Seespital, berichtet der Erzähler weiter. Nach dem Begräbnis der Madame Jansen fand eine förmliche Haussuchung statt. Sie ergab, dass überall im Keller wie auf den Böden, hinter den Sparren und Paneelen noch manches Geld der alten Dame versteckt war. Nur konnte man nirgendwo den rotseidenen Beutel mit den fremden Goldmünzen finden. Wer sie an sich genommen hat, war nicht zu ermitteln. Und so endet die Erzählung mit den Worten: „In dem alten Hause spukt es selbstverständlich, zumal wenn sich die Todesnacht der armen Greisin jährt; dann hört man sie auf Trepp' und Gängen stöhnen, als jammere sie über die vergrabenen Schätze ihrer Jugend.“
Text und Fotos/Repros: Helmut Caspar




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