Interview mit Prof. Dr. Ekkehard Döhring: „Er sprang ins Wasser und kam mit einer Faust voll deutscher Kolonialmünzen hoch!“

Der Kinderarzt Prof. Eckehard Döhring arbeitete jahrelang ihn Afrika. Dort begann er sich für vormünzliche Zahlungsformen zu interessieren. Münzen-Online fragte ihn am Rande einer Veranstaltung zur frühen Numismatik, was ihn daran interessiert.

Prof. Dr. Ekkehard Döhring
Foto: Kreutzer
Münzen-Online: Sammeln Sie Münzen schon Ihr ganzes Leben?
Eckehard Döhring: Nicht Münzen, sondern Briefmarken. Die habe ich 35 Jahre lang gesammelt. Mich interessierte ein Gebiet, das bei Briefmarken extrem selten ist, das koloniale Afrika vor 1900. Ich musste 100 Händler aufsuchen, um irgendwo etwas zu finden. Als ich einmal in Italien war und eine antike Münze erwarb, wurde mir klar, dass Münzen sehr viel älter sind. Sie sind ähnlich gut erforscht wie Briefmarken. Leute sagten mir, dass meine Briefmarken in 200 Jahren zerfallen sind. Münzen halten dagegen ewig. So war mein Interesse für Münzen geweckt. Die Stadt Essen, in der ich wohne, ist ein Bermuda-Dreieck der islamischen Numismatik. Durch Zufall sind hier drei Leute ansässig, die Weltgeltung auf dem Gebiet haben, die voranschreiten. Neudeutsch würde man Pacemaker sagen. Mit allen drei Leuten hatte ich zu tun. In ihrem Windschatten bin ich dann zur Numismatik gekommen.
Münzen-Online: Es ging also zunächst um islamische Münzen?
Eckehard Döhring: Ja, so war es. Was mich immer interessiert hat, ist das Außergewöhnliche, das, was abweicht. Wenn man eine Normalverteilung in der Wahrsheinlichkeitslehre von Gauß nimmt, dann bewegte ich mich immer in der Abweichung von weniger als einem Prozent. Das passte zur islamischen Numismatik. Dabei lernte ich zudem tolle Leute kennen!
Münzen-Online: Es blieb aber nicht lange bei islamischen Münzen?
Eckehard Döhring: Das ist richtig. Seit nunmehr 35 Jahren interessiere ich mich für islamische Numismatik. Es gibt aber auch einen beruflichen Alltag bei mir, nämlich als Arzt mit dem Schwerpunkt und Einsatzgebiet in Afrika. So interessierte ich mich alsbald auch für afrikanische Geldformen, speziell vormünzliche, non-münzliche Geldformen - und das bis heute.

Ashanti Musiker (Goldgewicht, Messing, Westafrika, 86 Gramm)
Bildquelle: Etsy, Leonacollections
Münzen-Online: Dadurch wurden Ashanti-Gewichte zum Spezialthema?
Eckehard Döhring: Die meisten Sanmler spezialisieren sich irgendwann. Ich tat es durch eine Gelegenheit. Ein Freund von mir war in Ghana tätig und kam an Ashanti-Gewichte heran. Es gab da eine ungeheuer große Vielfalt. Ich interessierte mich sofort dafür. Diese Gewichte sind von ihrer Erscheinung und der mathematischen Form her unglaublich schön. Ich hatte Gelegenheit, die großen Sammlungen in Nordeuropa alle persönlich kennenzulernen, weil ich die Sammler angeschrieben habe. Die haben mich zu sich eingeladen. Auf diese Weise konnte ich mir stundenlang alles anschauen, was es auf diesem Gebiet gibt. So kam es auch dazu, dass ich heute 11.000 Ashanti-Gewichte besitze. Ich muss schauen, wie ich mit ihnen umgehe. In diesem Bereich sind die Preise gefallen. Das macht mir aber nichts aus, da ich die Ashanti-Gewichte direkt aus Afrika bekommen habe. Ich habe sie übrigens auch anderen Sammlern vermittelt. Ich habe also nur wenig für die Stücke bezahlt.
Münzen-Online: Was ist eigentlich ein Ashanti-Gewicht?
Eckehard Döhring: Der Begriff Ashanti-Gewicht bezeichnet eine Unterkategorie. Der Oberbegriff ist Akan. Akan ist ein Stamm in Ghana, der von jeher unglaublich viel Gold hatte. Der Stamm verwendete Goldstaub als Zahlungsmittel. Da der Goldstaub gewogen werden musste, brauchte es Gewichte. Die Gewichte haben unterschiedliche Erscheinungsformen, die in Kategorien eingeteilt werden. Mir würden wenigstens 20 dieser Kategorien einfallen. Um es aber einfach zu machen: Es gibt figürliche und geometrische Formen. Von den figürlichen existieren aber nur sehr wenige. Sie sind auch sehr teuer, Sie kosten deutlich über 100 Euro pro Stück, teils bis zu 1000 Euro. Die geometrischen gibt es öfter. Von ihnen dürfte es zwei bis drei Millionen Exemplare geben.

500 Francs (Westafrikanische Staaten, 900er Silber, 25 Gramm, 37 mm)
Bildquelle: Katz Auction 184, Lot 2687
Münzen-Online: Sind Ashanti-Gewichte auch auf Münzen abgebildet worden?
Eckehard Döhring: Selten. Auf Geldscheinen öfter, den Geldscheine von Ghana. Auf ihnen sind sie nach der Unabhängigkeit des Landes abgebildet worden. Ich habe auch solche Geldscheine gesammelt. Einige Gewichte sind aber auch auf Münzen abgebildet, ebenfalls aus Ghana. Das habe ich alles griffbereit zu Hause. Ich zeige es ihnen gern einmal.

500 Francs (Westafrikanische Staaten, 2012)
Bildquelle: Numista, hex7ech
Münzen-Online: Vormünzliche Zahlungsmittel sind heute Ihr Thema?
Eckehard Döhring: Ich habe insgesamt 32 Länder in Afrika bereist. Dort habe ich immer auch gesammelt, viel Geld dafür ausgegeben. Vor Ort interessierten mich vielerlei Münzen, vor allem aber die älteren. Sehr, sehr witzig war ein Vorfall in Tansania. Da fuhren wir mit dem Jeep über eine Brücke. Ein einheimischer Junge auf dem Wagen fragte mich: Willst du deutsche Kolonialmünzen haben? Ich sagte: Ja. Da ging der Junge von Bord, zog das T-Shirt aus, sprang ins Wasser und kam mit einer Faust voll deutscher Kolonialmünzen hoch. Die Deutschen hatten sie bei Übergabe an die Engländer im Ersten Weltkrieg da versenkt. Solche Erlebnisse hatte ich mehrfach. Besonders spezialisiert habe ich mich bei den Afrikanern und ihren Zahlungsmitteln allerdings nicht. Tendenziell interessieren mich eher vormünzliche oder non-münzliche Zahlungsmittel aus Afrika.
Münzen-Online: Gibt es Sammler von vormünzliche Zahlungsmitteln aus Afrika, die sich regelmäßig treffen und sich zu ihrem Sammelgebiet austauschen?
Eckehard Döhring: Es gibt die Sammlergemeinschaft EUCOPRIMO, die Europäische Vereinigung zum Sammeln, Bewahren und Erforschen von ursprünglichen und außergewöhnlichen Geldformen. Die kann man im Internet nachschlagen. Sie hat auch eine Homepage: https://eucoprimo.com Die Vereinigung bringt zweimal im Jahr eine Reihe von Leuten zusammen, die sich für das Thema interessieren. Wir halten bei diesen Treffen immer Vorträge, wir tauschen uns aus, wir kämpfen miteinander. Seit 20 Jahren bin ich dort Mitglied, seit zehn Jahren auch im Vorstand.
Das Interview führte Dietmar Kreutzer




Kommentare