Interview mit Matthias Ohm, dem „Herrn“ der Münzen am Landesmuseum Württemberg
- Dietmar Kreutzer

- vor 58 Minuten
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Im 1. Obergeschoss des Alten Schlosses in Stuttgart zeigt das Landesmuseum Württemberg Wahre Schätze der Antike, zu den Kelten und aus der Kunstkammer. In einem Raum präsentiert sich auch das Münzkabinett. Im 2. Obergeschoss gibt es LegendäreMeisterWerke zu sehen, anhand derer Kulturgeschichte(n) aus Württemberg erzählt werden. Auch hier sind Münzen ausgestellt, allerdings „nur“ begleitend. Wir fragten Dr. Mattias Ohm, Kurator am Landesmuseum und zuständig für die Münzsammlung, wie diese Ausstellung entstand. Sind Veränderungen in nächster Zeit geplant? Gibt es spannende Sonderausstellungen?

Matthias Ohm an seinem Arbeitsplatz
Münzen-Online: Wie lange gibt es LegendäreMeisterWerke schon, also den großen Rundgang mit den Münzen aus der Kulturgeschichte von Württemberg?
Matthias Ohm: Den Rundgang im zweiten Stock haben wir im Jahr 2012 eröffnet, also ziemlich genau vor 14 Jahren im Mai. Die Besonderheit ist, dass die Münzen und Medaillen in alle Etappen der Geschichte eingebaut sind. Es geht natürlich bei den Kelten los, die hier ihre Spuren hinterlassen haben. Schwerpunkt sind die Römer, insbesondere mit einer großen Installation als Eingangsbild, mit 5 × 5 × 5 x 5 römischen Münzen, also 625 Objekten.
Münzen-Online: Die ist ja beeindruckend, eine ganz moderne Präsentation!
Matthias Ohm: Ja, diese Form der Präsentation war meine Idee. In eine Lichtwand sind ins Sichthöhe genau 125 Goldmünzen eingebaut, darüber und darunter je 125 Stücke aus Silber sowie unten und oben je 125 aus unedlem Metall. Ein ein Objekt ist übrigens nicht echt, sondern eine „Beckersche Fälschung“. Von denen haben es einige in die Sammlung geschafft. Ich habe gedacht, einen „Becker“ packe ich hinein! Zu dieser Lichtwand gab es Kritik, zum Teil sicher auch berechtigt. Der Besucher kann hier nur die Vorderseite der Münzen sehen. Wir haben überlegt, die Wand durchsichtig zu machen, aber das ging aus Sicherheitsgründen nicht. Auf den 625 Münzen gibt es somit nur die Vorderseite mit dem Gesicht des Kaisers zu sehen. Die Abfolge der Kaiser steht somit im Mittelpunkt - die Herrscher, die das römische Reich repräsentierten.


Lichtwand als Auftakt der Römer-Präsentation
Münzen-Online: Warum sind nicht alle Münzen an einer Stelle ausgestellt?
Matthias Ohm: Mir war es wichtig zu zeigen, dass Münzen in der Geschichte ein Teil des Alltags sind. Es gab überzeitliche Phänomene wie Krisenzeiten, in denen sie sogar eine besondere Rolle spielten. Wir sind ja hier an der an der Grenze des römischen Reiches, der Limes ist nicht weit entfernt. Im dritten Jahrhundert gab es eine große Krise, immer wieder drangen germanischen Stämme vor. Manche Bewohner vergruben ihre Wertsachen. Deshalb haben wir so viele Münzschätze. Das gleiche Phänomen gab es dann 1.400 Jahre später im Dreißigjährigen Krieg. Mir war es wichtig, solche Bögen zu schlagen. Man diese Krisen am Geld festmachen. Da gibt es die Limes-Prägungen und dann die die Abwertung des Geldes in der Kipper- und Wipperzeit. Da lässt sich viel über geldgeschichtliche Phänomene erzählen. Neulich habe ich den Finanzminister und den Finanzausschuss Baden-Württembergs durch die Ausstellung geführt, mit dem Fokus auf Geld. Die haben gestaunt, welche Bezüge es da zu ganz aktuellen Phänomenen gibt.
Münzen-Online: Im ersten Stock mit den Schätzen der Kunstkammer gibt es einen Raum, der ausschließlich Stücke aus dem Münzkabinett zeigt. Die Nummern der Münzen und Medaillen stehen da nicht in den Vitrine, sondern daneben. Ich brauchte eine ganze Weile, um den passenden Text zur Medaille zu finden. Geht es anderen auch so?
Matthias Ohm: Das habe ich auch schon gehört. Wir hatten entschieden, die Vitrine nicht zu bekleben. Das ist etwas, was ich heute vielleicht anders machen würde, um die Zuordnung zu ermöglichen. Es gab auch einen anderen Lerneffekt. Weil in der Lichtwand mit den römischen Kaisermünzen keine Rückseiten zu sehen sind, wollten wir es hier an der machen. In dem Ausstellungsraum gibt es eine Klappe mit einem Display. So können wir die Rückseiten der Münzen digital zeigen, außerdem noch eine Reihe weiterer Informationen. Ich stehe gern selbst vor diesem Display und „drehe“ die Münze. Das beruhigt ungemein!

Medaille auf König Ludwig XIII. von Frankreich (reg. 1617-1643) und Anna von Österreich von Guillaume Dupré (unten, 1620): Das Stück mit dem König auf der Vorder- und seiner Frau auf der Rückseite stammt aus der Münzen- und Medaillensammlung der in Mömpelgard regierenden württembergischen Herzöge.

Münzen-Online: Haben Sie auch andere digitale Präsentationen?
Matthias Ohm: Wir haben mehrere digitale Ausstellungen als Google Arts and Culture Stories. Im Jahr 2018 gab es eine Sonderausstellung zu 10.000 Jahre Alkohol. Dazu hat das Münzkabinett etwas über Wein auf griechischen Münzen beigesteuert. In der zugehörigen Animation wird ganz dicht in die in die Locken, die Bärte des Weingottes gezoomt. Aktuell haben wir auch eine Ausstellung zu keltischen Münzen aus Württemberg, auch digital. Jetzt im Herbst zeigen wir eine Ausstellung über Zier und Zeichen. Da geht es um Dinge, die Männer schmücken. Auch dazu werden wir natürlich etwas beisteuern. Das werden zum Beispiel Gnadenpfennige sein, die Vorläuferin der Orden. Wir bereiten gerade die Präsentation zu einem Gnadenpfennig aus Württemberg vor. Dabei zoomen wir auch stark in die Details der Ansicht hinein. Primär sind diese Teile der Präsentation für den Online-Auftritt gedacht. Die Ausstellung selbst öffnet im Oktober, zugleich geht sie online. Die Filme bleiben dann auch über die Ausstellung hinaus verfügbar.
Münzen-Online: Ist das ein Trend, immer mehr ins Digitale zu gehen?
Matthias Ohm: Ja, auf jeden Fall. Wir versuchen immer, die Projekte des Hauses mit digitalen Präsentationen zu begleiten. Damit sorgen wir für mehr Sichtbarkeit, auch außerhalb unserer Räume. Durch die dauerhafte Verfügbarkeit der Inhalte im Netz sind die Ausstellungen auch nachhaltiger. Wir bestreiten also die analoge Ausstellung, schauen aber auch immer, was digital geht: Welche Objekte können wir online stellen, in den in den digitalen Katalog? Was können wir für den kleinen digitalen Teil der Ausstellung beitragen?
Münzen-Online: Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus? Ist ein Tag wie der andere?
Matthias Ohm: Nein, überhaupt nicht. Ich muss schauen, was per Mail, per Post an Anfragen kommt. Das sind inhaltliche Anfragen, Bildanfragen, Leihanfragen. Ich habe den Verdacht, die stimmen sich ab. Das geht immer in Wellen, was da passiert. Paar Tage lang passiert gar nichts. Dann kommen vier Sachen innerhalb von einer Viertelstunde oder so. Also, das ist ganz unterschiedlich. Wichtig ist mir, die jungen Kolleginnen und Kollegen heranzuführen. Mit Studentinnen und Studenten fotografiere ich die Münzen und Medaillen auf und gebe sie mit den zugehörigen Informationen in die Datenbank ein. Damit kann ich dem Nachwuchs der Geschichte und Kunstgeschichte das numismatische Material etwas näherbringen. Ich versuche auch immer, die Erschließung unserer Bestände über Drittmittel zu finanzieren.

Die Schätze der Offiziersgattin: Im Jahr 305 nach Christus wurde das Kastell Isny zum wiederholten Mal von Germanen überfallen. Aus dieser Zeit sind zwei Schatzfunde erhalten. Der erste (oben) umfasst Schmuck sowie 157 Münzen, die wohl einem hohen Offizier des Lagers und seiner Frau gehörten.

Münzen-Online: Mit der Digitalisierung haben Sie bestimmt noch eine Weile zu tun?
Matthias Ohm: Allerdings. Unsere Sammlung besteht aus 180.000 Objekten. Wir haben jetzt gut ein Sechstel in der Datenbank. Gut 10.000 Stück sind online gestellt. Das ist noch nicht besonders viel. Wobei ich sagen muss, dass nicht jeder Heller eines Heller-Fundes mit 10.000 Stück von Interesse ist. Ich könnte mir vorstellen, das umfangreiche Material einmal in die Maschine zu geben. Meine Frage wäre: Bekomme ich über die Bildanalyse vielleicht Abfolgen heraus, Stempelkopplungen und so weiter. Aber dafür brauche ich aber erst einmal jemanden, der von 10.000 Stücken die Bilder aufnimmt, mit Vorder- und Rückseite!
Münzen-Online: Die Analyse ist wohl ein Job für die Künstliche Intelligenz?
Matthias Ohm: Genau. Ich brauche die Bilder, um sie durch die Erkennung laufen zu lassen. Das gibt es schon in der keltischen Numismatik. Auch das große Projekt am Münzkabinett in Berlin arbeitet ja mit Bilderkennung. Ich würde das gern einmal an einem mittelalterlichen Fund ausprobieren, vielleicht erst einmal für einen kleineren. Wir sind jetzt gerade dabei, ein Projekt abzuschließen, in dem wir die Künstliche Intelligenz für die Tiefenerschließung genutzt haben. Dabei geht es um Medaillen zur Musik, zur Chormusik in Baden-Württemberg. Zu diesen Stücken gibt es noch keine Literatur. Wir haben die Fotos und Anweisungen in die Maschine geschickt, damit sie uns bei der Erfassung und bei der Texterstellung hilft. Das ist gewissermaßen ein Pilot, um zu schauen, was uns das bringt. Ich will auch wissen: Was kostet uns das an Arbeit? Eines der Ergebnisse ist: Der Mensch muss immer noch das letzte Wort haben.

Stempel für einen Batzen der Stadt Isny von 1517: Im Jahr 1507 verlieh Maximilian I. der Freie Reichsstadt Isny das Münzrecht. Ein Jahr später wurden hier die ersten Münzen geprägt, darunter auch ein Batzen, eine im frühen 16. Jahrhundert in Süddeutschland verbreitete Silbermünze im. Wert von 16 Pfennigen.
Münzen-Online: Gibt es über die Medaillen zur Musik eine Sonderausstellung?
Matthias Ohm: Nein, die haben wir von einem Museum übernehmen können, das leider aufgelöst wurde. Als wir Mittel zum Einsatz der Künstlichen Intelligenz bekamen, habe ich gesagt: Das probieren wir mal aus! Natürlich muss ich keine Augustus-Münze mit Künstlicher Intelligenz bearbeiten. Da gibt es die Datenbanken im Netz. Es ging stattdessen ganz dezidiert darum, wenig oder überhaupt nicht erschlossenes Material der Maschine zu geben.
Münzen-Online: Gibt es in nächster Zeit etwas Neues in der Dauerausstellung?
Matthias Ohm: Ich will nicht jammern, aber ich muss schon sagen, das Jahrzehnt nach der Finanzkrise, das waren schon goldene Jahre! Das werden wir so schnell nicht wieder erleben. Erst haben wir LegendäreMeisterWerke, also den Rundgang durch Württemberg einrichten dürfen. Das ist der Ausstellungsteil im 2. Obergeschoss. Vier Jahre später folgte Wahre Schätze, also der Rundgang mit der Kunstkammer im ersten Obergeschoss. Ich glaube nicht, dass ich das noch mal erlebe in meiner Zeit. Das Land hat umfangreich investiert, zugleich ein wohlhabender Unternehmer. Wir hatten ja den Herrn Würth, bekannt als Hersteller von Schrauben, als Vorsitzenden der Fördergesellschaft. Da stand richtig viel Geld bereit!

Goldservice für Zarentöchter: Als Katharina Pawlowna erstmals heiratete, bekam sie wie ihre Schwester als Mitgift ein Teeservice Petersburger Goldschmied Otto Samuel Keibel aus reinem Gold (oben). Als sie sich 1816 zum zweiten Mal vemählte, nach Württemberg, brachte sie das Service nach Stuttgart mit.
Münzen-Online: Kommt eine Sonderausstellung, die ihn am Herzen liegt?
Matthias Ohm: Wir haben nächstes Jahr eine große Landesausstellung zum Thema Barock. Da spielen Medaillen natürlich eine große Rolle. Wir habe dazu auch einen großen Bestand. Ich will schauen, zu welchen Themen wir diesen Bestand einbringen. Der Krieg spielt im Barock eine große Rolle, auch im Medaillenschaffen. Das Thema Vergänglichkeit ist da präsent, auch die Architektur. Da werden wir uns auf alle Fälle analog und digital beteiligen.
Münzen-Online: Sie tun also etwas für die bei Sammlern unterbewerteten Medaillen!
Mattias Ohm: Ich liebe alle meine 180.000 Objekte, die gewissermaßen meine Kinder sind. Aber die Barockmedaille ist schon einer der Schwerpunkte in meiner Arbeit. Ich „muss“ mich natürlich auch mit den keltischen Fundmünzen beschäftigen. Das ist zweifellos ein spannendes Thema. Aber das Medaillenschaffen liegt mir ganz besonders am Herzen. Ich will das Medium der Medaille in die Gegenwart ziehen. Wir haben ja eine Universalsammlung, die sich über Jahrhunderte erstreckt. Von den zeitgenössischen Medaillen sammeln wir vor allem jene, die Victor Huster entwirft. Alles können wir aber nicht bedienen. Ich habe nur eine Kollegin, bin also weitgehend Einzelkämpfer. Ich muss also versuchen, alles zu können!
Interview und Fotos: Dietmar Kreutzer




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