Interview mit Ruedi Kunzmann vom Auktionshaus SINCONA in Zürich
- Dietmar Kreutzer

- vor 2 Tagen
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Der Schweizer Numismatiker Dr. Ruedi Kunzmann (geb. 1950) verfügt über ein reiches Wissen zu Schweizer Münzen. Er hat viele wissenschaftliche Druckwerke und Artikel verfasst und ist Mitautor des Neuen HMZ-Katalogs, einem Nachschlagewerk über die Münzen der Schweiz und Liechtensteins von der Antike bis zur Gegenwart. Seit etwa 15 Jahren arbeitet bei der SINCONA AG, einem renommierten numismatischen Auktionshaus in Zürich.

Kunzmann mit den Münzbelustigungen (1729-1750)
Münzen-Online: Wie kamen sie zur Numismatik?
Dr. Ruedi Kunzmann: Schon als Kind. Damals gab es noch Silbergeld. Es war genau die Zeit, in der das Silbergeld in der Schweiz abgeschafft wurde. Die Münzen vom halben Franken bis zum Fünf-Franken-Stück sind im Jahr 1968 durch solche aus Kupfernickel ersetzt worden. Dementsprechend war das damals der absolute Hype. Niemand hat sein Silbergeld abgegeben. Das zeigt übrigens, was passieren kann, wenn ein ganzes Volk sein Münzgeld zurückbehält. Innerhalb weniger Wochen war in der Schweiz kein Wechselgeld mehr vorhanden. Ich habe das vor längerer Zeit in einem Artikel beschrieben. Viele Leute haben ihr Silber in Deutschland einschmelzen lassen, weil der Materialwert der Münzen über ihrem Nennwert lag. Eines Tages, morgens um 8:30 Uhr, beschloss der Schweizer Bundesrat: Man darf nur noch mit 10 Franken Silbergeld über die Grenze. Alles andere ist verboten. Die Gültigkeit des Beschlusses wurde auf 12:00 Uhr angesetzt. Als Jugendlicher fand ich die Aufregung um das Silbergeld spannend. Ich hatte zwar schon vorher ein wenig gesammelt. Dann ging es aber richtig los. Bis heute kann ich es nicht mehr lassen. Ich habe meine damalige Sammlung immer noch bei mir.

Historische Werke in der SINCONA-Bibliothek
Münzen-Online: Alles Schweizer Münzen?
Dr. Ruedi Kunzmann: Alles Schweizer Münzen! Jeder beginnt wahrscheinlich mit seinem Land, seiner Stadt und weitet das Sammelgebiet erst danach aus. Während des Studiums habe ich Zeiten gehabt, in denen ich nicht konzentriert sammeln konnte. Damals hatte ich auch kaum Geld dafür übrig, was sicher nachvollziehbar ist. Ich habe aber nie etwas weggeworfen.
Münzen-Online: Sie haben lange als Tierarzt praktiziert. Seit wann arbeiten Sie beruflich mit Münzen?
Dr. Ruedi Kunzmann: Im Jahr 1979 habe ich eine Kleintierpraxis eröffnet, in jenem Vorort von Zürich, in dem ich noch heute wohne. Um die Ausstattung, die ich brauchte, vorhalten zu können, habe mich hoch verschuldet. In den folgenden 32 Jahren ist mir alles untergekommen, was man als Tierarzt so vor die Nase bekommen kann. In der Praxis hatte ich einen, gelegentlich zwei Assistenten. Nach dreißig Jahren fragte meine damalige Assistentin: Hast du nicht langsam genug? Ich antwortete: Eigentlich schon. Das war die Zeit, in der die Union de Banques Suisses (UBS, heute Union Bank of Switzerland) sich entschied, ihr numismatisches Auktionswesen auszugliedern und abzugeben. Jürg Richter ist mein bester Freund. Er sagte mir damals, dass er das Geschäft übernehmen wolle. Die Termine dazu passten. Im März 2011 habe ich meine Praxis übergeben. Im Mai desselben Jahres ist die SINCONA gegründet worden. So kommt man als Jungfrau zum Kind!

Vitrine mit Münzteller im Foyer des Auktionshauses
Münzen-Online: Was ist wichtig bei der Vorbereitung von Münzauktionen?
Dr. Ruedi Kunzmann: Relativ wichtig ist es, dass man ein Netzwerk hat. Dadurch, dass ich mich schon lange in diesem Metier bewege, habe ich ein Netzwerk, das über den Münzenhandel hinausreicht. Ich kenne sehr viele Leute in den Münzkabinetten, ausgebildete Historiker. Als langjähriges Vorstandsmitglied der Schweizerischen Numismatischen Gesellschaft, sind daraus auch Freundschaften entstanden. Dann habe ich ein Netzwerk mit vielen, vielen Sammlern. So kommt es vor, dass wir mit Sammlern sprechen, die sagen: Ich bin an mit meiner Sammlung an eine Grenze gekommen. Ich bin älter geworden und habe eine unangenehme Diagnose bekommen. Vielleicht geht es mir in einem Jahr nicht mehr gut. Was mache ich mit meiner Sammlung? Andere sagen, dass sie die Sammlung nicht an ihre Kinder abgeben wollen, die sich nicht dafür interessieren. Ich empfehle, die Sammlung noch zu Lebzeiten weiterzugeben.

Auf ihr Auktionsangebot wartende Schützenpokale
Münzen-Online: Können Sie dazu ein Beispiel nennen, das Ihnen im Gedächtnis geblieben ist?
Dr. Ruedi Kunzmann: Wir haben einen lieben Münzensammler gehabt, der zu seinen tunesischen Münzen der verschiedenen ottomanischen Herrscher selbst den Katalog geschrieben hat. Er ist so nochmals tief in sein Spezialgebiet eingedrungen. Wir konnten so aus seiner Sammlung eine Auktion machen, für die wir nicht einmal umfangreich tätig werden mussten. Dann gab es die Sammlung Zuberbühler in der Auktion 16. Emil Zuberbühler war ein guter Freund, jahrelang bei uns Revisor im Numismatischen Verein Zürich, dessen Präsident ich bin. Er kam im Rollstuhl zur Auktion. Der legendäre Numismatiker Edwin Tobler kam extra in den Auktionssaal, um die Versteigerung der Münzen seines Freundes zu erleben. Man hat gesehen, dass sie gelegentlich Tränen in den Augen hatten. Das hat mich tief berührt. Jeder Sammler, der sich mit dem Gedanken trägt, sein Lebenswerk zu veräußern, sollte es so tun, dass er selbst noch etwas davon hat. Wir können dabei zeigen, dass wir uns intensiv mit Numismatik beschäftigen und gute Kataloge machen.

Dr. Kunzmann an einem historischen Geldschrank
Münzen-Online: Wie hat sich das Auktionsgeschäft in den letzten Jahren verändert?
Dr. Ruedi Kunzmann: Ich glaube, das Internet hat einen unglaublichen Einfluss auf unser Geschäft ausgeübt. Es gibt viele positive Seiten. Derjenige, der sich für Münzen interessiert und irgendwo in Singapur wohnt, muss nicht mehr nach Zürich fliegen, sondern kann online bieten. Das heißt, er spart den Hin- und Rückflug. Das ist einerseits ein Positivum. Andererseits haben wir alle bei internationalen Auktionen eher leere Auktionssäle. Wenn allerdings bei uns die Schweiz aufgerufen wird, auch eine bestimmte Stadt oder eine Spezialsammlung, zu der es viele Sammler gibt, ist es plötzlich wieder voll im Auktionssaal. Für unsere 100. Auktion etwa haben wir einen Saal in einem wunderschönen Zunfthaus gemietet und die Auktion dort durchgeführt.
Münzen-Online: Was sind die Ereignisse, die bei Ihnen anstehen in diesem Jahr?
Dr. Ruedi Kunzmann: Wir haben gerade die wohl größte Sammlung von Schützenmedaillen am Start. Dazu gibt es ergänzend Schützenbecher, auch Schützenuhren. Diese Sammlung können wir nicht komplett in einer Auktion unterbringen. Zunächst kommt ein erster Teil mit den Medaillen der Schweiz, etwa 800 Nummern. Der Sammler hat sich nämlich vordergründig auf die Schweizer Schützenmedaillen konzentriert. Ein zweiter Teil wird sich bald anschließen.

Katalogliteratur zur Schweiz von Kunzmann/Richter
Münzen-Online: Was gibt es für Anleger?
Dr. Ruedi Kunzmann: Wir haben eine spezielle Auktionsplattform für Anleger. Das ist das „Kapitel Edelmetallhandel“, in dem wir Auktion mit Bullion-Münzen veranstalten. Da versteigern wir nicht in Franken-Schritten, sondern in Prozenten, und man bezahlt kein Aufgeld. Das heißt, jeder kann auf besondere Art mitmachen. Der Einstiegspreis wird in Prozenten angegeben. Es kann sein, dass man mit 98 % des Goldpreises beginnt oder mit 110 Prozent. Dieser Spotpreis wird zehn Minuten, bevor die Auktion beginnt, fixiert. Das ist im Internet auch klar nachvollziehbar. Aufgrund der Prozentschritte kann derjenige, der mitmachen will, gut nachvollziehen, wie viel er investieren möchte. Das ist etwas, was wir als einziges Auktionshaus eingeführt haben und weiterpflegen.
Münzen-Online: Bullion-Münzen sind doch immer über den Spotpreis definiert?
Dr. Ruedi Kunzmann: Nicht alle. Es kann gut sein, dass wir ein Los mit all seinen Besonderheiten beschreiben. Zum Beispiel gibt es 20-Franken-Stücke mit dem Porträt der Vreneli von 1926 in einer kleinen Auflage. Die sind immer ein bißchen teurer als andere. Für solche Fälle stellen wir etwa ein Los aus solchen Stücken zusammen, die besonders gut erhalten sind. Sie stammen möglicherweise aus einer Rolle, die über lange Zeit unberührt geblieben ist. So etwas gibt es immer wieder mal. In einem solchen Fall wird das auch ganz klar im Katalog vermerkt. Dann weiß derjenige, der kaufen will, ob er dabei einen oder zwei Prozentschritte weiter gehen will.

Firmensitz von SINCONA am Zürcher Limmatquai
Münzen-Online: Haben Sie eine langfristige Planung?
Dr. Ruedi Kunzmann: Jedes Auktionshaus lebt ein bißchen von der Hand in den Mund. Das muss man ehrlich eingestehen. Wenn wir wissen, was wir in einem Jahr anbieten, ist das schon toll. Man muss am Ball bleiben. Dabei hilft uns unser Netzwerk. Es ist spürbar, dass viele Leute erst mit 40 oder 50 Jahren genügend Geld für eine anspruchsvolle Sammlung haben. Die Jugend für eine solche Sammlung zu begeistern, ist sehr schwierig. In der heutigen Zeit brauchen die jungen Leute das Geld für andere Sachen, wie für die Ausbildung, um eine Familie zu gründen, vielleicht ein Haus zu kaufen. Wenn sie 50 Jahre alt geworden sind, verlassen die Kinder in der Regel das Haus. Erst dann können viele Sammler das tun, worauf sie schon immer Lust hatten. Vorher reichte das Geld dazu gar nicht. Der Zeitraum, der für eine aufwändige Sammlung bleibt, ist somit nur eine kurze Spanne.
Münzen-Online: Dann schauen Sie also jetzt erstmal auf den Herbst?
Dr. Ruedi Kunzmann: Natürlich. Die Sammlung Bürki, deren fünften Teil wir jetzt versteigern, war ein Glücksfall für uns. Zweieinhalb Jahre haben wir uns damit beschäftigt. Wir haben sie gut auftrennen können, so dass wir jedes halbe Jahr einen weiteren Teil angeboten haben. Unsere Auktionen finden immer im Mai und im Oktober statt. Wir freuen uns, wenn wir in jeder Auktion für jeden unserer Kunden etwas dabeihaben. Muss man also die Kundschaft pflegen und zeigen: Ich nehme dich ernst. Ich weiß, was du willst. Und: Es macht Spaß, dir etwas zu bieten!
Das Interview führte Dietmar Kreutzer



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