Interview mit Michael Sonntag: „Je mehr Sie über die Münzen wissen, umso besser kaufen Sie!"
- Dietmar Kreutzer

- vor 23 Stunden
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Aktualisiert: vor 3 Stunden
Der Historiker Michael Kurt Sonntag (66) publiziert seit 2002 in Fachzeitschriften über die Numismatik der griechischen Antike. Leser der MünzenRevue und von Münzen-Online kennen Sonntag als Bearbeiter der internationalen Münzneuheiten. Darüber hinaus bearbeitet er den Jaeger-Katalog Die deutschen Münzen seit 1871 sowie den Katalog Die €uro-Münzen. Münzen-Online fragte ihn, wie er zu seinem Spezialgebiet fand, der antiken griechischen Numismatik.

Michael Kurt Sonntag an seinem Arbeitsplatz
Fotos: Dietmar Kreutzer

Münzen-Online: Wie kamen Sie zur Numismatik?
Michael Sonntag: Das ist eine längere Geschichte. Geboren und aufgewachsen bin ich im ehemals österreichisch-ungarischen Siebenbürgen, einem Gebiet, das nach der Niederlage Österreich-Ungarns im I. Welkrieg an Rumänien fiel und bis heute Bestandteil dieses Landes ist. Dort hatte ich als 14-Jähriger meinen ersten Kontakt zu einer historischen Münze. Die war von meiner Oma, ein Stück zu vier Kreuzern aus der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie. Ich weiß noch, dass es im Jahr 1861 geprägt wurde und das Münzzeichen E hatte – das, wie ich später erfuhr, für Karlsburg (Alba Iulia) in Siebenbürgen stand. Schon als Jugendlicher in Rumänien wollte ich Geschichte studieren. Da meine Eltern einen Antrag auf Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland gestellt hatten, ging das aber nicht. Erst hier in der Bundesrepublik wurde mein Traum wahr. Ich studierte Geschichte und Anglistik. Nebenbei habe ich mich in Münzkatalogen über moderne Münzen informiert und zur Erlangung meines Magister-Artium-Abschlusses eine Magisterarbeit über die „Währungspolitik der USA vom Ende des Bürgerkriegs bis zur offiziellen Annahme des Goldstandards (1865–1900)“ geschrieben.
Münzen-Online: Gab es im Studium ein Erweckungserlebnis?
Michael Sonntag: Ja, das gab es. Im Jahr 1983/84 begann ich mit dem Studium. Etwa ein Jahr später ist an der Universität ein Ausflug nach Pompeji organisiert worden. Ich war dafür gar nicht eingeplant, weil ich „semestermäßig“ noch zu jung war. Für die Teilnahme waren die Viert- und Fünftsemester eingeplant und nicht Zweitsemester. Doch es war ein Platz übrig. Ich wurde gefragt, ob ich mitkommen will. Warum nicht? Es klang sehr interessant. Wir sind zehn Tage durch Italien gereist, haben Pompeji besichtigt, ganz wunderbar. Einzige Bedingung war, dass ich ein Referat zu einem antiken Thema ausarbeite. In Pompeji, im kleinen Odeon, also dem kleinen Theater, hielt ich dann mein Referat zum Thema.
Münzen-Online: Was fasziniert Sie an der griechischen Antike?
Michael Sonntag: In erster Linie die Ästhetik. Das betrifft das hohe künstlerisch-stilistische Niveau vieler dieser Münzen, aber auch die meisterliche Umsetzung der gewählten Sujets. Viele dieser Münzen wirken wie kleine glyptische Kunstwerke und die herausragendsten unter ihnen stehen den berühmten Skulpturen in den großen Museen dieser Welt in nichts nach. Interessant ist darüber hinaus der geschichtliche Hintergrund. Mythologie und Kunst verbinden sich hier auf eine einzigartige Weise. Schon als Kind habe ich erstmals Die klassischen Sagen des Altertums von Gustav Schwab gelesen, beispielsweise die Herakles-Sage. Als ich dann Münzen mit Herakles sah, auf denen er einen Löwen würgt, wusste ich sofort Bescheid. Das Motiv gibt es in mehreren Variationen. Es gibt Münzen, auf denen Herakles nur mit einem Fell steht. Das heißt, er hat den Löwen bereits „erledigt“. Er ist heroisch nackt, trägt eine Keule, dazu das Löwenfell auf dem Arm. Damit ist eindeutig erkennbar, dass es sich um Herakles handelt – den Löwentöter.

PHRYGIEN, Apameia am Maiandros.
Nominal A (um 88–40 v. Chr., nach Hoover / 2./1. Jh. v. Chr. nach Leschhorn),
Bronze, 8,36 g, Ø 21,55 mm (Höhe, Vs.), Münzstätte Apameia.
Bildquelle: MA-Shops, Odysseus (F)

Münzen-Online: Ihr Erweckungserlebnis war doch aber Pompeji?
Michael Sonntag: Anfangs war ich tatsächlich von den alten Römern angetan. Die römische Antike ist aber stark mit der griechischen verbunden. Wenn sie beispielsweise in das süditalische Paestum gehen, hören Sie sofort, dass das einst unter dem Namen Poseidonia eine griechische Stadt gewesen ist. Poseidonia, die Stadt des Poseidon. Unter den Römern wurde es Paestum. Die Römer übernahmen viel von den Griechen, im Bereich des Militärwesens, der Architektur etc. Unter anderem auch die Mythologie. Es kamen allerdings auch Novitäten auf. Bögen und Aquädukte etwa kannten die Griechen nicht. So viele gepflasterte Straßen wie die Römer hatten sie auch nicht. Das ist dann bei den Römern infolge der Militärtechnik weiterentwickelt worden, um Städte zu verbinden und schnell Truppen verlegen zu können. Ich wollte zu den Anfängen vordringen – und die liegen bei den Griechen!
Münzen-Online: Wie wurden Sie zum numismatischen Publizisten?
Michael Sonntag: Dazu bin ich von der Deutschen Bundesbank angeregt worden. Die hat nämlich 1980 ein Buch über ihren Bestand an Goldmünzen herausgegeben. In ihm ist eine bestimmte Münze im Original und in vielfacher Vergrößerung abgebildet, die mich interessierte. Dazu ein Text, mit dem die Münze beschrieben ist. Die Münze wurde dort als Teil der historischen Ereignisse präsentiert. Das war für mich eine Anregung: So kann man das also machen! Mit meinen Textbeiträgen möchte ich Verständnis für die Antike, insbesondere die griechische, wecken. Da gibt es viele spannende Details, in der Ikonografie beispielsweise. So gibt es nur eine antike griechische Münze, auf der Athena keinen Helm trägt. Das ist überaus merkwürdig, da diese Göttin in der Mythologie schon mit Helm zur Welt kommt. Schließlich entspringt sie dem Haupt ihres Vaters Zeus als Kopfgeburt in voller Rüstung. Auf der genannten Münze ist sie im Profil nach rechts gezeigt, vor dem Hintergrund einer mit Schlangen bekränzten Ägis. Da die Ägis wiederum das Attribut des Zeus und der Athena war, muss die dargestellte Frau also Athena sein. Der Helm fehlt aber! Die Phase, in der dieser Münztyp im süditalischen Herakleia geprägt wurde, war sehr kurz. Danach hat man das Bild der „helmlosen Athena“ nie wieder verwendet. In der Bevölkerung sind die Stücke wohl abgelehnt worden.
Münzen-Online: Welche Quellen nutzen Sie als Publizist?
Michael Sonntag: Antike Literatur gibt es sehr viel, gute Kataloge, gute Monografien, auch viele gute Beschreibungen. Das fundamentale Wissen findet sich in den gedruckten Standardwerken der einzelnen Gebiete. Die Griechen haben extrem viele Münzen. Ich besitze mittlerweile etwa 115 Bücher mit Münzen aus der griechischen Antike. Damit bin ich aber längst nicht komplett ausgestattet, zumal sehr viel mehr vorhanden ist und laufend neue Publikationen hinzukommen. Zudem bin ich auch im Internet unterwegs, um mich über aktuelle Auktionen und deren Angebote zu informieren. Ich würde jedem empfehlen, der sammeln will, sich zuerst zu informieren. Kaufen kann man immer. Besser ist es allerdings, man weiß vorher etwas über die Münzen, dann fällt die Kaufentscheidung leichter und man erspart sich unter Umständen teures Lehrgeld! Außerdem freut man sich erst so richtig über ein Münzmotiv, wenn man es problemlos erkennen und richtig interpretieren kann.

KÖNIGREICH THRAKIEN, Lysimachos, Satrap (323–305 v. Chr.) und König (305–281 v. Chr.). Tetradrachmon (297/96–282/81 v. Chr.),
Silber, 17,17 g, Ø (Höhe, Vs.) 29,92 mm, Münzstätte Alexandreia Troas.
Bildquelle: F. R. Künker, Auktion 89 (8.–9. März 2004), Los 1165

Münzen-Online: Können Sie ein passendes Beispiel geben?
Michael Sonntag: Da gibt es zum Beispiel eine Münze, auf der schlägt Herakles mit der Keule um sich. Gegen wen sich sein Schlag richtet, ist allerdings nicht zu erkennen, da vor ihm nur die Legende STYMPHALION ([Münze] der Stymphaler) steht. Wer mit der antiken Sagenwelt vertraut ist, der weiß, dass der Ort Stymphalos zu Herakles Zeiten von den Stymphalischen Vögeln heimgesucht wurde. Dies waren Vögel mit eisernen Schnäbeln und eisernen Flügeln, die sehr aggressiv und gefährlich waren. Gegen sie musste Herakles kämpfen. Aber auf der Münze ist, wie schon erwähnt, kein einziger Vogel zu sehen. Eine solche Münze erschließt sich folglich nur, wenn die griechische Mythologie bekannt ist. Oder nehmen Sie die Münzen von Alexander dem Großen, die Tetradrachmen. Auf ihnen sieht man Herakles-Alexander im Skalp des Nemeischen Löwen. Die Tetradrachmen mit dem Linksprofil sind deutlich seltener als jene mit dem Rechtsprofil. Das Rechtsprofil ist Standard. Wenn Sie ein Linksprofil finden, geht das sowohl künstlerisch-stilistisch als auch preislich in eine ganz andere Richtung. Oder Alexander-Dekadrachmen mit dem Herakles-Alexander. Auch die sind sehr selten, begehrt und teuer.
Münzen-Online: Ist die Antike heute stärker nachgefragt als früher?
Michael Sonntag: Das würde ich so nicht sagen. Urprünglich ist ja nur die Antike gesammelt worden und sonst nichts. Später kamen die anderen Gebiete dazu. Und heute ist die Antike immer noch ein nachgefragtes Gebiet, das von interessierten Historikern besetzt wird, aber auch von einer Reihe anderer Akademiker. Dass es vorwiegend Intellektuelle sind, die sich diesem Gebiet zuwenden, kommt vermutlich daher, dass diese Menschen bereits während ihrer Gymnasialausbildung mit der Antike, ihrer Geschichte, ihren Göttern und Mythen in Kontakt kamen und diese Münzen wohl deshalb grundsätzlich interessanter finden dürften als Münzsammler, die auf Grund ihres beruflichen Werdegangs mit der Antike nie so recht in Berührung kamen. Ein an antiken Münzen Interessierter – ganz gleich ob Numismatiker oder Sammler – setzt sich mit der Münze, die sein Interesse geweckt hat oder Bestandteil seiner Sammlung wurde, auseinander, studiert sie eingehend, betrachtet sie im Detail und versucht so viel wie möglich über ihr Umfeld, ihre Zeit und ihre kunstgeschichtliche und numismatische Einordnung zu erfahren. Natürlich ist deren Geldwert auch ein Thema, aber nie das einzige und wichtigste.
Im besten und glücklichsten Fall wird die Sammlung und das Wissen darum vom Vater an den Sohn weitergegeben. In solchen Fällen fragen die Kinder nicht nur: Wie können wir die Sammlung möglichst schnell zu Geld machen?
Münzen-Online: Gibt es auf dem Markt auch Anleger, also Investoren?
Michael Sonntag: Wie groß der Anteil derjenigen ist, die antike Münzen nicht sammeln, sondern darin ihr Geld anlegen, wissen wir nicht. Es ist anzunehmen, dass auf den großen internationalen Auktionen bei den ganz teuren Stücken eher Investoren dabei sind als Sammler. Sammler könnten diese Preise wahrscheinlich nicht zahlen. Was nicht bedeutet, dass keiner, der Millionär ist, nicht auch Sammler sein kann. Die meisten, die investieren, möchten allerdings eine Rendite erwirtschaften. Die Münzen bleiben dann nicht lange im Tresor. Oft vergehen nur ein paar Jahre, dann sind sie wieder am Markt. Einige Münzen sieht man aller fünf Jahre wieder auf Auktionen, andere so gut wie nie. Doch ab und an tauchen auch antike Sammlungen auf, die alle in Erstaunen versetzen, wie beispielsweise die Sammlung „Kunstfreund“ (1974), die „JDL Collection“ oder die „Prospero Collection“ (2012). Dies waren Sammlungen, die das Exklusivste und künstlerisch-ästhetisch Großartigste offenbarten, das die antike griechische Numismatik überhaupt zu bieten hat!
Das Interview führte Dietmar Kreutzer




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