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Halbgötter im Schmelztiegel: Viele DDR-Münzen wurden frühzeitig eingeschmolzen

Die Münzprägung der DDR ist ein abgeschlossenes Gebiet und ein für Historiker und Sammler interessantes dazu. Während in der Bundesrepublik Deutschland die vier Münzanstalten Hamburg, Karlsruhe, Stuttgart und München für die Herstellung des Hartgeldes zuständig waren, prägten in der DDR zunächst zwei staatliche Geldfabriken – die Münze in Berlin mit dem Kennbuchstaben A und bis 1953 die in Muldenhütten, die mit dem E zeichnete. Von 1966 bis zur Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 gab die DDR zahlreiche Gedenkmünzen zu 20, 10 und ab 1968 zu 5 Mark heraus.


Anlässe waren die zur politischen Selbstdarstellung genutzten Staats- und Stadtjubiläen, aber auch Geburtstage und Todestage bedeutender Politiker, Künstler und Wissenschaftler, sofern sie in das ideologische Weltbild der SED- und Staatsführung passten. Außerdem wurden berühmte Bauwerke, Mahnmale und andere Sehenswürdigkeiten auf den Münzen aus Silber- und Neusilber dargestellt. Mit ihnen präsentierte sich die DDR als ein weltoffenes Land mit langer humanistischer Tradition und als eines, das so etwas wie die Krone der deutschen Geschichte darstellt und der anders als der „imperialistisch und militaristisch“ verteufelten Bundesrepublik die Zukunft gehört.


Was sich hinter den Mauern der ehemaligen Reichsmünze am Molkenmarkt abspielte, die zwischen 1947 bis 1990 als VEB Münze der DDR und danach bis zum Umzug nach Reinickendorf als Staatlichen Münze Berlin firmierte, ist gut aufgearbeitet. Forscher rechnen aber weiter mit neuen Erkenntnissen. Die Aufnahme stammt aus der Zeit um um 1970.


Wie sich nach dem Ende des zweiten deutschen Staates 1990 herausstellte, stimmten die offiziellen Prägezahlen vorne und hinten nicht. Tonnenweise erlitten frisch geprägte oder auch abgegriffene Geldstücke den Tod im Schmelztiegel. Die erste Veröffentlichung der authentischen Auflagen und der Einschmelzungen erfolgte 1992 im Katalog Nummer 73 der Berliner Münzauktion. Das geschah auf der Grundlage einer ihr am 23. Januar 1992 von der Staatsbank Berlin übermittelten Liste über das im Volkseigenen Betrieb Staatliche Münze am Berliner Molkenmarkt hergestellte Hartgeld. Die Statistik führt die Prägezahlen pro Jahr auf, wobei zwischen Prägefrisch, Stempelglanz und Polierter Platte (PP) getrennt wurde. In Katalogen, die seit den frühen 1990er Jahren veröffentlicht wurden, sind die Prägezahlen und die Mengen der eingeschmolzenen Stücke aufgeführt, Sammler können sich so ein Bild davon machen, was tatsächlich erhalten geblieben ist.



Mit der Ausgabe des Zwanzig-Markstücks zum 250. Todestag des Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz und eines Zehn-Mark-Stücks zu Ehren des Architekten Karl Friedrich Schinkel eröffnete die DDR 1966 ihre bis 1990 laufende Gedenkmünzenserie. Die im Gesetzblatt angegebenen Prägezahlen wurden vielfach über- und unterschritten. Außerdem fanden zahlreiche Einschmelzungen statt.


Bis 1990 wurden in der DDR alles in allem 123 Gedenkmünzen geprägt, und bei vielen lassen sich erhebliche Differenzen zwischen den im DDR-Gesetzblatt veröffentlichten „glatten“ Auflagezahlen wie 50.000 oder 100.000 Stück und den tatsächlich geprägten „krummen“ Zahlen feststellen, die man in allen Münzkatalogen nachlesen kann. Mal wurden die eigenen Vorgaben unterschritten, bei bestimmten Stücken aber hat man die Auflagen übererfüllt, vielleicht weil sie sich besonders gut und devisenträchtig in den Intershop-Läden und überhaupt im Westen verkaufen ließen. Die Gründe für den Umgang mit den eigenen Kurs- und Gedenkmünzen sind unklar, eine „Linie“ ist nicht zu erkennen. Noch in der „Wendezeit“ 1989/1990 wurden viele frisch geprägte Geldstücke eingeschmolzen. Wie Mitarbeiter der Berliner Münze berichten, erfolgte die Maßnahme nicht aus eigenem Antrieb oder nach Lust und Laune, sondern nur auf Anweisung der Staatsbank.


Unter den schönsten Gedenkmünzen der DDR befinden sich die 1986 und 1977 zu Ehren der Brüder Grimm und von Otto von Guericke geprägten Geldstücke. Der Magdeburger Bürgermeister wurde im 17. Jahrhundert durch seine Experimente mit den Magdeburger Halbkugeln berühmt.


Die Einschmelzung der nicht in den Handel oder als „Prämien“ an „verdiente Werktätige“ ausgegebenen sowie in die Sammlergruppen des Kulturbundes gelangten Gedenkmünzen bedeutete im Grunde Vernichtung geleisteter Arbeit, welche die in der DDR tonangebenden Marxisten-Leninisten stets dem kapitalistischen System als volkswirtschaftlich unsinnig und unsozial vorwarfen. Selbstverständlich mochte man in der DDR, die sich so viel auf ihre sozialistische Planwirtschaft zugute hielt und chaotische Zustände in ihrer Politik und Wirtschaft weit von sich wies, von solchem Widersinn nicht sprechen.


Die DDR machte nicht einmal vor ihren Politgrößen halt. So wurden von 7,6 Millionen Zwanzig-Mark-Stücken mit dem Kopf des Staatspräsidenten Wilhelm Pieck 5,2 Millionen eingeschmolzen. Ähnlich erging es dem gleichen Wert mit dem Bildnis des Ministerpräsidenten Otto Grotewohl, wo von der Auflage von über 2,5 Millionen Stück nur ein Million überlebt haben.


Nicht immer wurden DDR-Münzen mit Bildnissen geschmückt. So dienten die Signets der Maler und Grafiker Albrecht Dürer und Lucas Cranach aus den Jahren 1971 und 1972 als Schmuck von Zehn- und Zwanzig-Mark-Stücken.


Dass es selbst im Münzwesen hektisch und planlos zuging, zeigt das Beispiel des Zwanzig-Mark-Stücks von 1968 zum einhundertsten Todestag von Karl Marx, das bei der Planung der Feierlichkeiten und Propagandaaktionen bis hin zu Plakaten und Abzeichen zunächst keine Rolle spielte. Für die Prägung der Silbermünze mit dem Kopf des in der DDR als Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus verehrten Karl Marx blieben nur wenige Wochen. Da sich offenbar nicht alle 76.538 in einem großen Kraftakt geprägten Erinnerungsstücke absetzen ließen und es bei Sammlern und Händlern in der Bundesrepublik sowieso politische Vorbehalte gegenüber den Münzen des zweiten deutschen Staates gab, wurden 23.392 Exemplare wieder eingeschmolzen. Für  Walter Ulbricht, den allmächtigen Partei- und Staatschef, hat man einen Abschlag aus Gold hergestellt, der ins Museum für Deutsche Geschichte und heutige Deutsche Historische Museum gelangte.


In Windeseile wurde 1968 die eigentlich nicht vorgesehene Silbermünze zu Ehren von Karl Marx geprägt, bei seinem Freund Friedrich Engels ließ man sich 1970 mehr Zeit. Geprägt und eingeschmolzen wurden Marx 76.538/23.392 und Engels 83.615/35.896 Stück.


Die Vernichtung zahlloser Geldstücke sei „auf höhere Anweisung“ erfolgt, sagte mir vor einigen Jahren der ehemalige Geschäftsführer der Berliner Münze, Hartmut Mielke, der 2007 verstorben ist. Was man der DDR vorwerfe, dass mit Auflagezahlen jongliert wurde, werde überall praktiziert, auch in den westdeutschen Münzanstalten. Die vom DDR-Ministerrat beschlossenen und im Gesetzblatt veröffentlichten Auflagenzahlen seien lediglich „Richtwerte“ gewesen. In der Regel seien sie nicht erreicht worden, weil nicht genügend Ronden zur Verfügung standen. Manchmal habe man bei besserer Materiallage aber auch etwas mehr geprägt. Das Verfahren sei auch bei Münzen der alten Bundesrepublik zu beobachten gewesen, so Mielke. So seien die Olympiamünzen von 1972 nicht vollständig verkauft worden, weshalb man einen Teil wieder eingeschmolzen hat.


Bei den Gedenkmünzen zu Ehren von Ernst Moritz Arndt (1985) und Karl vom und zum Stein (1981) hat man „Gnade“ walten lassen. Die Arndt-Auflage von 40.000 Stück blieb erhalten, bei 45.000 Exemplaren mit dem Motiv von Stein wurden nur 236 Stück eingeschmolzen. Ein System, warum hier nichts und dort ein wenig vernichtet wurde, ist nicht erkennbar.


Von der in einer Auflage von über 100 000 geprägten Münze zur Erinnerung an Käthe Kollwitz wanderten über 38.000 in den Schmelztiegel. Auch bei dem von den Nationalsozialisten ermordeten KPD-Vorsitzenden war man nicht zimperlich. Von den 755 000 hergestellten Exemplaren hat man über 170.000 in die Schmelze gebracht.


Die Münzen auf die in der DDR so sehr verehrten Arbeiterführer August Bebel und Wilhelm Liebknecht erlebten 1973 und 1976 Auflagen von über 77.000 beziehungsweise mehr als 54 000 Stück. Davon wurden über 30.000 beziehungsweise 6.000 vernichtet.


Dass Münzsammler in der DDR große Mühe hatten, die Neulinge in ihren Besitz zu bekommen, störte die über deren Wohl und Wehe wachenden Funktionäre nicht. Auch nicht, dass es wegen der undurchsichtigen, alles andere als demokratischen Vergabepraxis über den Kulturbund und andere Gremien manch böses Blut gab. Im Westen interessierte sich kaum jemand für das, was da im deutschen Osten an Münzen produziert wurde. Das Thema wurde erst nach dem Ende der DDR und der Wiedervereinigung von 1990 interessant. Und so erzielten in den 1990er Jahren Restbestände der DDR-Staatsbank in Auktionen gute Preise. Komplette DDR-Sammlungen und einzelne Stücke sind heute preiswert zu haben. Ganz oben auf der Skala rangieren allerdings die exklusiven Material- und Motivproben, für die auch heute viel Geld aufzuwenden sind.


Helmut Caspar



LITERATURHINWEIS

Helmut Caspar: Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt. Ein Streifzug durch die Münzgeschichte der Deutschen Demokratischen Republik 1949 bis 1990, Money trend Verlag Wien 2007

Peter Leisering: DDR-Geld. Geldgeschichten aus der DDR, Gietl Verlag Regenstauf 2011

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