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Geoffrey Parker: Der Kaiser. Die vielen Gesichter Karls V.


Geoffrey Parker, Der Kaiser. Die vielen Gesichter Karls V., Darmstadt 2020. 912 S., 39 Farbbilder, 5 Karten, 3 Tafeln, 16 x 23,5 cm, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen. ISBN 978-3-8062-4008-5.


„Der Kaiser“, das soll zur Identifizierung reichen. Ganz wird das nicht aufgehen, denn es gibt schon ein paar Kaiser, deren Bild und Andenken sich aufdrängen, wenn nur einfach „Der Kaiser“ gesagt wird. Karl V. gehört sicher dazu. Und im konkreten Fall gibt es den Untertitel „Die vielen Gesichter Karls V.“ Wenn man das gelesen hat, dann setzt sich allerdings die Vorstellung „Kaiser = Karl V.“ fest und es scheint sonnenklar, dass nur der Eine gemeint sein kann.


Das Erstaunliche ist, dass Karl V. in so vielen, z.T. widersprüchlich erscheinenden den Rollen auftaucht: Der Widersacher Luthers ist auch der Widersacher des Papstes, der Retter Europas vor den Türken ist der Zerstörer amerikanischer Kulturen, der Herrscher von Gottes Gnaden verzichtet auf seine Ämter und flüchtet in klösterliche Stille, der Nutznießer der ge- waltigen Silberausbeute Amerikas war ein kleinlicher Egoist, der raumgreifende Imperialist klebte an kleinteiligen Herrschaftsstrukturen. Man könnte das fortsetzen.

Geoffrey Parker, der Geschichte der Frühen Neuzeit in Cambridge, dann an der Yale University und der Ohio State University lehrte, unternahm es, die Geschichte dieser schillernden Persönlichkeit zu erzählen, zweifellos eine Herausforderung: Karl V. (1500–1558) ist eine überwältigende Gestalt der Geschichte. Rund 100.000 Dokumente in sechs Sprachen sind eigenhändig von ihm unterschrieben erhalten, er herrschte über Spanien, Deutschland, die Niederlande, halb Italien und große Teile Mittel- und Südamerikas, kein Fürst vor und nach ihm sollte mehr Titel auf sich vereinen, in seinem Reich „ging die Sonne nicht unter“.


Nur ein souveräner Zugriff verspricht hier Erfolg, Geoffrey Parker wagte ihn: Er hangelt sich nicht durch das Leben Karls V., sondern betrachtet ihn multiperspektivisch, zeigt die vielen Figuren hinter der einen Person Karl V. Er zeichnet das Portrait des multikulturellen Fürsten als jungen Mann, des Kaisers als Idealausprägung des Renaissance-Fürsten, des vielfachen Königs und Herrschers Europas und darüber hinaus des Kaisers als Mythos und legendäre Gestalt. Mit umfassender Quellenkenntnis und gewaltiger erzählerischer Kraft entsteht so die packende Biographie eines übermächtigen Herrschers.


Natürlich gibt es Anmerkungen, sie sind am Ende des Buches gebündelt, aber Parker ist trotzdem ein Geschichtserzähler aus eigener Kraft und Kenntnis, man folgt ihm und vergisst die Anmerkungen. Geoffrey Parker bewahrt sich seine Unabhängigkeit, er erliegt nicht wie viele andere Biografen der Gefahr, am Ende seinen Protagonisten nur noch zu bewundern oder auch nur positiv darzustellen. Im Gegenteil, es ist ein Strukturprinzip des Buches, die vielen Gesichter Kaiser Karls V. zu thematisieren, seine Ideen, Ansichten und Talente als öffentliche Person und als Privatmensch. Er stellt Fragen und blickt in Abgründe: Was brachte das Ringen um die Macht? Warum zerbrach Karls europaweites Reich am Ende seiner Lebenszeit? Warum scheiterte die Religionspolitik des strenggläubigen Katholiken?


Geoffrey Parker präsentiert eine umfassende und spannend erzählte Biografie, sie dürfte ein Standardwerk für Historiker werden und ist eine faszinierende Lektüre für Geschichtsinteressierte.

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