Modernes Antiquariat: Die Geschichte eines Dukaten von Vasile Alecsandri
- Dietmar Kreutzer

- 30. Nov. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Das Buch Eine Münze in neun Händen von Marguerite Yourcenar aus dem Jahr 1934 ist weithin bekannt.
Durch ein italienisches Zehn-Lire-Stück, das in scheinbar blinder Zufälligkeit durch die Hände von neun Menschen geht, werden deren Schicksale miteinander verknüpft. Im Mittelpunkt des Buches steht eine junge Frau, die nur ein Ziel hat, nämlich Mussolini umzubringen. Nahezu unbekannt ist dagegen eine rumänische Erzählung von Vasile Alecsandri (1821-1890), die fast 100 Jahre früher entstand. In ihr werden ein holländischer Dukat und eine türkische Para zu handelnden Personen. Anhand ihrer Geschichte werden die Lebensumstände im osmanisch besetzten Fürstentum Moldau ausgebreitet, das vor seiner Unabhängigkeit innerhalb von Rumänien im Jahre 1878 für einige Jahre von Michael Stourdza beherrscht wurde, einem von den Türken eingesetzten Fürsten. Dabei kommen die rauen Sitten in dem ablegenen Fürstentum zur Sprache, insbesondere die damals üblichen Raubüberfälle und die Leibeigenschaft der seinerzeit als Zigeuner bezeichneten Volksgruppe der Roma.

Vasile Alecsandri: Die Geschichte eines Dukaten
Rütten & Loenig, Berlin 1952, Pappband, 112 Seiten
Erhältlich über eurobuch.de
Der Erzähler berichtet, dass er eines Nachts von einem eigentümlichen metallischen Klingeln aus einer Schatulle erwachte, in die er am Morgen einen Holländer Dukaten und eine große türkische Para gelegt hatte. Er hörte, wie sich die Geldstücke stritten. "Einfach unfassbar", schimpfte der Dukat, "dass sich mein Herr soweit vergessen konnte, mich mit einer so armseligen Para zusammenzulegen - abgegriffen und heruntergekommen wie du bist". Die Para ist empört: "Du hast es gerade nötig, mich schlechtzumachen. Schau nur in den Spiegel, wie dich die Wucherer mit der Feile zugerichtet haben? Du hast ja ganz und gar deine Form verloren, bis nicht mehr rund und schön, sondern ein zusammengeschrumpftes und elendes Dreieck. Nicht einmal Zähne hast du mehr, du Jammergestalt, und willst auch noch bissig sein!" Der Dukat weist alles zurück. Allein der Wertunterschied zwischen ihnen sei enorm: "Vor allem aber halte dir stets vor Augen, dass ich genau tausendvierhundertzwanzigmal mehr wert bin als du!" Doch dann die Wende. Beide stellen fest, dass sie in ihrer Jungend schon einmal zusammen waren, nämlich in der Tasche eines Kapitäns auf dem Schwarzen Meer. Damals sahen beide noch ganz anders aus, jugendlich frisch. Damals war die Para in den Dukaten verliebt! Eine große Wehmut kommt plötzlich auf. Miteinander versöhnt, erzählt der Dukat, was er inzwischen erlebt hat.

Dukat (Niederlande, 1841, 983er Gold, 3,5 Gramm, 21 mm)
Bildquelle: Kölner Münzkabinett
Der Kapitän gab die Münze an einen Bojaren für eine Ladung Weizen. Der Bojar musste sie an einen Gerichtsdirektor abgeben, mit dem er in Konflikt geraten war. Jener verlor sie im Kartenspiel an einen jungen Mann, dem sie dann von Wegelagerern geraubt wurde. Der Räuberhauptmann schenkte sie seiner Geliebten. Nach einigen weiteren Stationen geriet sie in den Besitz eines Roma-Mädchens, das sich in einen jungen Mann aus ihrer Volkgruppe verliebt hatte. Als Leibeigene sollte sie jedoch an einen reichen Bojaren verkauft werden, der es auf sie abgesehen hatte. Auf der Versteigerung einer verschuldeten Schar von Roma lässt uns Vasile Alecsandri das Bietergefecht nachverfolgen. Der Auktionator: "Zehn Dukaten für die Tochter des Zigeunerältesten! Wer bietet mehr? Zum ersten ... Zum zweiten. Zum ... letzten! Wünsche viel Glück zu dem Geschäft, Euer Gnaden!" Als es zum Schlagabtausch zwischen dem Bojaren und dem jungen Geliebten des Mädchens kommt, verliert der Bojar sein Leben. Der junge Mann endet wegen Mordes am Galgen. Letztlich landete der Dukat bei dem Redakteur einer literarischen Zeitschrift. Jener hatte das Gespräch zwischen den beiden Münzen eine ganze Nacht lang angehört. Am Morgen betrachtete er die beiden näher: "Zu meinem Ärger glitt mir die Para jedoch durch die Finger. Ich war zutiefst betrübt, als ich sah, dass sie zwischen die Dielen meines Zimmers gefallen war. Deshalb muss ich meine lieben Leser um etwas Geduld bitten, bis ich sie aus ihrem Versteck herausgeangelt habe. Dann hoffe ich, Ihnen auch die Lebensgeschichte der Para erzählen zu können." So endet der Text. Auf die Story der Para warten wir noch heute!
Dietmar Kreutzer




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