top of page

Die spektakulären Goldmedaillons von Abukir

Im Dezember 1901 wurde in der Nähe der ägyptischen Ortschaft Abukir ein antiker Hort aus mehreren Goldbarren, etwa 600 römischen Goldmünzen und 20 großen Goldmedaillen entdeckt. Die Medaillons wurden bedeutenden Museen im Ausland angeboten. Einige zögerten, weil sie die Echtheit der Stücke anzweifelten. Das Münzkabinett Berlin rang sich schließlich zum Erwerb von fünf Exemplaren durch. Die enorm hohen Kosten von 120.000 Mark wurden mithilfe von Sponsoren aufgebracht. Die restlichen Medaillone landeten bei Privatsammlern. Dem reichen armenischen Unternehmer Calouste Gulbenkian gelang es später, elf Stücke für seine Sammlung zu erwerben.


Heinrich Dressel, der damalige Direktor des Berliner Münzkabinetts, schrieb, dass die Bestandteile des Schatzfundes im März 1902 auf dem europäischen Antiquitätenmarkt auftauchten: "Zuerst wurden die römischen Goldmünzen in Paris und London, dann in Österreich und Deutschland angeboten. Sie gehörten der Zeit von Severus Alexander bis Constantinus I. an und waren fast alle von so glänzender Erhaltung, dass sie eben aus der Prägestätte zu kommen schienen. Ungefähr gleichzeitig mit den römischen aurei wurden drei oder vier mit eingestempelten Inschriften versehene Goldbarren zum Kauf angeboten. die einzigen, wie es scheint, die unter den angeblich 18 oder 20 des Fundes dem Schmelztiegel entgangen waren. (...) Zuletzt kamen die griechischen Goldmedaillons, die plötzlich in Paris auftauchten, um nach kurzer Zeit ebenso schnell wieder von dort zu verschwinden. Syrische und armenische Männer und eine Frau aus dem Orient erschienen vereinzelt bei den Antiquitätenhändlern. in den Museen, bei den Sammlern und zeigten nach und nach etwa 18 ungewöhnlich große und glänzend schön erhaltene Goldstücke vor, auf denen Alexanderköpfe und andere Bildnisse nebst allerlei mythologischen Szenen dargestellt waren. Sie forderten fabelhafte Preise, taten sehr geheimnisvoll und hatten es eilig." (1) Das Gebaren erregte Misstrauen bezüglich der Echtheit der Stücke. Die führenden Museen in Paris und London lehnten einen Ankauf ab. Im Juli 1902 bot ein armenischer Kunsthändler vier der Medaillons im Berliner Münzkabinett an. Nach einigen durchwachten Nächten rang sich Dressel zum Ankauf durch. Ein Jahr später konnte ein fünftes Exemplar erworben werden.


Berliner Abukir-Medaillon Dressel A

(Gold, 112,7 Gramm, 54 mm)

Bildquelle: SMB, Münzkabinett


Der renommierte Münz- und Antikenhändler Gianno Dattari zweifelte umgehend die Echtheit der Medaillons an. Der in Ägypten lebende Italiener hatte eine Sammlung von 25.000 antiken Münzen zusammengetragen und darüber veröffentlicht. Auf die Besprechung über den Fund aus Berlin regierte er mit einer eigenen Druckschrift, in deren Einleitung es heißt: "Mit der bedeutenden Veröffentlichung von Prof. Dr. Heinrich Dressel mit dem Titel Fünf Goldmedaillons aus dem Funde von Abukir überschritten die Medaillons von Abukir die Grenzen des Privatbesitzes und gelangten in den Bereich der Wissenschaft, deren Aufgabe es ist, Licht ins Dunkel zu bringen und den Schleier des Geheimnisses zu lüften, der sie noch immer umgibt." (2) Nach einer umfangreichen Abhandlung über die Ikonographie fasste der legendäre Experte und Sammler im zehnten und letzten Kapitel zusammen: "Es steht mir nicht zu, Schlussfolgerungen aus diesen Anmerkungen zu ziehen; sie könnten nichts anderes sein als eine Wiedergabe all dessen, was ich zu beweisen versuche. Die einzige Schlussfolgerung, die ich ziehen kann, ist, dass wir, solange wir keine Beweise haben, die nicht auf vergeblichen Hypothesen beruhen, das Recht haben anzunehmen, dass die Vorderseiten und Rückseiten dieser Medaillen keine neue Schöpfung sind, sondern leider billig von Münzen und Konturmedaillen kopiert wurden; sie können also nicht aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. stammen, als der Zweck von Münzen oder Medaillen neben dem gleichen Zweck wie bei unseren Münzen darin bestand, an die glorreichen Erfolge ihrer Zeit zu erinnern, und die Medaillen von Abukir würden diesem Prinzip widersprechen!" (3)


Berliner Abukir-Medaillon Dressel C

(Gold, 84,3 Gramm, 56 mm)

Bildquelle: SMB, Münzkabinett


Heute sind die Medaillons als zwar ungewöhnliche, aber zweifellos echte Objekte anerkannt. Lange war der einstige Zweck der Medaillons umstritten. Gelegentlich heißt es, sie seien als Siegerpreise für sportliche Wettbewerbe entstanden: "Heute wissen wir, dass es sich bei diesen Medaillons wahrscheinlich um eine Art Vorfahren der Olympischen Goldmedaillen handelt. Allerdings sind die antiken Vorbilder wirklich aus Gold und nicht aus vergoldetem Silber. Die Stadt Beroia, heute in Bulgarien, veranstaltete zu Ehren Alexanders des Großen bedeutende Wettspiele. Die Sieger erhielten jene Goldmedaillons, die in Inschriften als Niketeria bezeichnet werden und wohl unter Elagabal oder Severus Alexander entstanden." (4) Nach den wissenschaftlichen Veröffentlichungen aus dem Berliner Münzkabinett ist diese Interpretation jedoch seit einiger Zeit überholt: "Die Medaillone von Abukir (...) waren weder Siegespreise noch kaiserliche Geschenke. Sie wurden in oder bei Beroia hergestellt und dort (in Verbindung mit den unter Severus Alexander im großen Stil gefeierten Alexanderspielen) von einer Privatperson initiiert. Ihre Funktion war die von wertvollen Erinnerungsstücken, Geschenken oder Andenken. Der Auftraggeber gehörte zur makedonischen Oberschicht, die von ihrem guten Verhältnis zum römischen Kaiserhaus profitierte und das System römischer Herrschaft nach Kräften unterstützte. Eine solche Persönlichkeit war z.B. der verantwortliche Veranstalter der Spiele, welcher, auch inschriftlich belegt, die Ämter des Makedoniarchen, Kaiserkultpriesers und Agonotheten in einer Person vereinigte." (5) Wie die von Beroia nach Abukir gelangten, bleibt wohl für immer ein Rätsel.


Berliner Abukir-Medaillon Dressel B

(Gold, 105,1 Gramm, 60 mm)

Bildquelle: SMB, Münzkabinett


Die Stücke, die das Berliner Münzkabinett erwarb, können als Repliken in der Dauerausstellung des Kabinettts im Bodemuseum besichtigt werden. Die elf Stücke, die der wohlhabende armenische Unternehmer erwarb, können im Calouste Gulbenkian Museum in Lissabon besichtigt werden. Über die Medaillons der Calouste Gulbenkian Stiftung gibt es auch eine Veröffentlichung.


Dietmar Kreutzer



Quellenangaben:

(1) Heinrich Dressel: Fünf Goldmedaillons aus dem Funde von Abukir; Berlin 1906, S. 6f.

(2) Giannino Dattari: I venti madaglioni d'Abukir; Mailand 1908, S. 3

(3) Ebenda, S. 47

(4) Ursula Kampmann: Lissabon - Das Calouste Gulbenkian Museum; in: Exklusiv - Neues aus dem Auktions- und Goldmarkt, Heft 35/2025, S. 54

(5) Bernhard Weisser, Karsten Dahmen: Goldene Alexander zum Geschenk; in: Kermatia Philias - Festschrift Y. Touratsoglou, Athen 2009, S. 355


Kommentare


www.muenzen-online.com | Regenstauf

© 2025 Battenberg Bayerland Verlag GmbH

bottom of page