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Die lange Geschichte des Goldgelds, Teil I

Thorsten Polleit


Einige Eigenschaften des Goldes Symbolisch steht das Gold für Schönheit, Unvergänglichkeit, für Göttlichkeit, Macht, für das Beste – und das seit Jahrtausenden, über viele Kulturen und Religionen hinweg. Gold ist ein Edelmetall. Das heißt, dass es in natürlicher Umgebung unter Einwirkung von Luft und Wasser dauerhaft chemisch stabil ist. Auch von Säuren, mit Ausnahme des „Königswassers“, wird Gold nicht angegriffen. Gold ist elektrisch leitfähig, ist relativ weich und damit gut formbar. Aus einem Gramm Gold kann ein mehr als drei Kilometer langer Draht mit einem Durchmesser von 0,006 Millimeter hergestellt werden – ein Menschenhaar ist viel dicker, etwa 0,06 Millimeter. Eine Feinunze Gold (31,1034768 Gramm) lässt sich auf eine Fläche von ungefähr 9 Quadratmeter ausschlagen. Ende 2017 gab es auf der Welt oberirdisch geschätzte gut 190.000 Tonnen Gold, unterirdisch weitere 54.000 Tonnen. Die Menge des überirdischen Goldes entspricht damit einem Würfel mit einer Kantenlänge von 21,4 Meter.

Gold in dendritischer Form aus der Eagle’s Nest Mine, Placer County, California, USA. Bildquelle: Wikimedia, Rob Lavinsky, iRocks.com.

Jährliche Fördermenge Pro Jahr werden weltweit rund 3.000 Tonnen gefördert. Die bedeutendsten Förderländer sind China, Australien, Russland, die USA, Kanada, Peru und Südafrika. Gold wird meist gewonnen, indem es aus dem umgebenden Gestein gelöst wird. Durch Fortschritte in der Gewinnungstechnik lohnt sich bei aktuellen Preisen der Abbau von Gestein, das weniger als 1 Gramm Gold pro Tonne Gestein enthält. Warum Edelmetalle als Geld? Gold wird für viele Zwecke nachgefragt: Die Industrie fragt Gold nach, auch Schmuckhersteller fragen Gold nach, es wird in Medizin und Technik eingesetzt, und auch für monetäre Zwecke nachgefragt. Warum sollten Edelmetalle, warum Gold (und auch Silber) als Geld verwendet werden? Gibt es nichts Besseres? Nun, damit „etwas“ als Geld – also als das allgemein akzeptierte Tauschmittel – verwendet wird, muss dieses „etwas“ bestimmte Eigenschaften haben. Es muss zum Beispiel knapp sein, homogen (also von gleicher Art und Güte), haltbar, transportabel, teilbar und prägbar, und es muss einen hohen Wert pro Einheit aufweisen und allgemein wertgeschätzt sein. Im Wettbewerb um die Geldfunktion haben sich in der Vergangenheit immer wieder die Edelmetalle durchgesetzt, insbesondere Gold und Silber, weil sie am relativ besten die genannten Eigenschaften erfüllen, die „gutes Geld“ ausmachen. Zur Geldentstehung Das führt zur Frage: Wie ist Geld eigentlich entstanden? Geld ist im freien Markt entstanden, und zwar spontan und aus einem Sachgut. Das erklärte der österreichische Ökonom Carl Menger (1840–1921) bereits 1871 in seinem Buch „Grundsätze der Volkswirtschaftslehre“. Mengers Theorie wurde von Ludwig von Mises (1881–1973) nachfolgend, im Jahr 1912, mit einer logischen Begründung versehen. Damit „etwas“ zu Geld werden kann, muss es bereits einen Marktwert besitzen; und zwar einen Marktwert, der sich allein aufgrund der nicht-monetären Eigenschaften dieses „etwas“ erklärt. Der nicht-monetäre Marktwert ist der Anfangspunkt, an dem sich der Tauschwert des Gutes, wenn es zu Tauschzwecken eingesetzt wird, festmacht, und von dem sich der Tauschwert des Gutes (weiter)entwickelt. Der Blick in die Währungsgeschichte zeigt, dass Geld in der Tat stets ein Sachgut war: in Form von Vieh, Schnecken, Kakao­bohnen, Salz, Zigaretten, vorzugsweise aber in Form von Edelmetallen wie Gold und Silber. Edelmetalle, allen voran das Gold, haben nämlich die Eigenschaften, die es zu einem perfekten Geld machen. Und deshalb wurden sie auch stets, wenn es den Menschen freistand, als Geld ausgewählt. Anfänge des Goldgelds Die für uns Menschen nachvollziehbare Geschichte des Goldes reicht weit zurück – man schätzt bis auf etwa 4475 Jahre vor der Geburt Christi. Die frühesten Hinweise, dass Edelmetalle als Geld verwendet wurden, finden sich im Codex Hammurapi des Herrschers von Babylon, 1870 Jahre v. Chr. in China verwendete man bereits 1100 Jahre v. Chr. Gold als Geld, und zwar in Form kleiner Würfel.

Ephesos (Ionien), Electron-Trite (1⁄3 Stater).

Die Anfänge der Münzprägung finden sich im östlichen Mittelmeerraum etwa 800 Jahre v.Chr. Viele der frühen Münzen bestanden aus Elektron (Elektrum), einer natürlichen Legierung aus Gold und Silber, die später auch künstlich hergestellt wurde. Die Inschrift ΦANEOS auf der oben abgebildeten Münze, was so viel wie „von Phanes“ bedeutet, ist das erste Beispiel für einen persönlichen Namen, der auf antiken Münzen erscheint. Die Diskussion über die Identität des Phanes ist in der Wissenschaft nicht schlüssig und die Spekulationen beinhalten: ein früher Bankier, der seine eigene Münze herausgab, dessen Unterschrift vielleicht als Gütesiegel für das Gewicht und die Metallqualität fungierte (Burns, Money and Monetary Policy in Early Times, 1927), ein Hinweis auf Apollo-Phaneos – den Lichtbringer, aufgrund der Ähnlichkeit der Namen, der Name des Herrschers der Stadt, wie er oft auf späteren griechischen Münzen zu finden ist (Spier, Embleme im archaischen Griechenland, 1990), oder der Name des Eigentümers der Mine, in der das Metall gefunden wurde, wie es für die zeitgenössische lydische Prägung vorgeschlagen wurde (Fürtwangler, SNR 65, 1986). Wer auch immer dieses Individuum war, sein Name wird sieben Münzen zugeschrieben, das größte Nominal, der Stater, zeigt die Legende ΦΑΝΕΟΣ ΕΜΙ ΕΜΙ ΣΗΜΑ („Ich bin das Abzeichen/die Signatur des Phanes“). Die kleineren Stückelungen bis zu einem 1⁄96 Stater weisen keine Phanes-Legende auf, werden aber den Phanes-Münzen nach Stil und Motiven zugeordnet. Der Hirsch auf der Vorderseite dieser Münze ist ein bekanntes Symbol für Artemis und wurde später auf vielen Münzen von Ephesos verwendet. Wir gestatten uns an dieser Stelle einen großen zeitlichen Sprung und zwar geradewegs zum Ende des 18. Jahrhunderts. Goldgeld in Großbritannien Ende des 18. Jahrhunderts war Großbritannien die wirtschaftlich und militärisch mächtigste Nation der Welt. Zu dieser Zeit herrschte in Großbritannien ein Bimetallismus. Das heißt, Gold und Silber wurden als Geld verwendet. Das Britische Pfund (dessen Ursprung bis in das 8. Jahrhundert zurückreicht) war allerdings bis dato nur in Silber definiert. Und dennoch wurden Gold und Silber als Geld verwendet. Warum? Der Mathematiker und Physiker Issac Newton (1643–1727) wurde 1699 zum Herrn der britischen Münzstätte (Master of the Royal Mint) berufen. Er sollte die Währungsverhältnisse ordnen, und dazu setzte er im Jahr 1717 das Silber-Goldpreis-Verhältnis auf 15½:1. Das heißt, 15½ Feinunzen Silber waren wertgleich einer Feinunze Gold. Seit dem 12. Jahrhundert hatte jedoch das Austauschverhältnis zwischen Silber und Gold bei etwa 12:1 gelegen. Newton traf also eine folgenreiche Entscheidung. Sie führte nämlich zu einer offiziellen Unterbewertung des Silbers und zu einer Überbewertung des Goldes. Daraufhin zeigte das sogenannte Greshamsche Gesetz Wirkung. Es besagt, dass bei festen Wechselkursen das überbewertete Geld das unterbewertete Geld verdrängt. Und so kam es auch. Newtons Entscheidung führte dazu, dass Gold als Geld umlief und Silber gehortet wurde. Somit befand sich Großbritannien de facto auf einem Goldstandard.

Großbritannien. Erster Sovereign (Pound, Pfund) 1817 nach dem Münzgesetz von 1816.

Mit dem Ausbruch des ersten Napoleonischen Krieges hob die britische Regierung jedoch 1797 die Einlösbarkeit des Britischen Pfunds in Edelmetall auf und ging auf ein ungedecktes Papiergeldsystem über. Der Grund: Man wollte die Kriegsausgaben mit inflationärem Geld finanzieren. Die Bank von England gab ungedecktes Geld heraus. Es kam zur Inflation. Chronisch steigende Güterpreise kannte man bis dato nicht. Der britische Ökonom David Ricardo (1772–1823) brachte jedoch Licht ins Dunkel mit seinem berühmten Aufsatz „The High Price of Bullion“ aus dem Jahr 1809.

Großbritannien. Probemünze zu 5 Pounds (Pfund) 1817.

Die Inflation ist, so Ricardo, ein monetäres Phänomen. Ihre Ursache ist die Ausgabe von neuem Geld, in diesem Falle Geld, das nicht durch Gold oder Silber gedeckt ist. Im Jahr 1816, nach dem Sieg über Frankreich, beschloss die britische Regierung, zur Edelmetalleinlösbarkeit des Pfunds zurückzukehren – und zwar ab dem Jahr 1821. Allerdings sollte das Pfund (Sovereign) fortan nur noch in Gold, nicht mehr in Silber einlösbar sein. Das Silber wurde entmonetisiert und Großbritannien führte so offiziell den Goldstandard ein. #Gold #AU #Edelmetall #Goldgeld #Feinunze #Bullion #Goldstandard #Goldmünze #Elektrum #Stater #Sovereign #Pound #IsaacNewton #GreshamschesGesetz