• Michael Kurt Sonntag

Die 7. Arbeit des Herakles in Numismatik und Kunst

Nun hatte der kretische König Minos dem Meergott Poseidon zwar versprochen, ihm zu opfern, aber gleichzeitig erklärt, dass er kein Tier besäße, das einem so hohen Opfer würdig sei. Daraufhin ließ Poseidon einen wunderschönen Stier aus dem Meer aufsteigen. Minos nahm den Stier an sich, doch statt ihn zu opfern, mischte er ihn unter seine Herde und opferte dem Poseidon einen minderwertigen Stier. Darüber zutiefst erbost, bestrafte Poseidon Minos zweifach. Zum einen brachte er Pasiphae, die Gattin des Minos, dazu, sich in den ausnehmend schönen Stier zu verlieben, woraufhin diese sich mit dem Stier vereinigte und das Ungeheuer Minotauros zeugte, und zum anderen machte er den Stier danach rasend, so dass dieser die Ländereien Kretas zu verwüsten begann.


Diesen rasenden Stier einzufangen, zu bändigen und vor den mykenischen König Eurystheus zu bringen, war die 7. Arbeit, die Herakles im Auftrag jenes Eurystheus zu bewältigen hatte. Als Herakles mit seinem Auftrag vor den kretischen König Minos trat, war jener ganz entzückt von der Aussicht, den Inselverwüster auf diese Weise wieder loszuwerden und half dem großen Heros sogar beim Einfangen des Stieres. Anschließend bändigte Herakles den rasenden Stier mit seiner enormen Kraft, fesselte ihn und brachte ihn zu Eurytheus.


Abb. 1: Selinus (Sizilien). Stater (um 417– 409 v. Chr.), Silber, 8,59 g, 22 mm, Münzstätte Selinus. Bildquelle: A. Tkalec AG, Auktion (Oktober 2003), Los Nr. 34.

Die antiken Griechen Siziliens, die mit den Arbeiten des Herakles selbstverständlich ebenso vertraut waren wie die Griechen im gesamten Mittelmeerraum, bannten die erwähnte 7. Arbeit des Herakles auch auf Münzen. So prägte die sizilische Stadt Selinut beispielsweise gegen Ende des 5. Jh. v. Chr. einen Silberstater, der auf seiner Vorderseite Herakles zeigt, der den kretischen Stier bei den Hörnern packt und mit der Keule in der Rechten zum Schlag ausholt. Die Rückseite der Münze ziert der opfernde Flussgott Hypsas, der auch namentlich genannt wird (HYPSAS).


Die Keule in der Hand des Herakles deutet auf den ersten Blick daraufhin, dass der Heros kurz davorsteht, auf den rasenden Stier einzuschlagen, um ihn anschließend vermutlich leichter zu bändigen. Gut möglich ist aber auch, dass die Keule hier weniger die kommende Handlung antizipieren, und vielmehr den nackten jungen Helden als Herakles identifizieren soll. Schließlich bezieht sich die Münzumschrift SELINONTION ([Münze] der Selinunter) nicht auf den Dargestellten, sondern auf den Emittenten und war die Keule das unverwechselbare Attribut des Herakles. Die drohende Keule kann, muss aber nicht als „Tatwaffe“ gedacht worden sein. Spannung und Dramatik verleiht sie der Szenerie aber allemal.


Attischer Kolonettenkrater (um 520-510 v. Chr.), H 38,4 cm, B 37,9 cm, Mündung 32,1 cm, Fuß 16,7 cm. Schwarzfigurig, Details in Rot und Weiß – letzteres ging gänzlich verloren und ist nur noch an dem matten Schlicker erkennbar. Bildquelle: Gorny & Mosch, Kunst der Antike, Auktion 248 (30. Juni 2017), Los 1.

Auf einem attischen Kolonettenkrater vom letzten Viertel des 6. Jhs. v. Chr., der die gleiche Thematik aufgreift, spielt die Keule des Herakles allerdings keine Rolle. Hier wird der Heros gezeigt, wie er flankiert von zwei bärtigen Männern mit jeweils zwei Lanzen – Iolaos und König Minos (?) – den kretischen Stier mit Seilen fesselt und so bezwingt. Über Herakles und dem Stier hängen seine Waffen, Bogen und Köcher.