Griechenlands Finanznot: Die frühen Turbulenzen unter König Otto I.
- Dietmar Kreutzer
- vor 5 Tagen
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Jahrhundertelang hatte Griechenland unter der Herrschaft der Osmanen gelitten. Zu Beginn des Jahres 1822 erklärte eine regionale Nationalversammlung die Unabhängigkeit. Die ersten unter ungünstigen Bedingungen aufgenommenen Anleihen verschwanden in dunklen Kanälen. Der Versuch einer eigenen Münzprägung vom Frühjahr 1822 scheiterte ebenfalls. Nachdem der erste Staatspräsident Ioannis Kapodistrias im Januar 1828 in sein Amt eingeführt worden war, erklärte ihm sein Finanzsekretär: „Exzellenz, es gibt weder Geld, noch überhaupt eine Kasse, noch hat es je eine gegeben.“ (1) Im April 1828 beschloss die Nationalversammlung, ein Währungssystem auf der Basis des Silber-Phönix aufzubauen. Ein Phönix sollte einem Sechstel des im Raum des Mittelmeeres gängigen spanischen Talers entsprechen und in 60 Lepta unterteilt werden. Der neue Münzmeister erwarb zu diesem Zweck auf Rhodos die 30 Jahre unbenutzten Prägestöcke des Johanniter-Ordens. Im Juli 1829 konnten die ersten Münzen präsentiert werden. Innerhalb eines Jahres wurde zunächst kupfernes Kleingeld in drei Wertstufen geprägt. Von der Hauptmünze des neuen Währungssystems, dem silbernen Phönix, kam aus Kostengründen nur eine geringe Stückzahl heraus. Das Silber dafür stellte die russische Regierung zur Verfügung. Die Münzen wurden wegen des hohen Silberanteils gehortet und verschwanden rasch aus dem Zahlungsverkehr.

König Otto I. von Griechenland (1815-1867)
Bildquelle: Wikimedia, Botmer
Im Oktober 1831 fiel Präsident Kapodistrias einem Mordanschlag zum Opfer. Um frisches Geld ins Land zu holen, akzeptierte die Regierung einen Neuanfang unter einem europäischen Monarchen. Im Staatsvertrag vom 7. Mai 1832 wurde festgelegt, dass Griechenland eine Erbmonarchie mit dem bayerischen Prinzen Otto an der Spitze werden solle. In Artikel 12 des Vertrages sicherten Russland, Großbritannien und Frankreich dem jungen Staat eine Anleihe zum Aufbau eines geordneten Staatswesens zu: „Die Durchführung der Anleihe in Höhe von 60 Millionen Francs übernahm das Haus Rothschild, wobei jede der drei Großmächte für ein Drittel, 20 Millionen Francs, eine Bürgschaft leistete.“ (2) Als der 17-jährige Bayernprinz Otto im Februar 1833 in Nauplia ankam, enthielt die griechische Staatskasse gerade einmal 2.186 Phönix, was etwa 60 Pfund Sterling entsprach. Von der ersten Rate der neuen Anleihe konnte der Staathaushalt vorübergehend finanziert werden. Unter anderem wurde eine neue Währung auf der Grundlage der Drachme zu 100 Lepta eingeführt. Das bimetallische System war nach dem Vorbild des französischen Systems aufgebaut. Das Feingewicht der Gold- und Silbermünzen lag jedoch nur bei etwa 90 Prozent desjenigen der französischen Vergleichsstücke. Die Entwürfe für die Münzen besorgte der bayerische Medailleur Carl Friedrich Voigt. Geprägt wurden sie in München. Athen erhielt 1838 eine eigene Prägestätte mit bayerischen Maschinen. Ohne die Anleihe hätte sich im Jahr 1833 ein Staatsdefizit von 4,9 Millionen Drachmen bei Einnahmen von 7,2 Millionen Drachmen ergeben. Im Jahr 1834 hätte das Defizit schon 10,4 Millionen Drachmen bei Einnahmen von 11,1 Millionen Drachmen betragen.
20 Drachmen (Griechenland, 1833, 900er Gold, 5,8 Gramm, 21 mm)
Bildquelle: Numismatic Guaranty Company
Als König Otto I. im Jahre 1833 den griechischen Thron bestieg, war er nur ungenügend auf seine Tätigkeit als Regent eines relativ armen Landes vorbereitet. Er war zwar verantwortungsbewusst und ehrlich, neigte aber zu Grübelei und Entschlusslosigkeit. Mit einem Schriftstück, das er zu unterzeichnen hatte, konnte sich Otto mitunter stundenlang beschäftigen. Sein Vater, König Ludwig I. von Bayern, wusste um diese Schwächen und ermahnte ihn: „Du leidest am Gemüte, habe Kraft, überwinde Deine schreckliche Skrupulosität und heillose Unentschlossenheit; dass solches stattfinde, ist Gewissenssache; es ist Deine Pflicht; die eines Herrschers kannst Du außerdem nicht erfüllen …“ (3) Hielt sich Otto anfangs in der Regierungsführung für unzureichend, wollte er wenig später Entschlusskraft vorspiegeln. Angesichts der Schmeicheleien in seinem Umfeld neigte er auf diese Weise bald der einen Seite zu, bald der anderen. Manche Zusammenhänge verstand Otto auch gar nicht. Bereits im Jahr 1835 wurde seine Regierungsfähigkeit daher ernstlich angezweifelt. Der Aufbau eines unterentwickelten Landes konnte damit nur unzureichend voranschreiten. Der französische Gesandte in München schrieb an Francois Guizot, einen befreundeten Politiker: „Die Vorgänge in Griechenland haben unter anderem den Beweis erbracht, dass König Otto seiner Aufgabe nicht genügt und dass Griechenland begabter und tätiger Menschen bedarf.“ (4)
5 Drachmen (Griechenland, 1833, 900er Silber, 1833, 22,4 Gramm, 38 mm)
Bildquelle: Numista, Heritage Auctions
Im Jahre 1842 verschärfte sich die finanzielle Situation. Die Regierung war zu einer strengen Sparpolitik genötigt, die auch zu einer Entlassung von zahlreichen Staatsdienern führte: „Die am 1. März 1843 fälligen Zinsen und Tilgungsbeträge an das Haus Rothschild konnte der griechische Staat nicht aufbringen, so dass die Garantiemächte die Zahlungen leisten mussten. Im Londoner Protokoll vom 1. Mai 1843 forderten sie von der griechischen Regierung unter Hinweis auf Artikel 12 des Staatsvertrages vom 7. Mai 1832, wonach griechische Gelder zuerst für den Anleihedienst zu verwenden seien, eine Reduzierung der Militärausgaben.“ (5) Diese Ausgaben, die etwa die Hälfte des Budgets ausmachten, waren angesichts der miserablen wirtschaftlichen Lage im Lande nicht mehr zu rechtfertigen. Einen Tag nach Unterzeichnung eines Vertrages mit den Gläubigerstaaten zur Einrichtung einer Finanzkontrolle im September des Jahres revoltierte die Armee. Die wegen der schweren Wirtschaftskrise unzufriedene Athener Bevölkerung schloss sich den durch die Straßen ziehenden Militäreinheiten an und erzwang von König Otto die Einberufung einer verfassunggebenden Versammlung sowie eine Regierung unter Führung der Russischen Partei. Trotz der frühen Anzeichen mangelnder Entschlusskraft konnte sich König Otto noch fast zwei Jahrzehnte auf den Thron halten. Erst im Jahr 1862 wurde er durch einen unblutigen Aufstand vertrieben.
Dietmar Kreutzer
Quellenangaben:
(1) Floros Katsouros: Die numismatische Situation in Griechenland während der Revolution von 1821 und die ersten neugriechischen Münzen des I. A. Kapodistrias; Hamburg 1975, S. 25
(2) Irmgard Wilharm: Die Anfänge des griechischen Nationalstaates 1833-1843; München 1973, S. 79
(3) König Ludwig I. an König Otto I. am 13.09.1834; zit. nach Wilharm, S. 181
(4) Bourgoing an Guizot am 23.12.1843, zit. nach Wilharm, S. 190
(5) Wilharm, S. 117








