• Michael Kurt Sonntag

Die 2. Arbeit des Herakles in Numismatik und Kunst

Die zweite Arbeit, die der mykenischen König Eurystheus Herakles aufgetragen hatte, war die Lernäische Hydra zu töten. Diese war ein Sprössling des riesigen 100-köpfigen feuerspeienden Drachens Typhon und der Riesenschlange Echidna. „Drittens gebar sie [gemeint ist Echidna] dann noch die unheilbrütende Hydra, die bei Lerne gedieh im Schutz der schimmernden Hera, unersättlich im Wüten gegen des Herakles Stärke.“ (Albert von Schirnding [Hrsg. u. Übers.], Hesiod, Theogonie, 5. Aufl., Berlin 2012, 313-315).


Diese Hydra, die die Herden vernichtete und die Felder verwüstete, war eine riesige Schlange, die neun Häupter besaß, von denen acht sterblich und nur das mittlere unsterblich war. Gegen sie zogen Herakles und sein Neffe Jolaos im Streitwagen. Als sie die Hydra in Lerna (in der Argolis) auf einem Hügel in der Nähe der Quellen der Amyone sichteten, sprang Herakles aus dem Streitwagen, griff sich seinen Bogen und schoss brennende Pfeile in Richtung der Hydra, so dass diese ihren Schlupfwinkel, eine nahe gelegene Höhle, verlassen musste. Dann ging er unerschrocken auf das zischende neunköpfige Ungeheuer zu, packte es kräftig und hielt es fest. Mit seiner Keule begann er der Hydra die Köpfe zu zertrümmern – einer anderen Version zufolge schlug er diese mit einem Sichelschwert ab –, doch kaum war ein Haupt zertrümmert oder abgeschlagen, wuchsen sofort zwei neue nach. Den großen Krebs, den die Hera der Hydra zu Hilfe geschickt und der Herakles in den Fuß gekniffen hatte, erschlug der Held umgehend mit seiner Keule. Dann rief er seinen Neffen Jolaos zu Hilfe, der die nachwachsenden Häupter mit brennenden Fackeln bereits „im Keim“ niederbrannte, so dass er schließlich alle acht sterblichen Häupter vernichten konnte. Zum Schluss schlug Herakles auch das neunte unsterbliche Haupt ab, begrub es am Wegesrand und wälzte einen schweren Stein darüber. Den Rumpf der Hydra aber spaltete er und tauchte anschließend seine Pfeile in ihr giftiges Blut. Die Wunden, die die Pfeile des Herakles fortan schlugen, waren deshalb unheilbar und tödlich.


Die antiken Griechen Kretas, die mit den Arbeiten des Herakles selbstverständlich ebenso vertraut waren wie die Griechen im gesamten Mittelmeerraum, bannten diese 2. Arbeit des großen Heros auch auf Münzen. So prägte die kretische Stadt Phaistos beispielsweise in der 2. Hälfte des 4. Jhs. v. Chr. einen Silberstater, der auf seiner Vorderseite Herakles zeigt, der die Lernäische Hydra mit der Linken gepackt hat und mit der Keule in der Rechten zum Schlag ausholt. Die Rückseite der Münze ziert ein nach rechts stoßender Stier über dem sich die auf deutsch übersetzte Legende [Münze] der Phaistoer findet.

Phaistos (Kreta). Stater (2. Hälfte 4. Jh. v.Chr.), Silber, 11,47 g, 28 mm, Münzstätte Phaistos. Bildquelle: Roma Numismatics Ltd, Auktion XIX (26. März 2020), Los 357.

Interessanterweise gibt es denselben Stater aber auch mit einer Vorderseite, auf der Herakles nach links und nicht nach rechts gewandt steht. So dass wir den Heros hierauf in Rücken- und nicht in Frontalansicht betrachten.

Phaistos (Kreta). Stater (2. Hälfte 4. Jh. v.Chr.), Silber, 11,88 g, 27 mm, Münzstätte Phaistos. Bildquelle: Roma Numismatics Ltd, Auktion XIII (23. März 2017), Los 211.

Schaut man sich die Vorderseiten der beiden Münzen genau an, so erkennt man auf beiden einen Krebs mit erhobenen Scheren neben dem rechten Fuß des Herakles. Jenen Krebs, von dem auch die Sage berichtet. Außerdem trägt der große Heros noch das umgehängte Fell des Nemeischen Löwen, das ihn sofort als Herakles ausweist.

Herakles und Iolaos im Kampf mit der Lernäischen Hydra. Attische schwarzfigurige Vase (um 540-530 v. Chr.). Standort: Louvre-Museum, Paris. Bildquelle: Bibi Saint-Pol, Wikimedia Commons.

Auf einer schwarzfigurigen attischen Vase des 6. Jhs. v. Chr., welche die gleiche Thematik aufgreift, sehen wir Herakles und seinen Neffen Jolaos im Kampf mit der Lernäischen Hydra.

Betrachtet man diese Vase genau, so fällt auf, dass Herakles hier anders als auf den Münzen eine Sichel in seiner Rechten hält und keine Keule.