Schwarzer Tod: Ein „fals“ aus der Zeit der Pestepidemie in Damaskus (1348)
Nach Berichten von schlimmen Infektionskrankheiten, die sich rasch und unaufhaltsam über mehrere Länder ausbreiteten, muss man auch in mittelalterlichen Chroniken der islamischen Welt nicht lange suchen, wobei überhaupt nur die wirklich großen Seuchen eine Erwähnung wert waren. In der Regel erfährt man zumindest, wann eine Epidemie wo grassierte und wie viele Tausend Menschen ihr (an diesem oder jenem Ort) zum Opfer fielen. Was oft unklar bleibt, ist die Art der Massenerkrankung, da meist einfach der allgemeine arabische Begriff wabāʾ verwendet wird, welcher sich am besten mit „Seuche“ übersetzen lässt und z. B. Typhus ebenso wie die Influenza oder Cholera meinen kann. Zu differenzieren pflegte man, wenn es sich um die Pocken (ǧudarī) handelte oder aber um die Pest (ṭāʿūn).
Die erste belegbare Pest-Epidemie ist die sog. Justinianische Pest im spätantiken Mittelmeerraum und weiteren Regionen Europas und Vorderasiens. Diese hatte zwar unter dem oströmischen Kaiser Justinian zu wüten begonnen, trat aber auch lange nach dessen Tod (565) noch in etlichen Wellen auf – bis in die Mitte des 8. Jahrhunderts. So ist schon die früheste Geschichte des Kalifenreiches auch eine Geschichte großer Seuchen-Ausbrüche, vor denen sich die Umayyaden vorzugsweise in ihre Wüstenschlösser zurückzogen. Tatsächlich fiel das Ende jener Pestwellen-Zeit mit der gewaltsamen Ablösung der Umayyaden durch die Abbāsiden zusammen, was die Sieger selbstverständlich in ihre Propaganda aufnahmen. Ein Vertreter der neuen Dynastie erklärte den Damaszenern in einer Rede, welch göttliche Gnade es doch sei, dass die Pest mit der Machtübernahme der Abbāsiden aufgehört habe, worauf ein schlagfertiger Zuhörer erwiderte, dass Gott eben zu gnädig sei, um die Menschen mit zwei solchen Plagen wie der Pest und den Abbāsiden gleichzeitig zu geißeln.

Karte zur Ausbreitung des Schwarzen Todes in Europa zwischen 1346 und 1353
Bildquelle: Wikimedia, Flappiefh
Die größte ṭāʿūn-Pandemie – der sog. „Schwarze Tod“, dem die in diesem Beitrag vorgestellte Münze selbst „begegnet“ sein dürfte – brach bekanntlich im 14. Jh. aus. Zuerst trat die verheerende Seuche irgendwo in (Ost-)Zentralasien auf, von wo aus sie bald den Weg westwärts an die Wolga fand, in das Mongolen-Reich der Goldenen Horde. Dessen Herrscher Ǧānī-Beg belagerte damals, 1346, gerade die Stadt Kaffa, bei der es sich um die Hauptkolonie der Seerepublik Genua auf der Krim handelte. Im Laufe dieser Belagerung soll der Mongole Pest-Leichen über die Stadtmauer katapultiert haben; einnehmen konnte er Kaffa aber auch bei diesem Versuch nicht – dafür verbreitete sich die Seuche nun über das genuesische Handelsnetz im gesamten Mittelmeerraum. 1347 erreichte sie nicht nur Byzanz und Sizilien, sondern auch Ägypten, wo die Baḥrī-Mamlūken-Dynastie der Qalāʾuniden regierte. Als qipčaqische Militärsklaven selbst aus dem Machtbereich der Goldene Horde stammend, unterhielten die Baḥrī-Mamlūken dorthin freundschaftliche Beziehungen und importierten aus den Steppen östlich des Schwarzen Meeres in aller erster Linie und großem Umfang frischen Nachschub an türkischen Sklaven. Diesen intensiven Handel (als dessen Zentrum Kaffa galt) dominierten mit ihren Flotten und Niederlassungen Venedig und Genua und so war es wahrscheinlich ein italienisches Sklavenschiff, zu dem in einer ägyptischen Quelle exemplarisch die folgende Beobachtung überliefert ist: Von insgesamt 332 Mann an Bord waren bei Ankunft in Alexandria noch ca. 45 am Leben und selbst diese verstarben noch im Hafen – an der Pest. Ob mit Schiffen wie diesem eher infizierte Ratten einreisten oder Flöhe, die vielleicht auch in den ebenfalls gehandelten Pelzen saßen – fest steht, dass bis 1349 selbst Oberägypten betroffen war und die Epidemie von Alexandria aus zudem via Gaza nach Palästina und Syrien vordrang, das ebenfalls zum Mamlūken-Reich gehörte.
fals (Ḥasan, Damaskus, 749 H., Kupfer, 2,79 Gramm)
Bildquelle: FINT CG6 E3
Damaskus erreichte der „Schwarze Tod“ 1348 und von dort und aus genau diesem Jahr stammt unsere Münze, ein 2,79 g schwerer fals. Die Münzstättenangabe (ḍarb Dimašq) findet sich auf dem Avers unten in Zeile drei, während die beiden anderen (durch Linien getrennten) Zeilen die Herrschernennung enthalten: al-malik an-Nāṣir Ḥasan (mittlere Zl.) / ibn Muḥammad (obere Zl). Anders als sein Vater Muḥammad b. Qalāʾun war Sultan Ḥasan ein eher schwacher Herrscher, eine zwischenzeitlich ab- und dann wieder eingesetzte Marionette in den Händen mächtiger Emire, was aber auch daran lag, dass er den Mamlūken-Thron als Minderjähriger bestieg – nur wenige Monate bevor die große Pest auch Kairo heimsuchte. Immerhin überlebte Ḥasan die Seuche, zu deren Höhepunkt im Herbst/Winter 1348 er aus der ägyptischen Hauptstadt in die einige Kilometer nördlich davon gelegene Palastanalage Siryāqūs gewichen war. In Damaskus starben damals täglich 1000–2000 Menschen. Schon im Juli hatte der Gouverneur der Stadt die Abschaffung der Gebühren für Leichenbahren, -waschungen und -transporte angeordnet, weil die Kosten für ein normales Begräbnis kaum noch zu bezahlen waren. Die Toten wurden teils auf Kamelen zu ihren Gräbern geschafft; viele kamen erst mit großer Verspätung unter die Erde oder überhaupt nicht. Die Begräbniszeremonien gerieten zur Massenabfertigung, wobei im Oktober selbst die Umayyaden-Moschee nicht mehr genügend Platz für alle Leichen bot. Um bei Gott eine Erlösung von der Plage zu erwirken (als deren Ursache ja eine Verderbung der Luft angesehen wurde), hatte man schon im Sommer spezielle Koransuren und Bittgebete erklingen lassen und insbesondere die ḥadīṯ-Sammlung Ṣaḥīḥ al-Buḫārī rezitiert. Nachdem man im Juli drei Tage lang streng gefastet hatte, fand sogar eine bislang ungekannte Massen-Bittprozession statt, zu der die gesamte Bevölkerung aufgerufen war. Alle flehten gemeinsam um Erlösung, legten Gelübde ab und lobpreisten Gott; Muslime, Christen und Juden trugen ihre jeweilige heilige Schrift voran. Selbst hohe Würdenträger zogen barfuß von der Umayyaden- zur al-Qadam-Moschee, wie uns der berühmte Reisende Ibn Baṭṭūṭa als Augenzeuge berichtet.

Sultan-Hasan-Moschee
Bildquelle: Wikimedia, Jarvis
Ibn Baṭṭūṭa registrierte auch, wie in Damaskus die Preise explodierten, v. a. wegen der gestiegenen Arbeitskosten. In Kairo verlor der Dinar gegenüber dem Dirham deutlich an Wert, vielleicht weil notgedrungen mehr Gold in Umlauf kam. Der Wert von Kupferkleingeld wie der Münze des Monats war ohnehin nur staatlich dekretiert. Nach dem Prägeort ist darauf am Ende der dritten Avers-Zeile noch das Wort sanata, „im Jahre“, zu lesen. Auf dem Revers ist nicht etwa ein Corona-Virus abgebildet, im Zentrum des Kranzes steht (als Fortsetzung der Avers-Inschrift) die Jahreszahl tisʿ wa-arbaʿīn = [7]49 H. = 1348/49.
1351 wurde an-Nāṣir Ḥasan unter Hausarrest gestellt, 1355 auf den Thron zurückgeholt. Bemerkenswert ist, dass ausgerechnet von diesem Sultan und aus dieser Krisenzeit eines der großartigsten Bauwerke der islamischen Kultur stammt: der monumentale Sultan-Ḥasan-Madrasa-Moschee-Komplex nahe der Kairoer Zitadelle. Die Errichtung – an der Architekten und Handwerker aus Syrien, dem Irak und Iran beteiligt waren – dauerte von 1356/57 bis 1363. Doch wie konnte Ḥasan (welcher bereits 1361 ermordet wurde) dieses ehrgeizige Großprojekt finanzieren? Immerhin kostete der Bau täglich 20.000 Dirham, zumindest während der ersten drei Jahre, in denen ohne Unterbrechung daran gearbeitet wurde. Angeblich half ein großer Schatzfund, der auf der Baustelle gemacht wurde. Genauer gesagt, soll es sich um yūsufī-Gold gehandelt haben, womit wohl Dinare des Almohaden Abū Yaʿqūb Yūsuf I. (reg. 1163–84) gemeint sind, die wegen ihres hohen Feingehaltes weit verbreitet waren und tatsächlich in ägyptischen Schatzfunden vorkommen. Zu bedenken ist auch, dass auf dem Baugrund zuvor die Palastanlagen zweier Emire standen, welche Ḥasan abreißen ließ. Die Haupterklärung für die Baufinanzierung ist wohl aber eine andere: Abgesehen davon, dass Epidemien (wenngleich Kriege eine noch größere Rolle spielten) zu den schlussfolgerbaren Gründen gehören, aus denen besonders viele Menschen von ihnen verborgene Münzen nie mehr bargen, forderte der „Schwarze Tod“ so viele Opfer, dass deren Besitz oft mangels Erben an den Staat überging.
Sebastian Hanstein




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