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Internationale Kapazitäten auf der Tagung zur Orient-Numismatik in Tübingen

Die Forschungsstelle für Islamische Numismatik (FINT) veranstaltet seit ihrer Gründung vor über 35 Jahren jährlich im Frühjahr in Kooperation mit der Oriental Numismatic Society (ONS) eine internationale Präsenztagung in Tübingen. Das ONS-Treffen bietet Raum für Vorträge (auf Deutsch und Englisch) zur islamischen Numismatik. Ort der Veranstaltung ist das Gebäude der Orient- und Islamwissenschaft an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Für die Vorträge stehen inklusive Diskussion in der Regel jeweils 30 Minuten zur Verfügung. Am 9./10. Mai 2026 standen elf Vorträge auf dem Programm. Huda Subeh sprach über die Ergebnisse der ersten Projektphase zu den umayyadischen Münzen der sogenannten Bachmann-Sammlung. Die Islamwissenschaftlerin und Numismatikerin, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Georg-August-Universität Göttingen tätig ist, beschäftigt sich mit der wissenschaftlichen Erschließung, Katalogisierung und digitalen Aufbereitung dieser Sammlung, einem bedeutenden Konvolut orientalischer und frühislamischer Münzen. Mit über 40.000 Münzen und Medaillen besitzt die Göttinger Universität das drittgrößte akademische Münzkabinett in Deutschland, nach den Sammlungen der Universitäten in Tübingen und Leipzig. Teil der im Jahr 1773 begründeten Sammlung ist seit dem Jahr 1991 die Privatsammlung Bachmann mit islamischem Schwerpunkt.


Vorbereitung der Tagung


Viacheslav S. Kuleshov von der Uni Stockholm stellte seine neue wissenschaftliche Publikation Umayyad Post-Reform Gold Coinage: A die corpus, AH 77–132 vor. Das voluminöse Buch revolutioniert die Numismatik des frühen Islam, indem sie die genauen Prägewerkzeuge des Kalifats rekonstruiert. Zum Preis von 125 Euro kommt es dieser Tage in den numismatischen Fachbuchhandel. Durch die umfassende Untersuchung von 3.114 Dinaren identifiziert Kuleshov in seiner Studie ein hochgradig strukturiertes, zentralisiertes Netzwerk von Prägestempeln, das Aufschluss gibt, wie Edelmetalle im Umayyadenreich verwaltet und verteilt wurden. Stefan Moeller aus Halle hielt seinen Vortrag zum Thema Subaerate byzantinische Goldmünzen – ein Überblick mit Deutungsversuch. Diese Nachahmungen von Goldmünzen kommen in byzantinischer Zeit seit dem 8. Jh. n. Chr. vor und treten als konstante Parallelprägungen bis zur Währungsreform 1092 n. Chr. auf. Bis ins 14. Jahrhundert lassen sich Subaerate in Gold und Silber nachweisen. Die ständige Präsenz und ihre Nutzung als Schmuck nährt die Vermutung, dass es sich bei den Objekten weder um illegale Fälschungen krimineller Art noch um staatlich manipulierte Emissionen handelt. Subaerate werden teilweise als staatlich subventionierte Token angesehen, die als Donative, Tauschmittel, Eintrittsmarke oder Spendenmünze in den Verkehr kamen. Im heutigen Fundgut tauchen sie als Erinnerungsstücke auf. Für die These spricht, dass es in Hortfunden keine bekannten Subaerate gibt. Schriftquellen, die die Tokenprägung erwähnen, sind nicht bekannt.

Yngve Karlsson trägt vor


Yngve Karlsson aus Göteborg ist ein angesehener schwedischer Numismatiker, der der Göteborger Numismatischen Gesellschaft angehört. Er hat sich auf vorislamische und frühislamische Münzen spezialisiert, insbesondere auf sassanidisches und arabisch-sassanidisches Silber. Seine umfangreichen Kataloge konzentrieren sich auf die Darstellung von Motiven, Datierungen und historischen Zusammenhängen der Münzprägung, einschließlich der Halbdrachmen von Tabaristan. Sein Thema auf der Tagung lautete: Hemi-Drachmas of Tabaristan. Die Teilstücke der Drachmen aus Tabaristan gehören zu den interessantesten Münzserien der Spätantike und der frühen islamischen Zeit. Die kleinen Silbermünzen wurden von etwa 711 bis ins frühe 9. Jahrhundert n. Chr. in der nordiranischen Berg- und Küstenregion Tabaristan geprägt. Sie wurden anfangs von lokalen zoroastrischen Herrschern ausgegeben und später unter dem Abbasidenkalifat weitergeführt. Da viele dieser Münzen jahrzehntelang im exakt gleichen Stil geprägt wurden, stützen sich Numismatiker wie Karlsson auf subtile Randinschriften, Gegenstempel und Datierungen. Die spezifischen Zuordnungen und Chronologien, mit denen er arbeitet, helfen Wissenschaftlern und Sammlern, zwischen den ursprünglichen Dabuyiden-Herrschern und späteren abbasidischen Statthaltern zu unterscheiden.


Cecile Bresc am Projektor


Der georgische Numismatiker Irakli Paghava hielt einen Vortrag unter dem Titel Numismatic Self-Presentation of Eleventh-Century Georgian Monarchs: Occidetal vs. Oriental. Paghava untersucht in seiner Forschung, wie georgische Monarchen die Münzenprägung als Mittel der politischen und kulturellen Selbstdarstellung einsetzten. Georgische Könige pendelten zwischen den westlichen und den östlichen Traditionen, um ihre souveräne Autorität zu demonstrieren und ihre wirtschaftliche Existenzfähigkeit zu sichern. Viele Herrscher, insbesondere im Kaukasus, ließen Münzen mit überwiegend oder ausschließlich arabischen Inschriften prägen. Paghava konstatierte, dass dies nicht bloß eine Unterwerfung unter islamische Nachbarn war, sondern ein bewusster Versuch der Selbstdarstellung im muslimischen Raum, um Handel und diplomatische Beziehungen zu fördern. Umgekehrt bedienten sich christliche Monarchen der Motive im byzantinischen Stil, also Kreuzsymbolen und lokalen Inschriften. Weiterhin sprachen der ägyptische Professor Atef Mansour Ramadan von der Universität Fayoum über neue Deutungsansätze zur frühen islamischen Ikonografie eines neuen arabisch sassanidischen Münztyps und die Französin Cécile Bresc von der Sorbonne über Erkenntnisse aus der Zusammensetzung des Schatzfundes von Tell Bashir.


Buchpublikation von Kuleshov


Ein Vortrag des Franzosen Jean-David Richaud-Mammeri stand unter dem Titel New Numismatic Evidence for the Relationship between Tughril Beg and Chagri Beg. Toghril-Beg (990-1063) war der erste Sultan der Seldschuken. Gemeinsam mit seinem Tschaghri-Beg (gest. 1060) gründete er die Dynastie der Großseldschuken im Iran. Nikolaus Schindel von der Akademie der Wissenschaften in Wien zog einen Vergleich zwischen seldschukischen und kreuzfahrerzeitlichen Kupfermünzen in Antiochia. Dmytro Yanov untersucht zurzeit im Rahmen eines Studienprojektes an der Universität Tübingen den Stellenwert osmanischer Münzen in Mittel- und Osteuropa im Kontext der wirtschaftlichen und militärischen Konflikte zwischen dem Osmanischen Reich und den christlichen Staaten. Dabei wertet er bisher unveröffentlichte Fundmünzen aus den Sammlungen von Museen in Ungarn und Rumänien aus und erstellt eine digitale Datenbank mit Münzfunden. Auf der Tagung sprach Yanov über Imitationen und Fälschungen türkischer Silbermünzen in Ungarn. Den abschließenden Vortrag hielt Lutz Ilisch, der frühere Leiter der Tübinger Forschungsstelle. Sein Thema waren die spätmittelalterlichen Stempelschneider der Mamluken, die zum Teil beeindruckende Meisterwerke der Kalligrafie hervorbrachten.


Lutz Ilisch (rechts) in der Diskussion


Im Rahmenprogramm der Tagung wurde eine Führung durch die Sonderausstellung Industry of Beauty im Uni-Museum Alte Kulturen auf Schloss Hohentübingen angeboten. In der auf dem Schloss gezeigten Dauerausstellung ist die Forschungsstelle für Islamische Numismatik übrigens nicht präsent. Opulent präsentiert werden stattdessen antike Skulpturen und Münzen. In der Werbung des Museums heißt es: "Die Münzsammlung der klassischen Archäologie zählt heute mit gut 20.000 Objekten zu den größten Universitätssammlungen ihrer Art in Deutschland." Zur Bedeutung der herausragenden Sammlung islamischer Münzen findet sich kein Wort oder Ausstellungsstück.


Text und Fotos:

Dietmar Kreutzer


Nähere Informationen zum Forschungsgebiet und den Veranstaltungen:

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