Medaillen auf deutsche Synagogen
Der Synagogenbau des 19. und frühen 20. Jahrhunderts gehört zu den eindrucksvollsten Zeugnissen des Aufstiegs und wachsenden Selbstbewusstseins jüdischer Gemeinden in Deutschland. Mit der schrittweisen rechtlichen Emanzipation entstanden vielerorts repräsentative Gotteshäuser, die sich bewusst in das Stadtbild einfügten und zugleich eine eigenständige jüdische Identität zum Ausdruck brachten. Ihre Architektur war von bemerkenswerter Vielfalt: maurische und neoislamische Formen standen neben neoromanischen, byzantinischen und anderen historistischen Stilrichtungen. Zahlreiche Medaillen auf Einweihungen, Jubiläen und bedeutende Förderer dieser Synagogen hielten die neuen Bauten in einer Kunstform fest, die gerade in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen außerordentlich hohen technischen und ästhetischen Rang erreichte.

Innenraum der Synagoge Glockengasse.
Chromolithographie von J. Hoegg nach C. E. Conrad.
Bildquelle: Museen Köln
Zu den herausragenden Beispielen gehört die 1861 von Jacques Wiener geschaffene Medaille auf die Einweihung der Synagoge in der Kölner Glockengasse. Der belgische Medailleur, berühmt für seine außerordentlich detailreichen Darstellungen bedeutender europäischer Bauwerke, setzte sowohl die Außenarchitektur als auch den Innenraum der von Dombaumeister Ernst Friedrich Zwirner entworfenen Synagoge mit geradezu miniaturistischer Präzision ins Relief. Der von Abraham Oppenheim finanzierte Bau mit seiner mächtigen Kuppel und seiner maurisch-neoislamischen Formensprache war zugleich Ausdruck des gesellschaftlichen Aufstiegs und des Selbstbewusstseins der Kölner jüdischen Gemeinde.

Leu Auktion 23, 2. November 2023, Los 533
DEUTSCHLAND. Köln. Medaille 1861 (Bronze, 59 mm, 96,82 g, 12 h), auf die Einweihung der Kölner Synagoge. Von J. Wiener. SYNAGOGE ZU COELN EINGEWEIHT - AM 29 AUGUST 1861 Außenansicht der alten Kölner Synagoge (Synagoge Glockengasse). Rs. ויבן אברהם אפפענהיים את בית ה׳ לקהל עדת קלוניא ויחנכו אותו כ״ג אלול התרכ״א לפ״ק יזכרהו אלהים לטובה („Abraham Oppenheim erbaute dieses Haus des Herrn für die jüdische Gemeinde von Köln. Es wurde am 23. Elul 5621 eingeweiht. Möge Gott seiner zum Guten gedenken“ auf Hebräisch) Innenansicht der Kölner Synagoge. Hoydonck 182. Stern 173. Weiler 2513.
Einen persönlicheren Charakter besitzt die Frankfurter Medaille von 1899 auf die Goldene Hochzeit Wilhelm Carl und Mathilde von Rothschilds. Anstelle eines Porträts zeigt sie den aufwendig gestalteten Innenraum der Synagoge der orthodoxen Israelitischen Religionsgesellschaft in der Schützenstraße. Die Wahl des Motivs war keineswegs zufällig: Wilhelm Carl von Rothschild gehörte zu den bedeutenden Förderern der Gemeinde und ihrer religiösen Einrichtungen. Architektur wird hier zum Sinnbild von Gemeindeleben, religiöser Identität und Mäzenatentum.

Leu Auktion 23, 2. November 2023, Los 517
DEUTSCHLAND. Frankfurt. Medaille 1899 (Bronze, 39 mm, 25,49 g, 12 h), auf die Goldene Hochzeit von Wilhelm Carl von Rothschild (1828–1901) und Hannah Mathilde von Rothschild (1832–1924). בית תפלה יקרא (Jesaja 56,7: „[Es] soll ein Haus des Gebets genannt werden“ auf Hebräisch) / SYNAGOGE D.ISR.RELIGIONS- / GESELLSCHAFT / ZU FRANKFURT A.M. Innenansicht der alten Frankfurter Synagoge (Hauptsynagoge). Rs. DIE / SYNAGOGENGEMEINDE / ISRAELITISCHE / RELIGIONSGESELLSCHAFT / ZU / FRANKFURT A.M. / FREIHERRN / WILHELM CARL VON ROTHSCHILD / UND FREIFRAU / MATHILDE VON ROTHSCHILD / ZUR FEIER IHRER / GOLDENEN HOCHZEIT / AM / 8. NOVEMBER 1899 in 14 Zeilen; darüber Kranz, darunter עוד ינובון בשיבה דשנים ורעננים יהיו (Psalm 92,15: „Sie tragen noch Frucht im Alter, sind kraftvoll und frisch“ auf Hebräisch); ganz unten יום ד׳ ו׳ כסלו („4. Kislew 5660“ = 8. November 1899 auf Hebräisch). Joseph/Fellner 2369. Stern -. Von größter Seltenheit. Auflage von nur fünf Exemplaren.
Ex Peus 399, 4. November 2009, 1087.
Wilhelm Carl von Rothschild war eine der führenden Persönlichkeiten des Frankfurter Zweigs der Familie Rothschild und ab 1855 an der Leitung des familieneigenen Bankhauses M. A. von Rothschild & Söhne beteiligt, dessen alleinige Führung er schließlich 1886 übernahm. Als strenggläubiger Jude gehörte er zu den bedeutendsten Förderern des orthodoxen Judentums in Frankfurt und spielte eine zentrale Rolle bei der Finanzierung der Einrichtungen der Israelitischen Religionsgesellschaft und ihrer Synagoge.
1849 heiratete er seine Cousine Hannah Mathilde von Rothschild, eine Tochter Anselm Salomon von Rothschilds aus dem Wiener Familienzweig, und das Paar ließ sich in Frankfurt nieder. Aus der Ehe gingen drei Töchter hervor, Georgine Sara, Adelheid und Minna Caroline. Nach dem frühen Tod Georgine Saras im Jahr 1869 gründeten ihre Eltern zu ihrem Andenken ein Krankenhaus in Frankfurt. Mathilde war selbst eine bemerkenswerte Persönlichkeit: Als begabte Musikerin, die bei Chopin studiert hatte, komponierte sie zahlreiche Lieder und entwickelte sich zu einer der bedeutendsten Mäzeninnen Frankfurts. Sie unterstützte Krankenhäuser, jüdische Wohlfahrtseinrichtungen, kulturelle Institutionen und später auch die Universität Frankfurt.
Die Goldene Hochzeit des Paares im Jahr 1899 wurde von der Israelitischen Religionsgesellschaft mit dieser eindrucksvollen Medaille gewürdigt, deren Vorderseite das Innere jener Synagoge zeigt, die Wilhelm Carl in besonderem Maße gefördert hatte. Die Medaille ist von außerordentlicher Seltenheit: Mit einer überlieferten Auflage von lediglich fünf Exemplaren in Bronze und 15 Exemplaren in Silber (siehe Los 518 unten) war sie offensichtlich nur für einen sehr kleinen und ausgewählten Kreis bestimmt; erhaltene Stücke sind dementsprechend äußerst selten.

Die Frankfurter Hauptsynagoge im Jahr 1885
Bildquelle: commons.wikimedia.

Leu Auktion 23, 2. November 2023, Los 518
DEUTSCHLAND. Frankfurt. Medaille 1899 (Silber, 39 mm, 30.44 g, 12 h), auf die Goldene Hochzeit von Wilhelm Carl von Rothschild (1828–1901) und Hannah Mathilde von Rothschild (1832–1924). בית תפלה יקרא (Jesaja 56,7: „[Es] soll ein Haus des Gebets genannt werden“ auf Hebräisch) / SYNAGOGE D.ISR.RELIGIONS- / GESELLSCHAFT / ZU FRANKFURT A.M. Innenansicht der alten Frankfurter Synagoge (Hauptsynagoge). Rs. DIE / SYNAGOGENGEMEINDE / ISRAELITISCHE / RELIGIONSGESELLSCHAFT / ZU / FRANKFURT A.M. / FREIHERRN / WILHELM CARL VON ROTHSCHILD / UND FREIFRAU / MATHILDE VON ROTHSCHILD / ZUR FEIER IHRER / GOLDENEN HOCHZEIT / AM / 8. NOVEMBER 1899 in 14 Zeilen; darüber Kranz, darunter עוד ינובון בשיבה דשנים ורעננים יהיו (Psalm 92,15: „Sie tragen noch Frucht im Alter, sind kraftvoll und frisch“ auf Hebräisch); ganz unten יום ד׳ ו׳ כסלו („4. Kislew 5660“ = 8. November 1899 auf Hebräisch). Joseph/Fellner 2369. Stern -. Extrem selten. Auflage von nur 15 Exemplaren.
Heute besitzen solche Medaillen jedoch noch eine weitere, ursprünglich nicht beabsichtigte Bedeutung. Zahlreiche der auf ihnen verewigten Synagogen wurden während der nationalsozialistischen Herrschaft, insbesondere in den Novemberpogromen von 1938, geschändet, niedergebrannt und anschließend abgerissen – darunter auch die Synagogen in der Kölner Glockengasse und der Frankfurter Schützenstraße. Damit sind diese Stücke nicht nur Meisterwerke der Architekturmedaille, sondern zugleich bleibende Bildzeugnisse einer vielfach unwiederbringlich zerstörten jüdischen Sakrallandschaft Europas. In ihren fein ausgearbeiteten Ansichten bewahren sie die architektonische Pracht und das selbstbewusste Gemeindeleben einer Epoche, deren steinerne Zeugnisse vielerorts ausgelöscht wurden.

Leu Auktion 23, 2. November 2023, Los 532
DEUTSCHLAND. Frankfurt. Einseitige Gussplakette 1907 (Bronze, 62 x 49 mm, 66,31 g, 12 h), auf die Einweihung der Neuen Frankfurter Synagoge. Von K. Goetz. Schrobenhausen. NEUE SYNAGOGE DER JSR.RELIGIONSGES.ZU FRANKFURT A.M / בית תפלה ישורון („Haus des Gebets Jeschurun“ auf Hebräisch) / EINGEWEIHT AM 23. AUGUST 1907 / יום ה י״ט אלול שנת הרחיבי מקום אהליך קהל עדת ישורון לפ״ק („Donnerstag, der 19. Elul im Jahr ‚Erweitere den Raum deines Zeltes‘ [Chronogramm nach dem Vers Jesaja 54,2], Gemeinde Jeschurun“ auf Hebräisch) Torbogen mit reich verzierter Decke, getragen von zwei Säulen, die sich über Altarstufen erheben und den Blick auf die Außenansicht der Neuen Frankfurter Synagoge (Synagoge Friedberger Anlage) rahmen. Rs. Glatt. AJN XLII, S. 76. Julius 2776. Kienast 394. Stern -. Whiting 531. Kienast-Nummer „394“ in Tinte auf der Rückseite.
Unter den Arbeiten Karl Goetz’ nimmt diese frühe Plakette eine ungewöhnliche Stellung ein. Heute ist Goetz vor allem für seine vielgesammelten Propagandamedaillen aus der Zeit des Ersten und Zweiten Weltkriegs bekannt, von denen einige die nationalistische und rassistische Ideologie ihrer Zeit widerspiegeln; hier hingegen widmete er sich der Einweihung der Neuen Synagoge an der Friedberger Anlage in Frankfurt im Jahr 1907.
Die von den Berliner Architekten Peter Jürgensen und Jürgen Bachmann entworfene Synagoge bot mehr als 1.600 Gläubigen Platz. Sie überstand die Pogrome vom November 1938, wurde jedoch kurz darauf unter dem Zwang der Nationalsozialisten abgebrochen.

Leu Auktion 23, 2. November 2023, Los 530
DEUTSCHLAND. München. Medaille 1887 (Bronze, 40 mm, 33,06 g, 12 h), auf die Einweihung der Münchner Synagoge. Von M. Gube. ✱NEUE*SYNAGOGE*IN*MÜNCHEN✱ / מה נורא המקום הזה אין זה כי אם בית אלהים וזה שער השמים (Genesis 28,17: „Wie ehrfurchtgebietend ist dieser Ort! Hier ist nichts anderes als das Haus Gottes, und dies ist das Tor des Himmels“ auf Hebräisch) Außenansicht der Münchner Synagoge (Alte Hauptsynagoge); darunter ERBAUT V. ALBERT SCHMIDT / 1887, alles innerhalb einer verzierten Einfassung. Rs. ZUR / ERINNERUNG / AN DIE EINWEIHUNG / VOM 16. SEPT. 1887 / *** in fünf Zeilen; darunter זכר לחנוכת הבית ביום עש״ק בן אלול תרמ״ז לפ״ק („Zur Erinnerung an die Einweihung des Hauses am Vorabend des heiligen Sabbats, Elul 5647“ auf Hebräisch), alles innerhalb einer verzierten Einfassung. Forrer II, S. 335. Hauser 795. Lisse FS 132. Stern 169. Sehr selten.
Alle hier abgebildeten Medaillen und Plaketten sowie weitere Stücke auf europäische Synagogen werden am 2. November im Rahmen der Leu Judaica Collection in Zürich versteigert. Der insgesamt 600 Losnummern umfassende Katalog enthält Münzen, Medaillen und Plaketten zur jüdischen Geschichte der letzten 2.500 Jahre und ist hier einsehbar: Leu Numismatik
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