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Der Vesta-Tempel auf dem Forum Romanum im Münzbild

Der Vesta-Tempel ist einer der ältesten Kultbauten auf dem Forum Romanum. Seine Gründung geht laut den literarischen Quellen entweder auf Romulus oder den frühen König Numa Pompilius zurück. Gewidmet war der Tempel der Vesta, der Göttin des Hauses und des Herdfeuers. Demzufolge brannte im Inneren des Tempels das heilige Herdfeuer, das niemals erlöschen durfte. Daher waren ein Rauchabzug und ein Schutz des Feuers vor äußeren Einflüssen mittels einer Cellawand notwendig. Neben dem „heiligen Feuer“ wurden im Vesta-Tempel noch weitere heilige Gegenstände wie die Statuen der Penaten, der römischen Hausgötter, und das von Aeneas aus Troja mitgebrachte Palladion verwahrt. Der Schutz dieser Heiligtümer war extrem wichtig, denn es bestand die Prophezeiung, dass Rom nur solange bestehe, wie diese bestehen. Nur die Vestalinnen und der Pontifex Maximus durften den Tempel betreten.


Die heute sichtbaren Reste des Vesta-Tempels (Abb. 1) auf dem Forum Romanum resultieren aus einer Wiedererrichtung bzw. Restaurierung der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts, die den „Neubau“ des Tempels gegen Ende des 2. Jahrhunderts zur Grundlage nahm. Denn gerade dieses Gebäude fiel mehreren Brandkatastrophen zum Opfer. Früheste archäologische Funde aus dem Bereich des Vesta-Tempels verweisen in das 3. Jh. v. Chr. Wann die für den Vesta-Tempel charakteristische Rundform, die der griechischen Tholos-Form entspricht, für diesen Kultbau erstmals eingesetzt wurde, ist nicht belegt.


Abb. 1: Vesta-Tempel, Rom, Forum Romanum

Bildquelle: wikimedia commons


Der republikanische Bau des Vesta-Tempels erscheint erstmals auf Prägungen des Münzmeisters Quintus Cassius Longinus um das Jahr 55 v. Chr. (Abb. 2). Auf der Vorderseite des Denars (Abb. 2) ist der nach rechts gerichtete Kopf der Libertas abgebildet. Die Legende benennt sowohl das Münzbild als auch den Münzmeister. Auf dem Revers ist ein Gebäude dargestellt, das durch die zur Seite hin gestaffelten Säulen, durch den leicht nach oben gebogenen Architrav und die radial angeordneten Kuppelstreben eindeutig als Rundbau zu identifizieren ist. Da auf anderen Münzen dieses Münzmeisters auf dem Avers Vesta und auf dem Revers das gleiche Gebäude dargestellt sind, wird der Rundbau gemeinhin als der Vesta-Tempel auf dem Forum Romanum identifiziert.


Abb. 2: D, 55 v. Chr., Rom, RRC Nr. 428,2


Auf einer horizontalen Basis stehen zu beiden Seiten jeweils drei Säulen mit Punkt-Kapitellen. Darüber befindet sich der aus nebeneinander gesetzten Punkten bestehende Architrav, an dessen Seiten Schlangenantefixe angebracht sind. Die kegelförmige Kuppel wird von einer stehenden Figur bekrönt, die sich allerdings nicht näher identifizieren lässt. Im Mittelinterkolumnium, das weit geöffnet ist, erblickt man eine „sella curulis“, den Amtsstuhl eines römischen Magistrats. Links vom Tempel ist eine Wahlurne abgebildet, rechts ein Stimmtäfelchen mit den Buchstaben „AC“ (Absolvo Condemno - ich spreche frei, ich verurteile). Wie in der republikanischen Münzprägung üblich, bezieht sich der Münzmeister mit dem Rückseitenbild - Vesta-Tempel, Amtsstuhl, Wahlurne und Stimmtäfelchen - auf einen seiner Vorfahren, genauer auf L. Cassius Longinus Ravilla, der im Jahr 113 v. Chr. in einem Prozess gegen die Vestalinnen als Richter fungierte.

Abb. 3: Dp, ca 22 - 23, Rom, RIC I2 Tiberius Nr. 74


Der Vesta-Tempel wird dann wieder auf Prägungen des Tiberius abgebildet (Abb. 3). Auf dem seinem vergöttlichten Vater Augustus, dessen nach links gerichtetes Porträt mit Strahlenkrone auf dem Avers zu sehen ist, gewidmeten Dupondius ist auf der Rückseite wiederum ein Rundtempel dargestellt. Auf einer dreistufigen Basis, der Krepis, erhebt sich der kleine Tempel. Bei unserem Münzexemplar sind vier Säulen zu sehen, die jeweils ein kelchförmiges, evtl. ein korinthisches Kapitell besitzen. Die Interkolumnien sind nahezu gleich weit. Deutlich zu erkennen ist die Cellawand mit einer großen Mitteltür. Darüber erhebt sich wie auf dem republikanischen Denar (Abb. 2) ein kegelförmiges Dach, das von einer stehenden Figur bekrönt wird. Auf besser erhaltenen Exemplaren unseres Dupondius sind die radial verlaufenden Dachstreben sowie der mit Palmetten verzierte untere Dachrand deutlich sichtbar. Links und rechts des Tempels befinden sich hohe Pfeiler, auf dem rechten steht ein Lamm, auf dem linken ein Kalb. Beide Tiere sind mit dem Kopf dem Tempel zugewandt. Aufgrund der Ähnlichkeit mit dem auf dem Denar des Q. Cassius Longinus abgebildeten Bauwerk wird der Rundtempel allgemein mit dem der Vesta identifiziert.


Abb. 4 AV, ca 65 - 66, Rom, RIC I2 Nero Nr. 61


Im Jahr 64 kommt es in Rom zum großen Brand, durch den auch der Vesta-Tempel in Mitleidenschaft gezogen wird. In der Folge wird er als eines der zentralen römischen Heiligtümer relativ schnell wieder errichtet. Unser Aureus des Nero (Abb. 4) zeigt auf seinem Revers den neronischen Neubau. Jetzt führt eine vierstufige Treppe zum Tempeleingang, wie wir es eigentlich von römischen Podiumstempeln her kennen. Die sechs Säulen sind jeweils zu den Seiten gerückt, so dass der Blick auf das Kultbild der Vesta frei bleibt. Vesta thront frontal zum Betrachter, mit ihrer erhobenen linken Hand hält sie ein langes, am Boden aufstehendes Zepter und in der vorgestreckten Rechten eine Opferschale. Bei den Säulen sind sowohl die Basen wie auch die Kapitelle schematisch angegeben. Über dem Architrav sind seitlich wieder die Schlangenantefixe und im mittleren Bereich stilisierte Palmetten zu erkennen. Das Tempeldach ist jetzt kuppelförmig, diese Rundung wird durch die Längs- und Querstreben unterstrichen. Bekrönt wird die Kuppel durch ein florales Zierelement. Durch die Legende „VESTA“ ist dieser Rundtempel eindeutig benannt.


Abb. 5 AV, 73, Rom, RIC II-12 Vesp. Nr. 524


Auch unter den Flaviern erscheint, wie unser Beispiel (Abb. 5) zeigt, der Vesta-Tempel im Münzbild. Auf dem Revers des vespasianischen Aureus ist wiederum in dem nun bekannten Schema ein Rundtempel abgebildet, der durch die Legende „VESTA“ eindeutig benannt ist. Zum Tempel führen wie bei dem neronischen Münzbild wiederum vier Stufen. Jedoch nimmt die Treppenanlage nicht mehr die gesamte Tempelbreite ein, sondern führt trapezförmig auf das Mittelinterkolumnium und somit Richtung Tempeleingang hin. Der Tempel besitzt vier Säulen mit schematisch angegebenen Basen und Kapitellen. Der Abstand zwischen den Säulen ist nahezu gleich groß, wobei die äußeren Säulen etwas kleiner und schmaler erscheinen, so dass wir hier schon eine Art Perspektive vor uns haben. Auf den Säulen liegt der wulstförmige Architrav, von dem in den Interkolumnien Kränze herabhängen, und der nach oben hin von einem perlenförmigen Zierelement begrenzt wird. Das kuppelförmige Dach mit seiner Bekrönung entspricht nahezu exakt dem neronischen Münzbild. Im Tempelinneren steht auf einer niederen Basis das Kultbild der Vesta. Die Göttin stützt sich mit ihrer linken Hand auf ein langes Zepter, ihre rechte Hand hat sie leicht vorgestreckt. Links und rechts des Tempels steht auf nahezu quadratischen Basen jeweils eine Statue. Sie lassen sich allerdings aufgrund ihrer schematischen Darstellung nicht näher identifizieren.


Abb. 6 S, 211 - 217, Rom, RIC IV-1 Caracalla Nr. 594b


Im Jahr 191 wird der Vesta-Tempel wiederum durch Feuer zerstört. Den Wiederaufbau übernimmt Iulia Domna, die Ehefrau des Septimius Severus. In der Grundform richtete sich dieser Neubau nach dem neronischen Bau. Wie eingangs erwähnt, gehen die erhaltenen Überreste des Tempels auf den severischen Bau zurück. Es verwundert daher nicht, dass auch in severischer Zeit der Vesta-Tempel im Münzbild erscheint. Bei dem sehr schönen Sesterz (Abb. 6) steht der Vesta-Tempel allerdings im Hintergrund. Im Vordergrund stehen beiderseits eines kleinen Rundaltars vier Vestalinnen mit verschleiertem Haupt und zwei Kinder. Zweifellos bringen sie der Tempelinhaberin, die thronend im Mittelinterkolumnium des Tempels abgebildet ist, ein Opfer dar. Vom Tempel selbst ist nur das obere Drittel zu sehen. Vier Säulen mit korinthischen Kapitellen tragen den mit Rauten reich verzierten Architrav und das kuppelförmige Dach, das von einer stehenden Figur bekrönt wird. Die Dachstreben sind wie ein Raster sehr gleichförmig angeordnet. Obwohl die Münzdarstellung für sich spricht, wird durch die Legende „VESTA“ nochmals die Tempelinhaberin hervorgehoben.


Die wenigen, angeführten Münzbeispiele zeigen eindrucksvoll, wie es den römischen Stempelschneidern zu verschiedenen Zeiten gelang, einen Rundtempel so darzustellen, dass er vom Betrachter auch als solcher zu erkennen war. Da es sich um ein ganz zentrales römisches Heiligtum handelte, verwundert es nicht, dass es relativ häufig auf Münzen abgebildet wurde. Diese Bilder dienten dann wiederum den Archäologen und Bauforschern zur Rekonstruktion der verschiedenen Bauphasen des Vesta-Tempels.


Horst Herzog

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