"Das Schattenreich des Alexander Schalck-Golodkowski" von Nobert F. Pötzl
- Dietmar Kreutzer

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Alexander Schalck-Golodkowski (1932-2015) war Leiter des Bereichs Kommerzielle Koordinierung (KoKo) im Ministerium für Außenhandel der DDR. Er organisierte ein komplexes System von etwa 200 Firmen mit 3.000 Mitarbeitern, das der DDR zu Devisen verhalf, oft mit Mitteln an der Grenze zur Kriminalität. Dabei bewegte er sich geschickt zwischen der Partei- und Staatsführung, dem Ministerium für Staatssicherheit und westlichen Geschäftspartnern. Seine Unternehmen führten zwischen 1967 und 1989 etwa 28 Milliarden D-Mark an die Staatskasse ab. Der ehemalige Spiegel-Redakteur Norbert F. Pötzl hat das schwer durchschaubare Geflecht der Aktivitäten detailliert recherchiert. Das gut zugängliche Buch liest sich mitunter wie ein Krimi. Die Firmen des Devisenbeschaffers veranlassten den Freikauf poltischer Gefangener, die in den Westen "exportiert" wurden. Allein damit konnte die DDR etwa 3,5 Milliarden D-Mark in Gestalt on Warenlieferungen aus dem Westen einnehmen. KoKo unterhielt aber auch die Intershops, über die in der DDR mit Devisen eingekauft werden konnte, außerdem den Genex-Geschenkdienst, mit dem Bürger der Bundesrepublik ihren Angehörigen in der DDR etwas schenken konnten, beispielsweise Autos. Einige der Firmen betrieben auch internationalen Waffenhandel und exportierten Kunstgegenstände, die den Sammlern abgepresst wurden.

Nobert F. Pötzl
Das Schattenreich des Alexander Schalck-Golodkowski
Europa Verlag, 2025
288 Seiten
13,5 × 21,5 cm
25 Euro
ISBN 978-3-95890-627-3
Eines der Geschäfte betraf die Gedenkmünzen der DDR, die ins kapitalistische Ausland verkauft wurden. Die Staatsbank der DDR ließ über die Deutsche Handelsbank in Ost-Berlin westdeutsche Vertragsfirmen mit DDR-Münzen beliefern, gegen Valuta und mit Aufpreis. Die genannte Bank war bis zur Wende die "Hausbank" von Alexander Schalck-Golodkowski. Eine von Vertrauensleuten der SED betriebene Münzhandelsfirma in Bad Nauheim kümmerte sich dann um den Absatz der Münzen in der Bundesrepublik. Aus den Gewinnen wurde unter anderem die im Westen agierende Deutsche Kommunistische Partei (DKP) finanziert. Der AHB Kunst und Antiquitäten GmbH innerhalb der KoKo organisierte den Ankauf von Antiquitäten, Gold und Münzen in der DDR. Um an die Objekte heranzukommen, schreckten die Verantwortlichen auch nicht vor Erpressung zurück. Der Kunsthändler Peter Garcke etwa wurde im Februar 1978 festgenommen, weil ihm illegaler Handel mit Antiquitäten, Gold und Münzen vorgeworfen wurde. Er starb später unter mysteriösen Umständen im Gefängnis. Mysteriöse KoKo-Mitarbeiter tauchten auf Münzauktionen auf und schnappten den Museen die seltenen Stücke vor der Nase weg. Sie wurden anschließend in den Westen verkauft.
Kurz vor dem Ende der DDR beschaffte Schalck-Golodkowski übrigens sogar noch 21 Tonnen Gold im Wert von 500 Millionen D-Mark. Die Barren mit einem Gewicht von 12,5 Kilo pro Stück hatte er auf eigene Faust über einen Londoner Broker angekauft. Das Gold sollte in der DDR "den dringenden Bedarf zur Lebenserhaltung der Menschen sicherstellen". Nach der Wende wurde das Gold an die Staatsbank der DDR verkauft und aus der KoKo-Zentrale in der Berliner Wallstraße in deren Tresore verlegt. Über den Verbleib des Goldes, das zunächst unauffindbar war, wurde lange Zeit spekuliert. Einige Zeit nach der Wiedervereinigung ging es an die Treunandanstalt als neue Aktionärin der Bank übergegangen. Schalck-Golodkowski selbst floh im Dezember 1989 nach der Entdeckung eines KoKo-Waffenlagers bei Rostock nach West-Berlin. Ab 1990 lebte er in Rottach-Egern am Tegernsee, wo er eine Handelsfima betrieb. Im Gegenzug für die Weitergabe seines Wissens an den Bundesnachrichtendienst erhielt er einen Schutzstatus. Trotz mehrerer angestrengter Gerichtsverfahren wurde er nie verurteilt. Im Jahr 2015 starb Schalck dort im Alter von 82 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung.
Dietmar Kreutzer




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