Antike chinesische Münzen (Teil 4): Alte Rundmünzen bis zu den Banliang
- Peter Leisering
- vor 11 Minuten
- 8 Min. Lesezeit
Als Ausgangspunkt der ersten ringförmigen Münzen, d.h. runden Metallscheiben mit einem kreisförmigen Loch in der Mitte, werden die antiken Bi-Scheiben gesehen, runde Jadescheiben mit Noppendekor,
"... wie sie zur Zeit der Zhou-Dynastie ... als zeremonielle Geschenke dienten .... Immer wenn die Herrscher der fürstlichen Vasallenstaaten an den Hof der Zentralregierung kamen, um ihren Tribut zu zollen, brachten sie auch Geschenke in Form solcher ringförmiger Jadescheiben mit. Diese waren hochgeschätzt und als besondere Wertgegenstände angesehen." (Geld aus China, S. 11 und 15)

Abb. 1: Jade-Scheibe mit Noppendekor, Zhou-Dynastie (1045 - 256 v. Chr.).
Bildquelle: Geld aus China, S. 13;
Repro und Bildbearbeitung: P. Leisering
Folgt man dieser Ableitung, handelt es sich also wieder um Gegenstände, die allgemeine Wertschätzung erfuhren und deshalb geeignet waren, Vorbild für ein allgemeines Äquivalent, einen allgemeinen Tauschwert zu werden.
Die ersten Rundmünzen tauchten im 4. Jh. v. Chr. in der Zentralebene und später in fast allen chinesischen Teilstaaten auf, wobei die Münzen aus den Städten der Reiche Wei, Han und Zhao runde, die in den Staaten Yan, Qi und Qin quadratische Löcher aufweisen.
Die runde Münze mit dem quadratischen Loch wird auch als Symbol des Kosmos gesehen und auf die chinesische Mythologie bezogen, in der man sich den Himmel rund, die Erde aber quadratisch vorstellte.
Die Schriftzeichen auf den Münzen geben die Währungseinheit, also das Gewicht, und die ausgebende Stadt an, wie die in Abb. 2 gezeigte Münzen aus Qiyuan mit den Zeichen: "Qiyuan yi jin", d.h.: "1 Jin (aus oder von) Qiyuan", wobei die Schriftzeichen hier von links nach rechts sowie von oben nach unten gelesen sind. Die Zeichen "Yi" und "Jin" (hier rechte Seite von oben nach unten) tauchten bereits auf Spatenmünzen auf.

Abb. 2: Rundmünze aus der Stadt Qiyuan, Königreich Wei, Schriftzeichen: "Qiyuan Yi Jin", 3. Jh. v. Chr.
Bildquelle: Geld aus China, S. 24;
Repro und Bildbearbeitung: P. Leisering
Meist weisen die Schriftzeichen auf den Rundmünzen aber nur die ausgebende Stadt aus, wie in den Abb. 3, 4 und 5 aus den Orten Yuan, Gong und Yinping im Königreich Wei. Auch das Zeichen "Ping" auf der Münze in Abb. 5 (unten) kennen wir bereits von Spatenmünzen.

Abb. 3: Münze der Stadt Yuan, Königreich Wei, Schriftzeichen: "Yuan", 3. Jh. v. Chr.
Bildquelle: Geld aus China, S. 13;
Repro und Bildbearbeitung: P. Leisering

Abb. 4: Münze der Stadt Gong, Königreich Wei, Schriftzeichen: "Gong", 3. Jh. v. Chr.
Bildquelle: Geld aus China, S. 51;
Repro und Bildbearbeitung: P. Leisering

Abb. 5: Münze der Stadt Yinping, Königreich Wei, Schriftzeichen: "Yin Ping", 3. Jh. v. Chr.
Bildquelle: Geld aus China, S. 51;
Repro und Bildbearbeitung: P. Leisering
In den Königreichen Qi und Yan galt die Währungseinheit "hua". Ihre Rundmünzen haben einen Steg um das quadratische Loch und einen erhöhten äußeren Rand, also einen Randstab. Zugleich liefen hier die Qi-dao-Messer um. Dabei gab es im Gebiet des Königreichs Yan, wo die bald weit verbreiteten Ming-Messer ausgegeben wurden, Rundmünzen mit den Schriftzeichen "Ming Dao", also "Ming-Messer" oder auch "Yi Dao", also "Ein Messer".
Abb. 6: Rundmünze im Gebiet des Staates Yan mit den Schriftzeichen "Ming Dao", spätes 3. Jh. v. Chr., Durchmesser ca. 2,5cm, Gewicht: 3,160g
Bildquelle und Foto: P. Leisering
Abb. 7: Rundmünze im Gebiet des Staates Yan mit den Schriftzeichen "Yi Dao", spätes 3. Jh. v. Chr., Durchmesser ca. 1,9cm, Gewicht: 2,465g
Bildquelle und Foto: P. Leisering
Nach Kempgen (S. 154f), der diese Münzen zeitlich erst nach der Reichseinigung (221 v. Chr.) einordnet, wurden diese nur östlich von Peking gefunden. Die Region, die zum untergegangenen Staat Yan gehörte, lag außerhalb des Qin-Reichs, das sich inzwischen die anderen "streitenden Reiche" einverleibt hatte. Da Kempgen das Zeichen "Ming" als "Amt" deutet, geht er davon aus, dass noch eine Münzverwaltung des ehemaligen Staates Yan arbeitete. Bei der seiner Ansicht nach später ausgegeben kleineren Münze, "Yi-dao", fehlt das "Ming" und nur noch das Zeichen "dao", also "Messer", weist auf das alte Messer-Geld des Yan-Staates hin. Bei dieser kleinen Münze fällt auf, daß der äußere Münzrand und der Lochrand durch einen erhabenen Steg verstärkt wurden, nach Kempgen ein Versuch, eine Münzverschlechterung durch Abfeilen oder Beschneiden zu verhindern.
Banliang
Im eben schon erwähnten Staate Qin wurden ab dem 4. Jh. v. Chr. Rundmünzen mit den Schriftzeichen "Ban Liang" ausgegeben (wieder von rechts nach links gelesen). Im Zeichen "Liang" sieht Kempgen einen "...Waagebalken, an dem beidseitig Gewicht und Last hängen." (S. 151) Das Wort bedeutet "doppelt" oder "Paar" und "Ban" bedeutet "1/2", so daß die Münze also faktisch den Wert "1" ausweist. Das "Liang" entsprach nach Kempgen einem Gewicht von zwei mal 12, also 24 "Zhu". Die Maßeinheit Zhu kam bereits in den Zeichen auf den Kauri-Ersatzstücken vor. Die Banliang-Münze verkörperte also einen Wert von 12 "Zhu" und dieser Münzwert von 1/2 Liang entspricht etwa 8 Gramm (Geld aus China S. 53).
Die älteren Banliang-Münzen, wie das Stück in Abb. 8, sind wesentlich schwerer, dick und etwas unförmig. Das quadratische Loch in der Mitte ist kleiner als bei späteren Exemplaren, das Relief dagegen vergleichsweise hoch und die Münzronde verjüngt sich von der Rück- zur Vorderseite. Spätere Banliang-Münzen zeigen eine bessere Qualität.
Abb. 8: Rundmünze des Staates Qin mit den Schriftzeichen "Ban Linag", 4./3. Jh. v. Chr., Durchmesser ca. 3,2cm, Gewicht: 13,725g.
Bildquelle und Foto: P. Leisering
Durch ihr Loch konnten alle Rundmünzen wieder aufgefädelt, also praktisch aufbewahrt und transportiert werden und sie waren viel besser zu handhaben als Spaten, Messer oder die winzigen Kauri-Imitationen. Einmal entstanden, war es also nur eine Frage der Zeit, bis sich die Rundmünzen gegen die unpraktischen Geldformen durchsetzen würden. Das sollte dann vor allem eine Frage der Macht sein.
Reichseinigung und erster Kaiser
Damit kommen wir zu jenem Qin-König, der den Streit der Reiche durch Unterwerfung der Konkurrenten unter seine Herrschaft beenden sollte: Ying Zheng (259 v.Chr. - 210 V. Chr.). Bereits mit 13 Jahren bestieg er den Königsthron im damals schon größten und gut organisierten Reich Qin. Ab 230 v. Chr. bis 221 v. Chr. besiegte er in mehreren Feldzügen die verfeindeten Territorialmächte und vereinigte sie in einem einheitlichen, zentral regierten und verwalteten Staat. Mit dem Namen "Qin Shi Huang Di" (etwa: "Erster erhabener Gott[kaiser von] Qin") wurde er der erste "Kaiser" von China. Diesen Titel gibt es im Chinesischen allerdings nicht, er wurde den vergöttlichten Oberhäuptern des Riesenreichs von den Europäern verpaßt und zieht den Vergleich zum hiesigen Römischen Reich, woher der "Kaiser" als "Caesar" ja auch kommt.
Shihuangdi baute einen Beamtenstaat auf und führte Reformen und Vereinheitlichungen durch, zu denen auch die Einführung des einheitlichen Münzgeldes in Form der Banliang im gesamten Reich gehörte.
Die Durchsetzung dieses einheitlichen Münzgeldes war aber nicht schlagartig möglich. Abgesehen vom Widerstand und Mißtrauen gegen das neuartige Geld in den Landesteilen, in denen man an die anderen Geldsysteme gewöhnt war, stand das Problem der Herstellung der erforderlichen Menge an Banliang- Münzen für das Riesenreich.
Die in den Abb. 9, 10 und 11 gezeigten Exemplare werden der Zeit des Kaisers Shihuangdi (221 - 210 v. Chr.) zugeordnet. Beim Exemplar in Abb. 9 fehlt dem "Liang"-Zeichen der obere Balken, beim Exemplar in Abb. 11 ist dieser ebenfalls schwach, aber es gibt eine weitere Besonderheit: Am Lochrand unten wurde ein kleiner Steg mitgegossen, vielleicht ein Zufall, vielleicht aber auch das Merkmal einer Münzstätte.
Abb. 9: Rundmünze zur Zeit der Qin-Dynastie, Schriftzeichen: "Ban Liang", Durchmesser ca. 3,5cm, Gewicht: 7,441g, 221-210 v. Chr.
Abb.10: Rundmünze zur Zeit der Qin-Dynastie, Schriftzeichen: "Ban Liang", Durchmesser ca. 3,6cm, Gewicht: 8,515g, 221-210 v. Chr.
Abb. 11: Rundmünze zur Zeit der Qin-Dynastie, Schriftzeichen: "Ban Liang", Durchmesser ca. 3,5cm, Gewicht: 7,455g, 221-210 v. Chr.
Die kurze Zeit der Qin-Dynastie
Nach Vorstellung Shihuangdis sollte seine Dynastie 10.000 Generationen herrschen, sein Nachfolger "Ershi Huangdi", d.h. "Zweiter erhabener Gottkaiser", der nächste "Sanshi ...", also "Dritter..." usw. genannt werden. Für sein Leben im Jenseits ließ er das bekannte Riesengrabmal mit der Terrakotta-Armee errichten.
Doch der erste Kaiser regierte mit äußerster Härte und Grausamkeit, worunter nicht nur die die einfache Bevölkerung, sondern auch Teile des Adels und Beamtenapparates zu leiden hatten. Diese Gewaltherrschaft war nicht nur ein Faktor seines Erfolgs, sondern auch des baldigen Untergangs seiner Dynastie:
Als er sein Ende spürte, ließ der Shihuangdi eine Nachricht an seinen ältesten Sohn Fusu aufsetzen, die diesen faktisch zum Nachfolger des Kaisers machte. Fusu war an die Große Mauer verbannt worden, weil er den Vater kritisiert hatte, als der fast 460 Gelehrte bei lebendigen Leibe begraben ließ, weil sie es gewagt hatten, gegen eine große Bücherverbrennung zu protestieren, die der Kaiser initiiert hatte. Doch die Nachricht an Fuzu kam nie an, da der Kanzler Li Si sie unterschlug und stattdessen einen gefälschten Befehl an den Thronfolger sandte, Selbstmord zu begehen, dem dieser auch gehorchte. Der Kanzler, der die Verbannung Fusus betrieben hatte, fürchtete offenbar die Rache des Thronfolgers.
Als der Kaiser starb wurde sein Tod längere Zeit verheimlicht, da man Unruhen und Revolten befürchtete. Schließlich wurde der er in seinem Mausoleum beigesetzt und sein jüngster Sohn Huhai bestieg als Qin Er Shi den Thron. Sogleich brachen überall im Reich Aufstände aus. Dem jungen Kaiser gelang es nicht, die Lage unter Kontrolle zu bringen und er beging nach drei Jahren ebenfalls Selbstmord. Nun übernahm sein Neffe Ziying, Sohn des eigentlichen Thronfolgers Fusu, als San Shi Huangdi die Macht, aber nur für 46 Tage. Dann fiel er in die Hände des Rebellengenerals Xiang Yu, der den gesamten kaiserlichen Qin-Clan 206 v. Chr. hinrichten ließ. Doch auch der General konnte seine Macht nicht halten und verlor gegen seinen früheren Verbündeten Liu Bang, der aus einer Bauernfamilie stammte, dann ein niederer Beamter wurde, dann Rebell und den Xiang Yu zum König von Han erhoben hatte. Liu Bang einigte das Reich wieder und erhob sich im Jahre 202 v. Chr. als Han Gaozu zum Kaiser von China und begründete die dann mehrere Jahrhunderte herrschende Han-Dynastie.
Das Gewichtsproblem der Banliang-Münzen
Unter dem ersten Han-Kaiser wurden der Verwaltungsapparat der Qin, die meisten Gesetze und Verordnungen und auch die Banliang als einheitliches Münzgeld beibehalten.
Sie weisen mit ihren Schriftzeichen ihr Gewicht, also 1/2 Liang (12 Zhu, etwa 8 Gramm) aus. Es wird aber vermutet, daß man bereits zur Zeit des ersten Qin-Kaisers Ban-Liang-Münzen auch mit geringerem Gewicht hergestellte, um die erforderliche Menge zu schaffen. Zugleich wurde bei Strafe verboten, mindergewichtige Münzen im Handel zurückzuweisen (Kempgen S. 153). In diesem Zusammenhang ist interessant, daß es eine solche Festlegung im Staate Qin bereits vor der Reichseinigung gab: Aus einem Dokument aus dem Jahre 247 v. Chr. geht hervor, dass "...runde Münzen (...), ob sie nun `schön´ sind oder `häßlich´ (d.h. schwer oder leicht), ohne Unterschied zu verwenden sind und daß es verboten ist, Münzen bei Transaktionen nach Gewicht und Größe zu sortieren." (Geld aus China, S. 53)
Dass auch tatsächlich so verfahren wurde, zeigen sog. "pen", das sind Körbe aus Bambus oder Tongefäße, die genau 1.000 Münzen enthalten mußten. Archäologische Funde bestätigen, daß sich in unversehrten "pen" tatsächlich exakt 1.000 Münzen befinden, die auch unterschiedliche Größen und Gewichte aufweisen.
Während der Tauschwert der antiken Münzen im Mittelmeerraum auf ihrem Metallwert, also Metallgewicht basierte, fehlte dieser zwingende Zusammenhang bei den Ban-Liang-Münzen ebenso, wie bei den anderen bisher vorgestellten Geldformen im alten China. Es scheint also unproblematisch, wenn auch kleinere und mindergewichtige Münzen zum gleichen, ausgewiesenen Wert getauscht wurden, da der Metallwert dafür nicht entscheidend war. Trotzdem steht diese Praxis im Widerspruch zum staatlich festgelegten und ausgewiesenen Gewicht.
Bedenkt man, dass die Münzen nicht nur im Handel, sondern auch zur Entrichtung von Steuern und Abgaben an den Staat dienten, wird der Leser schon ahnen, wohin die Entwicklung der Banliang gehen mußte.
Damit und mit den Münzen der Han-Kaiser beschäftigt sich der nächste Teil der Reihe.
Peter Leisering
Literatur/Quellennachweis:
Schlösser, Richard: Chinas Münzen, Werl 1935
Geld aus China. Ausstellungskatalog des Kunsthistorischen Museums Wien, Wien 2003
Sammlung Köhler-Osbahr. Band II/1, Vormünzliche Zahlungsmittel und Außergewöhnliche Geldformen aus China, Annam, Korea und Japan, Duisburg 1993
Kempgen, Heinz-Wilhelm: Frühe Chinesische Münzgeschichte: Zur Chronologie der Spatenmünzen (7. bis 3. Jahrhundert v. Chr.), Stuttgart 1993
Coole, Arthur Braddan; Erliest Round Coins of China, Lawrence, Mass. 1981 (Encyclopädia of Chinese Coins, Band 7)
Jen, David: Chinese Cash, Identification and Price Guide, Iola, Wi. 2000




Kommentare