Antike chinesische Münzen (Teil 1): Kauri und Kauri-Ersatz
- Peter Leisering
- vor 33 Minuten
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In diesem und nachfolgenden Beiträgen werden antike chinesische Zahlungsmittel und Münzen vorgestellt, wobei kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben wird.
Vielmehr geht es um die Einführung in ein interessantes Sammelgebiet, bei dem - ähnlich wie bei der Herausbildung der chinesischen Schriftzeichen aus bildlichen Symbolen - die Entwicklung der Zahlungsmittel von Tauschgegenständen zu Münzformen gut nachvollzogen werden kann.
Wie zum Teil auch in anderen Kulturen wurde aus Schmuckgegenständen und Geräten, aber auch anderen Tauschobjekten frühes Geld.
Die früheste nachweisbare Geldform ist das Gehäuse der Kaurischnecke, auch Porzellanschnecke genannt. Letzteres weist schon auf den Grund ihrer Wertschätzung hin: Die schöne Erscheinungsform ließ sie zunächst zum begehrten Schmuckobjekt, damit auch bald zum Tauschgegenstand werden. Kauris waren vor allem in verschiedenen Regionen Afrikas und Asiens Schmuck und dann auch Zahlungsmittel.
Abb. 1a-b: Gehäuse verschiedener Kaurischnecken-Arten
Bildquelle und Fotos: P. Leisering
Man geht davon aus, dass Kauri bereits in der Steinzeit getauscht und gehandelt wurden. Besondere Bedeutung, auch hinsichtlich der späteres Geldfunktion, gewann die Schneckenart Monetaria moneta, später auch die Ring-Kaurischnecke, Monetaria annulus.
Abb. 2a-c: Gehäuse einer relativ großen Kaurischnecke der Art Monetaria annulus
(L: 25mm, B: 15,7mm, H: 12mm)
Bildquelle und Fotos: P. Leisering
In China spielten die Kaurischnecken eine besondere Rolle, denn das Schrift-Zeichen für sie, "Bei", bedeutet zugleich "Geld". Und diese stilisierte Schnecke kommt als Wurzelzeichen oder Radikal wieder in vielen chinesischen Schriftzeichen vor, die mit Geld oder Wert zu tun haben, wie z.B.: Münze, Kaufen, Reichtum, Vermögen, Armut, Steuer usw. Insgesamt haben 84 chinesische Schriftzeichen das Zeichen "Bei" als Grundlage.
Bereits seit der Shang-Dynastie (ca. 1600-1045 v. Chr.) und dann vor allem in der Zeit der Westlichen Zhou (Ca. 1045-771 v. Chr.) wurden sog. Doppelschnüre mit Kauri-Gehäusen als Zahlungsmittel verwendet, die in der schriftlichen Überlieferung und in Funden auftauchen.
Die beiden Schnüre waren mit einem Knoten oder einer Schlaufe verbunden, wobei das Mittelstück frei blieb, während von den beiden Enden her jeweils fünf Kauri aufgefädelt waren. Die Zahl Fünf stimmt mit der Fingerzahl einer Hand überein, die zehn Kauri einer Schnur also mit den zehn Fingern, die ein Mensch zum Zählen zur Verfügung hat. Auch die Teilung der Schnur in zwei Hälften weist m.E. auf diesen Zusammenhang hin.
Abb. 3a-c: Gelochtes Kaurischnecken-Gehäuse, wie es zur Zeit der Shang- oder Zhou-Dynastie (1600-256 v.Chr.) auf Schnüre gefädelt, Geldfunktion hatte. (L: 20mm,B: 15mm, H: 10mm; Gewicht: 1,895g)
Bildquelle und Fotos: P. Leisering
In schriftlichen Überlieferungen aus diesem Zeitraum, die sich z.B. auf Knochen, Schildkrötenpanzern oder Bronzegefäßen finden, werden Kauris als Geschenke, in Schatzkammern, als Beute oder Belohnung dargestellt. Doch früh erscheinen sie eindeutig auch als Wertmesser für Geschenke, ge- oder verkaufte Objekte oder Ländereien sowie einer erbrachten Leistung oder ausgeführten Arbeit. Sie hatten damit eindeutig Geldfunktionen.
Die einzelne Kauri weist an der schmaleren Seite des Gehäuses das charakteristische Loch auf, an dem sie aufgefädelt wurde.
Kaurischnecken finden sich nur in bestimmten Meeresgebieten, so daß der Nachschub - auch durch ihre Verwendung als Geld - der Nachfrage nicht mehr gerecht wurde. Dadurch tauchten später Nachahmungen und Ersatzstücke auf, die aus Bein, Horn und Stein gefertigt oder aus Kupfer oder Bronze gegossen waren. Es gab aber auch Imitationen aus Perlmutt, Jade, Ton, Blei, Silber oder Gold.
Die ältesten Kauri-Imitationen aus Stein und Bein werden auf den Beginn der Shang-Dynastie ins 16. Jahrhundert v. Chr. datiert. Dabei ist die Verwendung der Bein-Kauris als Zahlungsmittel fraglich. Man geht eher davon aus, daß sie als Schmuck und im Totenkult verwendet wurden. Sie waren Grabbeigaben, zusammen mit echten Kauris und Imitationen aus Stein und Bronze.
Auch Nachbildungen aus Jade oder mit Blattgold überzogener Bronze werden als Wertgegenstand und Statussymbole gesehen, die keine Geldfunktion hatten.
Abb. 4a-b: Kauri-Imitation aus Bein. (L: 24mm, B: 18mm, H: 4mm; Gewicht: 1,941g)
Bildquelle und Fotos: P. Leisering
Abb. 5a-c: Kauri-Imitation aus Jade. (L: 24mm, B: 18,5mm, H: 9mm; Gewicht: 6,501g)
Bildquelle und Fotos: P. Leisering
Eine besondere Rolle, auch bezüglich der späteren Münzgeschichte Chinas, spielen die Kauri-Imitationen aus Bronze. Älteste Funde stammen aus der späten Shang-Dynastie. Im größeren Maßstab setzte die Herstellung der Bronze-Kauris in der Zeit der Östlichen Zhou (770-256 v. Chr.) ein.
Es handelt sich um kleine gegossene Halbschalen in nahezu ovaler Form, die etwa die Größe eines Kauri-Schneckengehäuses haben und in der Wölbung einen geraden oder leicht gebogenen und gezahnten Schlitz aufweisen und damit die Unterseite eines Kauri-Schneckengehäuses nachahmen.
Abb. 6a-c: Kauri-Imitation aus Bronze mit gebogenem Schlitz. (L: 21mm, B: 14mm, H: 3mm; Gewicht: 1,411g)
Bildquelle und Fotos: P. Leisering
Abb. 7a-c: Kauri-Imitation aus Bronze mit geradem Schlitz. (nicht durchbrochen).
(L: 26mm, B: 19mm, H: 6mm; Gewicht: 5,145g)
Bildquelle und Fotos: P. Leisering
Noch interessanter sind die sogenannten Ameisen-Nasen-Münzen, die fast ausschließlich im Königreich Chu und dessen Vasallenstaaten umliefen und ins 5.-3. Jahrhundert v. Chr. datiert werden.
Das sind kleine, wieder fast ovale Kupfer- oder Bronzestücke, deren Unterseite platt und die Oberseite etwas gewölbt ist und die dort Schriftzeichen tragen, die vertieft mit gegossen oder nachträglich eingeschnitten wurden. Die Stücke sind in der Regel unten verjüngt oder auch Spitz zulaufend und dort gelocht. Manchmal ist das Loch auch nur angedeutet. Hinsichtlich der Beschriftungen und Formen führt schon Schlösser acht Varianten auf, die hinsichtlich der Inschrift teils eindeutig auf den Geldcharakter der Stücke verweisen (z.B.: "Getreide", "Hacke aus Metall", "Fürst").
Die häufigste Form, in deren Inschrift man ein Zeichen für Kauri aber auch einen dämonischen Kopf sehen kann, werden auch als "Geisterkopf-" oder "Totenkopfmünzen" bezeichnet und das Zeichen auch als "Beschwörung" gedeutet. Das hängt damit zusammen, daß solche bronzenen Kauri-Imitationen bei Bestattungsritualen eine Rolle spielten. Sie wurden im Inneren von Totenschädeln gefunden. Der Name "YiBi", Ameisen-Nasen, weist darauf hin, daß sie dabei dazu dienten, den Verstorbenen die Nasenlöcher zu verschließen, "um das Eindringen von `bösen Geistern in Gestalt von Ameisen´ zu verhindern". (Schlösser S. 44).
Neuere Quellen interpretieren das Zeichen auf den Münzen aber als "Bei", also "Kauri".
Abb. 8a-b: Kauri-Imitationen aus Bronze mit der Inschrift "Bei". (L: 19mm, B: 14mm, H: 3mm, Gewicht: 3,078g und L: 18mm, B: 12mm, H: 3mm; Gewicht: 2,812g)
Bildquelle und Fotos: P. Leisering
Die interessanteste Inschrift (siehe Abb. 9a) übersetzt Schlösser mit "Jedes 6 Ch'u" (auch "Shu", heute "zhu" geschrieben). Kempgen (S. 52) sieht hier "5 zhu", was ich für wahrscheinlicher halte. "Shu" oder "Zhu" ist ein altes Getreidemaß und umfaßte 30 Weizenkörner (Schlösser S. 152), womit der Geldcharakter der Bronzestücke wieder eindeutig ausgewiesen ist.
Abb. 9a-c: Die graphische Darstellung der Kauri-Imitation aus Bronze mit Inschrift "Jedes 6 Ch'u" bei Schlösser und ein entsprechendes Exemplar. (L: 19,5mm, B: 10mm,H: 3mm; Gewicht: 2,711g)
Bildquelle (a) Schlösser S. 43, (b und c) und Fotos: P. Leisering
Peter Leisering
Literatur/Quellennachweis:
Schlösser, Richard: Chinas Münzen, Werl 1935
Geld aus China. Ausstellungskatalog des Kunsthistorischen Museums Wien, Wien 2003
Sammlung Köhler-Osbahr. Band II/1, Vormünzliche Zahlungsmittel und Außergewöhnliche Geldformen aus China, Annam, Korea und Japan, Duisburg 1993
Heinz-Wilhelm Kempgen: Frühe Chinesische Münzgeschichte: Zur Chronologie der Spatenmünzen (7. bis 3. Jahrhundert v. Chr.), Stuttgart 1993


















































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