Antike chinesische Münzen (Teil 2): Spatenmünzen
- Peter Leisering
- vor 4 Tagen
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Im ersten Teil der Artikelserie ging es um die frühesten Erscheinungen von Geld im alten China: Kaurischnecken-Gehäuse und deren Nachahmungen.
Mit der Entwicklung von Ackerbau und Viehhaltung entstanden neue Geldformen, die auch als "Gerätegeld" bezeichnet werden: In den fruchtbaren Ebenen, in denen Ackerbau vorherrschte, bildeten sich Spaten als Münzform heraus, in den nördlich und nordöstlich gelegenen Gebieten der Hirten, Jäger und Fischer dagegen Messer-Münzen.
Das Aufkommen des Gerätegeldes wird auch damit begründet, daß der Nachschub an Kauris für deren Geldfunktion nicht mehr reichte oder wie bei Kempgen, daß durch den Zerfall der Zentralgewalt der Zhou-Dynastie, dem Erstarken der Territorialfürsten und dem Ausbleiben von Tributzahlungen in Kauri, die Zhou-Könige mit den Spaten ein eigenständiges Zahlungsmittel einführten.
Dabei bleibt für mich aber die Frage, ob nicht weitere Kauri-Imitationen aus Bronze die einfachere Lösung gewesen wäre?
M.E. ist die Entwicklung des Gerätegeldes vor allem auf den "Charakter" der Geräte selbst zurückzuführen, die zu Geld wurden: Mit der wirtschaftlichen Entwicklung und dem vermehrten massenhaften Einsatz von, z.B. Spaten für die Feldarbeit und der damit verbundenen arbeitsteiligen Herstellung dieser Werkzeuge wurden sie ein begehrter Tauschgegenstand. Wie bei Schmuck oder notwendigen Objekten für den Totenkult führte der allgemeine Bedarf zu einer allgemeinen Wertschätzung. Dadurch wurden die Arbeitsgeräte ein allgemeiner Tauschgegenstand, ein allgemeines Äquivalent, Wertmesser und man konnte sie sogar horten und bei Bedarf gegen andere Waren eintauschen - sie waren zu Geld geworden. Und gegenüber den winzigen Kauri-Imitationen boten sie den Vorteil, daß sie besser mit Zeichen versehen werden konnten. Außerdem konnten sie höhere Wertstufen darstellen, ein Erfordernis, das sich zu allen Zeiten nicht nur aus inflationären Prozessen, sondern auch aus wirtschaftlichem Aufschwung ergibt.
Die ältesten Geld-Spaten wurden bereits in Gräbern der Shang-Dynastie und in verschiedenen Orten der Provinz Henan gefunden. Sie sind Hacken ähnlich, relativ groß und tragen einen gelochten Schaft, in den bei den einsatzfähigen Spaten der Stiel eingesetzt wurde. Sie werden auch als Hohlkopf- oder Tüllen-Spatenmünzen bezeichnet und trugen zunächst noch keine Schriftzeichen.

Abb. 1: Frühe Form eines Geld-Spatens mit gelochtem Hohlkopf aus der chinesischen Zentralebene, frühe Westliche Zhou-Dynastie (11./10. Jh. v. Chr.)
Bildquelle: Geld aus China, S. 30, Repro und Bearbeitung: P. Leisering
Die Verbreitung des Gerätegeldes setzte dann ab dem 8. Jahrhundert v. Chr., vor allem aber ab dem 6./5. Jahrhundert v. Chr. ein. Die in Abb. 2 gezeigte Münze aus dem Königreich Zhou wird ins 7./6. Jh. v. Chr. datiert und trägt bereits ein interessantes Schriftzeichen: "Peng", d.h.: "Kauri-Doppenschnur". Abgesehen davon, daß dieser Hohlkopf-Spaten auf Grund seiner Reduktion auf ein Symbol nicht mehr als Arbeitsgerät verwendet werden konnte, weist er damit seinen Wert aus, ist also eindeutig Geld und verkörperte das Zehnfache einer einfachen Kauri.

Abb. 2: Spatenmünze mit Hohlkopf und geraden Schultern, Königreich Zhou, 7./6. Jh. v. Chr., mit Schriftzeichen "Peng", d.h.: "zwei Schnüre" oder "Kauri-Doppelschnur". Gewicht etwa 30g.
Bildquelle: Geld aus China, S. 12, Repro und Bearbeitung: P. Leisering
Die Hohlkopf-Spatenmünzen sind in verschiedenen Formen überliefert, durch die sie bereits verschiedenen Regionen bzw. Herrschaftsgebieten zugeordnet werden können: Es gibt solche Spaten mit geraden, abfallenden oder spitzen "Schultern" und mit spitzen "Füßen".
Diese Spaten tragen nun ein, manchmal auch zwei Schriftzeichen, die sie als Äquivalente von Vermögen, wie "Hammel", "Doppelschnüre", "Getreide", ausweisen oder die Namen von Fürstentümern, Städten und Stämmen oder Titel, wie "König", "Herzog" oder "Offizier" zeigen. Die Schriftzeichen werden i.d.R. von rechts nach links und von oben nach unten gelesen.

Abb. 3: Spatenmünze mit gelochtem Hohlkopf und geraden Schultern der Stadt An im Königreich Zhou, 4. Jh. v. Chr., Schriftzeichen: "An Zang", d.h.: "Schatz [von] An", Höhe: etwa 7cm, Gewicht etwa 19g.

Abb. 4: Spatenmünze mit Hohlkopf und geraden Schultern der Östlichen Zhou-Dynastie, 4. Jh. v. Chr., Schriftzeichen: "Dong Zhou", d.h.: "Östliche Zhou", Höhe: etwa 7cm, Gewicht etwa 19g.
Bildquelle: Geld aus China, S. 33, Repro und Bearbeitung: P. Leisering
Ab Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. tauchten weiter vereinfachte Formen der Spatenmünzen auf: Der Hohlkopf hat seine plastische Gestalt verloren und scheint plattgehämmert zu sein, weil er zum Ende hin weit auseinander läuft und auch insgesamt viel zu breit wirkt. Wer nicht weiß, was die Münze darstellen soll, wird bei den nun umlaufenden Formen nicht unbedingt auf einen Spaten kommen.
Es kommen bogen-, spitz-, rund- und quadratfüßige Spatenmünzen vor. Letztere wird der Sammler am leichtesten erwerben können.
Die Schriftzeichen werden umfangreicher, bedecken manchmal das ganze Spatenblatt und sind später zum Teil auch auf der Rückseite zu finden.
Die in Abb. 5 und 6 gezeigten bogenfüßigen Spatenmünzen geben neben dem Ausgabeort auch das Gewicht an: die Stadt Anyi ("Yi" bedeutet "Stadt", also Anstadt) und das Gewicht von 1/2 Jin sowie die Stadt Xiao und das Gewicht 1 Jin. Das Gewicht eines Jin wird in der Literatur unterschiedlich angegeben, z.B. mit durchschnittlich 11,5g (Kempgen S. 95) oder etwa 14 Gramm (Münzen in China, S. 37).

Abb. 5: Bogenfüßige Spatenmünze mit gelochtem Kopf der Stadt Anyi im Königreich Wei, 4. Jh. v. Chr., Schriftzeichen: "An Yi Ban Jin", d.h.: "Ein halbes Jin [von] Anyi ".
Bildquelle: Geld aus China S. 36, Repro und Bearbeitung: P. Leisering

Abb. 6: Bogenfüßige Spatenmünze der Stadt Xiao im Königreich Han, frühes 4. Jh. v. Chr., Schriftzeichen: "Xiao Yi Jin", d.h.: "1 Jin [von] Xiao".
Bildquelle: Geld aus China S. 40, Repro und Bearbeitung: P. Leisering

Abb. 7: Spitzfüßige Spatenmünze der Stadt Shouyin im Königreich Zhao, 4./3. Jh. v. Chr., Schriftzeichen: "Shou Yin".
Bildquelle: Geld aus China S. 41, Repro und Bearbeitung: P. Leisering
Die schrittweise Vereinfachung der Form ging zugleich mit einer weiteren Verkleinerung einher, in der man nicht unbedingt eine Folge von Inflation erkennen sollte. Kleinere Spatenmünzen waren einfach praktischer und besser zu handhaben als die größeren und schwereren Stücke. Dabei ist auch generell zu beachten, daß sich der Tauschwert der chinesischen Münzen in der Regel nicht aus ihrem Metallwert ergab, sondern von der Obrigkeit festgelegt war.
Wie bereits angedeutet, weisen die quadratfüßigen Spatenmünzen das größte Verbreitungsgebiet und die größte ausgegebene Menge auf. Sie haben eine Höhe von etwa 5 cm und ein Gewicht von etwa 6 Gramm. Der Wert entsprach i.d.R. 1/2 Jin. Es kommen aber auch voll- oder höherwertige Stücke vor. Die Ränder sind beiderseits erhaben und auf der Rückseite laufen drei Linien im Kopf zusammen.
Die in den Abbildungen 8 und 9 gezeigten Spaten weisen sich durch ihre Schriftzeichen als Münzen der Stadt Ping Yang aus. Der Typ dieser Spatenmünzen wurde im 5. Jh. v. Chr. vom Han-Clan eigeführt, der zur gleichen Zeit seine Hauptstadt nach Pingyang (heute Linfen) verlegte.
Abb. 8: Quadratfüßige Spatenmünze der Stadt Pingyang, Staat Han, 5.Jh. v. Chr.,
Schriftzeichen: "Ping Yang", Gewicht: 5,815g, Bildquelle und Foto: P. Leisering
Abb. 9: Quadratfüßige Spatenmünze der Stadt Pingyang, Staat Han, 5.Jh. v. Chr.,
Schriftzeichen: "Ping Yang", Gewicht: 6,034g, Bildquelle und Foto: P. Leisering
Wie sich an den beiden Exemplaren zeigt, wich die Darstellung der Schriftzeichen voneinander ab, obwohl sie der gleichen Stadt und dem gleichen Zeitraum zugeordnet werden. Jede Werkstatt und jede Arbeitskraft hatte ihre eigene "Handschrift".
Der Spaten aus Lin, Abb. 10, wurde in der zweiten Hälfte des 5. Jh. ebenfalls unter der Münzhoheit der Han hergestellt. Auch die Stadt Zhaiyang, deren Spaten Abb. 11 zeigt, gehörte zum Han-Reich.
Abb. 10: Quadratfüßige Spatenmünze der Stand Lin, Staat Han, 2. Hälfte 5. Jh. v. Chr.,
Schriftzeichen: "Lin", Gewicht: 6,8675g, Bildquelle und Foto: P. Leisering
Abb. 11: Quadratfüßige Spatenmünze der Stadt Zhaiyang, Staat Han, 5. Jh. vor Chr.,
Schriftzeichen: "Zhai Yang", Gewicht: 5,704g, Bildquelle und Foto: P. Leisering
Die Spatenmünze in Abb. 12 der Stadt Zhangzi wird von mehreren Autoren dem Herrschaftsgebiet der Qin und der 2. Hälfte des 4. Jh. v. Chr. zugeordnet. Kempgen gibt allerdings die Münzhoheit der Han und das Ende des 5. bis Mitte des 4. Jh. v. Chr. als Zeitraum der Emission an.
Abb. 12: Quadratfüßige Spatenmünze der Stadt Zhangzi, Staaten Qin oder Han, etwa
4. Jh. v. Chr., Schriftzeichen: "Zhang Zi", Gewicht: 5,776g, Bildquelle und Foto: P. Leisering
Bei den folgenden drei Spatenmünzen mit dem Schriftzeichen "An Yang", die besonders häufig vorkommen, gibt es in der Literatur wieder unterschiedliche Zuordnungen zu Herrschaftsgebieten und Zeiten. Abb. 13 zeigt eine Münze der Stadt Anyang, die der Münzherrschaft des Staates Qin (Köhler-Osbahr, S. 90ff) oder der Münzstätte Wan Xian des Staates Yan zugeordnet wird. Sie ist, wie auch die anderen bisher gezeigten quadratfüßigen Spatenmünzen, halbwertig (1/2 Jin). Abb. 14 zeigt dagegen ein voll- oder doppelwertige Münze, die wiederum dem Staat Qin (Köhler-Osbahr, S. 94ff) oder Münzstätten im Herrschaftsbereich der Zhao (Kempgen, S. 137) zugeordnet wird. Nach Kempgen entsprach diese schwere Münze dem Gewicht des Messergeldes des Nachbarstaates Yan.
Abb. 13: Quadratfüßige Spatenmünze mit den Schriftzeichen: "An Yang", Staaten Qin oder
Yan, 3. Jh. v. Chr., Gewicht: 5,5375g, Bildquelle und Foto: P. Leisering
Abb. 14: Quadratfüßige Spatenmünze mit den Schriftzeichen: "An Yang", Staaten Qin oder
Zhao, 3. Jh. v. Chr., Gewicht: 12,22g, Bildquelle und Foto: P. Leisering
Die in Abb. 15 gezeigte Münze, die wieder den Staaten Qin (Köhler-Osbahr, S. 96f) oder Yan (Kempgen, S. 137) zugeordnet wird, zeigt eine Besonderheit: Auf der Rückseite, links, befindet sich das Zeichen "Zuo", d.h.: "links" und gibt die Lage der herstellenden Münzstätte im Ort an.
Abb. 15: Quadratfüßige Spatenmünze mit den Schriftzeichen: "An Yang" und auf der
Rückseite "Zuo", d.h.: "links", Staaten Qin oder Yan, 3. Jh. v. Chr., Gewicht: 5,99g,
Bildquelle und Foto: P. Leisering
Eine halbwertige Spatenmünze (1/2 Jin) der Stadt Liang, damals Hauptstadt des Staates Wei, ist in Abb. 16 zu sehen. Die bedeutende Handelsstadt, dann auch Daliang (Groß-Liang) genannt (heute Kaifeng) lag an einem Kanal, der die Flüsse Huang He und Yingshui verband, über den durch weitere Wasserstraßen der Yangzi erreicht wurde.
Abb. 16: Quadratfüßige Spatenmünze der Stadt Liang, Schriftzeichen: "Yi Liang", d.h.: "Stadt
Liang", Staat Wei, 3. Jh. v. Chr., Gewicht: 5,967g, Bildquelle und Foto: P. Leisering
Bei den quadratfüßigen Spaten erkennen wir eine schlechtere Qualität bei der Herstellung im Vergleich zu den älteren Stücken. Der Guß ist oft unsauber, die Gußzapfen und Ränder sind nicht bearbeitet, die Schriftzeichen dieser einfachen und massenhaft gefertigten Spaten-Münzen erscheinen uneinheitlich und flüchtig.
Hinsichtlich der abweichenden Zuordnung zu verschiedenen Herrschaftsgebieten durch verschiedene Autoren ist auch zu beachten, daß diese kleinen quadratfüßigen Spaten-Münzen in einem Zeitraum hergestellt wurden, der durch die Geschichtsschreibung auch als "Zeit der Streitenden Reiche" (453-221 v. Chr.) bezeichnet wird. Die verschiedenen Staaten okkupierten immer wieder Gebiete und Städte der Nachbarn mit ihren Münzstätten, so daß auch die staatliche Münzhoheit wechselte. Die genaue zeitliche Einordnung der Herstellung entscheidet dann, zu welchem Reich der Ort gerade gehörte.
Der nächste Teil der Artikelserie wird sich den Messer-Münzen und der Herstellung des Gerätegeldes widmen.
Peter Leisering
Literatur/Quellennachweis:
Geld aus China. Ausstellungskatalog des Kunsthistorischen Museums Wien, Wien 2003
Heinz-Wilhelm Kempgen: Frühe Chinesische Münzgeschichte: Zur Chronologie der Spatenmünzen (7. bis 3. Jahrhundert v. Chr.), Stuttgart 1993
Sammlung Köhler-Osbahr. Band II/1, Vormünzliche Zahlungsmittel und Außergewöhnliche Geldformen aus China, Annam, Korea und Japan, Duisburg 1993
Schlösser, Richard: Chinas Münzen, erläutert an der Sammlung im Missionsmuseum des Franziskanerordens zu Drosten. Werl 1935
Coole, Arthur Braddan: Spade Coin Types of the Chou Dynasty. Encyclopedia, vol. 3, Boston 1972
Schjöth, Frederik: Chinese Currency, revised by Virgil Hancock, Wisconsin, 1965








































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