• Helmut Kahnt

Rückblick: Gründung von „Ober Ost“


Nach den Schlachten von 1914 und 1915 hatten die deutschen und österreich-ungarischen Truppen die Russen aus ganz Russisch-Polen, Lettland, Kurland, Litauen, Estland und westlichen Teilen Weißrußlands vertrieben. Rußland hatte schwerste militärische Niederlagen einstecken müssen, die das Riesenreich ins Wanken brachten und schließlich in die Februar- und letztlich Oktoberrevolution 1917 mündeten.

Aus einem Teil dieses besetzten Gebiets (die Generalgouvernements Warschau und Lublin gehörten nicht dazu), ungefähr so groß wie die ehemalige DDR, wurde das „Gebiet des Oberbefehlshabers Ost gebildet, kurz „Ober Ost“ genannt. Münz- und Geldscheinsammlern ist es bekannt, weil sowohl eigene Münzen als auch Geldscheine ausgegeben wurden.

Das Gebiet war allerdings mit 3 Millionen Einwohnern nur dünn beiedelt (27 Einwohner pro Quadratkilometer). Ober Ost unterstanden drei regionale Militärverwaltungen: Kurland (zehn Verwaltungskreise), Litauen (33 Verwaltungskreise) und Bialystok-Grodno (14 Verwaltungskreise). Sie waren nach preußischem Vorbild gegliedert und wurden von deutschen Reserveoffizieren geleitet, die im Zivilberuf Verwaltungsbeamte waren. Sie standen vor der Aufgabe, sich um die Wiederherstellung von Straßen, Brücken und Eisenbahnverbindungen zu kümmern, die Versorgung der Bevölkerung und der stationierten Truppen zu gewährleisten, ein funktionierendes Gesundheits- und Postwesen sowie Rechtswesen aufzubauen. Trotz kriegsbedingter Schwierigkeiten leistete Ober Ost eine umfassende Kulturarbeit, von der auch die baltischen Republiken nach der Unabhängigkeitserklärung profitieren konnten (diese Kontinuität wird natürlich verschwiegen). Die Publikation von Zeitungen, Schulpolitik, Theater und Ausstellungen zur Archäologie, Geschichte und Religion, Sicherung örtlicher Archive und Kulturdenkmäler sowie die Neuorganisation des Grund- und Hochschulwesens bildeten die Schwerpunkte der deutschen Anstrengungen. Das hinderte den amerikanischen Historiker Vejas Gabriel Liulevicius nicht daran, jede Maßnahme zur Verbesserung der Lage der Bevölkerung in Ober Ost als kolonialistischen Akt zu verunglimpfen. Sogar Zwangsimpfungen oder Entlausungsaktionen werden von ihm als „brutale Vergewaltigung der Bevölkerung“ interpretiert. Der Historiker, offenbar litauischer Abstammung, läßt hier offensichtlich einem litauischen Nationalismus freien Lauf. Daß die deutsche Verwaltung maßgeblich daran beteiligt war, eine Zeitung in estnischer Sprache herauszugeben, war bei solcher Betrachtungsweise sicher auch ein „kolonialistischen Akt“.

Für den jüdischen Bevölkerungsteil von Ober Ost brachte die deutsche Verwaltung Sicherheit vor den in der Vergangenheit häufig auftretenden Pogromen, generell verringerte sich ihre politische und gesellschaftliche Diskriminierung. Die Juden konnten sogar mit „Letzte Nai’s“ eine Zeitung in jiddischer Sprache herausgeben.

Um den Mangel an Zahlungsmitteln zu beheben, wurde vom zuständigen Oberbefehlshaber Ost die Ostbank für Handel und Gewerbe in Posen zur Ausgabe von Münzen und Banknoten in Rubel-Währung ermächtigt. Der Kurs dieses Rubels zur Mark des Deutschen Reiches lag bei 2 Rubel = 1 Mark. Geprägt wurden drei Nominale mit der Jahreszahl 1916 in Eisen zu 1 Kopeke, 2 und 3 Kopeken. Alle Nominale wurden in den Münzstätten Berlin und Hamburg geprägt.

Geldscheine gab es in Stückelungen zu 20 und 50 Kopeken sowie zu 1, 3, 10, 25 und 100 Rubel („Darlehnsrubel“, „Ostrubel“). Von den deutschen Soldaten durften im Zahlungsverkehr mit der einheimischen Bevölkerung nur diese Geldmittel verwendet werden.

Ab April 1918 wurde die der Ostbank für Handel und Gewerbe unterstehende Darlehenskasse in Kauen (polnisch Kowno, litauisch Kaunas) mit der Banknotenausgabe beauftragt. Es wurden aber keine Rubel-Scheine mehr, sondern Geldscheine in Mark-Währung ausgegeben. Es gab acht Scheine in den Stufungen 1/2, 1, 2, 5, 20, 50, 100 und 1000 Mark. Münzen wurden nicht geprägt.

Nach den Unabhängigkeitserklärungen 1918 von Estland und Lettland wurden dort nationale Währungen etabliert. Litauen behielt jedoch die Scheine in Mark-Währung der Darlehnskasse Ost als gesetzliche Zahlungsmittel bei. Per Gesetz von 1919 wurden allerdings ab sofort die Mark als Auksinas und der Pfennig als Skatikas bezeichnet. Erst die Einführung der Litas-Währung am 9. August 1922 beendete in Litauen den Umlauf der auf Mark lautenden Geldscheine.

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