Russlands Aufstieg zur europƤischen GroĆmacht. Peters Eintrittskarte in die Europaliga
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- 14. Juli 2020
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Florian Haymann
Weder das Nominal noch das Bildnis, nicht der Kaisertitel und erst recht nicht die PrƤgestƤtte der vorliegenden Münze waren überhaupt mƶglich gewesen ohne das politische Wirken dessen, der hier portrƤtiert ist: Pjotr Alexejewitsch Romanow, genannt āPeter der GroĆeā. Er war es, der das Zarenreich Russland dem Kreis der europƤischen GroĆmƤchte hinzufügte, und der Rubel ist der metallene Zeuge dafür.
Peter übernahm 1689 im Alter von 17 Jahren die Herrschaft über ein Land, das gesellschaftlich und technisch im Vergleich etwa zu den Königreichen Frankreich, England oder Schweden noch im Mittelalter steckte. Mitte des 17. Jh. war die Leibeigenschaft zementiert worden, die orthodoxe Kirche mit dem Patriarchen an der Spitze konkurrierte mit dem jeweiligen Zaren um die geistliche und weltliche Deutungshoheit, und ein völlig unterentwickeltes Bildungssystem verhinderte jedweden Fortschritt.
Die FinanzschwƤche des Moskauer Staates spiegelte sich nicht nur in einem allgemein bescheidenen Lebensstandard, sondern auch in einer Armee, die sich des Osmanischen Reiches und gelegentlich einfallender Steppenkrieger allenfalls unter groĆen Verlusten erwehren konnte. WƤhrend in Mitteleuropa bereits AnsƤtze zu einer Industrialisierung,
besonders im Bergbau und Hüttenwesen, spürbar wurden, waren die russischen BodenschƤtze noch weitgehend unentdeckt. Hƶher qualifizierte TƤtigkeiten in Handwerk und Gewerbe, im Bau- und MilitƤrwesen lagen nahezu ausschlieĆlich in den HƤnden zugewanderter Spezialisten aus dem Westen.
Diese waren zum groĆen Teil in der Moskauer AuslƤndervorstadt Nemezkaja sloboda (āDeutsche Stadtā) untergebracht. Genau dort verkehrte der junge Zar besonders gerne. Hier lernte er auch den schottischen General Patrick Gordon (1635ā1699) und den Schweizer FranƧois Le Fort (1656ā1699), einen Experten für Kriegsmarine, kennen. Letzterer begleitete ihn auf eine auĆergewƶhnliche Studienreise, bei der Peter inkognito über die Niederlande bis nach England gelangte und sich Einblicke in eine ganze Reihe von Handwerken und gewerblichen TƤtigkeiten verschaffte. Im Frühling 1698 hielt sich Peter in London auf, wo er auch die PrƤgestƤtte im Tower besichtigte.
Dort lieĆ er sich vom Master der PrƤgeanstalt, Isaac Newton (1642ā1727), die āMechanikā vorführen. Die PrƤgemaschine auf dem neuesten technischen Stand hatte es ihm besonders angetan. Peter erkannte die Notwendigkeit, sein Land den europƤischen MƤrkten zu ƶffnen.
Dazu benƶtigte er allerdings einen Zugang zur Ostsee, was ihn in Konflikt mit Schweden brachte. Die Kontrolle über den Seehandel im Baltikum lag seit Jahrzehnten in den HƤnden Schwedens, dessen Armee wiederholt ihre Ćberlegenheit gegenüber Russland unter Beweis gestellt hatte. Die Katastrophale Niederlage der russischen Truppen gegen eine zahlenmƤĆig deutlich kleinere schwedische Streitmacht in der Schlacht bei Narva 1700 führte Peter das Erfordernis einer grundlegenden Reform seines Heeres und seiner MilitƤrpolitik klar vor Augen. Eine unter seiner Führung geschlossene Allianz von DƤnemark-Norwegen und Sachsen-Polen führte von 1700 bis 1721 den GroĆen Nordischen Krieg gegen Schweden, der mit dem Frieden von Nystad endete und Russland den Status einer Führungsmacht im Baltikum verschaffte.
Dieser Erfolg basierte letztlich auf einer langen Reihe von Reformen, die Peter in Gang gesetzt hatte. Aber die Neubewaffnung der Armee, der Aufbau einer Flotte, die Anlage von Kanälen und Hafen, der Lohn für ausländische Spezialisten und die Förderung der Ausbildung russischer Studenten im Ausland waren überaus kostspielig und erforderten eine Modernisierung auch der gesamten Geldwirtschaft, die bisher nur auf Kleinsilbermünzen beruht hatte.

Die Münzproduktion rückte nun nƤher an die neuen HƤfen und die Bergwerke heran. St. Petersburg, 1703 zu Ehren des Schutzheiligen des Zaren, Simon Petrus, an der Newa-Mündung gegründet, wurde das āFenster zum Westenā und der wichtigste Einfuhrhafen für Metalle. Bereits im November 1703 traf das erste hollƤndische Handelsschiff ein, zugleich entstand die erste russische Waren- und Wechselbƶrse. 1712 wurde die Regierung von Moskau nach St. Petersburg verlegt. Die dortige MünzstƤtte wurde allerdings erst am 21. April 1724 erƶffnet, im PrƤgejahr des vorliegenden Rubels. Die aus Nürnberg herangeschafften Handpressen wurden in einem Holzhaus des Bergbaukollegiums am linken Ufer der Newa aufgestellt. Für den Betrieb hatte Peter auslƤndische Stempelschneider nach Russland geholt, sie aber zur Ausbildung von russischen Lehrlingen verpflichtet.
Nahezu jedes Detail der Münze zeugt unmittelbar vom Wirken Peters des GroĆen. Das Nominal, der Rubel ā abgeleitet vom Verb rubit (āabschlagenā), was darauf Bezug nimmt, dass ursprünglich eine bestimmte Metallmenge von einer Silberstange abgehackt wurde ā, geht auf eine traditionelle MaĆ- und Recheneinheit zurück, die Peter ab 1704 in Münzform ausprƤgen lieĆ. Im Vergleich zu den Geldstucken seiner VorgƤnger fƤllt sofort die technische PrƤzision des GeprƤges mit seiner exakt runden Form auf: Erstmals kam in den neu organisierten MünzstƤtten die MaschinenprƤgung zum Einsatz, wie sie in Westeuropa schon lange üblich war. Nicht zufƤllig Ƥhnelten die neuen russischen GroĆsilbermünzen den in Westeuropa umlaufenden Talern.
Und auch in Gewicht und Feingehalt stimmten sie mit denjenigen Münzen überein, die zu der Zeit beispielsweise in PreuĆen und im Habsburgerreich kursierten. Damit entfiel eine entscheidende Hürde im Handelsaustausch mit dem europƤischen Ausland. Allerdings war Peter nicht daran interessiert, dass seine Münzen dorthin abwanderten. SchlieĆlich war jede einzelne von ihnen teuer erkauft, wenn man ihren Herstellungspreis mit den Talern der Habsburger vergleicht, in deren Territorien die Silberquellen nur so sprudelten. Dies soll nach zeitgenƶssischen Quellen auch der Grund gewesen sein, weshalb die Legenden in kyrillischen Lettern ausgeführt wurden.
Die Art und Weise, wie Peter der GroĆe sich auf der Vorderseite seiner Münzen darstellen lieĆ, entspricht derjenigen seiner westeuropƤischen Kollegen. Als erster Zar übernahm er das aus dem rƶmischen Herrschaftsrepertoire stammende Attribut des Lorbeerkranzes. Dieser Hang zur westlichen Kaiseridee spiegelt sich auch in der Titulatur imperator, und tatsƤchlich hatte Russland seit 1721 den Status eines Kaiserreichs. Die Rückseite weist vier kyrillische āŠā (āPā, für Peter) auf, die auĆen jeweils mit einer Krone besetzt sind; in der Mitte befindet sich eine Sonne. Die kreuzfƶrmige Anordnung lies den Namen āKrestovikā aufkommen: āKreuzerā. Selbst die Tatsache, dass das PrƤgejahr, ā1724ā, in arabischen Ziffern zu lesen ist, verweist auf die petrinischen Neuerungen, denn zuvor waren Jahresangaben nach einem Buchstabensystem in Kyrillisch üblich gewesen. Zudem hatte Peter 1700 den byzantinischen Kalender verworfen und den (zu diesem Zeitpunkt freilich bereits veralteten) Julianischen Kalender übernommen. All dies macht den Rubel nicht nur zum metallenen Ausdruck der reformerischen Leistungen Peters des GroĆen, sondern er diente ihm auch als Eintrittskarte in den Club der europƤischen GroĆmƤchte, deren Eintrittsgeld die bare Münze war.
Zum Weiterhƶren:
Florian Haymann stellt in einem World Money Fair podcast das Buch āRunde Geschichte. Europa in 99 Münzepisodenā vor, aus dem der vorliegende Beitrag stammt und dessen Mit-Herausgeber und Mit-Autor er ist. Erfahren Sie mehr!
Am 29. Juni prƤsentierten wir Florian Haymanns Beitrag āDie attische Demokratie als politisches Paradigma. Geld fürs WƤhlen ā das ist Demokratie!ā aus āRunde Geschichte. Europa in 99 Münzepisodenā.
Zum Weiterlesen
M. E. Diakov, Russian Coins of Peter the Great, o. O. 2000, 192 ff.
I. G. Spasski, Das russische Münzsystem. Ein historisch-numismatischer Abriss, Berlin 1983.
H.-J. Torke, Die russischen Zaren, 1547ā1917, München 2005.
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