Münzen auf Postkarten – ein nicht alltägliches Motiv
- Andreas Raffeiner
- vor 2 Stunden
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Was es einst nicht alles gegeben hat! Betrachtet man eine Reihe von Postkarten aus dem frühen 20. Jahrhundert, erhält man einen faszinierenden Einblick in das internationale Währungs- und Münzsystem jener Zeit. Sie wurden in einer Ära des Währungswechsels und der globalen Vernetzung erstellt, als verschiedene Länder ihre eigenen Währungen hatten, die oft miteinander verglichen wurden, um den internationalen Handel und auch schon den Reiseverkehr zu vereinfachen.
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Währungsvielfalt und Darstellungen
Die serienweise herausgegebenen Postkarten zeigen die Münzen aus verschiedenen Ländern. Die Karte mit den Münzen des Königreichs Norwegen etwa zeigt Kurant- und Scheidemünzen, die den Wert der norwegischen Krone (1 Krone = 100 Öre) widerspiegeln. Dazu ist ihr Gegenwert in Deutschland, Österreich-Ungarn, Großbritannien und einigen anderen Ländern angegeben.

Bildquelle: Dee's Postcards
Die abgebildeten Münzen waren Teil eines komplexen internationalen Wirtschaftssystems, das durch einen Handel und Warenaustausch geprägt war, der vom Münzumlauf geprägt war. Besonders auffällig ist die Wiedergabe materiell werthaltiger Zahlungsmittel aus Gold und Silber, die seinerzeit in festen Wechselkursen zueinander standen. Diese sind der Tabelle zu entnehmen.
Die Tunis-Postkarte weiter unten zeigt einen ähnlichen Aufbau wie bei Norwegen, jedoch mit dem französischen Franc als Basiswährung. Hier werden die Werte der Münzen mit jenen in Deutschland, Großbritannien und den Vereinigten Staaten verglichen, was die nach ihrem Gewicht bewerteten Gold- und Silbermünzen der Ländern ermöglichten. Tunesien war zur damals ein französisches Protektorat, und der Wert seiner Währung entsprach jenem des französischen Francs.

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Auf der vorstehenden Postkarte sind venezolanische Münzen abgebildet, darunter der Bolivar und seine Teilstücke, die Centavos. Die Angabe, dass ein Bolivar gleich 100 Centavos entspricht, ist der Ausgangspunkt. Der Wechselkurs zu anderen Währungen, wie beispielsweise der deutschen Mark oder dem britischen Pfund wird präzise angegeben. Die Abbildung von Münzen und deren Werten in verschiedenen Währungen lässt ein Finanzsystem erkennen, das überwiegend auf dem Goldstandard basierte. Die abgebildete Goldmünze zu 20 Bolivares entsprach genau einer französischen Standardmünze zu 20 Francs. Die 25 Bolivares war eine geplante "Weltmünze".

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Eine weitere interessante Postkarte stammt aus Niederländisch-Indien, dem heutigen Indonesien. Auf dieser Karte sind der Gulden und seine Teilstücke in Cent abgebildet. Auch hier wird der Wechselkurs in deutscher Mark und andere europäischen Währungen angegeben. Der Gulden war in vielen Kolonien der Niederlande als Zahlungsmittel weit verbreitet. Nicht abgebildet ist der traditionelle "Ritterdukat", der als bewährte Goldmünze häufig anstelle des Zehn-Gulden Stücks verwendet wurde.

Bildquelle: Wikimedia, Semmler
Die Postkarte aus Siam (heute Thailand) zeigt Münzen der lokalen Währung, darunter den hierzulande unbekannten Tikal und den Salung. Sie hebt die auf Silber basierende Währungsordnung in Südostasien und ihre Beziehungen zu den westlichen Währungen hervor. Für damalige Sammler war interessant, fremde Währung bis in die kleinste Wertstufen in Bronze wie Pai und Lott kennenzulernen. Das komplexe und lokal differenzierte Währungssystem dieser Region hatte so Informationswert.
Währungsunionen und internationale Beziehungen
Die Postkarte aus Norwegen verweist auf die „Skandinavische Münzunion“ hin, ein Abkommen zwischen Schweden, Norwegen und Dänemark. Dieses Abkommen ermöglichte es den Ländern, ihre Münzwerte aufeinander abzustimmen und gemeinsam umlaufen zu lassen. Die Union war ein wirtschaftliches Experiment, das analog anderen Bündnissen den Handel in der Region vereinfachte, jedoch immer wieder von wirtschaftlichen Spannungen und Konflikten überschattet wurde.

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Eine Reihe der Postkarten verweist auf die „Lateinische Münzunion“. Dies war eine Vereinbarung zwischen mehreren europäischen Ländern, nämlich Frankreich, Italien, Schweiz, Belgien und Griechenland. Sie führte ihre Währungen in einem gemeinsamen System von Gold- und Silbermünzen zusammen. Dies sollte den Handel und die wirtschaftliche Zusammenarbeit fördern.
Geschäftsfeld für Verleger
Als der Berner Postvertrag im Jahr 1875 die Postkarte für den internationalen Verkehr zuließ, eröffnete sich ein lukratives Geschäftsfeld für Verleger derartigen Karten. Auch Postkarten mit Münzabbildungen wurden bald hergestellt, hauptsächlich in Deutschland. Auf diesem Gebiet taten sich um 1900 vor allem die Firmen Hugo Semmler aus Magdeburg (auf den Karten ausgewiesen mit der Abkürzung H.S.M.), Max Heimbrechtaus Berlin (später Oranienburg-Eden), E.W. Hannover, Walter Erhard aus Waiblingen-Stuttgart (später Altensteig, Württemberg) und Adolf Henze aus Leipzig hervor. Einige von ihnen kamen aus der Finanzwirtschaft, kannten sich also schon von Hause aus mit Münzen und ihren Wechselkursen aus. Andere Verlage kopierten lediglich das von anderen eingeführte Geschäft.
Alle Münzen auf den Karten waren in ihrer Originalgröße abgebildet. Die Postkarten wurden mit farbigem Bronzedruck hergestellt - in einem speziellen Prägedruckverfahren. Damit ergab sich eine verblüffende Ähnlichkeit zu den originalen Stücken. Bald waren die Postkarten, für die es spezielle Sammelalben gab, so begehrt, die sogar auf manchem Schulhof getauscht wurden. Noch heute gibt es bibliophile Sammler, die für vollständig erhaltene Alben im Handel hohe Summen zahlen.

Bildquelle: Dee's Postcards
Fazit
Die Postkarten sind somit nicht nur ein interessantes historisches Dokument über Münzen und Währungen, sondern spiegeln auch die internationalen Beziehungen und den globalen Handel in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts wider. Sie geben uns einen Einblick in die Bemühungen der Länder, ihre Währungen zu stabilisieren und zu standardisieren, um den internationalen Handel zu erleichtern und ihre wirtschaftlichen Beziehungen untereinander zu stärken.
Andreas Raffeiner








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