Medaillen als Propaganda für Napoleon I.: „Ich kam, ich sah, ich siegte“
- Helmut Caspar

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Als sich Frankreichs Erster Konsul Napoleon Bonaparte am 2. Dezember 1804 in der Pariser Kirche Notre Dame feierlich zum Kaiser der Franzosen krönte, muss das für ihn, den neuen starken Mann in Europas ein unbeschreibliches Gefühl gewesen sein. Aus dem Nichts war der 1769 auf der Insel Korsika geborene ehemalige General der französischen Revolutionsarmee in schwindelnde Höhe aufgestiegen. Die Nation lag ihm zu Füßen, während der Krönungsakt im Beisein des Papstes Pius VII. stattfand. Alles, was danach kam, wurde vom übrigen Europa mit unguten Gefühlen beobachtet. Nur zehn Jahre nach der spektakulären Selbstkrönung war Napoleon Bonaparte am Ende. Nach verheerenden Niederlagen in den Befreiungskriegen von 1813 bis 1815 musste er zweimal abdanken und wurde auf die ferne Insel Sankt Helena verbannt, wo er am 5. Mai 1821 mit nur 52 Jahren starb. Napoleons Münzen und Medaillen werden regelmäßig vom Münzhandel angeboten und sind gut erforscht. Zu nennen sind als Katalog das auch als Reprint erhältliche Nachschlage- und Referenzwerk von L. Bramsen sowie der mit umfangreichen Analysen und prachtvollen Abbildungen versehene Band von Lisa Zeitz und Joachim Zeitz „Napoleons Medaillen“ (Michael Imhof Verlag Petersberg 2003).

Der Erste Konsul wird nach altrömischem Brauch vom Volk und dem Militär 1804 als Kaiser der Franzosen auf den Schild gehoben. Viele „Haupt- und Staatsaktionen“, wie man in Deutschland sagte, sind in der napoleonischen Histoire numismatique dokumentiert, hier der Einzug des Siegers in der Schlacht von Jena und Auerstedt im Oktober 1806 durch das Brandenburger Tor in Berlin.
Die alteingesessenen Dynastien wollten mit dem am 15. August 1769 auf der Mittelmeerinsel Korsika geborenen Emporkömmling nichts mehr zu tun haben und blickten verächtlich auf ihn herab. Doch nachdem Napoleon I. sein Schwert quer über Europa gelegt hatte, drängten sich gekrönte Häupter, um mit ihm in freundschaftliche, gar verwandtschaftliche Beziehungen zu treten. Süddeutsche Fürsten traten dem im Juli 1806 von Napoleon I. protegierten Rheinbund bei und versetzten damit dem morschen Heiligen Römischen Reich deutscher Nation den Todesstoß. Dessen Oberhaupt Kaiser Franz II. legte kurz darauf die Reichskrone nieder und nannte sich Franz I. als Kaiser von Österreich.
Niemand hat gezählt, wie viele Millionen Tote und Verwundete den Weg des zunächst von Sieg zu Sieg eilenden, gegen Ende seiner Herrschaft aber von Niederlagen und Ansehensverlust geplagten Kaisers säumten. Trotzdem gilt er, wenigstens in Frankreich, als Held und Vorbild. 1840, nur 19 Jahre nach seinem einsamen Tod auf Sankt Helena, wurde ihm im Pariser Invalidendom eine prächtige Grabstätte bereitet. Wie kein anderer Monarch seiner Zeit spielte das „korsische Ungeheuer“, wie Napoleon von seinen Feinden genannt wurde, die Klaviatur der Propaganda. Zu seinem Ruhm als Erster Konsul und ab 1804 Kaiser, Heerführer und Politiker, Bauherr, Mäzen, zärtlicher Liebhaber und treusorgender Vater trugen nicht nur zahllose gedruckte und gemalte Legenden bei, die ihn unerschrockenen in der Pose eines militärischen Alleskönners und weisen Staatenlenkers verherrlichten. Auch auf Medaillen wusste sich Napoleon Bonaparte blendend darzustellen, und die Anziehungskraft dieser Prägungen hat bis heute nicht nachgelassen. Viele Porträts auf Münzen und Medaillen zeigen Napoleon nach antiker Manier im Schmuck des Siegerkranzes aus Lorbeer. Nahezu jedes zivile und militärische Ereignis von Belang war die Prägung von Medaillen wert. Sie feierten ihn wie einen überirdischen, nie alternden Halbgott. Einige Motive sind antiken Skulpturen, darunter auch solchen, die französische Truppen aus besetzten Ländern als „Beutekunst“ entführt hatten, sowie römischen Münzen nachempfunden und signalisieren damit historische Kontinuität und Traditionslinien in weit entfernte Zeiten.


Mit der oberen der beiden Medaillen feierte 1806 der Kaiser die Gründung des unter seinem Protektorat stehenden Rheinbundes, darunter wird die Verteilung der Kronen an Vasallen des damals mächtigsten Mannes in Europa symbolisiert.
Der General, Erste Konsul und Kaiser war wie schon einer seiner Vorgänger auf dem französischen Thron, Sonnenkönig Ludwig XIV., von Medaillen fasziniert. Er kannte ihre Wirkung und förderte nach Kräften die „Histoire métallique“, also die auf geprägtem Metall dargestellte Geschichte, für die er die besten Künstler Frankreichs arbeiten ließ. Schon vor seiner Krönung nahm Napoleon Bonaparte als Erster Konsul Einfluss auf Medaillenbilder und Inschriften. Als sich Napoleon und seine Gemahlin Josephine im Dezember 1804 in der Kathedrale Notre Dame in Paris krönte, ließ er große und kleine Medaillen aus Edelmetall und Bronze anfertigen und sie an Teilnehmer der Zeremonie, aber auch an das wartende Volk verteilen. „Sein Platz ist für immer an oberster Stelle“ lautet die Inschrift auf einer solchen Medaille mit dem Doppelbildnis des Kaiserpaars und einem Adler, der auf einem Felsen sein Nest beschützt.

Napoleon I. ärgerte sich maßlos über Karikaturen gegen ihn und drohte den Urhebern schweren Freiheits- und sogar die Todesstrafe ab. Dieses Spottbild zeigt, wie sich „Napoleon der Große“ mit seinem blanken Hintern in die Nesseln setzt.
Dem Kaiser stand als Ratgeber in Kunst- und Medaillenfragen Baron Dominique-Vivant Denon zur Seite, ein Mann, der unrühmlich als Organisator eines großangelegten Kunstraubs in die Geschichte einging. Der ehemalige königliche Kammerherr, Diplomat, Archäologe, Museumsdirektor und Schriftsteller war davon überzeugt, dass Medaillen „die einzigen Zeugnisse des Ruhms (sind), die alle Jahrhunderte überdauern“. Die auf zahlreichen Medaillen angebrachte Signatur DENON DIR. (Denon direxit) unterstreicht, dass er der führende Kopf und Inspirator der Medaillensuite war, während die ausführenden Stempelschneider wie Bertrand Andrieu, Henri-François Brandt, Nicolas Brenet, Jean Pierre Droz, André Galle, Raymond Gayrard, Louis Jaley, Vincent Jeuffroy und andere mit ihrem Namen und dem Zusatz F. (fecit) als ausführende Künstler ausgewiesen sind.
Unter Berufung auf das angemaßte „Recht des Siegers“, fand Denon in den besetzten Staaten, was dem Louvre noch fehlte. In Preußen hatte niemand Vorsorge für den „Ernstfall“ getroffen; die königlichen Schlösser und Sammlungen standen schutzlos dem Eroberer offen. Eine andere Quelle waren in Not geratene Kunstsammler, die dem kaiserlichen Emissär ihre Kostbarkeiten verkauften. Wie aus preußischen Akten hervorgeht, ließ Denon zur Vervollständigungen der Louvre-Sammlungen nicht nur Gemälde der damals beliebten Franzosen, Italiener und Holländer einpacken, sondern auch Bilder der in ihrer Bedeutung noch nicht entdeckten altdeutschen Meister. Die französischen Rokoko-Künstler, die Friedrich der Große so liebte, interessierten ihn hingegen nicht. Wohl aber nahm er Bilder mit, die seinem Herren wegen ihres geschichtlichen Inhalts wichtig waren, vor allem Episoden aus dem Leben des berühmten und von ihm so bewunderten Preußenkönigs.


Der Eroberung von Moskau durch die Grande Armée im Jahr 1812 folgten der spektakuläre Brand der alten Zarenstadt und die Flucht des Kaisers und der Reste seiner Armee aus Russland, die auf der Medaille mit dem Wirken widriger Winde begründet wird. Das traurige Schicksal der Soldaten, die im grimmigen russischen Winter 1812/13 unter schrecklichen Bedingungen ihr Leben lassen mussten, war selbstverständlich keine Medaille wert.
Als Zeugnisse der Propaganda nahmen es die napoleonischen Medaillen mit der Wahrheit nicht genau, was man natürlich auch an vielen anderen numismatischen Hinterlassenschaften vor und nach Napoleon Bonaparte beobachten kann. Brutale Völkerrechtsverletzungen wurden als Befreiungstaten, das Diktat schmachvoller und bedrückender Friedensverträge als Gnadenerweis, die Absetzung alteingesessener Dynastien und die Thronbesteigung von Mitgliedern des Bonaparte-Clans als Sieg der Vernunft verherrlicht. Da Napoleon I. den Standpunkt „Dem Sieger gehört die Kunst“ vertrat, ließ er auf Medaillen die Aufstellung der aus Italien entführten antiken Kunstwerke im Pariser Louvre als große Kulturleistung und Rettungstat feiern.

Napoleon I. und Karl der Große sowie der mythische Sachsenkönig Widukind und König Friedrich August I. von Sachsen schmücken eine Medaille, die 1807 anlässlich der französisch-sächsischem Allianz geprägt wurde.
Viele Medaillen illustrieren den Julius Cäsar zugeschriebenen Ausspruch „Ich kam, ich sah, ich siegte“, wenn auf ihnen der Kaiser hoch zu Ross über die um Gnade winselnden Feinde hinweg reitet, wenn er auf einem Adler fliegend seine Gegner in Angst und Schrecken versetzt und oder wenn er in gnädiger Pose deren Unterwerfung entgegennimmt. Volkserhebungen gegen das napoleonische Regime waren selbstverständlich keine Medaille wert, ebenso wenig die Ermordung von politischen Gegnern oder Zerwürfnisse innerhalb der herrschenden Eliten sowie Differenzen zwischen Vertragspartnern. Der Kaiser verglich sich mit Karl dem Großen und ließ sich auf einer Medaille von 1807 gemeinsam mit dem Schöpfer des karolingischen Reiches darstellen. Niederlagen waren für ihn kein Thema, kleine Siege hingegen, die heute kaum jemand kennt, wurden durch Medaillen aufgewertet.

Medaillen auf die Heimführung der Überreste des 1821 auf der Insel Sank Helena verstorbenen Ex-Kaisers 1840 nach Paris dürfen in keiner Napoleon-Sammlung fehlen.
Nach dem Krieg von 1806/7 bediente sich der Kaiser auch im unterlegenen Preußen, das durch den Frieden von Tilsit die Hälfte an Fläche und Bewohner einbüßte. Während Friedrich Wilhelm III. seinen Untertanen gebot, sich ruhig zu verhalten, entzog er sich dem französischen Zugriff durch Flucht an die preußisch-russische Grenze, worauf die Berliner spotteten: „Unser Dämel ist in Memel“. Der Krieg wurde erst im Sommer 1807 durch den Frieden von Tilsit beendet. Sachsen war ausgeschieden und sein Kurfürst Friedrich August III. mit dem Königstitel belohnt worden, Russland hielt noch eine Zeitlang zu Preußen und einigte sich, als nichts mehr zu retten war, in Tilsit mit dem Kaiser der Franzosen. Klarer Kriegsverlierer war Friedrich Wilhelm III. Er musste von 55 70 seines Reiches 26900 Quadratmeilen abtreten und verlor von 9,7 Millionen Untertanen 4,8 Millionen. Das halbierte Preußen sank für ein paar Jahre zu einer Mittelmacht herab, raffte sich aber unter dem Druck der Verhältnisse zu segensreichen Reformen auf und schnitt feudale Zöpfe ab. Nach den Befreiungskriegen von 1813 bis 1815 war der Hohenzollern-Staat mächtiger denn je.
Text und Fotos: Caspar




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