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Londoner Wechselgeld: Die Token mit dem Sultanskopf

Der Historien-Krimi von Tom Hillenbrand setzt mit einer lebendigen Münzgeschichte aus einem Londoner Kaffeehaus im 17. Jahrhundert ein: „Die silberne Zwei-Pence-Münze tanzte über die Theke, mit sirrendem Klang, bis Obediah Chalon der Sache mit seinem Zeigefinger ein Ende bereitete. Er nahm das Geldstück an sich und musterte die Bedienung.“ [1] Chalon überreichte Miss Jennings die Münze und bestellte eine Schale Kaffee: „Miss Jennings nahm das Geldstück und runzelte die Stirn, weil es sich um einen der alten, gehämmerten Tuppence handelte. Nachdem sie die Silbermünze mehrfach hin- und hergewendet hatte, gelangte sie offenbar zu dem Schluss, dass der Rand nicht allzu sehr abgefeilt worden war, und legte sie in die Kasse. Als Wechselgeld gab sie Obediah eine bronzene Kaffeehausmarke.“ [2] Obediah fragte: „Keine Pennys?“ Doch er wusste bereits, wie die Antwort lauten würde. Die Leute schmolzen das silberne Wechselgeld ein, um das darin enthaltene Silber zu verkaufen. So wunderte er sich auch nicht sonderlich über die Antwort von Miss Jennings: „Habe seit Wochen keine Pennys mehr zu Gesicht bekommen.“ Als er das begehrte Getränk erhalten hatte, drehte Obediah die Kaffeehausmarke zwischen den Fingern hin und her. Auf der einen Seite waren ein Türkenkopf und eine Inschrift zu sehen. „Murat der Große nannt‘ man mich.“ Auf der anderen stand: „Wohin ich kam, da siegte ich.“ [3]


Londoner Kaffeehaus, ca. 1690 bis 1700 [British Library]


In der Mitte des 17. Jahrhunderts wurde das Kaffeetrinken in England schlagartig populär. Zur Jahrhundertwende gab es bereits mehrere hundert Kaffeehäuser. Ein ausländischer Besucher namens Henri Misson schrieb im Jahre 1698 über den Besuch einer solchen Einrichtung: „Diese Häuser, die in London sehr zahlreich sind, bieten viele Vorteile. Sie verfügen über alle Arten von Nachrichten: Sie haben ein gutes Feuer, an dem man so lange sitzen kann, wie man will. Man hat eine Schale Kaffee. Man trifft seine Freunde zur Erledigung von Geschäften – und das alles für einen Penny, wenn man nicht mehr ausgeben will.“ [4] Der permanente Mangel an Kleingeld stellte allerdings ein Problem dar, gerade für die Kaffeehäuser. Staatliche Münzen kamen nur in Gold und Silber heraus. Infolge der Geldentwertung überschritt der Silberwert den Nennwert der Münzen. Die Silbermünzen wurden daraufhin gehortet und eingeschmolzen: „Das Parlament hatte 1666 Gegenmaßnahmen ergriffen, indem es ein Gesetz zur Förderung des Münzgeldes verabschiedete, das den beispiellosen Schritt machte, den Münzgewinn abzuschaffen und den Preis, den die Münzanstalt für ungemünztes Silber zahlte, um den gleichen Betrag anzuheben, um ihn wieder in Einklang mit dem Marktpreis zu bringen – aber der Boden, den man damit gutmachte reichte nicht aus. Der Marktpreis von Silber lag weiter einen bis zwei Penny pro Unze höher als der Nominalwert.“ [5] Das Silber verschwand also weiterhin aus dem Umlauf. Silbernes Kleingeld in Form eines winzigen Farthings wurde erst gar nicht mehr ausgeprägt.


Sammlung von Kaffeehaus-Token, 17. Jahrhundert [Cluesheet, British Museum]


Aus Frust über die Regierung schufen Händler und Ladenbesitzer ihre eigene inoffizielle Währung in Form von Token. Die Kaffeehäuser stellten die eigenwilligsten Zahlungsmittel her: „Sie haben Kaffee-Tokens als Währung entwickelt. Das war kein gemeinsames Zahlungsinstrument. Jedes Etablissement hatte seine eigenen Token. Sie waren aus Bronze, Kupfer und sogar aus Leder. Ein Token gab seinen nominalen Geldwert an sowie den Namen und die Adresse des ausstellenden Kaffeehauses.“ [6] Auf den Token waren oft ein türkischer Sultan oder eine traditionelle Kaffeekanne abgebildet. Die Kaffeehäuser akzeptierten die Token zum Nennwert als Zahlungsmittel. In der Regel zirkulierten sie nur in dem betreffenden Kaffeehaus, gelegentlich aber auch in den nahegelegenen Straßen. In dem eingangs erwähnten Historien-Krimi von Tom Hillenbrand werden die mit einer solchen Praxis einhergehenden Schwierigkeiten geschildert. Der Hauptakteur Obediah Chalon kehrt nämlich bald in ein weiteres Kaffeehaus ein: „Er kramte die Kaffeehausmünze mit dem Konterfei Sultan Murats aus seiner Rocktasche und hielt sie dem Wirt hin. Der blinzelte kurz und schüttelte dann den Kopf. ‚Bedaure Sir, die nehmen wir hier nicht.‘ Er gab dem Wirt stattdessen ein Zwei-Penny-Stück. Im Gegenzug erhielt er eine weitere Bronzemünze, wieder mit dem Konterfei eines Türken. Dieser blickte allerdings weniger grimmig drein als Murat der Grausame. Die Inschrift verriet ihm, dass es sich um Suleyman den Prächtigen handelte.“ [7]


Kaffeehaus-Token. Vs. mit Porträts von Murat IV., Rs. mit Angebot und Adresse [Museum of London]


König Charles II. (1660–1685) versuchte den Mangel an staatlichem Kleingeld zu beheben, indem er den halben Penny und den Farthing ab 1672 in Kupfer ausgab. Zugleich verbot er die Token. Das Problem des aus dem Umlauf verschwundenen Silbergeldes höherer Wertstufen war damit aber noch nicht gelöst Es sollte mit einer Währungsreform beseitigt werden. Schatzkanzler William Lowndes schlug 1695 eine Abwertung der Münzgeldes vor: „Der Münzpreis des Silbers betrug 62 Pence pro Unze, während der Marktpreis zu der Zeit, als Lowndes seinen Bericht veröffentlichte, 77 Pence betrug. Daher hatte die silberne Crown-Münze, die laut ihrem amtlichen Feingewicht etwas weniger als eine Unze Silber enthielt, einen festgesetzten Nominalwert von 60 Pence, aber als ungemünztes Edelmetall einen Marktwert von 77 Pence. Da war es nicht weiter verwunderlich, dass die Münze nach und nach aus dem Verkehr verschwand. Im Anschluss an die vorgeschlagene Umprägung würde eine vollgewichtige englische Crown nur noch etwa vier Fünftel einer Unze Silber enthalten.“ [8] Die Umprägung fand 1696-1698 statt.


Quellen

  1. Tom Hillenbrand: Der Kaffeehausdieb. Köln 2018, S. 9.

  2. Ebd.

  3. Ebd., S. 14.

  4. Scott Shriner: Symbols of Behavior in mit-17th Century English Coffee Houses, S. 92.

  5. Felix Martin: Geld – die wahre Geschichte. München 2014, Anm. 211.

  6. Sergio Reminny: "Die Geheimnisse des Kaffees", auf: skillshare.com.

  7. Hillenbrand, S. 23f.

  8. Martin, Anm. 216.

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