Leserpost: Die österreichischen Bundesgoldmünzen dürften nie im Umlauf gewesen sein!

Hallo, Leute von Münzen-Online,
vor fünf Jahren schrieb ich schon einmal einen Leserbrief, damals an die MünzenRevue. Es ging um die österreichischen Bundesgoldmünzen zu 25 und 100 Schilling (1926-1938). Laut Gesetz vom 20. Dezember 1924 kam den Goldmünzen „unbeschränkte Zahlkraft für alle Zahlungen zu, die in Schillingen geleistet werden können“. Bis 1931 wurden etwa eine Million der 25-Schilling-Stücke und fast 300.000 der 100-Schilling-Stücke geprägt. Warum aber hat praktisch keine der Münzen Umlaufspuren, die erkennbar sind? Die von mir schon vor Jahren bemühte Fachliteratur konnte keine Antwort geben. Im Internet widersprechen sich die gelegentlichen Erklärungsversuche. Ich fragte sogar beim Geldmuseum der Österreichischen Nationalbank nach. Ein Mitarbeiter antwortete, dass die Stücke seiner Kenntnis nach nicht für den normalen Geldumlauf vorgesehen waren. Wahrscheinlich habe man damit Auslandsschulden beglichen bzw. Importe bezahlt. Er leitete die Anfrage an das Bankhistorische Archiv weiter. Dort wurden zum Sachverhalt passende Unterlagen des Direktoriums der Nationalbank gefunden. Im Protokoll einer Sitzung von Ende September 1926 hieß es, dass das Münzamt mit dem Verkauf von Goldmünzen mit einem Nennwert von 100 Schilling zu einem Preis von 101,70 Schilling begonnen hätte. Für die Münzen mit einem Nennwert von 25 Schilling würden den Kunden 25,50 Schilling abverlangt. Meine These war schon damals, dass der relativ günstige Verkaufspreis bewirkte, dass hohe Stückzahlen geprägt und zu Anlagezwecken verkauft wurden.
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Elmar Geisenhainer (Berlin, per Mail)
100 Schilling (Österreich, 1934, 900er Gold, 23,5 g, 33 mm)
Bildquelle: Wikimedia, Stadler
100 Schilling (Österreich, 1936, 900er Gold, 23,5 g, 33 mm)
Bildquelle: Wikimedia, Stadler
Lieber Elmar Geisenhainer,
offenbar wissen Sie schon fast alles zum Thema selbst. Meine Recherche, die ich gerade eben mithilfe der Künstlichen Intelligenz (KI) startete, brachte dieselben Widersprüche hervor. Zunächst klärte mich der KI-Chat so auf: „Die Republik Österreich prägte die Goldmünzen zu 25 und 100 Schilling zwischen 1926 und 1938 als offizielle Umlauf- und Zahlungsverkehrsmünzen, um nach der schweren Hyperinflation der Nachkriegszeit das Vertrauen in die neue Schilling-Währung zu festigen.“ Daraufhin hinterfragte ich die Antwort, die nicht vollumfänglich stimmen konnte: „Diese Goldmünzen wurden nicht zum aufgeprägten Wert von 25 bzw. 100 Schilling verkauft, sondern zum Materialwert plus Prägezuschlag. Sie waren daher auch nie zum aufgeprägten Wert im Umlauf. Wozu wurden sie verwendet?“
In ihrer zweiten Antwort korrigierte sich die künstliche Intelligenz: „Die Münzen wurden primär als physische Deckungsreserve, staatliche Goldanlage und privates Hortungsmittel verwendet.“ In der Antwort hieß es weiter, dass ein Großteil der hohen Auflagen in die Tresore der Österreichischen Nationalbank wanderte. Sie fungierten als Goldreserve des Staates, um die Stabilität der Währung auf internationaler Ebene zu garantieren. Es habe aber auch weitere Einsatzgebiete: Bei bedeutenden internationalen Transaktionen seien die Münzen kistenweise als Barrenersatz nach ihrem tatsächlichen Goldgewicht abgerechnet worden, um Importe abzusichern. Außerdem hätten wohlhabende Bürger und Firmen diese Münzen gezielt bei Banken erworben. Sie wanderten in private Tresore und dienten als Anlageform zum Schutz des Vermögens. Die Münzen seien auch als Geschenke innerhalb der Familie sowie als Auszeichnungen oder Erbschaften weitergereicht worden. Eine Ladenkasse von innen hätten sie nie gesehen. Soweit das, was die Künstliche Intelligenz geantwortet hat.
Obgleich ich keine amtlichen Dokumente zur Verwendung der Münzen finden konnte, erscheint die zweite KI-Antwort plausibel. Schauen wir uns die Prägezahlen an: Im ersten Jahr wurden 276.705 Exemplare der Goldmünzen zu 25 Schilling geprägt sowie 63.795 Exemplare zu 100 Schilling. Die hohe Stückzahl legt nahe, dass die Münzen überwiegend der Nationalbank zugeführt wurden. Von dort konnten sie für internationale Zahlungen abgerufen werden, die in Gold fällig wurden. Bis in die Weltwirtschaftskrise hinein wurden die Prägungen jährlich mit vergleichbaren Stückzahlen fortgeführt. Die letzte Massenprägung ist für das Jahr 1931 verzeichnet. Der spektakuläre Zusammenbruch der Credit-Anstalt, der größten Bank Österreichs, erschütterte in jenem Jahr das Vertrauen der Bevölkerung in das Bankensystem. Der Staat musste die Bank mit hohen Summen retten. Um ein massives Abfließen von Gold und ausländischen Devisen zu verhindern, führte die Nationalbank im Herbst 1931 strenge Kontrollen des Kapitalverkehrs ein. Der Schilling wertete etwa 20 Prozent ab.
Die Goldprägungen wurden für ein Jahr ausgesetzt. Als sie im Jahr 1933 wieder aufgenommen wurden, umfassten sie in jenem Jahr nur noch 4.944 Exemplare der Goldmünzen zu 25 Schilling sowie 4.727 Exemplare zu 100 Schilling. Auch in den Folgejahren wurden die Münzen in diesem geringen Umfang weitergeprägt. Daraus lässt sich ableiten, dass es keinen Anlass mehr gab, neue Münzen für die Nationalbank zu prägen. Mit Wirksamkeit der Kapitalkontrollen durfte ja ab Oktober 1931 gar kein Gold mehr exportiert werden. Somit war es nicht mehr möglich, die Münzen als Handelsmünzen einzusetzen, mit den Warenlieferungen aus dem Ausland bezahlt werden konnten. Die erneute Aufnahme der Prägungen im Jahr 1933 dürfte ausschließlich die Privatnachfrage befriedigt haben. Diese wird angesichts der schweren Wirtschaftskrise, die Österreich damals durchmachte, gering gewesen sein. Daher sind die Münzen mit der Madonna von Mariazell (1935-1938) selten. Letztmals geprägt wurden sie im Jahr 1938, kurz vor der Besetzung des Landes durch das Deutsche Reich.
Dietmar Kreutzer




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