Kölner Münzfreunde: „Sogar in Stockholm wird unser Jahrbuch gelesen!“
- Dietmar Kreutzer
- vor 24 Minuten
- 6 Min. Lesezeit
Oft heißt es, die numismatischen Münzvereine in Deutschland sterben aus. Das ist aber nicht überall so. Mit breit gefächerten Münzgesprächen, spannenden Exkursionen und gut gemachten Jahrbüchern ziehen die Kölner Münzfreunde sogar immer neue Mitglieder an. Münzen-Online sprach mit Bernhard Offermann, dem 1. Vorsitzenden, und Armin Müller, dem Schatzmeister der Kölner Münzfreunde von 1957 e.V.

Bernhard Offermann
Foto: Dietmar Kreutzer
Münzen-Online: Was sind die Hauptinhalte Ihrer Vereinstätigkeit?
Bernhard Offermann: Das Herz unserer Vereinsarbeit ist das monatliche Kolloquium oder auch Münzgespräch, zu dem wir uns seit vielen Jahren in einem Raum des Kölnischen Stadtmuseums treffen. Die Münzfreunde, und auch Gäste, bringen dazu immer neue Beiträge mit. Sie berichten über aktuelle Veranstaltungen oder die Geschichte einer speziellen Münze oder Medaille. Jeder, der ein Objekt mitgebracht hat, stellt es vor. Davon leben wir. Die Treffen dauern etwa zwei Stunden und sind immer recht gut besucht. Anschließend geht es hier in der Nähe auf ein lecker Kölsch. Aus den Nachgesprächen resultieren dann auch schon häufig neue Ideen zu einem Themen für das nächste Treffen. Wir haben in der Regel zweimal im Jahr Gastbeiträge. Im kommenden September dürfen wir zum Beispiel den Publizisten Helmut Casper mit einem Beitrag zur Taler-Prägung empfangen. Der Berliner Museumsassistent Leonard Brey war im Frühjahr bei uns. Das ist der Kern unserer Tätigkeit. Ich glaube, diese Münzgespräche halten uns zusammen. Wir sehen uns, kommen zusammen. Dabei haben wir auch im Vorstand immer etwas zu besprechen.
Armin Müller: Eine Besonderheit unserer Münzgespräche ist, dass man im Regelfall die Stücke, über die berichtet wird, auch in die Hand nehmen kann. Das haptische Erleben ist ja ein wichtiger Bestandteil unseres Hobbys. Die Stücke anzufassen, die Vorder- und Rückseite eingehend betrachten zu können, ist von ganz großer Bedeutung. Da ist es toll, dass bei den Beiträgen aus unserem Mitgliedskreis in der Regel die Münzen und Medaillen, Geldscheine und ähnliche Objekte sinnlich erfahrbar sind. Ich finde, das zeichnet den Umgang besonders aus!

Armin Müller
Foto: Dietmar Kreutzer
Münzen-Online: Welche Themen finden den größten Zuspruch?
Bernhard Offermann: Da möchte ich keinen Schwerpunkt benennen. Wir haben im Rahmen der Münzgespräche interessante Beiträge zur Antike, von denen ich glaube, dass sie gut ankommen. Genauso gibt es Beiträge zu historischen Münzen aus aller Welt und ebenso zu modernen Münzen und Medaillen. Die Interessen sind breit gefächert. Wir hatten letztens sogar etwas über Münzwaagen. Mein Mitstreiter Armin hat Ungarn als Schwerpunkt. Einen anderen Sammler interessiert das Münzschaffen kleiner Inseln. Ich persönlich engagiere mich für die Münzen der Antike, habe als Nebengebiet aber etwas ganz anderes: Porzellanmünzen.
Münzen-Online: Bei welchen Themen wird es besonders voll?
Bernhard Offermann: Die Themen werden vorher nicht bekanntgegeben. Wir bitten aus technischen Gründen jedoch darum, die Beiträge vorher zu benennen. Wer sich zuerst meldet, dessen Thema kommt zuerst dran. Nach den angemeldeten Themen ist aber immer noch Zeit für Mitglieder, die spontan etwas mitgebracht haben. Weil im Vorfeld kein Thema bekanntgegeben wird, kann niemand sagen: Heute geht es wieder nur um Antike oder Medaillen, da gehe ich nicht hin! Die Numismatik ist so vielfältig, dass man sich auch mal etwas anhört, worüber man zuvor noch nie etwas gehört hat. Ich glaube, das wird auch geschätzt. Ich selbst höre mir etwas gern etwas an, was mir bisher nicht geläufig war. Neulich hatten wir zum Beispiel einen Vortrag über Geldscheine. Das wird in der Regel interessant aufbereitet, häufig mit einer Power-Point-Präsentation und mit originalen Objekten, wie Armin Müller gerade sagte.
Münzen-Online: Es gibt also nicht nur ein Thema, sondern mehrere?
Bernhard Offermann: Wenn nicht gerade ein Gastvortrag auf dem Programm steht, haben wir mindestens fünf Themen pro Abend, manchmal sogar sieben oder acht!
Armin Müller: Manche Themen haben nur einen mittelbaren Bezug zur Numismatik. Neulich wurde uns das Gehäuse einer Uhr aus der Schule des berühmten Nürnberger Uhrmachers Peter Henlein aus der Mitte des 16. Jahrhunderts vorgestellt. Das Uhrwerk fehlte. Ein Vereinsmitglied hat dieses Gehäuse als Erbstück aus seiner Familie bekommen. Er hat damit auf eine Ausstellung in Bonn aufmerksam gemacht, in der historische Zeitmess-Instrumente präsentiert wurden. In dieser Ausstellung sind auch Münzen gezeigt worden, die einen Bezug zum Thema der Ausstellung hatten. Er wies auf die Ausstellung hin und brachte zur Veranschaulichung aus seinem Familienbesitz diese Henlein-Uhr mit. Das war mal etwas anderes!

Medaille zum 60. Jubiläum der Kölner Münzfreunde
Darunter, von links nach rechts: Kölner Turnose (1344), Kölner Reichstaler (1568),
Kölner Pfennig (983-1002), Jülicher Weißpfennig (1393-1402) und Doppelsesterz des Postumus (260-269)
Foto: Dietmar Kreutzer
Münzen-Online: Verändern sich die Themen der Münzgespräche?
Bernhard Offermann: Nein, das kann ich so nicht bestätigen. Die Antike ist immer noch ein starkes Thema. Ich denke, wir sind heute aber aufgeschlossener gegenüber aktuellen Themen. Keiner rümpft die Nase rümpft, wenn es um moderne Münzen geht, insbesondere Euro-Münzen. Es gibt viele interessante Themen aus der Neuzeit, die große Aussagekraft haben. Wenn ich allein an die ukrainischen Münzen denken, die aktuell erscheinen, mit den Motiven, die sich aus der Situation des Landes ergeben. Es muss also nicht immer nur etwas so harmloses wie Insekten oder Bäumchen sein, wie sie auf deutschen Münzen zu sehen sind. Da sind andere viel mutiger. Darüber hinaus kann ich sagen, dass sich das Interesse an Medaillen bei uns inzwischen etabliert hat. Als ich mich vor zehn Jahren nach langer, beruflich bedingter Unterbrechung wieder hier im Verein zu engagieren begann, waren Medaillen eher ein Randthema.
Armin Müller: Die Vielfalt der Interessen unter den Sammlern ist allein an meiner eigenen Sammlung ablesbar. Da sind die ältesten Objekte fast 2000 Jahre alt. Das sind die Münzen des gallischen Sonderreichs, des gallischen Gegenkaisers Posthumus, die um das Jahr 265 geprägt worden sind. Daneben habe ich zwei weitere Schwerpunkte in meiner Sammlung. Das sind einmal die Münzen und Geldzeichen des Rheinlands. Außerdem sammle ich ungarische Prägungen. Zurzeit schreibe ich für unser Jahrbuch einen Beitrag zum 100. Jahrestag der Einführung der Pengö-Währung in Ungarn. Die jüngsten Münzen meiner privaten Sammlung tragen daher das Prägejahr 2026. Es sind die ungarischen Neuausgaben aus diesem Jahr.
Münzen-Online: Wieviele Mitglieder haben sie aktuell?
Armin Müller: Wir haben gut 40 Mitglieder, im Moment sind es 43 oder 44. Die Zahl ist einigermaßen konstant, mit leicht ansteigender Tendenz. Natürlich haben wir auch mit dem Problemen zu kämpfen, dass uns die alten Mitglieder wegsterben. Aber in der Tat sind seit 2016, seitdem ich aktiv dabei bin, stabile oder sogar leicht steigende Mitgliederzahlen. Einige der jungen Mitglieder, von denen wir auch einige haben, sind übrigens institutionell zum Verein gekommen. Wir haben zum Beispiel Sven Martzinek, der am Institut für Numismatik in Wien studiert, und Dr. Patrick Breternitz vom Berliner Münzkabinett, der eine Zeit lang in Köln an der Universität gearbeitet hat. Der Anteil der Mitglieder, die sich beruflich mit Münzen beschäftigt, steigt auf diese Weise. Dieser Trend betrifft auch Händler, die bei uns Mitglied werden.

Eisenguss-Medaille des Kölner Dombau-Vereins (1842)
mit Originalband und Trageöse
Foto: Dietmar Kreutzer
Münzen-Online: Wie kamen Sie dazu, ein Jahrbuch zu veröffentlichen?
Bernhard Offermann: Das fing mit unserem 60. Jubliäum an, also vor neun Jahren. Da hatten wir eine Festschrift mit einer ganzen Reihe von Fachbeiträgen herausgebracht. Dabei fiel auf, dass es viele Beiträge aus unserem Kreis gibt, deren Veröffentlichung sich lohnen würde. Im Vorstand haben wir überlegt, wie wir das angehen könnten. Wir kannten zwar andere Jahrbücher, etwa die aus Speyer. Entstanden ist das Projekt aber eher aus einem Mitteilungsbedürfnis. Nach der ersten Ausgabe, an der Dr. Breternitz fast im Alleingang herausgebracht hat, stellten wir fest: Das hat Spaß gemacht. Und es kommt an, es wird gelesen! Finanziell hat es auch geklappt, durch Sponsoring, Abonnenten und den Verkauf. Bald stand fest: Wir bringen eine zweite Ausgabe! Inzwischen sind sieben Jahrbücher erschienen und wir arbeiten am achten. Das inhaltliche Konzept dafür steht. Jetzt haben die Redakteure noch viel Arbeit. Mittlerweile haben wir numismatische Bibliotheken, die das Jahrbuch abonnieren. Die Universitätsbibliothek Stockholm beispielsweise hat sich aktiv bemüht, an unsere Ausgaben heranzukommen. Wir haben auch schon nachdrucken müssen, weil Leser sagen: Mir fehlt die erste Ausgabe!
Münzen-Online: Gibt es aktuell einen Höhepunkt im Verein?
Bernhard Offermann: Ein Höhepunkt im Vereinsleben war im Oktober 2025 die Exkursion nach Wien. Dazu hat Armin Müller auch einen tollen Beitrag für das Jahrbuch verfasst. Ursprünglich hatte ich zu Sven gesagt, ich komme Dich mal in Wien besuchen. Ein anderes Mitglied von uns gesagt: Und ich komm mit! Der nächste: Ich auch, ich auch! Das haben wir übrigens zusammen mit den Bonner Münzfreunden gemacht. Sechzehn Mitglieder sind schließlich gefahren, aus jedem Vereine acht. Aufgrund unserer Kontakte zu Sven Martzinek gab es ein ausgewiesenes Expertenprogramm. Es fing an, dass wir Einblick bekamen in das berühmten Institut für Münzkunde an der Wiener Uni. Da hat uns Sven selber geführt. Wir durften die Sammlungen sehen. Wir durften die Bibliothek sehen. Wir haben uns dort einen ganzen Tag aufgehalten. Dann hatten wir eine Führungen von Dr. Klaus Vondrovec durch die Münzsammlung des Kunsthistorischen Museums. Wir waren in österreichische Münze. Dort haben wir unter anderem den berühmten Stempelsaal gesehen, in dem die Numismatische Gesellschaft Wien immer tagt. Zum Schluss waren wir auch noch in der Österreichischen Bundesbank.
Das Interview führte Dietmar Kreutzer
