Interview zur nächsten NAC-Auktion mit Christian Stoess: „Verliebt habe ich mich in den doppelten Portugalöser der Stadt Hamburg“

Im November wird in der Schweiz ein weiterer Teil der Traveller Collection versteigert, einer umfangreichen, geradezu spektakulären Sammlung von Goldmünzen mit aufregender Geschichte. Wir fragten den Numismatiker Christian Stoess, der an der Aufarbeitung der Sammlung beteiligt war, was er bei der Vorbereitung dieser Auktion erlebt hat.

Christian Stoess
Foto: Bernhard Weisser
Münzen-Online: Die zurückliegende Auktion der Traveller Collection im November 2025 hat vor allem mit einem 100-Dukaten-Stück, das zu fast 2,4 Mio. Franken zugeschlagen wurde, für Aufsehen gesorgt. Was steht im Zentrum der neuen Auktion?
Christian Stoess: Die Zusammensetzung ist im Grunde ganz ähnlich wie vor einem Jahr. Neben bedeutenden Reihen von Habsburger, deutschen und polnischen Münzen werden auch Raritäten aus den Niederlanden, aus Skandinavien, der Schweiz, Ungarn, der CSSR, Siebenbürgen und Südosteuropa angeboten; ausschließlich Goldmünzen. Bemerkenswert ist zum einen die große Anzahl von Donativen, also Geschenkmünzen im Gewicht von mehreren Dukaten und zum anderen die außerordentlich gute Erhaltung der Stücke. Wir haben die jüngeren Prägungen, die nach 1750 geprägten Münzen und Medaillen, von NGC graden lassen. Unter diesen gibt es nicht weniger als 120 sogenannte ‚Top Pops‘, also Stücke, die in dieser guten Erhaltung noch nie angeboten wurden. Erwähnenswert sind auch die meist einmaligen Goldabschläge von Talern und Doppeltalern des 19. Jahrhunderts aus Bayern, Mecklenburg und Schwarzburg. Diese stammen aus der berühmten Sammlung Ferrari.
Münzen-Online: Inmitten der Lose befindet sich beispielsweise ein Goldgulden aus Wien von 1516 und ein griechisches 100-Drachmen-Stück von 1876. Hatte der Sammler bestimmte Vorlieben oder hat er einfach nur Raritäten erworben?
Christian Stoess: Der Sammler hat erst einmal, 1931, wahllos häufige Goldmünzen angesammelt. Aber schon bald bekam er auf seinen zahlreichen Reisen Kontakt zu den bedeutenden Münzhändlern jener Zeit. Vor allem Jacques Schulman in Amsterdam und Leonhard Forrer in London ist es zu verdanken, dass aus dem ‚Anhäufer‘ ein richtiger Sammler wurde, der vor allem nach Spitzenstücken Ausschau hielt. Seiner polyglotten Natur entsprach es, dass er sich eben nicht auf eine Epoche oder ein Territorium beschränkte, sondern Münzen aus der ganzen Welt, von der Antike bis zur Gegenwart sammelte. Einen gewissen Schwerpunkt können wir bei den Münzen aus Deutschland und hier vor allem Würzburg ausmachen. Die Zeitumstände waren für ihn günstig: Mit seinen nahezu unbegrenzten Mitteln traf er auf wenig Konkurrenz und konnte so zahlreiche Raritäten aus den berühmten Sammlungen Virgil M. Brand, Waldo Newcomer und Philipp von Ferrari erwerben.
Münzen-Online: Die Sammlung ist vor fast 100 Jahren Jahren angelegt und kurz danach vergraben worden. War es schwer, die Herkunft der einzelnen Stücke zu ermitteln? Viele kamen ja schon damals aus berühmten Sammlungen.
Christian Stoess: Bei der Provenienz-Recherche haben uns die Originaltüten und vor allem das Ankaufsjournal des Sammlers, das bis auf zwei Jahrgänge vollständig erhalten ist, sehr geholfen. Zum andern waren viele der Raritäten schon damals in den Auktionskatalogen abgebildet. Mittlerweile sind diese Provenienzen ja mittels Plattformen, die eine KI-unterstützte Suche in alten Auktionen anbieten, ganz gut erschließbar. Und schließlich hatte ich das große Glück, dass mir Christoph Raab die Benutzung der Kartei der Firma Dr. Busso Peus Nachf. mit Auktionsvorkommen gestattete.
Münzen-Online: Sicher haben Sie bei der Vorbereitung dieser Auktion mit Stücken zu tun gehabt, von denen Sie vorher gar nicht wussten, dass sie existieren. Welchen drei Stücken trauen Sie das größte Potenzial im Bieterkampf zu?
Christian Stoess: Regelrecht verliebt habe ich mich in eine Münze und eine Medaille. Einen doppelten Portugalöser (20 Dukaten) der Stadt Hamburg, das einzige Exemplar dieser schwersten deutschen Goldmünze des 16. Jahrhunderts im Handel. Herausragend ist auch eine Medaille des bayerischen Herzogs Albrecht V. von ca. 1575 im Gewicht von 25 Dukaten. Sie zeigt auf der einen Seite den Begründer der Münchner Museen (und auch der Staatlichen Münzsammlung) und der Bayerischen Staatsbibliothek gemeinsam mit seiner Frau Anna von Österreich. Auf der anderen Seite wird mit dem Doppeladler auf die Ansprüche des Hauses Bayern auf die Kaiserkrone verwiesen für den Fall, dass es keine männlichen Thronerben im Hause Habsburg gibt. Das Stück ist ein Unikum und stammt aus dem Besitz des Hauses Wittelsbach. Als es erstmals versteigert wurde, 1924 bei Leo Hamburger in Frankfurt am Main, erzielte es den Wahnsinnspreis von 7.150 Rentenmark! Großes Interesse erwarte ich bei den Raritäten des 19. Jahrhunderts, etwa der 50-Drachmen-Probe von 1875 aus Griechenland, aber auch bei den Mehrfach-Dukaten aus Polen und Siebenbürgen. Insgesamt sind die Schätzungen konservativ angesetzt, so dass ich zwei lange Auktions-Nachmittage mit heftigen Bietgefechten erwarte.
Münzen-Online: Mit den zurückliegenden Auktionen dürfte die Versteigerung der Traveller Collection noch nicht abgeschlossen sein. Welche Höhepunkte der Sammlung stehen uns in der nächsten bzw. übernächsten Auktion bevor?
Christian Stoess: Dieses ist der fünfte Teil der Sammlung und der zweite Teil der mitteleuopäischen Münzen und es wird vermutlich noch zwei weitere Teile mit zentraleuropäischen Goldmünzen geben, auch sind noch, in kleinerer Zahl, einige hübsche und seltene Silbermünzen vorhanden, die neue Besitzer suchen. Daneben werden in weiteren Auktionen antike, englische, französische, italienische, russische und überseeische Münzen angeboten. Ich gehe davon aus, dass die Versteigerungsserie mindestens bis 2028 dauern wird.
Das Interview führte Dietmar Kreutzer.


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