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Frankreich: Eine ungewöhnliche Medaille auf die Eroberung von Neapel

Nach dem Spanischen Erbfolgekrieg fielen Neapel und Sardinien 1713/14 an die habsburgischen Österreicher und Sizilien an Piemont. 1720 tauschten die Habsburger Sizilien jedoch gegen Sardinien ein. 1735 trat Kaiser Karl VI. das Königreich Neapel-Sizilien an eine Nebenlinie der spanischen Bourbonen ab. Unter dem Schutz der französischen Truppen rief Neapel 1799 die Parthenopäische Republik aus, die allerdings nur wenige Wochen bestehen blieb. 1806 eroberte dann Kaiser Napoleon I. (1804–1814), der bereits seit 1805 auch König von Italien war, Neapel und setzte seinen Bruder Joseph dort als König ein. 1808 ersetzte er Joseph jedoch durch seinen Schwager J. Murat, der dann bis zum Ende der napoleonischen Herrschaft in Neapel (1815) König blieb.

Interessant und für Numismatiker erfreulich ist die Tatsache, dass die Eroberung Neapels durch Napoleon I. numismatisch gewürdigt wurde. So schufen die Medailleure Jean-Pierre Droz und N. G. A. Brenet 1806 eine imposante Silbermedaille auf die erwähnte Eroberung der Stadt.


Frankreich. Medaille von Droz und Brenet von 1806 auf die Eroberung Neapels.

Silber, 36,44 g, 40 mm [MA-Shops, Kölner Münzkabinett]


Diese sehr klassisch anmutende Medaille zeigt vorderseitig die nach rechts gewandte belorbeerte Porträtbüste Napoleons I. und nennt die Umschrift NAPOLEON – EMP[ereur] . ET ROI . (Napoleon Kaiser und König). Die Rückseitendarstellung ist allerdings etwas ungewöhnlich, zumal weder eine Schlachtenszene noch eine Panoramaansicht von Neapel abgebildet ist, was in Anbetracht der Eroberung Neapels zu erwarten gewesen wäre. Stattdessen zeigt sich ein „majestätisch“ nach rechts schreitender „androkephaler“ (männergesichtiger) Stier, der von einer über ihm fliegenden Nike bzw. Victoria bekränzt wird. Die im Münzabschnitt befindliche Aufschrift lautet auf CONQUÊTE DE NAPLES (Eroberung Neapels) / MDCCCVI (1806). Doch ist diese Rückseitendarstellung keineswegs aus der Luft gegriffen und ganz und gar nicht ein reines Phantasieprodukt der erwähnten Medailleure. Genau genommen imitiert sie nämlich die antiken silbernen Nomoi der Stadt Neapolis (des antiken Vorläufers von Neapel), die zwischen 420 und 250 v. Chr. dort geprägt wurden.


Kampanien, Neapolis. Nomos. Silber, 6,96 g, 20,00 mm

[Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin, 18214795]


Bei dem rückseitig dargestellten männergesichtigen Stier handelt es sich um den Flussgott Acheloos, zumal Flussgötter in der griechischen Antike häufig als androkephale Stiere abgebildet wurden und Neapolis („Neustadt“) eine antike griechische Stadt am Golf von Neapel war. Die Prägeherrin der Münze, die Stadt Neapolis, wird im Münzabschnitt mit ΝΕΟΠΟΛΙΤΩ[Ν] erwähnt. Die Vorderseite dieses antiken Nomos ziert indes der Kopf der Sirene Parthenope, die eine Sphendone (Haarband), ein Ohrgehänge und eine Perlenhalskette trägt.

Parthenope war aber nicht irgendeine Sirene, sondern die Tochter des rückseitig abgebildeten Flussgottes Acheloos. Bei Parthenope handelt es sich zudem um jene Sirene, die sich der Legende nach ins Meer stürzte, nachdem der thrakische Sänger und Musiker Orpheus, ein Sohn der Muse Kalliope und des Apollon, sie in einem Gesangswettbewerb „übersungen“ hatte (so zumindest die hellenistische Überlieferung), darin den Tod fand und bei Neapolis an Land gespült wurde. Aus dem Grabmahl, das man ihr dort errichtete, „entsteht eine Kultstätte der Parthenope, die hier mit jährlichen Opfergaben verehrt wurde. […] Zwischen 440 und 430 v. Chr. wurden zusätzlich jährliche Fackelläufe eingeführt.“ (Der neue Pauly, Bd. 9, Sp. 370)

Dass diese Sirene auf den Münzen von Neapolis überaus anmutig erscheint, obwohl die Sirenen dem Mythos entsprechend bedrohliche, unheilvolle und gefürchtete Verführerinnen waren, mag zum einen mit der kultischen Verehrung zu tun haben, die ihr nach ihrem legendären Tod in Neapolis entgegengebracht wurde, dürfte zum anderen aber auch auf die generelle Entwicklung der Kunst zur Zeit der Klassik und Spätklassik zurückzuführen sein, deren Anspruch es war, menschliche Körper und Gesichter einem klassischen Schönheitsideal entsprechend wiederzugeben. Vergegenwärtigt man sich ferner, dass die Parthenopische Republik, die Neapel – wie eingangs erwähnt – 1799 unter dem Schutz französischer Truppen ausrief, ihren Namen von der Sirene Parthenope herleitete, dann wird der enorme Stellenwert klar, den diese antike Sirene in Neapel bis in die Neuzeit hinein genoss.


Vergleicht man die Rückseite der Medaille mit jener der antiken Münze noch einmal etwas eingehender, so erkennt man auf der Medaille unter dem Bauch des Stiers eine kleine bärtige Büste mit pileusartigem Hut, der auf der antiken Münze fehlt. Dieser bezieht sich nach Ansicht der Fachwelt auf den antiken altitalischen Gott des Feuers Vulcanus, der dem griechischen Gott Hephaistos gleichgesetzt wurde, und der die Waffen für die Olympischen Götter schmiedete.

Übrigens wurde der Porträtkopf Napoléons auf der Medaille vom Künstler Droz geschaffen, wie die Aufschrift DROZ FECIT (Droz hat gemacht) am Halsabschnitt beweist. Die Rückseite dagegen stammt von Brenet, der mit BRENET F. signierte.

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