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Fatimidischer Dinar erinnert an orientalisches Liebesdrama

Vielen erscheinen islamische Münzen auf Grund ihrer häufigen Bildlosigkeit wenig zugänglich, doch erlauben gerade die umfangreichen Inschriften eine präzise Verortung in Zeit und Raum und zeugen unmittelbar von historischen Persönlichkeiten und deren vielfältigen Beziehungen. In der Reihe Münze des Monats (MdM) der Forschungsstelle für Islamische Numismatik Tübingen (FINT) werden seit 2018 ausgesuchte Stücke in ihrem geschichtlichen Kontext näher vorgestellt und mit aktuellen Themen in Verbindung gebracht. So handelte es sich im Juni 2024 passend zum Pride Month um die Prägung eines Kalifen, der einen anderen Mann liebte. Dieser ebenso spannende wie aufschlussreiche Beitrag wurde von der Redaktion Münzen-Online ausgewählt, um hier (mit Zustimmung des Autors Sebastian Hanstein) noch einmal einer neuen Leserschaft präsentiert zu werden. Er kann als Beispiel dafür gelten, wie Münzen dazu einladen, sich auch in außereuropäische Geschichte zu vertiefen. Die Liebesgeschichte, welche sich mit dem fatimidischen Dinar aus der Tübinger Uni-Sammlung verknüpfen ließ, ist für das Ägypten des 12. Jahrhunderts überliefert und endete für den Münzherrn auf tragische Weise.


Kalif aẓ-Ẓāfir im Gespräch mit einem Edelmann

Bildquelle: Wikimedia, Hafiz-i Abru's Majma al-Tawarikh. Timurid Persia, Herat (ca. 1425)


Anders als man angesichts der Situation von LGBT-Personen in islamischen Ländern unserer Zeit meinen könnte, war die gleichgeschlechtliche Liebe in der gelebten Praxis des islamischen Mittelalters wenig problembehaftet und im Rahmen bestimmter Rollen völlig akzeptiert. Mehr noch: Sie war gerade an Herrscherhöfen (über die wir ja meist besser informiert sind) keine Seltenheit – es war damals für Männer eher normal, (auch) männliche Geliebte zu haben. Die Quellen lassen hieran keinen Zweifel und die Vernarrtheit vieler Herrscher in ihre jungen, hübschen Favoriten (etwa türkische Militärsklaven oder Mundschenke) war allgemein bekannt. Mancher Kalif unterhielt einen ganzen Männer-Harem und oft ist klar, dass eine Frau eher aus politischen Gründen geehelicht wurde, um mit ihr idealerweise einen Erben zu zeugen, während man sich in Sachen Liebe und Sex mehr oder weniger dem eigenen (mindestens ebenso schönen) Geschlecht zuwandte. Dabei ist das Standardmodell dem der alten Griechen vergleichbar: Von Bedeutung war, dass dem älteren, sozial höherstehenden Mann die aktive Rolle zukam und die passive Rolle nur bis zu einem bestimmten Alter (erkennbar am Vorhandensein eines Vollbartes) als nicht ehrmindernd galt. Heißt: Solange man als „ganzer Mann“ klar die aktive Rolle innehatte, war es gleich, ob man vorzugsweise mit Frauen oder (jungen) Männern schlief, doch kann man sich natürlich denken, dass Lust und Liebe nicht einfach so erloschen, nur weil der Favorit irgendwann ein Alter erreichte, das seine passive Rolle (nach außen hin) nicht länger klar machte bzw. ab dem diese (fortgesetzte) Rolle seinem öffentlichen Ansehen abträglich zu werden begann.


Überreich belegt ist dies alles insbesondere in der arabischen (sowie persischen) Dichtung (und sehr gut nachzulesen bei Th. Bauer in: The Cambridge History of Gay and Lesbian Literature). Rund 1000 Jahre lang pflegten Dichter in den Ländern des Islams gerade die Schönheit von (jungen) Männern zu besingen und wie dieser Schönheit eben – ganz natürlicherweise – (auch) andere Männer verfallen. Tatsächlich gibt es keine andere vormoderne Kultur, in deren „klassischer“ Literatur homoerotische Gedichte eine derart zentrale Stellung einnehmen. Ein Ende fand dies erst unter dem Einfluss europäischer Kolonialmächte, welcher bewirkte, dass man sich der eigenen Tradition zu schämen begann und meinte, sich in Sachen Sexualmoral neu definieren und disziplinieren zu müssen. So gelangte überhaupt erst das westliche Konzept in die islamische Welt, Identität mit Sexualität zu verknüpfen – zuvor hatte man gar keinen Gegensatz Heterosexualität vs. Homosexualität gesehen. Dementsprechend lässt sich für das islamische Mittelalter auch nicht von Homophobie sprechen (geschweige denn davon, dass sexuelle Beziehungen unter Männern gar mit dem Tode bestraft worden wären – nicht ein solcher Fall ist überliefert und ohnehin geben Koran und Sunna kaum etwas her, um gleichgeschlechtlichen Sex religionsrechtlich unter Strafe zu stellen.) Kurzum: Dass auch muslimische Herrscher offen andere Männer liebten, war einst nichts Skandalöses, nichts Besonderes, sondern Mainstream. Umayyaden, ʿAbbāsiden, Būyiden, Selǧuqen, Fāṭimiden, Ayyūbiden, Mamlūken, … – alle großen Dynastien hätten Beispiele für eine spannende Münzgeschichte zu bieten; der Kalif, dessen Namen unser 4,66 g schwerer Dinar trägt, wurde allerdings auch deshalb ausgewählt, weil er und sein Geliebter, der Sohn seines Wesirs, im selben Alter waren (und die Beziehung außerordentlich dramatisch endete).



Die Münze ist eine Prägung des Fāṭimiden aẓ-Ẓāfir, dessen Nennung im Rev.-Feld wie folgt lautet: ʿabd Allāh wa-walīhi („Gottes Knecht und Freund“) / Ismāʿīl Abū / l-Manṣūr al-imām / aẓ-Ẓāfir bi-Amr Allāh / amīr al-muʾminīn („… der auf Gottes Geheiß Siegreiche Imam, der Befehlshaber der Gläubigen“). Ismāʿīl war 1149 als Nachfolger seines Vaters al-Ḥāfiẓ im Alter von 17 Jahren inthronisiert worden. Das einst so glanzvolle Fāṭimiden-Kalifat war damals unverkennbar im Niedergang begriffen; das von außen bedrängte Restreich umfasste kaum noch mehr als Ägypten und selbst im Kernland sah sich die ismāʿīlitische Dynastie durch Rebellionen bedroht. Dabei hielten die fāṭimidischen Imame selbst ohnehin nur noch wenig Macht in ihren Händen; längst war alle Regierungsgewalt übermächtigen Wesiren übertragen, denen das Kalifat nur noch zur Legitimierung ihrer Herrschaft diente. So sah sich der junge aẓ-Ẓāfir schon 1150 gezwungen, einen Mann zum Wesir zu erheben, den er nicht ausstehen konnte, der jedoch mit Truppen gegen Kairo vorgerückt war. Dieser Mann hieß Ibn as-Sallār und war der Gouverneur jener zweitwichtigsten Stadt Ägyptens, aus der auch die Münze stammt: Alexandria. Hierhin war Jahrzehnte zuvor ein Vertreter der über das heutige Tunesien herrschenden Berber-Dynastie der Zīriden verbannt worden und als ebendieser Zīride starb, nahm Ibn as-Sallār nicht nur dessen Witwe Bullāra zur Frau, sondern adoptierte auch deren Sohn ʿAbbās. Bei der Machtübernahme in Kairo begleitete nun letzterer seinen Stiefvater und verteidigte dessen Regierung gegen einen Angriff von aẓ-Ẓāfirs vorherigem, gestürztem Wesir. Drei Jahre später sollte ʿAbbās dann in Ibn as-Sallārs Auftrag ein Heer nach Askalon (nördlich von Gaza) führen, um die von den Kreuzfahrern belagerte Stadt – den letzten fāṭimidischen Außenposten in Großsyrien – zu entsetzen. ʿAbbās begab sich auch ins Nildelta, um Truppen zu sammeln, plante dann aber anstelle des Feldzuges eine Bluttat, zu der ihn sein Vertrauter Usāma b. Munqiḏ anstiftete, jener Ritter und Diplomat, den man durch seine Autobiographie kennt. Ins Werk gesetzt wurde noch 1153 nicht weniger als die Ermordung Ibn as-Sallārs mit der plangemäßen Folge, dass ʿAbbās statt nach Askalon zurück nach Kairo zog und von aẓ-Ẓāfir zum neuen Wesir ernannt wurde. Entscheidend hierbei war das bekannte Verhältnis zwischen dem Imam-Kalifen und ʿAbbās’ bildschönem Sohn Naṣr: Beide verband eine „heftige Liebe“; ersterer pflegte letzteren nächtens in dessen Schlafgemach aufzusuchen … ʿAbbās und Usāma hatten den Fāṭimiden also über dessen Liebhaber für ihr Komplott gewinnen können und Naṣr war es auch, der Ibn as-Sallār mit einem Säbel attackierte.

Avers des Dinars


Die Münze, in deren Av.-Feld die šahāda mit schiitischer Erweiterung und (ganz oben / ganz unten) die auf den Feingehalt bezogene Angabe ʿālin ġāyatan „äußerst hoch“ stehen, war zum Zeitpunkt der Machtübernahme durch den Zīriden ʿAbbās bereits geprägt; das Jahr 547 H. (= 1152/53) findet sich in der Rev.-Umschrift, während die Av.-Umschrift den Koranvers 9:33 enthält. Al-Iskandarīya und Miṣr sind die beiden einzigen Münzstätten, in denen damals noch für die Fāṭimiden geprägt wurde und was Askalon angeht, so ging die Hafenstadt natürlich noch 1153 an das Königreich Jerusalem verloren. Währenddessen mag aẓ-Ẓāfir gedacht haben, sich nach der Beseitigung des verhassten Ibn as-Sallār umso mehr den Vergnügungen mit seinem Geliebten hingegeben zu können, den er mit kostbaren Präsenten überhäufte. Sogar mit Qalyūb, einer der reichen Delta-Städte, wurde Naṣr von aẓ-Ẓāfir belehnt, was Usāma b. Munqiḏ gegenüber ʿAbbās abfällig von einer Brautgabe (mahr) sprechen ließ. An dieser Stelle dürften wohl zwei Dinge zusammengekommen sein: Zum einen musste Usāma befürchten, dass jene, denen sein Einfluss auf den Wesir ein Dorn im Auge war, beim Kalifen entsprechende Maßnahmen erwirkten; zum anderen war der schöne Naṣr inzwischen in seinen 20ern und somit in einem Alter, welches sein Verhältnis mit aẓ-Ẓāfir für mache potentiell problematisch erscheinen ließ. Hinzu kommt wohl, dass Naṣr charakterschwach genug war, sich leicht zum Werkzeug machen zu lassen – jedenfalls konnten Usāma und ʿAbbās ihn davon überzeugen, dass es sein Ansehen dadurch zu retten galt, die Liaison mit dem Kalifen ein für alle Mal zu beenden. Dies bedeutete in der Konsequenz, aẓ-Ẓāfir zu ermorden, und so drohte das Fāṭimiden-Kalifat 1154 auf seinem Tiefpunkt in Skrupellosigkeit und blutiger Gräuel zu versinken.

Revers des Dinars


Es war eine jener Nächte, in der aẓ-Ẓāfir wieder in das Haus seines Favoriten kam, als Naṣr den Kalifen im Schlafgemacht mit einigen Helfern umbrachte und die Leiche in eine Zisterne warf. Am nächsten Tag wurde aẓ-Ẓāfir im Palast vermisst und ʿAbbās (der Auftraggeber des Mordes) tat so, als sei er über das Fehlen seines Herrn zur Audienz verwundert. Da der Kalif verschwunden blieb, befahl der Wesir, die älteren Brüder sowie den fünfjährigen Sohn aẓ-Ẓāfirs in den Audienzsaal zu bringen. Das Kind wurde prompt zum neuen Kalifen (namens al-Fāʾiz) erklärt, während die erwachsenen Fāṭimiden-Prinzen von ʿAbbās beschuldigt wurden, ihren Bruder getötet zu haben – woraufhin der Zīride sie noch an Ort und Stelle regelrecht abschlachten ließ. Im Tumult nässte der kleine al-Fāʾiz auf den Schultern des Wesirs ein und wurde durch den Anblick der Leichen seiner Onkel offenbar fürs Leben traumatisiert – bis er bereits 1160 selbst starb, litt das kalifale Häufchen Elend unter ständigem Zittern und epileptischen Anfällen. Immerhin sollten auch ʿAbbās und Naṣr nach ihren Schreckenstaten nicht mehr glücklich werden, denn an diesem Punkt wurden, angeführt von einer Schwester aẓ-Ẓāfirs, die fāṭimidischen Prinzessinnen aktiv, indem sie zur Rettung ihrer Dynastie den oberägyptischen Provinzgouverneur Ṭalāʾī ibn Ruzzīk um Hilfe baten. Letzterer schaffte es, Kairo einzunehmen – sein Einzug erfolgte am 3. Juni 1154 –, doch entkamen ʿAbbās, Naṣr und Usāma zunächst in Richtung Palästina. Aẓ-Ẓāfirs Schwester nahm nun umgehend Kontakt ins Königreich Jerusalem auf und ging mit diesem einen Handel ein, gemäß dem die Franken das verbrecherische Trio im Osten des Sinai am 6. Juni attackieren. ʿAbbās kam dabei um, Usāma gelang die Flucht und Naṣr wurde in einem Käfig zurück nach Kairo geschickt, wo man den Kalifenmörder so qualvoll wie möglich öffentlich zu Tode peinigte und sich Ṭalāʾī am 17. Juni von al-Fāʾiz zum neuen Wesir ernennen ließ.


Gut zu wissen, dass auch im islamischen Mittelalter eine gleichgeschlechtliche Liebe normalerweise mitnichten in einer solchen Tragödie enden musste wie im Falle aẓ-Ẓāfirs, dessen Münzen im Übrigen relativ selten sind. Zugegebenermaßen ist dieser MdM-Beitrag, verglichen mit bisherigen, wenig numismatischer Natur, aber das Wunderbare an historischen Münzen ist ja eben auch, dass sie unwiderstehlich dazu einladen, animieren und einen faszinierend direkten Zugang bieten, sich (auch in Auseinandersetzung mit anderen Quellen) weitergehend in Geschichte zu vertiefen, wobei historische Ereignisse bekanntlich oft spannender sind als jede Fiktion.


Sebastian Hanstein


Diesen und alle anderen FINT-Münze-des-Monats-Beiträge finden Sie auf der Website der Forschungsstelle für Islamische Numismatik der Universität Tübingen unter: https://uni-tuebingen.de/fakultaeten/philosophische-fakultaet/fachbereiche/asien-orient-wissenschaften/orient-islamwissenschaft/fint/muenze-des-monats/


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