Die Kunst der Reduktion: Interview Chefgraveur Helmut Andexlinger (Münze Österreich)
Von zeitlosen Meisterwerken bis zur Symbiose aus Tradition und Moderne – der renommierte Graveur Helmut Andexlinger erläutert im Gespräch, wie der Kontrast zwischen mattem Relief und spiegelnder Fläche entsteht, warum digitale Werkzeuge das Gipsmodell nicht ersetzen können und welche handwerkliche Präzision im Wiener Philharmoniker steckt.
Der Wiener Philharmoniker gilt weltweit als eines der ikonischsten und erfolgreichsten Anlagemotive überhaupt. Doch hinter den Millionenauflagen aus purem Gold, Silber und Platin verbirgt sich eine hochspezialisierte Kunstform, die anspruchsvollste Maschinentechnik mit jahrhundertelanger Handwerkstradition vereint. Als Chef-Graveur der Münze Österreich prägt Helmut Andexlinger das visuelle Erscheinungsbild moderner Sammler- und Umlaufmünzen entscheidend mit. Im Gespräch gibt er exklusive Einblicke in den anspruchsvollen Designprozess, das händische Aufbereiten von Prägestempeln unter dem Mikroskop und die faszinierende Balance zwischen optischer Täuschung und physikalischer Machbarkeit.

Helmut Andexlinger
Foto: Andreas Balon
Münzen-Online: Herr Andexlinger, mit dem Design des Philharmonikers hat Thomas Pesendorfer im Jahr 1989 ein schier zeitloses Meisterwerk geschaffen. Wie viel kreativer Freiraum bleibt Ihnen als Graveur heute überhaupt noch bei der Münzgestaltung?
Helmut Andexlinger: Sehr viel Freiraum. Das Thema für eine Münze oder Münzserie entsteht meist im Zusammenspiel von Marketing und Vorstand. Danach entwickeln wir im Kreativbereich eine Idee oder ein gestalterisches Konzept, das im Team diskutiert und mit Vorstand und Marketing abgestimmt wird. Schon daran sieht man, dass der kreative Spielraum sehr groß ist.
Während des Designprozesses fließen natürlich unsere Erfahrungen ein, etwa bei Proportionen, der Umsetzung von Details, der Größe der Münze und den technischen Anforderungen. Gleichzeitig müssen wir immer berücksichtigen, für wen die Münze gedacht ist.
Beim Wiener Philharmoniker muss das Motiv international funktionieren. In Asien genauso wie in Amerika, Afrika oder Europa. Es muss auf Anhieb vermitteln, dass es um Musik geht. Bei manchen Sondermünzen kann man dagegen viel spezifischer auf ein Thema oder einen kulturellen Bezug eingehen. Dort darf das Motiv auch stärker auf ein bestimmtes Publikum zugeschnitten sein.
Münzen-Online: Eine Münze muss perfekt stapelbar sein und das Motiv muss sich beim Prägen sauber ausprägen lassen. Wie extrem ist in Ihren Augen die technische Herausforderung, die Ladegast-Orgel des Musikvereins auf wenigen Millimetern Durchmesser so dreidimensional darzustellen, dass das Relief flach genug für die Praxis bleibt?
Helmut Andexlinger: Das ist tatsächlich eine Herausforderung. Bei der 1 Unze Gold hat man einen Durchmesser von 37 Millimetern und eine maximale Motivhöhe von rund 0,015 Millimetern zur Verfügung und muss trotzdem eine räumliche Wirkung erzeugen. Gleichzeitig muss das Motiv unabhängig von seiner Größe funktionieren. Es muss auf einer kleinen 1/10 Unze mit ihrem sehr kleinen Durchmesser ebenso überzeugend wirken wie auf dem „Big Phil“, einer 31,1 Kilogramm schweren Goldmünze mit 1.000 Unzen Gold.
In der Praxis bedeutet das, dass die Orgel nicht wie eine technische Zeichnung aussehen darf, sondern als Architektur erkennbar bleiben muss, unabhängig von deren Größe. Sie soll Tiefe und eine gewisse Monumentalität vermitteln.
Gleichzeitig darf man sich vom eigenen künstlerischen Anspruch nicht dazu verleiten lassen, Reliefhöhen zu erzeugen, die technisch gar nicht mehr prägbar sind. Hier gilt es, auch den Produktionsprozess mit zu berücksichtigen.
Für mich ist gutes Münzdesign deshalb eine Balance aus Illusion und Reduktion. Mit sehr wenig Relief muss der Eindruck von sehr viel Tiefe erzeugt werden. Genau darin liegt für mich die eigentliche Graveurkunst.
5 Euro (Beethoven, Österreich, 2005, 800er Silber, 10ß Gramm, 28 mm, Stempel: Helmut Andexlinger)
Bildquelle: Numista, brismike
Münzen-Online: Wie viel klassisches Handwerk mit Stichel und Lupe steckt heute noch in Ihrer Arbeit, und an welchen Stellen hat das digitale 3D-Scannen und computergestützte Fräsen die altherkömmliche Handwerkskunst eines Graveurs verdrängt?
Helmut Andexlinger: Bei der Herstellung unserer Sondermünzen greifen wir noch heute auf eine über 100 Jahre alte Technik des Modellierens mit Plastilin und des Gipsschneidens zurück. Das ist reine Handarbeit und für mich nach wie vor die höchste Form der Graveurkunst. Ich bin absolut überzeugt, dass gerade darin die besondere Qualität unserer Münzen liegt.
Unsere Modelle entstehen mitten im Herzen von Wien und werden von Künstlerinnen und Künstlern angefertigt, die auf eine lange Tradition zurückblicken. Bei uns gibt es sehr wenig Fluktuation, was sich als ein sehr großer Vorteil erweist. Wissen und Erfahrung können von einer Generation an die nächste weitergegeben werden. Vieles von dem, was ich heute beherrsche, habe ich von meinen inzwischen pensionierten Künstlerkollegen gelernt.
Gleichzeitig versucht jeder von uns, seine persönliche Note einzubringen und die Gestaltungssprache der jeweiligen Zeit weiterzuentwickeln. Mit neuen Kolleginnen und Kollegen kommen neue Ideen und Inspirationen ins Haus. Diese verbinden sich mit dem über viele Jahre gewachsenen Fachwissen und der Erfahrung, die bereits vorhanden ist und schaffen Neues.
Die digitalen Werkzeuge haben unseren Beruf im Entwurfsbereich natürlich verändert, aber sie haben ihn nicht ersetzt. Im Gegenteil, sie geben uns heute Möglichkeiten, die früher undenkbar waren.
Aber ein Computer weiß nicht, wann eine Fläche zu dominant wirkt, wann eine Linie die Harmonie stört oder wann ein Design künstlerisch leblos ist. Diese Entscheidungen bleiben für mich eine Frage des Auges und der Erfahrung.
Diese Mischung ist für mich der Humus, auf dem unsere Arbeit wächst. Tradition und neue Ideen, handwerkliches Können und moderne Technik. Ich glaube, dass auch unsere zahlreichen internationalen Auszeichnungen darauf beruhen. Und nicht umsonst gehören wir als Prägestätte international zu den führenden Häusern.
Münzen-Online: Gold verhält sich beim Prägen völlig anders als das härtere Platin oder das weichere Silber. Wie stark müssen Sie das Design und die Tiefe der Gravur anpassen, je nachdem, für welches Edelmetall der Stempel am Ende verwendet wird?
Helmut Andexlinger: Beim Wiener Philharmoniker wurde am Modell letztlich nichts mehr verändert, abgesehen von dem Text. Das zeigt sehr gut unsere Philosophie im Haus. Die technische Machbarkeit muss bereits in den künstlerischen Prozess einfließen und darf nicht erst am Ende dazu führen, dass ein fertiges Design verändert werden muss. Die Kunst besteht darin, Design und Technik von Anfang an zusammenzudenken.
50 Euro (Alfred Adler, Österreich, 2018, 986er Gold, 7,9 Gramm, 22 mm, Stempel: Andexlinger, Wehner)
Bildquelle; Numista, PCGS
Münzen-Online: Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass bei Sonderausgaben höchste Prägequalität verlangt wird. Was ist aus Sicht des Graveurs der kritischste und vielleicht auch schwierigste Moment bei der Veredelung des Prägestempels, damit der Kontrast zwischen mattiertem Motiv und spiegelndem Hintergrund auf makellose Weise gelingt?
Helmut Andexlinger: Ein entscheidendes Qualitätskriterium ist die Oberfläche des Prägestempels. Gerade bei einer Proof oder Spiegelglanzqualität verzeiht das Material praktisch nichts. Jede noch so kleine Unsauberkeit wird später auf der Münze sichtbar werden.
Alle unsere Sondermünzen werden händisch von einem eigens dafür ausgebildeten Team poliert. Dabei durchläuft jeder Prägestempel ein Verfahren mit 18 einzelnen Arbeitsschritten. Für mich ist das eine der faszinierendsten Arbeiten im ganzen Haus. Dabei wird unter dem Mikroskop gearbeitet und es braucht äußerste Konzentration. Der kleinste Fehler kann bedeuten, dass man wieder von vorne beginnen muss oder der Prägestempel letztlich nicht den hohen Qualitätsansprüchen entspricht und aussortiert wird.
Auch der Kontrast zwischen einer mattierten Fläche und einem spiegelnden Hintergrund entsteht nicht einfach dadurch, dass eine Fläche matt und die andere glänzend ist. Entscheidend ist, dass beide Oberflächen exakt aufeinander abgestimmt sind und eine harmonische Komposition ergeben.
Gerade in diesen letzten Arbeitsschritten zeigt sich für mich die Qualität unserer Arbeit. Es sind oft die kleinsten Details, die den Unterschied machen. Wenn man eine fertige Sondermünze unter dem Licht betrachtet und diese Kombination aus mattem Motiv und spiegelnder Fläche vollkommen sauber wirkt, dann weiß man, wie viel handwerkliche Präzision in der Stempelaufbereitung steckt.
Münzen-Online: Die Abbildungen auf der Motivseite – wie beispielsweise bei den Philharmonikern das Cello, die Geigen, die Harfe – müssen musikalisch absolut korrekt dargestellt sein. Gab es in der Geschichte des Philharmonikers jemals Details – wie eine Saite oder ein Wirbel –, die aus physikalischen Gründen beim Prägen fast nicht umsetzbar waren?
Helmut Andexlinger: Natürlich gibt es Grenzen. Eine Münze ist kein Foto und auch keine technische Zeichnung im herkömmlichen Sinn. Manche Details eines Instruments sind so fein, dass sie in der Realität problemlos sichtbar sind, auf einer Münze aber nicht dieselbe Funktion erfüllen können.
Eine einzelne Saite beispielsweise hat irgendwann eine Dimension erreicht, bei der sie am Relief nicht mehr darstellbar ist. Dann muss man gestalterisch reduzieren. Man darf ein Detail nicht einfach weglassen, sondern muss überlegen: Was ist die visuelle Information, die dieses Detail vermittelt?
Das ist für mich ein ganz wesentlicher Teil des Gestaltens. Design bedeutet nicht, jedes Detail eins zu eins zu kopieren. Design bedeutet, das Wesentliche so darzustellen, dass es auch auf einer Münze funktioniert.
10 Euro (Österreich, 2026, Katzenaugennebel, 925er Silber, 22,4 Gramm, 34 mm, Graveur: Andexlinger)
Bildquelle: Numista, Münze Österreich AG
Münzen-Online: Bei Millionenauflagen nutzen sich die Prägestempel unweigerlich ab. Wie kontrollieren Sie als Graveur, dass feine Linien bei der einmillionsten Münze noch exakt genauso scharf aussehen wie bei der ersten?
Helmut Andexlinger: Hier beginnt die Arbeit eigentlich schon lange vor der ersten geprägten Münze. Das Design und das Modell müssen so gestaltet und ausgearbeitet sein, dass die feinen Strukturen nicht nur auf dem Papier oder im Gipsmodell funktionieren, sondern auch der Belastung einer langen Produktionsserie standhalten.
Natürlich wird die Qualität während der Produktion laufend kontrolliert. Es gibt dabei regelmäßige Kontrollen, die sicherstellen, dass die geforderte Qualität über die gesamte Produktionsserie hinweg erhalten bleibt. Diese Kontrollen werden von fachlich sehr gut ausgebildetem Personal durchgeführt, das beurteilt, ob eine Münze den Qualitätsanforderungen entspricht oder nicht.
Bei Proof-Münzen gibt es darüber hinaus eine zusätzliche Qualitätskontrolle: Vor dem Verpacken wird jede Münze noch einmal kontrolliert. So wird sichergestellt, dass am Ende nur Münzen verpackt werden, die den hohen Qualitätsanforderungen entsprechen.
Münzen-Online: Eine persönliche Frage: Sammeln Sie auch Münzen und was ist Ihre Lieblingsmünze, unabhängig davon, ob sie aus Österreich oder einem anderen Land kommt?
Helmut Andexlinger: Ja, natürlich entwickelt man als Gestalter von Münzen eine besondere Beziehung zu Münzen. Wenn man sich beruflich jeden Tag mit Relief, Oberfläche und Gestaltung beschäftigt, schaut man auch privat anders auf dieses kleine Format.
Eine einzelne Lieblingsmünze festzulegen, fällt mir allerdings schwer. Ich kaufe vor allem Münzen, bei denen man das Können des Gestalters spürt und die mich durch ein schlüssiges Gestaltungskonzept inspirieren. Arbeiten, bei denen nicht nur das Motiv überzeugt, sondern auch die Idee dahinter.
Eine gute Münze erkennt man für mich daran, dass man sie auch nach vielen Jahren noch gerne in die Hand nimmt und immer wieder etwas Neues darin entdeckt.
Münzen-Online: Haben Sie schon einmal ein Design entworfen, das künstlerisch absolut brillant war, aber von der Produktion abgelehnt wurde, weil es sich maschinell nicht prägen ließ? Wie gehen Sie mit diesem Spagat zwischen Kunst und Industrie um?
Helmut Andexlinger: Das gehört zum Beruf und kann schon einmal vorkommen. Ein Entwurf kann auf dem Bildschirm hervorragend aussehen und trotzdem für eine reale Münze ungeeignet sein. Dann muss man als Designer bereit sein, loszulassen. Für mich bedeutet das aber nicht, dass die Kunst vor der Technik kapituliert. Im Gegenteil: Die technische Einschränkung zwingt einen häufig dazu, die Idee noch klarer zu präzisieren.
Eine Münze ist ein mit Maschinen hergestelltes Kunstobjekt. Diese beiden Dinge gehören zusammen. Wenn ich etwas gestalte, das nur als Modell funktioniert, aber nicht zuverlässig geprägt werden kann, dann habe ich meinen Auftrag nicht erfüllt.
Die schönste Lösung ist für mich deshalb immer jene, bei der man am fertigen Stück gar nicht mehr erkennt, wo die Kunst von der Technik beeinflusst wurde.
100 Euro (Österreich, 2026, Mesopotamien, 986er Gold, 15,8 Gramm, 30 mm, Graveur: Andexlinger)
Bildquelle: Numista, Münze Österreich AG
Münzen-Online: Noch einmal zu den Wiener Philharmonikern: Wie schafft man es, die emotionale Wucht eines Orchesters und die Akustik des Goldenen Saals in ein stummes, kaltes Metalldesign zu übersetzen?
Helmut Andexlinger: An dieser Stelle müsste man eigentlich den Schöpfer des Philharmonikers, Herrn Thomas Pesendorfer, fragen. Ich denke, er würde sagen, dass man Musik nicht gravieren kann. Aber man hat gestalterische Möglichkeiten und kann Rhythmus, Bewegung, Spannung und Harmonie zum Ausdruck bringen. Eine Linienführung kann beispielsweise Dynamik vermitteln und die Anordnung der Instrumente kann ein Orchester imaginär zum Leben erwecken.
Und vielleicht ist genau das der besondere Reiz einer Münze: Sie ist stumm und trotzdem kann sie etwas im Betrachter zum Klingen bringen.
Münzen-Online: Wenn Sie eine fertige Münze in den Händen halten: Erkennen Sie die persönliche Handschrift des Graveurs, der das Design und das Modell angefertigt hat, oder ist das Endprodukt durch die Maschinen völlig anonymisiert?
Helmut Andexlinger: Ja, teilweise ist das möglich. Wenn man viele Münzen betrachtet, erkennt man manchmal durchaus die persönliche Handschrift eines Graveurs.
Bei uns im Kreativteam hat ein jeder so seine eigenen Stärken und Fähigkeiten. Der eine hat vielleicht ein besonders gutes Gespür für Proportionen, der andere für feine Details oder die Ausarbeitung bestimmter Oberflächen. Diese unterschiedlichen Fähigkeiten fließen in die Arbeit ein und wir ergänzen uns dadurch sehr gut.
Für mich ist das Schöne an diesem Beruf, dass nicht die persönliche Handschrift im Vordergrund stehen muss. Entscheidend ist für mich, was eine Münze beim Betrachter auslöst. Wenn sie ihn berührt, fasziniert oder dazu bringt, genauer hinzusehen, dann ist das vielleicht die schönste Form von Signatur, die ein Graveur hinterlassen kann.
Das Interview führte Andreas Raffeiner.




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