Die Biene auf dem Mohn: Die 10-Centesimi-Münze des Königreich Italiens
- Andreas Raffeiner
- vor 2 Tagen
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Zu den wohl bekanntesten Umlaufmünzen des Königreichs Italien zählt die in den Jahren zwischen 1919 und 1937 geprägten 10-Centesimi-Münze aus Kupfer, die im numismatischen Schriftgut als Typ „Ape“ (Biene) bezeichnet wird. Die Prägung des Geldstücks erfolgte in der Regia Zecca di Roma. Die Münze wiegt 5,3 bis 5,5 g, hat einen glatten Rand und einen Durchmesser von 22,50 bis 22,60 mm. Insgesamt wurden fast 406.000.000 Exemplare geprägt. Folglich kann diese Münze als eine der auflagenstärksten des frühen 20. Jahrhunderts bezeichnet werden.

Die Biene auf dem Mohn ist nicht nur ein Münzmotiv,
sondern auch ein beliebtes Fotomotiv.
Quelle: Gabriela Piwowarska auf Pixabay
Typologische Beschreibung
Auf der Vorderseite erkennt man den nach links blickenden italienischen König Viktor Emanuel III., umgeben von der Umschrift VITTORIO EMANUELE III RE D’ITALIA. Am unteren Rand befindet sich die Signatur des Medailleurs A. MOTTI. Auch wenn die Rückseite in den Katalogen meist knapp und konzise als „Biene auf Blume“ beschrieben wird, zeigt sie eine komplex wirkende Komposition. Eine Biene sitzt auf einer Mohnblüte; rechts davon ist der Nennwert "C. 10" in zwei leicht versetzten Zeilen angegeben. Unter der Jahreszahl befindet sich links das Münzzeichen R für Rom, längs des Randes erkennt das geschulte Auge des Münzfreundes die Signatur R. BROZZI, der für die Gestaltung des Revers verantwortlich ist. Die Prägezeit dieser Münze reicht von den unmittelbar auf den Ersten Weltkrieg folgenden Jahren bis 1937 und umfasst eine politisch und gesellschaftlich tiefgreifende Periode der Geschichte Italiens.

Die äußerst seltenen Versionen PROVA und PROVA DI STAMPA der 10-Centesimi-Ape von 1919.
Bildquelle: Raffeiner
Die Künstler: Attilio Silvio Motti und Renato Brozzi
Während über Attilo Silvio Motti (1861–1935), den Gestalter der Vorderseite, viele Informationen bekannt sind, ist Renato Brozzi (1885–1963), der Medailleur der Rückseite, im numismatischen Zusammenhang eher unbekannt. Dieser Fakt hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass die Rückseite der 10-Centesmi-Münze seine einzige Arbeit ist, die als offizielles Zahlungsmittel umgesetzt wurde. Brozzi war Bildhauer, Goldschmied und Medailleur von hohem Rang und besonders für seine Darstellungen aus der Fauna bekannt. Der berühmte italienische Schriftsteller Gabriele D’Annunzio sah in ihm nicht grundlos „den größten Animaliere nach Pisanello“. Neben der beschriebenen Münze schuf Brozzi zahlreiche Skulpturen und kunsthandwerkliche Objekte.
10-Centesmi-Ape
Bildquelle: Raffeiner
Versuch einer künstlerischen Untersuchung
Bei genauer Betrachtung der kupfernen 10-Centesmi-Münze offenbart sich die hohe künstlerische Qualität der Modellierung durch Renato Brozzi. Die Darstellung zeichnet sich durch einen mehr als ausgeprägten Reliefstil sowie durch ein ausgewogenes Zusammenspiel von Volumina, Kurven und Linien aus. Die Anatomie der Biene, die Blütenform des Mohns und der geschwungene Stängel bilden eine formvollendet schöne, geschlossene und harmonische Komposition. Bemerkenswert ist die unkonventionell wirkende Anordnung der Schrift- und Wertangaben, die nicht schematisch getrennt, sondern in das Bild integriert sind. Diese gestalterische Lösung unterscheidet sich deutlich von zeitgenössischen Münzentwürfen und verweist auf den reichen Erfahrungsschatz Brozzis als Tierbildner und Kunsthandwerker.

Renato Brozzi im Atelier
Bildquelle: Cultura
Symbolik von Biene und Mohn
Ikonografisch gesehen ist die Verbindung von Biene und Mohn reich an Bedeutung. Die Biene gilt seit dem Altertum als Sinnbild für Fleiß, Ordnung und Erneuerung, während der Mohn in der griechischen Mythologie mit Demeter und Persephone verbunden ist und für Schlaf, Trost und das Vergessen steht. In der römischen Antike erscheint der Mohn oft als Attribut der Ceres und findet sich auf vielen Münzprägungen. Als Kultur- und Heilpflanze besitzt er ferner medizinische und ernährungsphysiologische Bedeutung. Obwohl diese Blume nur wenig Nektar liefert, unterstreicht ihre Darstellung in Verknüpfung mit der emsigen Biene die Fähigkeit dieses Insekts, Leben und Fruchtbarkeit selbst unter widrigsten Bedingungen zu fördern.

10-Centesmi-Ape aus dem Jahr 1937
Bildquelle: Raffeiner
Bildbotschaft des frühen Nachkriegsitaliens
Die Bildsprache dieses auflagenstarken Geldstücks kann durchaus als bewusst unheroisch bezeichnet werden. Ähnlich wie bei den zur gleichen Zeit eingeführten 5 Centesimi „Spiga“ verzichtet sie auf militärische oder nationale Symbole des Triumphs und setzt stattdessen auf vertraute Motive des Alltags. Auf diese Weise transportiert sie eine eindringliche und stille Botschaft an eine von Krieg, Verlusten und wirtschaftlicher Not geprägte Gesellschaft. Bemerkenswert ist, dass dieser Münztyp während der beinahe gesamten faschistischen Ära unverändert blieb und selbst nach der Machtübernahme Mussolinis im Herbst 1922 keine ideologischen Symbole aufnahm.
Ein paar Zahlen zwischendurch
Trotz der hohen Auflage genießen die Münzen „mit der Biene und dem Mohn“ bis in die Gegenwart großes Sammlerinteresse. Besonders selten ist das Prägejahr 1919 mit „nur“ 986.000 Exemplaren, das häufig gefälscht wurde. Das Produktionsmaximum wurde zwei Jahre später mit 66.510.000 geprägten Geldstücken erreicht. 1937, zwei Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, endete die Serie mit einer Auflage von 5.500.000 Exemplaren, die jedoch bis zur Einführung der Republik 1946 weiterhin im Umlauf blieben.
Andreas Raffeiner








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